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Interview

«Manchmal muss man auch die Klappe halten»

Ob Bühne, TV oder Kino: Schauspieler und Komiker Mike Müller (56) ist nie um einen Spruch verlegen. Beim «Coop Open Air Cinema» tritt er sogar gleich doppelt auf.

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06. Juli 2020

Mike Müller ist so etwas wie die Stimme des kleinen Mannes. Er traut sich, das zu sagen, was andere nur denken. Doch mit dem Lockdown verstummte auch der Oltner – zumindest auf der Bühne: 30 Vorstellungen seines Programms «Gemeindeversammlung» musste er absagen. Am «Coop Open Air Cinema» präsentiert er sich nun in einer Doppelrolle.Einerseits auf der Leinwand in seiner Rolle in «Moskau Einfach!», Micha Lewinskys Komödie über den Fichenskandal, andererseits wird Müller an zehn Orten auch persönlich auftreten.

In «Moskau Einfach!» gehen Sie als Geheimdienstchef gegen die linke Szene vor. Im echten Leben standen Sie aber auf der anderen Seite.

(Unterbricht.) Ich hatte aber keine Fiche! Ich wäre natürlich stolz gewesen, aber sie wollten nichts über mich wissen (lacht).

Aber Sie haben sich erkundigt, ob es eine über Sie gibt.

«Ich traue diesen Leuten nicht so über den Weg.»

 

Ja, ich wollte schon wissen, ob es eine gibt und falls ja, was drinsteht. Denn die Fichen an sich brachten ja die Ineffizienz des Geheimdienstes an den Tag. Es war die Schweizer Antwort auf den Marxismus-Leninismus, und die Antwort war nicht viel intelligenter als die Bedrohung. Eigentlich erwies sich der Schweizer Geheimdienst sogar als noch dümmer als die anderen. Und mittlerweile sind wir ja schon wieder gleich weit. Die kontrollierte Massenspeicherung und die Fichierung, die zum Teil vor sich geht, sind so problematisch wie zuvor, und bei den Terroranschlägen in Berlin und Toulouse kannte man die Täter, wurde aber nicht tätig. Wenn man aber sieht, dass man das Handy des Schweizer Geheimdienstchefs im Internet mit drei Suchbegriffen finden kann, muss ich sagen: Ich traue diesen Leuten nicht so über den Weg.

Dann hat der Film auch noch einen aktuellen Bezug?

Ja, aber nicht wegen dem Datenüberwachungsgesetz, sondern weil wir Google oder Facebook so ziemlich alles verraten, was die gerne von uns wissen möchten. Ausgerechnet die schweizerische Corona-App hat es dann schwer, obwohl selbst Hacker sie gut finden.

Wie haben Sie die Corona-Zeit verbracht?

Zu Hause, wie alle. Ich wurde gegroundet: 30 Vorstellungen weg, eine Reise weg. Immerhin hat es mich am Ende eines Zyklus erwischt. Wenn du am Anfang eines Zyklus bist wie zum Beispiel der Zirkus Knie, Michel Gammenthaler oder Manuel Stahlberger, dann arbeitest du im freien Theater mindestens ein halbes Jahr ohne Verdienst. Für mich war es kein Weltuntergang. Ich blieb halt zu Hause und habe begonnen, ein Stück zu schreiben, das ich eh schreiben wollte. Und habe etwas heruntergefahren.

Wie empfanden Sie diese Zeit?

Persönlich empfand ich es schon etwas lähmend. Aber eben: Ich habe keinen Grund zu klagen, denn ich gehöre zu den Privilegierten. Wenn du im Zirkus siehst, wie die Bolivianer ihr Sackgeld nach Hause schicken, weil Frau und Kinder zu wenig zu essen haben, dann musst du einfach die Klappe halten. Es gibt Leute, die wirklich in Schwierigkeiten geraten sind – ich bins nicht.

Aber wie war das denn nun mit Mike Müller und der linken Szene in den 80er-Jahren?

Mit Jahrgang 1963 bin ich an der eigentlichen Bewegung vorbeigeschlittert. Ich war zu jung, um in organisierten linken Gruppierungen zu sein. Mich interessierte damals eher Theater. Ich wurde natürlich politisiert, das begann schon zu Hause am Esstisch. Aus Protest habe ich die AZ abonniert, während mein Vater missmutig das

Oltner Tagblatt las. Wir wickelten die Pubertät oft über politische Diskussionen ab. Ich sage es mal so: Zwischen 17 und 22 ist man wohl linker als im späteren Leben. Und jene, die damals schon rechts aussen waren, die tun mir etwas leid, die haben etwas verpasst.

