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Interview

«Routine strengt mich an»

2017 kehrte Barbara Lüthi (46) mit ihren zwei Kindern nach 13 Jahren als SRF-China-Korrespondentin in die Heimat zurück. Von den Chinesen lernte die «Club»-Leiterin viel – auch die Kunst des Scheiterns.

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Christoph Kaminski
06. Januar 2020

«In der Schweiz geniesse ich die Langsamkeit ? gleichzeitig kämpfe ich auch damit.»

SRF-Pilotprojekt

Sendung am 14. Januar 2020

Barbara Lüthi wurde am 7. August 1973 in Zürich geboren. Für ihre Arbeit als Journalistin erhielt sie mehrere renommierte Auszeichnungen. Im «Club» vom 14. Januar diskutiert sie mit Jugendlichen aus der Oberstufe Unteres Aaretal über das, was sie beschäftigt. Es sind alles Schüler, die weder finanziell noch von ihrer Herkunft privilegiert sind. Speziell daran ist, dass die Sendung nur mit Handy- Kameras aufgezeichnet wird.

Barbara Lüthi, in der nächsten «Club»-Sendung diskutieren Sie mit Jugendlichen, die teils mit sozialen Problemen belastet sind, über eher schwere Themen. Sie selbst sind alleinerziehende Mutter. Wo erleben Sie die grössten Heraus- forderungen?

Im Club werde ich mit den Jugendlichen unter anderem über Mobbing und Lehrstellensuche sprechen. Bei meinen Kindern geht es um ganz anderes. Meine Tochter Lara ist zehn und mein Sohn Dylan sieben Jahre alt. Sie sind daran, ihre Persönlichkeiten zu entwickeln. Ich spreche viel mit ihnen und stecke einen gewissen Rahmen. Doch sie sollen ausprobieren, Fehler machen und sich ihre eigene Meinung bilden.

Welche Rolle spielt der tschechische Vater im Leben von Lara und Dylan?

Wir sind seit drei Jahren geschieden, sind aber die Eltern unserer Kinder und uns in Erziehungsfragen und den zu vermittelnden Werten einig. Lara und Dylan sehen ihren Vater regelmässig und verbringen oft ihre Ferien bei ihm. Aber eigentlich wachsen unsere Kinder in einem erweiterten Familienverbund auf. Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: «It takes a village to raise a child» (Es benötigt ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen). So ist es auch bei uns. Grosseltern, Schwager, Gotti und Götti sind ganz nah. Sie alle spielen im Leben von Lara und Dylan eine grosse Rolle.

Was hat sich in Ihrem Privatleben in den letzten zwei Jahren verändert?

Als ich 2017 meine 13 Jahre Asien in 75 Kisten gepackt habe, wurde mein Radius kleiner, mein Leben überschaubarer und mein Alltag planbarer. An der Schweiz geniesse ich die Ernsthaftigkeit, das Verbindliche, die Langsamkeit. Gleichzeitig kämpfe ich manchmal damit.

Warum?

Weil mir etwas Chaos, Spontaneität und Tempo vertrauter sind. Meine Komfortzone ist der ständige Wandel – Routine strengt mich an. Aber ich habe mich auf das Abenteuer Schweiz eingelassen, und das ist gut so.

Wie war das für Ihre Kinder, als sie ihre bisherige Heimat Hongkong verlassen mussten?

Am Anfang war das nicht einfach. In China standen sie stets im Mittelpunkt. Chinesen lieben Kinder. Vor allem solche mit blonden Haaren und blauen Augen. In der Schweiz waren sie damit plötzlich zwei von vielen. Auch die Ruhe und die vielen Regeln waren für sie gewöhnungsbedürftig.

Gibt es auch Positives?

Hier haben sie viel mehr Freiheiten. In Hongkong musste ich sie zuerst einmal zwanzig Minuten zum Schulbus fahren, und dieser benötigte nochmals eine halbe Stunde bis zur Schule. Hier in der Schweiz geht das alles zu Fuss. Ihr eigener Bewegungsradius ist dadurch viel grösser geworden.

Besuchten sie in Hongkong eine staatliche Schule?

Nein, eine Privatschule. Dylan besuchte zu Beginn einen englisch-chinesischen Kindergarten. Doch der Leistungsdruck an chinesischen Schulen bricht viele Kinder. Das Schulsystem ist auf Auswendiglernen und Uniprüfungen ausgerichtet. Ich wollte das nicht.

In welcher Sprache wurden sie unterrichtet?

Auf Hochdeutsch. Meine Kinder sprechen bis heute kein Wort Schweizerdeutsch. Sie verstehen es zwar, haben es aber nie angenommen.

Fiel ihnen die Integration in der Schweiz leicht?

Das war kein Problem. Weil sie sehr offene Persönlichkeiten sind. Ihr Vater und ich sind beides leidenschaftliche Journalisten und wir haben unsere Kinder oft auf Reportagen mitgenommen. Mir war es immer wichtig, dass sie verstehen, warum wir in unserem Job so engagiert sind. Dadurch haben sie sich an Veränderungen gewöhnt und daran, auf neue Menschen zuzugehen.

Für viele Menschen ist der Jahreswechsel Anlass, um über ihr Leben zu sinnieren. Welche Hoffnungen haben Sie fürs 2020 und was schlägt Ihnen auf den Magen?

Ich freue mich darauf, denn ich bin stets offen für Neues. Viele Menschen haben Angst vor dem Scheitern, dabei sollte man sich doch lieber leiten lassen von der Freude auf Erfolg. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett sagte einmal, dass das Scheitern das grosse Tabu der modernen Gesellschaft sei. Diese Haltung fiel mir auf, als ich in die Schweiz zurückkehrte.

Sind die Chinesen da anders?

Definitiv. Sie probieren einfach einmal, ohne stets alles abzuwägen – auch wenn der Weg nicht der Norm entspricht. In dieser Hinsicht bin ich da ähnlich. Ich mache das, was ich tue, mit vollem Engagement und Herzblut. Es kommt vor, dass ich damit anecke.

Belastet Sie die aktuelle politische Situation in Hongkong?

Sehr. Ich erlebte den wachsenden Widerstand sieben Jahre vor Ort und berichtete von der Regenschirm-Revolution 2014. Der Einfluss von China wuchs stetig. Die Menschen in Hongkong kämpfen für Grundrechte, wie ihre Freiheit. Viele kritische Chefredaktoren wurden ersetzt und auch einige meiner chinakritischen Journalisten-Kollegen entlassen.

Und trotzdem: Vermissen Sie die Zeit in Asien?

Ich habe sie lange vermisst. Heute fühle ich mich in der Schweiz zu Hause. Das hat auch mit meinem Job als «Club»-Leiterin zu tun, der für mich absolut stimmt.

Obwohl Sie für Ihre Moderation zu Beginn heftig kritisiert wurden?

Ich kann gut mit Kritik umgehen und nehme sie mir zu Herzen. Wenn sie konstruktiv ist, kann ich etwas mitnehmen, verändern. Zuschauerfeedback ist am wichtigsten. Ja, ich bin lebhaft und fuchtle mit den Händen. Mir ist es wichtig, Haltung zu zeigen, und es braucht journalistische Demut. Wenn man zu ahnen beginnt, was man alles nicht weiss, entstehen gute Fragen.

Barbara Lüthi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.