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Interview

«Mein letztes Bier trank ich mit 19»

Der Bündner Andri Ragettli (21) gehört zu den besten Freeskiern der Welt. Im Interview erzählt er, warum die Szene gegen Vorurteile kämpfen muss und was ihn mit Weltstars wie Cristiano Ronaldo (34) und Novak Djokovic (32) verbindet.

20. Januar 2020

Zwischen Schein und Sein: Andri Ragettli geniesst sein Leben am Limit.

Im Gleichgewicht

Salti gehören zu seinem Leben

Andri Ragettli wurde am 21. August 1998 in Flims GR geboren. Heute gehört der 21-Jährige zu den besten Freeskiern der Welt. Im Slopestyle sicherte er sich 2015/16 und 2017/18 die Disziplinenwertung und stand 2018/19 auch bei der Endabrechnung des Big-Air-Weltcups zuoberst auf dem Podest. 2017 zeigte Andri Ragettli zudem als erster Athlet überhaupt ein «Quad Cork 1800» (vier Rückwärtssalti mit fünf Drehungen um die eigene Achse). Mit seinen gewagten Hindernis-Parcours begeistert der Bündner auf YouTube zudem die Internetgemeinde rund um den Globus. Zu seinen bekanntesten Followern gehören unter anderem der serbische Tennisstar Novak Djokovic sowie der Fussballclub Real Madrid.

Andri Ragettli, wie sieht ein Arbeitstag im Leben eines Freestyle-Skifahrers aus?

Arbeitstag ist schon mal das falsche Wort. Und dann kommt es natürlich darauf an, ob ich am Skifahren, also im Wintertraining bin, oder ob ich mich beim Aufbau im Sommer befinde.

Aber Sie trainieren schon hart?

Ja klar! Im kommenden Sommer absolviere ich beispielsweise in Magglingen während 13 Wochen den zweiten Teil der Spitzensportler-Rekrutenschule. Und das sind dann täglich sechs Stunden Training. Aber warum fragen Sie?

Weil viele Menschen bei einem Freestyle-Skifahrer an den langhaarigen Lebemann denken, der gerne mal einen Joint raucht oder ein Bierchen trinkt.

Ich dachte mir schon, dass Sie darauf abzielen. Dass wir immer noch mit diesem Vorurteil zu kämpfen haben, hängt sicher auch damit zusammen, dass wir alle sehr jung sind. Und da heisst es dann oft: jung gleich wild und unseriös. Doch wie sich das Niveau in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, ist crazy. Mit so einem Lebensstil wäre es unmöglich, vorne mitzufahren.

Nervt Sie dieses Vorurteil?

Früher schon. Das ist so, wie wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie Ihren Job nur halbpatzig machen. In den letzten Jahren habe ich da aber gut dagegengehalten. Viele Menschen wissen, was ich mache und wie hart ich trainiere.

Bekannt sind Sie auch für Ihre verrückten Turnhallenparcours, die Sie dann auf YouTube hochladen. Haben Sie keine Angst, sich dabei zu verletzen?

Für mich ist dies ein gutes Training – vor allem fürs Gleichgewicht. Ich kann das Risiko dabei gut abschätzen und gehe nie über das Limit hinaus.

Wie viele Versuche benötigten Sie für Ihren letzten Parcours?

232.

Wann hätten Sie aufgegeben?

Aufgeben? Nie! Das wäre für mich eine persönliche Niederlage gewesen.

Der serbische Tennisstar Novak Djokovic postete kürzlich ein Video, in welchem er daran scheiterte, Ihren Parcours nachzumachen. Hatten Sie deswegen mit ihm Kontakt?

Er hat mich auf Instagram kontaktiert und geschrieben, dass der Parcours wirklich crazy sei. Ein sehr lustiger Typ.

Ihre Videos werden auf YouTube millionenfach angeschaut. Benötigen Sie diese Klicks, um in einer Randsportart zu überleben?

