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Interview

«The Who zerrissen eine Tausendernote»

André Béchir, der Doyen der Schweizer Konzertveranstalter, über Corona, Exzesse im Musikbusiness und die Comeback-Gerüchte um Tina Turner.

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Markus Lamprecht
15. Juni 2020
André Béchir und die Musikbranche stehen im Regen. Hadern will der Zürcher trotzdem nicht: «Ich bin ein positiver Mensch.»

André Béchir und die Musikbranche stehen im Regen. Hadern will der Zürcher trotzdem nicht: «Ich bin ein positiver Mensch.»

 

André Béchir, für Sie als Konzertveranstalter muss der Lockdown der Super-GAU gewesen sein.

Es wurde zwar in der Vergangenheit vor einer Pandemie gewarnt, aber irgendwie schien sie unrealistisch. Doch plötzlich wurde aus dem Undenkbaren Wirklichkeit: Von einem Tag auf den andern verkündete der Bundesrat den Lockdown. Das war heftig, auch wenn ich finde, dass es nötig war und der Bundesrat einen guten Job gemacht hat.

Was war am heftigsten?

Es ging so schnell und unerwartet, dass in der ersten Zeit alle in eine Schockstarre verfielen. Wir blickten nach Deutschland und England, wo die Konzerte noch ganz normal stattfanden, bis schliesslich auch dort die Lichter gelöscht wurden. Für die Branche ist es ein grosser Einschnitt, auch wenn die meisten Konzerte nicht abgesagt, sondern verschoben worden sind. Es sind ja nicht nur die Künstler und Veranstalter massiv betroffen, sondern alle, die hinter den Kulissen an einem Konzert mitarbeiten: Bühnenbauer, Tontechniker, Beleuchter, Lastwagenfahrer, Werber, Caterer und noch viele mehr. Das sind Tausende von Arbeitsstellen, wobei wir in der Schweiz im Vergleich zum Ausland noch eine komfortable Situation haben – dank Kurzarbeit und den finanziellen Unterstützungsmassnahmen zugunsten der Kultur.

280 Millionen wurden der Kultur als Unterstützung zur Verfügung gestellt …

… was sicher nicht ausreichen wird. Die Ausfälle werden höher sein, es braucht einen Nachtragskredit.

Viele Konzerte sind immer noch auf den Herbst terminiert. Ist es realistisch, dass sie dann stattfinden?

Ich halte weiterhin an meiner Meinung fest, die ich früh kundtat: 2020 wird keine Grossveranstaltung mehr stattfinden. Die Unsicherheit ist zu gross, viel zu viele Fragen sind offen. Wie sehen die Auflagen für Grosskonzerte aus? Gibt es eine Maskenpflicht für die Zuschauer? Wie viel Abstand müssen die Besucher zueinander einhalten? Dürfen die Künstler ohne Einschränkungen reisen oder müssten sie in bestimmten Ländern zuerst in die Quarantäne? Kommt hinzu, dass nicht wenige der Künstler für die grossen Konzerte allein schon vom Alter her der Risikogruppe angehören. (Lacht.) Gewisse Experten gehen davon aus, dass Grossveranstaltungen erst wieder möglich sein werden, wenn ein Impfstoff zur Verfügung steht. Ich hoffe aber, dass dem nicht so ist.

Mit Hoffen allein ist es nicht getan.

Deshalb versuchen wir, die Konzerte möglichst zu verschieben. Was auch nicht so einfach ist, weil es einen ganzen Rattenschwanz an zusätzlicher Arbeit nach sich zieht. Eine grosse Tournee mit einer Vielzahl an Konzerten in vielen europäischen Grossstädten lässt sich nicht einfach mal so kurz verschieben. Aber ich bin ein positiver Mensch. Deshalb freue ich mich, dass immerhin kleinere Veranstaltungen möglich sind. Das ist für Schweizer Künstler überlebenswichtig. Die Zuschauer wiederum schöpfen bei diesen kleinen Events Vertrauen, dass Konzertbesuche wieder sicher sind – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie irgendwann an die grossen Konzerte kommen, wenn diese dann erlaubt sind.

Es ist immer so leicht daher gesagt und trotzdem: Sehen Sie in der ganzen Krise auch eine Chance?

In der Corona-Zeit hat sich einmal mehr bestätigt: Musik ist wichtig in unserer Gesellschaft. Sie half den Menschen, die schwierige Zeit besser zu überstehen. In der Vergangenheit wurde jedoch im Musikbusiness vieles überreizt, es gab Exzesse, etwa bei den Gagen der Künstler oder generell bei den Kosten, um ein Konzert auf die Beine zu stellen. Da müssen wir wieder schlanker werden, aber in enger Zusammenarbeit mit allen Playern. Dann haben wir eine Chance, diese Krise einigermassen zu überstehen. Wenn sich die Lage normalisiert, dürfen wir nicht mehr die gleichen Fehler machen wie vorher.

Sie haben über 5000 Konzerte organisiert. An welches erinnern Sie sich besonders gerne?

