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Interview

«Sonst meinen die Menschen noch, dass ich eine Macke habe»

Schriftsteller Martin Suter (72) kramt – nicht ganz freiwillig – in seinen Erinnerungen und erzählt, wie auf seinem Computer ein fertiges Drehbuch verschwand und weshalb es zwei Versionen der Liebesgeschichte mit seiner Frau gibt.

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Christoph Kaminski
13. Juli 2020
Martin Suter   steht alles andere  als im Regen: Seine Bücher verkaufen sich prächtig.

Martin Suter steht alles andere als im Regen: Seine Bücher verkaufen sich prächtig.

Martin Suter, Sie werden immer als der grosse Geschichtenerzähler unter den Schweizer Autoren bezeichnet. Ich wünsche mir deshalb für dieses Interview, dass Sie in jede Antwort eine Geschichte einbauen – und falls doch nicht, erinnere ich Sie daran und Sie müssen nachbessern. Einverstanden?

Um eine Geschichte erzählen zu können, muss man nachdenken. Die plätschert nicht einfach so aus einem heraus. (Pause.) Ich kann es probieren, aber nur unter der Bedingung, dass Sie das offen ankündigen. Sonst meinen die Leute noch, dass ich eine Macke habe, weil ich bei jeder Antwort in meinen Erinnerungen krame.

Sie sind am 29. Februar geboren und damit ein Schaltjahrkind. Das schreit nach einer besonderen Geschichte.

Zu meinem 18. Geburtstag im Februar hat Christian Heiss von der «Kronenhalle Bar» in Zürich einen Cocktail für mich kreiert. Weil ich volljährig wurde und jetzt Alkohol trinken darf. Der Cocktail trägt den schönen Namen «Allmen».

Gibt es Geschichten, bei deren Erzählung Sie sich selber ertappen und denken: Diese Anekdote habe ich mindestens schon ein Dutzend Mal erzählt?

Bei manchen Geschichten waren es wohl gar schon 20 Mal. Ich sehe dann, wie meine Frau und meine Tochter die Augen verdrehen. Kürzlich waren wir in Wien, und da erzählte ich Einheimischen einmal mehr von meiner Zeit Anfang der 70er-Jahre, als ich dort gelebt hatte.

Erzählen Sie es auch uns.

«Ich war erst 23, damit noch ein halbes Kind und trotzdem schon Creative Director.»

 

Ich war erst 23, damit noch ein halbes Kind und trotzdem schon Creative Director dieser Auslandsfiliale der Basler Werbeagentur GGK. Da wollte ich etwas erleben, doch Wien klappte bereits um zehn Uhr abends die Trottoirs hoch. Es gab nur zwei Lokale, die bis spät offen hatten – das «Hawelka», ein Café mit Livemusik, und ein berühmter Stripclub, das «Moulin Rouge». Sie können sich vorstellen, welches Lokal wir aufsuchten.

Das «Moulin Rouge».

Eben nicht. In diesem Alter geht man eher in den Musikschuppen, als Tänzerinnen in einem Stripclub teuren Champagner zu spendieren.

Wie war es, so jung schon Chef einer Werbeagentur zu sein?

Ich bin da zufällig reingestossen worden. Nach der englischen Fernmatur musste ich Geld verdienen, weil ich meine Freundin heiraten wollte. Damals lebte man noch nicht einfach so zusammen. Wir führten eine Art Kinderehe: Ich war 20, meine Frau war 18. Damals war man erst mit 20 volljährig. Deshalb brauchte sie die Unterschrift ihrer Eltern … die Ehe hielt nicht lange. Aber wir sind immer noch befreundet. (Pause.) Das ist auch ein Merkmal des Geschichten­erzählens: Man schweift immer wieder ab.

Solange es interessant ist, dürfen Sie gerne abschweifen.

Das Problem ist nur, dass man in meinem Alter beim Abschweifen vergisst, was man eigentlich erzählen wollte.

Sie sollten von Ihrer Karriere als Werbetexter erzählen.

«Ab heute sind Sie Werbetexter!»

 

Ach ja, genau. Ich bewarb mich als Werbetexter bei der GGK, bekam jedoch zu hören, dass ich dafür viel zu jung sei: «Sie dürfen sich aber zum Werbeassistenten ausbilden lassen.» Ich hörte dann jeweils mit, wenn die Kreativen ihre Kampagnen erfanden – und kreierte im Geheimen meine eigenen Werbetexte. Irgendwann zeigte ich es einem Vorgesetzten, der sich das anschaute und umgehend befahl: «Ab heute sind Sie Werbetexter!» Und jetzt kommt gleich noch eine andere Geschichte dazu …

… so habe ich mir das gewünscht …

… vor ein paar Tagen habe ich in meinem Archiv einen meiner ersten Werbetexte mit dem Datum 5. Mai 1970 gefunden. Ich kreierte ihn für die Schweizerische Volksbank, die es nicht mehr gibt. Der Werbetext handelt davon, wie Goethe mit seinem Geld umging. Schon mit 16 Jahren verfügte er als Millionärssohn über ein Taschengeld von 2000 Franken.

