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Interview

«Mein Leben ist eine extreme Seifenoper»

Für die einen ist Bob Geldof ein unverbesserlicher Weltverbesserer, für die anderen hätte er den Nobelpreis verdient. Wie auch immer man zum irischen Musiker steht: Er spricht Klartext – hier über die aktuellen Ungerechtigkeiten dieser Welt, Greta und seine vielen Ups and Downs.

06. März 2020

Ein Leben im Rampenlicht: Bob Geldof ist nirgends so happy wie auf der Bühne.

Bob Geldof

Der Montag als Welthit

Bob Geldof, 1951 in der Nähe von Dublin (IRL) geboren, spielte mit seiner Band Boomtown Rats 1979 den Welthit «I Don’t Like Mondays» ein. 1984 sah er in einer Dokumentation die Hungersnot in Äthio- pien und gründete daraufhin Band Aid, bei der zahlreiche Stars im Weihnachtssong «Do They Know It’s Christmas?» mitwirkten. Es folgten weitere Aktionen, so auch die Benefiz- Konzerte «Live Aid» 1985 und «Live 8» zwanzig Jahre später. In diesen Tagen erscheint das neue Album «Citizens of Boomtown» mit den Boomtown Rats. Ausserdem tritt Bob Geldof am 17. Juli beim Stimmen-Festival auf dem Domplatz Arlesheim BL auf.

Bob Geldof empfängt in der Suite eines Berliner Hotels zum Gespräch – oder besser gesagt zum Monolog. Vor 35 Jahren wollte er die Welt mit Band Aid und dem Grosskonzert Live Aid zu einer besseren machen. Darüber will er allerdings nicht mehr gross sprechen, «mir ging es nicht ums Drumherum oder wer wie gut performte, sondern darum, dass damals 30 Millionen Menschen an Hunger starben».

Damit gehen dem Interviewer gleich einmal ein Dutzend Fragen flöten, was bei einem anderen Gesprächspartner zum Problem werden könnte. Nicht aber bei Bob Geldof: Sein Mitteilungsbedürfnis ist enorm gross, immer noch, genau wie damals, als er die Menschheit dazu brachte, bei der Hungersnot in Äthiopien nicht weg-, sondern hinzuschauen. Der 68-jährige Ire redet Klartext und hält wenig von PR-Gefasel, auch wenn der Anlass für das Interview das erste Album der Boomtown Rats seit 36 Jahren ist.

Bob Geldof, warum dieses Album nach so langer Zeit? War es eine Frage des Geldes?

Nein, auch wenn Geld hilfreich ist. Ich machte sieben Solo-Alben, seit unserem letzten Album mit den Boomtown Rats. Die liefen gut, dazu machte ich jede Menge Gigs. Und ich werde definitiv noch ein weiteres Solo-­Album produzieren. Es geht also nicht in erster Linie darum, Geld zu machen, und auch nicht darum, irgendwelche Musik zu machen, sondern diese Musik!

Wie sehr haben sich die Boomtown Rats neu erfunden?

Ich will keine neue Boomtown-Rats-­Musik machen, das ist nicht nötig. Schauen Sie sich die Rolling Stones an. Da will niemand von ihnen hören: Hey, wir haben drei neue Songs auf unserem Album. Nein, die sollen ihr fucking «Honky Tonk Women» spielen – und damit ist es gut!

Wirklich? Reicht es, nur auf Nostalgie zu machen?

Das hat nichts damit zu tun. Ich bin kein Nostalgiker. Es geht nicht darum, einfach nur alte Songs zu spielen, das interessiert mich nicht. Aber ich sehe die Band jetzt mit anderen Augen: Ich kann es geniessen und finde es grossartig, was wir taten. Das war früher anders. Da war unser grosser Ehrgeiz: Wir beschäftigten uns nur damit, lauter als «The Clash» zu sein und mehr Platten zu verkaufen als die «Sex Pistols». Zugleich war da auch die Furcht: nämlich nicht zu genügen und unsere hohen Ambitionen nicht erfüllen zu können. Der Krach, den die Boomtown Rats machten, war aber einzigartig, er entsprang der heiligen Wut von ein paar Jungs.