Ich wähle gleich mehrere. 1972 durfte ich im Hallenstadion Pink Floyd organisieren. Unvergesslich auch die Konzerte mit Tina und Ike Turner. Ich habe kürzlich nochmals zusammengezählt und bin auf 29 Konzerte gekommen. Die Rolling Stones haben wir zwölfmal in die Schweiz gebracht, besonders eindrücklich war ihr Auftritt 1982 im Basler Joggeli-Stadion vor 50 000 Zuschauern. Mit Militärplachen wollten wir den Rasen schützen. Vor dem Konzert schüttete es jedoch wie aus Kübeln, weshalb die Fans die Befestigungen der Plachen zerschnitten und diese über ihre Köpfe zogen. Der Rasen wurde zu Matsch, es stank wie in einem Silo. Der FC Basel jedenfalls konnte nicht mehr auf dem Rasen spielen: Dieser musste komplett ersetzt werden.

«Im Musikbusiness wurde vieles überreizt, etwa die Gagen.»

 

Welches Konzert hat Ihnen Tränen in die Augen getrieben?

Ich war mehrmals zu Tränen gerührt. Aber in besonderer Erinnerung ist mir ein Konzert von Stevie Wonder geblieben, als er sein berühmtes «Happy Birthday» sang: Ich hatte an jenem Tag zufälligerweise Geburtstag. Wehmut spürt man auch, wenn jemand sein letztes Konzert gibt, so wie das damals bei Tina Turner der Fall war. Oder wenn man die Nachricht erhält, dass ein Musiker gestorben ist, mit dem man tolle Konzerte organisiert hat: Ich denke da an Prince, Michael Jackson oder George Michael.

Wie haben Sie Michael Jackson erlebt?

Wir haben ja mehrere Konzerte mit ihm veranstaltet. Beim ersten Mal war er sehr interessiert und zugänglich. Er wollte alles über die Schweiz erfahren, wie wir hier leben, was in Basel läuft. Beim zweiten Mal war er schon abgeschirmter, auch waren viel mehr Leute um ihn herum. Beim dritten und letzten Mal fuhr er in einem Panzerwagen vor. Ich glaube kaum, dass er das selber so wollte, sondern seine Entourage. Das werde ich nie mehr vergessen, genauso wenig, wie die Begegnung mit Bob Dylan, der für mich ein Porträt zeichnete. Ich empfinde grosse Dankbarkeit dafür und sehe mich als privilegiert an, dass ich all das erleben durfte. Was allerdings nur möglich war, weil ich gesund blieb. Gute Gesundheit ist das Wichtigste, das wurde einem während der Corona- Pandemie wieder besonders bewusst.

Tina Turner erklärte in der «New York Times», dass sie die Bühne nicht vermisse. Trotzdem machen weiterhin Gerüchte vom Come­back die Runde. Wissen Sie mehr?

Es ist ein Wunschtraum ihrer Fans, und träumen soll erlaubt sein, aber ein Come­back von Tina wird es sicher nicht mehr geben.

Gab es auch den einen oder anderen Flop in all den Jahren?

Ja, den gab es. Als wir die Stones nach Frauenfeld brachten, kombinierten wir dies mit dem anschliessenden «Out in the Green»-Festival auf dem angrenzenden Gelände. Wir dachten, dass die Fans ans Stones-Konzert kommen und gleich fürs Festival bleiben. Dem war aber nicht so, wir verkauften trotz toller Acts wie David Bowie oder Carlos Santana kaum Festivaltickets für die Folgetage und blieben auf einem Verlust in siebenstelliger Höhe sitzen. Das tat weh, heute kann ich darüber schmunzeln. Und 1992 mussten wir die Leute wieder nach Hause schicken, weil Sinead O’Connor nicht auftrat. Die Irin sorgte in jenen Jahren für viel Gesprächsstoff, zum Beispiel als sie im Fernsehen ein Papstbild zerriss. Das Hallenstadion war dann auch ausverkauft, aber O’Connor liess sich einfach nicht blicken.

Wer war besonders verrückt?

Bei The Who wusste man, dass die Post abgeht. Am Konzert zerrissen sie eine Tausendernote. Im Hotel verwüsteten sie ihr Zimmer – und sie waren bei weitem nicht die Einzigen. Ich bekam fast in jedem Hotel in Zürich irgendwann ein Verbot ausgesprochen, weil eine Band die Einrichtung zertrümmert hatte. Ich hatte viel Ärger wegen dieser Exzesse. Trotzdem möchte ich jene Zeit nicht missen. Sie war wunderbar.

Wann können wir das alles in einer Biografie lesen?

Diese Frage bekomme ich oft zu hören, der Druck wird immer grösser. (Schmunzelt.) Tatsächlich habe ich mal angefangen, dann aber wieder aufgehört. Ich müsste zuerst haufenweise Material sortieren, das in einem Lager aufbewahrt wird. Wenn ich mehr Zeit habe, mache ich mich an die Arbeit… irgendwann.

André Béchir, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.