Womit verdienten Sie Ihr erstes Geld?

Mein Vater war der technische Direktor der Turicop, der Kopieranstalt, die die meisten Schweizer Filme entwickelt und kopiert hat. Er war aber auch ein passionierter Tüftler. So erfand er zum Beispiel eine Methode, wie sich Filme selbstständig in die komplizierten Projektoren einfädelten. Dazu mussten die Film­anfänge mit Messingplättchen versehen werden. Mein erster Job als kleiner Junge war an einem Sonntag das Ausstanzen dieser Plättchen.

Wie viel bekamen Sie und wofür gaben Sie das Geld aus?

Ich bekam fünf Franken dafür. Was ich damit gemacht habe, weiss ich nicht mehr. Wie ich mich kenne, habe ich sechs davon ausgegeben.

Nach Ihrer ersten Zeit als Werbetexter reisten Sie mit Ihrer damaligen Frau ein Jahr lang durch Afrika und Asien. Da erlebten Sie sicher auch grossartige Geschichten.

«Dort wurden wir nachts von einem jungen vermummten Räuber mit nacktem Oberkörper überfallen und beschossen.»

 

Wir bauten einen alten Landrover so um, dass man darin schlafen und damit über die Wellblechpisten der Sahara rattern konnte. Wir fuhren durch die zentral- afrikanische Republik, die damals vom mörderischen Diktator Bokassa terrorisiert wurde, und durch Zaire, das unter den Nachwirkungen der Kongokrise litt. Das gefährlichste Erlebnis hatten wir aber in Kalabrien. Dort wurden wir nachts von einem jungen vermummten Räuber mit nacktem Oberkörper überfallen und beschossen. Wenn ich heute an dieses abenteuerliche Jahr zurückdenke, finde ich: Wir waren verrückt. Damals machte man das häufiger, dass man einfach ohne grossen Plan mit Sack und Pack loszog. Existenzängste plagten uns nicht. Die Arbeitslosenquote lag unter einem Prozent. Heute gibt es viele junge Leute, die keine Arbeit haben und vielleicht nie eine finden werden. Vielleicht ist die Jugend deshalb so seriös. Wenn ich heute die Rekruten im Zug auf dem Heimweg sehe, dann wirken sie sehr ernsthaft. Das war bei uns ganz anders: Da wurden im Zug «Feldschlösschen» geköpft, entsprechend heiter kamen wir am Bahnhof an.

Die heutige Jugend ist Ihnen also zu wenig locker.

Ich bin vorsichtig mit solchen Attributen. Oft sind es Zwangslagen, die bestimmen, was man tut. Als ich zum zweiten Mal den Job als Creative Director bei der GGK kündigte, war es auch keine sehr freie Entscheidung, eher eine vorgezogene Midlife-Crisis, die auch mit der Trennung von meiner ersten Frau zusammenhing.

Was machten Sie während dieser Midlife-Crisis?

Ich wollte zwar seit meinem 16. Lebensjahr Schriftsteller werden, trotzdem hatte ich noch nicht den Mut dazu. Auch weil ich gerne la dolce vita genoss, man dafür aber ein wenig Kleingeld benötigt. Also entschied ich mich für einen Umweg: Ich hatte die Idee, für die Zeitschrift «GEO» Reportagen zu schreiben. In der Welt herumzureisen und auch noch dafür bezahlt zu werden, das fand ich reizvoll. Der «GEO»-Chef schickte mich als Erstes zu den Cowboys nach Wyoming und Montana. Das Vorgehen war sonderbar: Das Magazin kaufte für ein Vermögen Fotoreportagen ein und suchte im Nachhinein Journalisten, die passende Texte dazu verfassten. Der Fotograf zu meiner ersten Story hatte sich bei den Cowboys sehr unbeliebt gemacht, weil er ihnen das Blaue vom Himmel versprach, nachher aber nie mehr etwas von sich hören liess. So musste ich erst einmal Vertrauen schaffen.

Sie sagten, Sie hätten gerne la dolce vita genossen. Was können Sie dazu erzählen?

«Auf einen Schlag war alles verloren, dabei sollte ich das Drehbuch in wenigen Tagen .»»

