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Interview

«Musste nie ans Limit, um schnell zu sein»

Nichts bringt den «Iceman» Carlo Janka (33) aus der Fassung. Auch bei der Geburt seiner Tochter Ellie blieb er «relativ cool». In seiner gewohnt ruhigen Art erzählt der Bündner, wie er als Skiprofi nochmals an die Spitze will und über das Danach.

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Yannick Andrea
13. Juli 2020
In den Restaurantbetrieb seiner Familie will Carlo Janka nicht einsteigen ? obwohl er  auch mit den Kochlöffeln eine gute Figur macht.

In den Restaurantbetrieb seiner Familie will Carlo Janka nicht einsteigen ? obwohl er auch mit den Kochlöffeln eine gute Figur macht.

Carlo Janka, Ihr Spitzname ist ­«Iceman». Ihr Vater sagte in einem Interview über Sie: «Carlo war als Kind auf den Skis nicht sonderlich talentiert, aber damals schon immer cool.» Letzten September sind Sie selbst erstmals Vater geworden. Wie cool waren Sie bei der Geburt Ihrer Tochter Ellie?

Auch relativ cool. Als Mann kann man nicht viel helfen, sondern lediglich unterstützen. Es war eher ein Mitleiden. Aber auch in dieser Situation bin ich ­ruhig geblieben. Die Geburt verlief zum Glück ohne jegliche Komplikationen.

Würden Sie es auch als Ihr bisher schönstes Erlebnis im Leben betiteln – so wie das andere Väter tun?

Mit den Emotionen im Sport ist es nicht vergleichbar. Es war schon irgendwie grösser. Wenn ein neues Lebewesen entsteht, das ein Teil von dir ist, dann ist das etwas Besonderes.

Als Vater einer kleinen Tochter – wie weit gehen Sie in Zukunft bei einer Abfahrt noch an Ihre Grenzen?

«Andere suchen das Risiko mehr.»

 

Ich war noch nie der Mensch, der beim Skifahren ans Limit oder darüber hinaus geht. Vielleicht auch deshalb, weil ich das, vor allem in meinen jungen Jahren, nicht unbedingt musste, um schnell zu sein. Da bin ich nicht der Typ dazu. Beat Feuz ist ähnlich. Auch er baut stets etwas Sicherheit in seine Fahrten mit ein. Andere suchen das Risiko mehr.

Wer im Schweizer Team?

Mauro Caviezel. Er verletzte sich dadurch aber auch schon öfters.

Wie lange wollen Sie Ihrem Körper die Belastungen des Skirennsports noch zumuten?

Grob abgesteckt habe ich bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. Diese zwei Jahre habe ich noch geplant, dann schaue ich weiter.

Und wie stehen die Chancen, dass Sie nochmals an Ihre grössten Erfolge von 2009 und 2010 anknüpfen können, als Sie innert 13 Monaten Weltmeister, Olympia- und Gesamtweltcupsieger wurden?

Unterschiedlich. Die Chance, den Gesamtweltcup zu holen, war einmalig, und ich konnte sie glücklicherweise packen. Aber dieser Zug ist abgefahren. Dazu müsste ich wieder die technischen Disziplinen fahren können. Da spielt mein Körper aber nicht mehr mit. Doch in einem einzelnen Rennen ist nach wie vor alles möglich, was ich in der letzten Saison ja auch beweisen konnte.

Das heisst also: voller Fokus auf die Abfahrt?

Ja, auch weil das die schonendste Disziplin ist. Zwar ist dort das Tempo am höchsten, aber die Kurven sind lang gezogen und die Belastung auf den Körper weniger stark als beispielsweise beim Riesenslalom. Hinzu kommt, dass es vor dem Rennen zwei Trainings gibt, bei denen man sich vorsichtig an die Strecke herantasten kann. Beat Feuz geht es mit seinem lädierten Knie ähnlich. Darum hat er sich auf die Abfahrt spezialisiert.