«Zwischen 17 und 22 ist man wohl linker als im späteren Leben.»

 

Wie sah denn Ihr Weltbild als junger Erwachsener aus?

Man ist damals halt aus diesem Kalten Krieg rausgekommen. Ich ging im Winter 1983 mit einem Kumpel anstatt in die Skiferien nach Moskau und Leningrad in die Sowjetunion. Es war interessant, den Kommunismus mal in echt zu sehen. Das fanden meine Lehrer gar nicht gut. Das war Kalter Krieg, der Feind. In der Schule mussten wir einen ideologischen Vergleich zwischen UdSSR und USA machen. Diese Beton-Filz-Nachkriegs-Schweiz habe ich schon noch mitbekommen, und dagegen wollte ich mich auch etwas auflehnen. Diese verknöcherte Schweiz zu zeigen, die sich selbst auch etwas vormacht, das war auch meine Motivation für diesen Film. Es herrschte eine Paranoia. Allerdings nicht ganz zu Unrecht, denn theoretisch wollte der Kommunismus die Weltmacht.

Dann können Sie diese Paranoia auch etwas nachvollziehen?

Nein, nachvollziehen kann ich es wirklich nicht. Der Osten, der Europa bedroht, war nicht einfach nur ein Gespenst, sondern real. Die Bedrohung des Ostens durch den Westen war es ebenso. Aber die angebliche Bedrohung von innen war hanebüchen.

Regisseur Micha Lewinsky hat aus diesem Fichenskandal eine Komödie gemacht. Für viele Betroffene war das aber ein traumatisches Erlebnis.

Kommt drauf an, für welche Seite. Es war halt eine Neurose. Und eine Neurose lässt sich nicht befriedigen. Und die Schweizer Neurose ging damals so weit, dass man nicht nur Linke überwacht hat, sondern bis weit ins bürgerliche Lager hinein. Wenn man einem freiheitlichen, fröhlichen, tollen Alpenstaat, auf den wir alle stolz sind, ein Spitzelsystem implantiert, dann wirkt das wie eine Giftspritze. Der Schock sass aber tief, denn die FDPler fanden heraus, dass sie bespitzelt wurden – zum Teil von ihren eigenen Kindern. Das sagt etwas über das Land aus. Und zwar nichts Gutes.

Aber finden Sie die Komödie die richtige Form?

Absolut! Ich wüsste nicht, was sonst. Vielleicht hätte jemand auch eine absolut schlimme Tragödie draus machen können, aber Michas Ding ist es halt, Geschichten als Komödie zu erzählen. Es gibt Dinge, die sind kein Thema für Komik, das kenne ich von der Late-Night-Show her. Und darum haben Komiker auch nicht zu jedem Thema etwas zu sagen in der Corona-Krise. Manchmal muss man auch die Klappe halten. Aber die Fichenaffäre eignet sich als Komödie.

Die Figuren wirken stark überzeichnet. Sind sies?

Ich finde nicht. In einer Komödie muss man mit Überzeichnung arbeiten, auch punkto 80er-Jahre-Gefühl: Die fahlen Farben, all diese Schreibmaschinen, der Büromief, es wird geraucht wie verrückt, meine super Frisur, die sie mir jeden Morgen hochgeföhnt haben.

Wie erlebten Sie die Entwicklung des Schweizer Films in den letzten Jahren?

Ach, ich bin kein Filmhistoriker. Ich finde richtig, dass das Fernsehen ins Serielle geht, denn das kann nur das Fernsehen leisten. Da ist auch schon viel gegangen: Vom «Bestatter» zu «Wilder» war ein Riesensprung. Beim «Bestatter» mussten wir pro Folge immer einen abgeschlossenen Fall haben. Heute ist das gar kein Thema mehr. Da regt sich kein Dienstagabend-Zuschauer mehr darüber auf, wenn er noch nicht weiss, wer der Mörder ist. Ich finde den Fortschritt toll.

Beim «Coop Open Air Cinema» werden Sie an zehn Standorten auftreten. Was dürfen die Zuschauer von Ihnen erwarten?

Da werde ich Ausschnitte aus «La Traviata» singen! (Lacht.) Nein, da mache ich zehn Minuten Stand-up-Comedy, erzähle etwas zum «Coop Open Air Cinema» und zum Film. Eher in einer leichteren Form – ich denke, das erwartet man auch von mir – und auch nicht allzu lang. Weil wenn wir in den letzten Jahren in Locarno etwas gelernt haben, dann dass die Ansagen zu 95 Prozent zu lang und uninszeniert waren. Das wollen wir am «Coop Open Air Cinema» nicht.

Mike Müller, wir danken Ihnen für das Gespräch.