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Interview

«Leben heisst, Entscheidungen zu treffen»

Mona Vetsch zählt zu den beliebtesten Fernsehgesichtern der Schweiz. Eine Traumfrau findet sie sich selbst aber nicht, wie sie im Überraschungsinterview erklärt. Darin erzählt sie auch, weshalb Giraffen blaue Zungen haben und was zu Hause verpönt ist.

16. März 2020

Mona Vetsch ist auch beim Interview gut drauf: «Ein Lächeln kostet nichts.»

Mona Vetsch liebt Überraschungen, «weil ich ein sehr spontaner Mensch bin». Was liegt da also näher, als die 44-jährige Fernsehfrau mit einer anderen Art des Interviews zu überraschen: In ihrer «Mona mittendrin»-Box, die für die gleichnamige Sendung zum Einsatz kommt, liegen zwei Dutzend Zettelchen mit Stichwörtern oder Weisheiten, zu denen sie nun etwas spontan sagen soll. «Hoffentlich fällt mir auch etwas Gescheites ein», stapelt sie tief. Dann greift sie in die Kiste.

Mona Vetsch, was steht auf dem ersten Zettelchen?

«Traumdestination»! Oje, das ist sehr schwierig. Wenn man mich als Kind gefragt hätte, wäre es Norwegen gewesen. Wir fuhren ja nie in die Ferien, das war mit einem Bauernhof nicht möglich. Ich träumte immer von Skandinavien mit seinen Fjorden und Schären. Als wir dann für die Sendung «Fernweh» nach Spitzbergen fuhren, erlebte ich diesen magischen Moment, der einen Ort zu einer Traumdestination macht: Ich stand an der verschneiten Küste und sah die Eisschollen auf dem Wasser tanzen, was einen ganz eigenen Sound ergibt. Und weil es so schön war, schwammen auch noch Weisswale im Wasser herum.

Litten Sie darunter, dass Sie früher nie in die Ferien fuhren?

Man kann nur vermissen, was man kennt. Ferien gab es für mich nur vom Hörensagen. Kürzlich erzählte mir meine Mutter, dass ich einmal nach den Ferien aus der Schule kam und mich beklagte: «Ich glaube, ich bin in die falsche Familie hinein geboren worden.» Doch sonst war ich happy. Es gab immer viel Action auf dem Bauernhof. Wir spielten mit unseren Nachbarskindern stundenlang Versteckis. Heute sehe ich es sogar als Vorteil, dass ich früher nie reiste. So fand ich die Reisen in meinem Job nie selbstverständlich. Mein erster grosser Trip ausserhalb Europas führte mich fürs Fernsehen gleich nach Indien. Ich war überwältigt von den Eindrücken.

Bitte das nächste Zettelchen.

«Jeder schreibt sein Schicksal selber.» Ich glaube, das stimmt nicht, und sehe keinen Sinn darin, gross Pläne zu schmieden. Was wir aber in der Hand haben, ist, wie wir mit diesem Schicksal umgehen. Ein schönes Beispiel ist die afghanische Familie, die ich für «Mona mittendrin» in der Asylunterkunft kennengelernt habe und die mittlerweile in einer eigenen Wohnung lebt. Die Eltern hatten in ihrer Heimat einen Superjob, mussten aber flüchten und in der Schweiz wieder ganz von vorne anfangen. Sie hadern nicht und verzweifeln auch nicht. Das hat mich sehr beeindruckt. Stattdessen tun sie alles dafür, dass die Kinder hier eine zweite Heimat finden. Die Mutter hat sogar ihr Kopftuch abgelegt, «weil die Mitmenschen so komisch reagierten». (Sie zeigt den nächsten Zettel.)

«Die Welt ist ein Buch und wer nicht reist, sieht nur eine Seite davon.»

Stimmt nicht. Gerade Bücher halte ich für eine gute Alternative, um die Welt kennenzulernen. Noch wichtiger als das Reisen selbst ist die Art, wie du auf Menschen zugehst. Wer offen ist, kann auch an der Ladenkasse die Welt entdecken, indem er mit den Wartenden ins Gespräch kommt. Da tun sich wahnsinnig spannende Geschichten auf.

Die Schweizer ziehen es aber vor, still an der Kasse zu stehen.

Ich höre von ausländischen Paaren in binationalen Partnerschaften, warum es ihnen so oft schwer fällt, sich in der Schweiz heimisch zu fühlen: Nicht nur die Temperaturen sind kalt hier. Sie erleben uns als höflich, aber auch als zurückhaltend und distanziert. In Mexiko besuchte ich Freunde und wurde von der Mutter sofort in den Arm genommen, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. So hatte mich vorher nur mein Mann umarmt.

Obwohl Ihnen die halbe Schweiz zusieht, wie Sie die Welt entdecken, finden Sie also nicht, dass man reisen muss.