Wir verdienen nicht so schlecht. Aber mit meinen Clips kann ich aus diesem Schema ausbrechen und mich über den Rand des Sports bekannt machen. Es funktioniert aber auch umgekehrt. Viele Menschen werden durch die Videos auf den Freestylesport aufmerksam.

Ihre Mutter sagte einmal, Sie hätten auch im alpinen Rennsport Karriere machen können. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Das war wirklich so. Aber Freestyle hat mir von Anfang an einfach viel mehr Spass gemacht. Das Gefühl in der Luft bei den Sprüngen – unbeschreiblich!

Bei vielen Wettkämpfen tragen Sie über dem Skidress ein T-Shirt von Real Madrid. Was ist der Grund?

Ich bin ein grosser Fan von Real Madrid und von Cristiano Ronaldo – schade, spielt er jetzt für Juventus Turin. Bei meinem zweiten Parcours-Video, das viral ging, trug ich ein Shirt des Clubs. Dadurch wurde der Verein auf mich aufmerksam. Sie fanden es anscheinend so toll, dass sie mir ein

eigenes Shirt mit meinem Namen schickten und mir die zweite Folge ihrer Serie «We Are Madridistas» widmeten. Da kam eine Filmequipe extra aus Madrid, um mich drei Tage lang beim Training zu filmen.

Wofür bewundern Sie Ronaldo?

Für seine Charaktereigenschaften ... wobei: sein eitles Getue muss nicht sein. Aber er ist einfach ein verdammt ehrgeiziger Typ, der immer ein wenig mehr macht als die anderen. Ein Perfektionist. Damit schafft er den Unterschied zum Rest. Er will immer gewinnen und das finde ich cool!

Während für «Normalos» solche Sprünge per se schon unmöglich sind, fotografiert sich Andri Ragettli gleich noch frech selbst dabei.

Der Fussballstar lebt fast schon asketisch. Trinkt keinen Tropfen Alkohol und lebt auch sonst gesund. Eifern Sie ihm da ebenfalls nach?

Mein letztes Bier habe ich bei meiner Maturaparty im Sommer 2018 getrunken. Ich verzichte konsequent auf Süssgetränke und ich finde die Schlafgewohnheiten von Cristiano Ronaldo sehr spannend.

Inwiefern?

Er schläft fünf Mal am Tag 90 Minuten. Gemäss seinem Schlaftrainer sei das besser, als acht Stunden am Stück zu schlafen. Aufgrund meines Trainingsalltags ist das für mich aber nicht möglich. Sowieso nicht, wenn ich auf dem Berg bin. Aber ich achte schon extrem darauf, dass ich genügend Schlaf bekomme.

Warum sind Sie in Ihrer Sportart besser als die Konkurrenz?

Weil ich mehr trainiere.

Diese Antwort war ja klar.

Aber es ist eben das, was den Unterschied ausmacht.

Aber woher wissen Sie denn, dass Sie wirklich mehr als die anderen machen?

Weil ich es im Training mit dem Team sehe. Und auch falls es nicht so ist, glaube ich zumindest daran (lacht).

Die Risiken sind in Ihrer Sportart nicht klein. Haben Sie einen Plan B im Fall der Fälle?

Es wäre wohl irgendetwas in Richtung Social Media. Mit meinen YouTube- Videos bin ich in dieser Sparte ja jetzt schon aktiv. Das ist sowieso auch mein Plan für nach meiner Karriere. Aber was das dann genau sein wird, weiss ich noch nicht.

Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Schlangen und Spinnen müssen nicht sein. Ansonsten – wobei das nicht explizit als Angst bezeichnet werden kann – möchte ich mir in zehn Jahren auf keinen Fall vorwerfen, dass ich zu wenig aus meinem Potenzial gemacht habe. Das beschäftigt mich schon.

Andri Ragettli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.