 

Wir verdienten gut als Werber, trotzdem hatte ich damals nie viel auf der hohen Kante. Wir gaben alles wieder aus: Wir gingen oft gut essen und danach ins «Happy Night», in eine Basler Disco. Am Morgen war man logischerweise nicht so fit und kam erst um zehn ins Büro. Dafür wurde es abends wieder spät. Gesund war dieser Lebensstil nicht. Wir haben viel gearbeitet. Das hatte mit la dolce vita wenig gemein. Darunter stellt man sich etwas anderes vor: wenig arbeiten, aber viel verdienen. Wir hingegen waren oft im Stress, vor wichtigen Präsentationen arbeiteten wir die Nächte durch. Was mich zur nächsten Geschichte führt: Ich war mit dem Drehbuch für den «Jenatsch»-Film fast fertig, als der Computer, damals ein grosses Möbel, abstürzte. Auf einen Schlag war alles verloren, dabei sollte ich das Drehbuch in wenigen Tagen abliefern. Also setzte ich mich hin und schrieb zwei Tage und zwei Nächte durch, bis das Drehbuch stand. Keine Ahnung, weshalb ich das alles noch im Kopf hatte. Aus dem Desaster wurde im Nachhinein ein magisches Erlebnis.

Das war noch während Ihrer Zeit als Werbetexter. Schliesslich wurden Sie aber doch noch Schriftsteller.

Die Werbeagentur, mit der ich meine eigene Firma fusioniert hatte, wurde rasch finanziell marode. Als Partner hätte ich mir nochmals Geld leihen müssen. Da sagte ich mir: Wenn ich es jetzt nicht als Schriftsteller versuche, mache ich es nie mehr. Ich wusste aber auch: Wenn es nicht klappt, höre ich wieder auf. Den unwiderstehlichen Drang, von Pro Helvetia abhängig sein zu müssen, spürte ich jedenfalls nie.

Das war nicht der Fall, im Gegenteil: Sie wurden zum meistverkauften Schweizer Autor der Gegenwart. Wie war es, als Sie zum ersten Mal ein Buch von sich in der Hand hielten?

Wäre es möglich gewesen, hätten wir zur Feier des Tages einen Champagner getrunken. Ich hielt mich damals aber mit meiner Frau in einem kleinen Dorf in Guatemala auf und hatte keinen Champagner zur Hand. Also behalfen wir uns mit einem Freixenet Cordon Negro, das war ein mehr als akzeptabler Ersatz.

Sie besitzen in Guatemala ein Haus. Haben Sie irgendeine besondere Geschichte in Guatemala erlebt?

Nein … ausser dass wir von jenem Treuhänder, der die Bauarbeiter für unser Haus hätte bezahlen müssen, über den Tisch gezogen wurden. Wir haben da viel Geld verloren, aber das ist eine längere Geschichte. Heute ist der Typ ein respektabler Krimineller.

Martin Suter war früher oft im Stress. «Mit la dolce vita ? wenig arbeiten, viel verdienen ? hatte das wenig gemein.»

Eine Liebesgeschichte wäre noch schön. Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Es gibt zwei Versionen – eine, die meine Frau erzählt, und meine Version. Meine lautet so: Margrith übernachtete ein paar Tage vor mir im Gästezimmer von Jean Willi, einem Künstler, der auf Ibiza lebt. Als sie abreiste, vergass sie den Honigtopf. Jean Willi bat mich, ihr den Honig nach meiner Rückkehr in die Schweiz vorbeizubringen.

Und was erzählt Ihre Frau?

Margrith erinnert sich, dass sie den Honigtopf von meiner damaligen Frau ausgehändigt bekam. Ich hatte also gar nichts damit zu tun. Meine Version hat sich aber so etabliert, dass ich bei ihr bleiben will. (Lacht.) In Tat und Wahrheit habe ich sie im «Atlantis», einem Basler Musiklokal, richtig kennengelernt. Als ich sie nachher aufs Tram brachte, rief sie mir noch zu: «Meine Telefonnummer ist ganz einfach …» Ich bin froh, dass ich mir die Nummer merken konnte, so rief ich sie am nächsten Tag an und lud sie zu Spargeln und Erdbeeren auf die Terrasse des Hotels «Les Trois Rois» ein. Ich möchte nicht daran denken, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich bereits damals eine Erinnerungslücke gehabt.

Martin Suter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Martin Suter

Martin Suter, am 29. Februar 1948 in Zürich geboren, ist der auflagenstärkste Schweizer Autor der Gegenwart. Nach seiner erfolgreichen Karriere als Werbetexter schaffte er 1997 mit «Small World» (Diogenes Verlag) den Durchbruch als Romancier. Heute ergänzt er das Gedruckte (sprich: seine Bücher) mit dem Digitalen – mit der Website www.martin-suter.com. «Die Lesegewohnheiten sind dabei, sich dramatisch zu ändern», sagt Suter, «die Menschen lesen kürzere Sachen, schauen Videos, hören Musik.» All das bietet er auf seiner Homepage an. Er tut dies so kreativ, wie man das von einem ehemaligen Creative Director erwarten darf. Unter anderem ist dort auch das Rezept zum Cocktail «Allmen», von dem im Interview die Rede ist, zu finden. Martin Suter lebt mit Frau und Tochter in Zürich.