Vor zehn Jahren wurden Sie mit gerade mal 23 Jahren zum Shootingstar des Schweizer Teams. Wie schwierig war es damals für Sie, mit dem plötzlichen Erwartungsdruck umzugehen?

Überhaupt nicht schwer. Es waren noch genug Koryphäen wie ein Didier Cuche da, um mit ihrer Erfahrung die Rolle des Teamleaders zu besetzen. Für mich war das schon immer der wichtigere Wert – nicht die Erfolge, die ein Athlet vorweisen konnte, sondern sein Erfahrungsschatz. Klar ist es schön fürs Team, wenn ein Junger Erfolg hat. Das pusht auch die anderen. Aber das ist noch lange kein Grund, dass dieser eine dann plötzlich in eine Leaderrolle schlüpft. Es sind nach wie vor die Älteren, die den Ton angeben – was meiner Meinung nach auch richtig ist.

Nach dem absoluten Hoch folgte das Tief, vielmehr die Tiefen. Sie kämpften unter anderem mit Rückenproblemen und mussten sich wegen Rhythmusstörungen einer Herzoperation unterziehen. Konnten Sie seit 2010 überhaupt einmal eine Saison in körperlicher Topverfassung absolvieren?

«Weder der Kopf noch die Trainer können da Einfluss nehmen.»

 

Nein, eigentlich nicht. Ausser in jungen Jahren. Aber seit ich den Skisport professionell betreibe, gibt mir mein Körper vor, was geht und was nicht. Weder der Kopf noch die Trainer können da Einfluss nehmen. Für mich ist das zur Normalität geworden. Ich musste lernen, damit umzugehen. Ich musste mir eingestehen, dass mein Körper nicht für den Skirennsport geschaffen ist.

Was kommt danach, wenn definitiv Schluss ist mit dem professionellen Skisport? Gibt es da schon Pläne?

Noch nichts Konkretes. Obwohl ich mir schon länger vorgenommen habe, dies endlich einmal anzugehen.

Keine Idee, in welche Richtung es gehen soll?

Überhaupt nicht. Ich finde es schon extrem schwierig, herauszufinden, was mir dann Freude bereiten wird, und für was ich jeden Morgen gerne aufstehen würde. So wie ich das als Skirennfahrer mache. Und mit Mitte 30 noch ein Studium oder eine sonstige Ausbildung zu beginnen, ist auch nicht jedermanns ­Sache. Vor dieser Situation hatte ich schon immer Respekt, und ich weiss auch, dass das nicht einfach wird. Dass ich gerne in der Region bleiben möchte, macht das Ganze auch nicht einfacher.

In den Restaurantbetrieb der Eltern einzusteigen ist keine Option?

Das macht schon meine Schwester, und ich wäre auch überhaupt nicht der ­Gastronom. Das ist nicht so mein Ding.

Obersaxen gehört nicht zu den höchstgelegenen Skigebieten der Schweiz. Wie stehen die Chancen, dass Sie Ihren Grosskindern hier noch das Skifahren beibringen können?

Eine gute Frage! Was wir wissen ist, dass es den Skisport in der Form, wie wir ihn kennen, sicher nicht mehr ewig geben wird.

Falls Ihre Tochter einmal in Ihre Fussstapfen treten will, raten Sie ihr davon ab?

Nein, sie soll machen, was sie will.

Obwohl Sie körperlich ziemlich darunter gelitten haben?

Natürlich würde ich mit ihr darüber sprechen. Ich weiss ja nur zu gut, welchen hohen Preis man dafür bezahlt. Aber es soll ihre Entscheidung sein. Für diese hat sie zum Glück noch ein Weilchen Zeit.

Carlo Janka

«The Iceman»
Carlo Janka, am 15. Oktober 1986 in Obersaxen GR geboren, gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Skiathleten der Gegenwart. In den Jahren 2009 und 2010 holte er den WM-Titel, siegte bei Olympia und gewann als bisher letzter Schweizer den Gesamtweltcup. Wegen der körperlichen Belastung fokussiert sich Janka mittlerweile «nur» noch auf die Abfahrt. Er lebt weiterhin in seinem Geburtsort.