So absolut möchte ich das nicht formulieren. Reisen ist super, auch weil es dankbar macht. Wer in die weite Welt hinaus reist, lernt wieder schätzen, was wir in der Schweiz haben. Du drehst den Wasserhahn auf und kannst davon trinken. Wenn die Ampel auf Rot ist, halten die Autos davor. Das alles ist vielerorts nicht selbstverständlich.

Mona Vetsch gesteht beim Zettel-Interview, ...

Machen wir weiter. Wir wollen die Kiste ja möglichst leer kriegen.

«Leben heisst, Entscheidungen zu treffen». Das ist das, was ich am wenigsten kann. Es gibt einen ständigen Widerstreit zwischen Bauch und Kopf: Ich weiss, dass ich in gewissen Situationen vernünftig sein müsste, vom Naturell aus bin ich jedoch unvernünftig, spontan, chaotisch. Am einfachsten ist es für mich, wenn es in einem Laden nur drei Sorten Konfi hat. Hat es hingegen 50, studiere ich stundenlang herum und weiss am Ende trotzdem nicht, ob ich mich richtig entschieden habe. Wandern mit mir ist der Horror. Mein Mann dreht jedes Mal durch, weil ich an jeder Ecke etwas entdecke, das mich neugierig macht … Okay, ab jetzt werde ich versuchen, effizienter zu antworten und mich nicht zu verzetteln. (Sie lacht, dann greift sie in die Box.)

«Familienzeit».

Die ist verschieden. Manchmal bin ich für zwei Wochen unterwegs, dafür aber dann wieder während einer gewissen Zeit voll zu Hause. Das geniesse ich, da liege ich dann im Sitzsack zu Hause und meine Söhne klettern auf mir herum. Oder wir hören Hörspiele. Manchmal machen wir auch gar nichts, sondern ich bin einfach nur da – wie ein zufriedener Härdöpfelsack. (Sie wühlt in der Kiste.)

«Privatsphäre».

Ich finde es überhaupt nicht mühsam, wenn mich Menschen ansprechen. Kürzlich begrüsste mich eine ältere Dame in der Gondel: «Sind Sie nicht Mona Vetsch?» Danach erzählte sie mir, dass sie vor 40 Jahren als Produktionsassistentin im Gründungsteam des «Kassensturz» mit dabei gewesen sei. Am Ende gabs ein Selfie, dann verabschiedeten wir uns. Das ist doch viel cooler, als nur stumm in der Gondel zu sitzen.

Nächster Zettel, bitte.

«Wenn mich jemand Monika nennt, dann …» Ja, dann bin ich sehr irritiert. So bin ich getauft worden, später sagten mir einige Moni. Irgendwann wurde ich zu Mona, sogar meine Eltern nennen mich so. Ich bin froh darüber, sonst würde ich heute vielleicht Möneli Vetsch genannt. Lustig ist, dass es wirklich eine Monika Vetsch in der Familie gibt: meine Schwägerin. Sie erhält oft Post, die an mich gerichtet ist – weil sie im selben Ort wohnt, wo ich aufgewachsen bin. Nämlich in Hattenhausen im Thurgau. Von hier aus ein lieber Gruss an sie! (Sie lacht und übergibt den nächsten Zettel.)

«Man braucht im Leben nicht viel mehr als eine warme Hand, die einen hält.»

 

«Eine besondere Begegnung».

(Lange Pause.) Jetzt sehen Sie, wie schwer es mir fällt, mich zu entscheiden. Ich wähle den 14-jährigen Mattia, der mit Leukämie im Kinderspital lag. Als ich ihn besuchte, gingen seine Eltern das erste Mal seit Langem kurz in den Ausgang. Er erzählte mir, dass er sich für sie freue, weil er ihnen mit seiner Krankheit alles verdorben habe. Das habe ich auch bei anderen Kindern gesehen, die im Spital lagen: Sie denken immer zuerst an ihre Nächsten und versuchen für sie besonders tapfer zu sein. Manche reden eher mit den Pflegenden über den Tod, aber nicht mit den Eltern, weil sie sie nicht traurig sehen wollen. Als Mutter macht mich das besonders betroffen. (Sie schluckt leer. Dann greift sie in die Kiste.)

«Ich werde nie verstehen, wieso …»

… die Menschen so oft einen Lätsch machen. Wenn ich sie für meine Sendung ansprechen muss, rechne ich mit allem. Kaum aber fängst du an, mit ihnen zu reden, geht in ihren Gesichtern die Sonne auf. Die sind interessiert, lustig, mitteilsam, aber das erste Signal, das sie ausstrahlen, ist diese abweisende Miene, die sagt: Lass mich in Ruhe! Dabei würde ein Lächeln nichts kosten.

Okay, next one.