Wie ist es heute, wenn Sie diese Lieder spielen?

Es sind die Songs von damals, die heute aber etwas anderes bedeuten. In «I Don’t Like Mondays» geht es nicht um das Schulmassaker von 1979, sondern um jenes von kürzlich. Wenn wir heute von «Banana Republic» singen, ist damit nicht mehr die Irische Republik gemeint, die sich prächtig entwickelt hat, sondern das heutige Gespenst der Amerikanischen Republik. Bei «Someone’s Looking at You» geht es nicht um den Überwachungsstaat Ende der Siebzigerjahre, sondern um Zuckerberg und Google, die mich die ganze Zeit beobachten, die mich verfolgen, die ständig meine Informationen klauen, die meine Vorlieben und meine Gedanken registrieren, um sie dann als Gesamtpaket an einen Dritten zu verkaufen und mich auszubeuten… f*** off …

… Bob…

… oder «Rat Trap»: Das schrieb ich in einem Schlachthaus, in dem ich arbeitete und wo die Menschen um mich herum genauso hoffnungslos waren wie die Tiere, die zur Schlachtbank mussten. Das war ein Schlachthaus unerfüllter Träume. So etwas gibt es immer noch: Ich denke an all die jungen Menschen, die in einem dieser Sklaven-Verteilzentren von Amazon arbeiten, ich denke an Uber, wo es keine Regulierung gibt … f*** off! Das sind die Dinge, die in der heutigen Zeit den Blues verursachen.

«Der Rock ’n’ Roll war das soziale Medium unserer Zeit.»

 

Sie kämpften ein Leben lang gegen die Ungerechtigkeit der Welt.

Es geht nicht ums Kämpfen, sondern um ein grosses, glorreiches, goldenes f*** off! Das ist nichts Negatives, im Gegenteil. Dieses f*** off drückt sich in Bewegungen wie Occupy aus, wo die Hierarchien total flach sind. Das Programm ist ganz einfach: f*** off! Brexit: f*** off! Trump: f*** off! Putin: f*** off!

Beim Brexit bringt diese Losung nichts mehr.

Ja, er ist nun Tatsache. Für mich ist er ein grosser Fehler, aber Grossbritannien wird es gut gehen. Grossbritannien mit seiner grossen Bevölkerung auf wenig Raum war stets sehr dynamisch und produktiv und dem Kontinent wirtschaftlich, kulturell sowie politisch immer zehn Jahre voraus. Die EU muss sich unbedingt von Grund auf erneuern.

Weshalb?

Sie ist ein politisches Produkt, aber aus einer ganz anderen Welt. Sie müsste so gestaltet sein, dass die Menschen sich mit ihr einverstanden erklären können. Es muss wieder klar sein, wer die Macht besitzt und weshalb. 

Wie hat sich die Welt seit dem «Live 8»-Konzert von 2005 verändert?

Der G8-Gipfel mit Tony Blair, Gerhard Schröder und den anderen Regierungschefs tagte in Gleneagles in Schottland, aber die Agenda wurde von den Jungs und Mädels mit den Gitarren bestimmt. Es war der Höhepunkt in der Welt, was Konsens, Kooperation und Kompromisse anbelangt. Die acht reichsten Länder der Welt beschlossen, dass etwas gegen die extreme Armut der Menschen in Afrika getan werden muss. Sie strichen Schulden und verdoppelten die Ausgaben der Entwicklungshilfe. UNO-Generalsekretär Kofi Annan sprach vom Moment, an dem im Verhältnis zwischen der nördlichen und der südlichen Welt der Rubikon überschritten wurde. Am selben Tag, an dem das vereinbart wurde, tötete der IS in London 58 Menschen. Das war das andere, hässliche Gesicht der Welt. Traurig.

Und heute?