«Das Wichtigste im Leben ist …». Ich verbrachte als Kind sehr viel Zeit bei unserer älteren Nachbarin. Als ich sie später im Altersheim besuchte, merkte ich, dass sie auf dem Weg war, loszulassen. Ihre grösste Freude war es immer, ein Bierchen zu trinken. Also tranken wir nochmals eines zusammen. «Aber lass dir kein lauwarmes geben, die wollen uns Alten immer lauwarmes Bier geben!» Ich habe dann ein kaltes geholt. Sie sah so zufrieden aus und hielt meine Hand: «Man braucht nicht viel mehr im Leben als eine warme Hand, die einen hält.» Das ist wahr: Am Ende spielt es keine Rolle mehr, was du in deinem Leben erreicht hast. Es zählt nur noch, ob da jemand ist, der bei dir ist … (Sie bricht ab. Es folgt der nächste Griff in die Kiste.) Schon wieder ein Spruch!

Nämlich?

«Mit Mut fangen die schönsten Geschichten an.» Mit einer Portion Übermut fangen sie gar noch besser an. Unsere Auswanderer treibt eine Mischung aus Mut und Übermut dazu, in der Ferne ein neues Leben zu beginnen. Wobei uns wichtig ist, in «Auf und davon» nie jemanden vorzuführen. Wir zeigen, dass es trotz bester Vorbereitung Hinder- nisse geben wird, Schadenfreude ist fehl am Platz. Das unterscheidet uns vielleicht von den Formaten in den deutschen Privatsendern. Ich selber hätte nie den Mut dazu. (Sie kramt erneut in der Box.)

«Es ist wichtig, jeden Tag …»

… etwas gescheiter zu beenden, als man ihn begonnen hat. Heute habe ich gelernt, dass Giraffen eine blaue Zunge haben. Weil sie 20 Stunden am Fressen sind und immer die Zunge rausstrecken müssen.

Nächster Zettel: «Meine Kinder dürfen alles, ausser …»

… beim Essen «wäh, gruusig» sagen. Zum Glück kommt das nur selten vor. Aber das geht überhaupt nicht. Das ist respektlos gegenüber dem, der kocht. Erlaubt ist hingegen: «Das ist nicht so meins.» Dieser Slang hat sich bei uns eingebürgert. Und wenn einmal wirklich etwas nicht schmeckt, kann man es diskret an den Rand des Tellers schieben, aber ohne Kommentar. (Sie holt einen weiteren Zettel hervor.)

«Jobsharing».

Mein Mann und ich teilen uns die Arbeit zu Hause auf, das funktioniert gut. Super finde ich, dass meine Chefs bei Radio SRF 3 im Jobsharing arbeiten. Das macht auch deshalb Sinn, weil Chefs immer mehr Aufgaben zu bewältigen haben. Umso besser, wenn zwei Personen mit verschiedenen Talenten ihre Fähigkeiten einbringen können. Aber auch wenn Frauen mit Familie Karriere machen wollen, braucht es neue Modelle. Job­sharing gehört dazu.

«Man kann auch an der Ladenkasse die Welt entdecken.»

 

Wir nähern uns dem Ende. Was steht auf dem nächsten Zettel?

«Die schönsten Momente erlebt man offline». Hundert Prozent! Wer schon jemals von seinem Smartphone umarmt worden ist, hebe bitte die Hand. (Lacht und schnappt sich wieder ein Stichwort.)

«Tägliches Ritual».

Habe ich keines. Nur etwas ist mir heilig: das Ausspannen in der Badewanne. Ich habe schon die Wohnung gewechselt, weil es keine Badewanne darin hatte. Es mag nicht ökologisch sein, aber mir tun diese Badewannen-Momente für mich alleine unendlich gut.

... dass sie sich oft verzettelt.

Hats noch einen Zettel?

Ja. «Ich könnte nie …» Hmmm. Ich könnte nie Buchhalterin werden. Ich bin zu ungenau. Und es wäre mir zu wenig kreativ.

Es gibt auch kreative Buchhalter.

Die kommen aber oft mit dem Gesetz in Konflikt. (Lacht.) Es hat noch einen Zettel ... «Platz 16». Was ist damit gemeint?

Sie rangieren in einer Illustrierten auf Platz 16 unter den 50 Schweizer Traumfrauen.

Ist das gut oder schlecht?

Also Platz 16 unter 50 ist doch mehr als ordentlich, oder nicht?

Kommt drauf an, wer vor mir liegt.

Erste ist Skifahrerin Corinne Suter.

Die ist cool. Ich bin vieles, aber sicher keine Traumfrau. Ja, manchmal bin ich sogar eher ein Albtraum. Trotzdem lasse ich das mal so stehen und freue mich darüber.

Mona Vetsch, wir danken Ihnen für dieses «Gespräch».

Mona Vetsch

Fernsehfrau aus dem Thurgau

Mona Vetsch lebt mit ihrem Mann, seinem Sohn aus erster Ehe und den beiden gemeinsamen Söhnen in Zürich. Dem Thurgau, wo sie aufwuchs, ist sie weiterhin eng verbunden. Deshalb freute sie sich auch speziell über die Auszeichnung als «Thurgauerin des Jahres». Vetsch tanzt im Fernsehen und Radio auf mehreren Hochzeiten. Am 19. März ist sie in «Mona mittendrin – Update» zu sehen; dabei besucht sie die Kinderkrebsstation St. Gallen.