Heute weigern sich die grossen Länder, bei der existenziellsten Krise unserer Zeit – dem Klimawandel – miteinander zu kooperieren, Kompromisse zu schliessen, ja sie weigern sich sogar, den Klimawandel überhaupt nur anzuerkennen! Der Geist jener Zeit, als wir «Live 8» durchführten, ist definitiv vorbei. Wir leben heute in einer Welt, in der die Politik primitiv, vulgär und kindisch ist.

In dieser Welt ist für viele ein 17-jähriges Mädchen die Hoffnungsträgerin. Was halten Sie von Greta?

Ich habe sie noch nie getroffen, aber ich finde, sie ist ein wunderbares Mädchen und ein fantastisches Aushängeschild für die Friday-for-future-Bewegung. Greta ist unabhängig und sieht die Welt deshalb nicht durch einen Filter, sondern so, wie sie wirklich ist. Sie ist ex- trem politisiert, genau wie viele andere junge Menschen, während die vorherigen Generationen in den letzten Jahren in diese politische Krise hinein schlafwandelten. Wir waren es, die diese Verrückten wählten, die heute in der Politik am Ruder sind!

Kann Greta die Welt verändern?

Alleine kann sie die Menschheit nicht verändern, aber sie kann aufrütteln, motivieren, animieren. Sie geht mit eigenem Beispiel voraus und zeigt, was möglich ist. Das ist ziemlich viel für eine 17-Jährige. Auch meine Kinder wurden politisiert, durch den Brexit. Ich finde das alles grossartig, auch wenn es vielleicht bereits zu spät kommt für unsere Welt.

Bob Geldof beim Interview in der Hotelsuite: «Die heutige Politik ist primitiv, vulgär und kindisch.»

Wie wärs mit einem «Live Climate Aid», also einem weiteren Grosskonzert – in diesem Fall für den Umweltschutz?

Nein, mein Projekt ist dieses Album mit den Boomtown Rats. Ein weiteres Grosskonzert funktioniert dieses Mal nicht.

Warum nicht?

Es gibt schon viele Charity-Konzerte, für die sich kein Mensch interessiert. Und: Der Rock ’n’ Roll war das soziale Medium unserer Zeit. Mit ihm transportierten wir unsere Gedanken und Visionen rund um den Globus. Durch ihn lernten wir die Welt besser kennen. Heute ist Rock ’n’ Roll nur noch Entertainment. Botschaften werden heute über die sozialen Medien transportiert, was aber nicht automatisch bedeutet, dass damit alle Menschen erreicht werden – auch wenn alle ein Smartphone besitzen.

Sie selber führten ein Leben auf der Überholspur, mit vielen Ups, aber auch einigen Downs. Wie haben Sie es geschafft, sich nach einem Tiefschlag wieder aufzurappeln?

Mein Leben ist eine extreme Seifenoper und sehr kräfteraubend. Ich wollte es nicht so, es ist einfach geschehen. Ich fragte mich schon oft: Wer hat diese Seifenoper so geschrieben, mit all dem Schmerz, der Freude, dem Unergründlichen? Mir bleibt nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren. Am glücklichsten fühlte und fühle ich mich als Bob Boomtown, das ist der Typ, der auf der Bühne steht. Es ist der Über-Bob, der sich vollkommen frei fühlt und sich vor keinerlei Konsequenzen fürchtet.

Im Sommer spielen Sie in der Schweiz. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Land?

Ja, ich war oft bei meinem Freund Kofi Annan in Genf. In den Weihnachtsferien weilten wir jeweils in Zermatt. Es war grossartig, aber ich hasste das Skifahren. Ich bin Ire. Nur schon die ganze Mühsal, um auf den Berg zu kommen! Das war nichts für mich. Ich ging dann in meinen Jeans hoch, mit einem langen Mantel und einer russischen Mütze. Ich sah echt beschissen aus. Umso mehr liebte ich die gemütlichen Stunden, wenn wir alle im Hotel zurück waren.

Bob Geldof, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.