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Interview

​«Wir haben es in der Hand»

WWF-Chef Thomas Vellacott (49) erklärt, was Hoffnung auf eine bessere Welt macht, wie sich Corona auf die Natur auswirkt, und er hat fünf konkrete Tipps parat, was man für den Schutz der Umwelt tun kann.

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Christoph Kaminski
24. August 2020

WWF-Chef

Thomas Vellacott

Thomas Vellacott (49) studierte in Durham und Cambridge (GB) und in Kairo (EG) Arabisch und Islamwissenschaften sowie internationale Beziehungen und in Lausanne Betriebswirtschaft. Danach arbeitete er im Private Banking und als Berater bei McKinsey, bis er 2001 beim WWF anheuerte. Seit 2012 ist er CEO des WWF Schweiz. Vellacott ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Zürich.

Thomas Vellacott, wie optimistisch sind Sie, dass die Welt zu retten ist?

Es ist möglich, auf einen nachhaltigen Weg zu gelangen, aber es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Für mich ist klar: Wir haben es in der Hand. Wer findet, dass man sowieso nichts mehr tun kann, macht es sich sehr bequem.

2001 kamen Sie zum WWF. Was hat sich seitdem zum Guten entwickelt, was nicht?

Die Krise in der Biodiversität ist akuter geworden. Und es gibt mehr CO₂ in der Atmosphäre, was die Ausgangslage erschwert. Die gute Nachricht ist, dass das Trends sind, die man umkehren kann – noch. Gerade beim Artenschutz gab es in den letzten Jahren wichtige Erfolge zu vermelden: Es gibt wieder mehr Tiger in der Wildnis, mehr Pandas, mehr Luchse, um nur einige Beispiele zu nennen. Das zeigt, dass man etwas machen kann.

Sehen die Menschen das auch so?

Lange war der Umweltschutz für viele ein Nischenthema. Heute ist er im Mainstream angekommen und das ist gut so. Trotzdem werden viele Probleme immer noch unterschätzt. Viele glauben, dass das Artensterben die Schweiz nicht gross betrifft. Das stimmt nicht: Jede dritte Tier- und Pflanzenart ist bedroht. Damit sind wir das Schlusslicht unter den OECD-Ländern. Weltweit sind gemäss einer breit abgestützten Studie vom letzten Jahr eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.

Sie sagen, Umweltschutz wurde zum Mainstream-Thema. Tatsächlich ging Grün vielerorts als Siegerin aus den Wahlen hervor. Doch dann kam Corona und drängte alles andere in den Hintergrund.

Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass das Thema der Klima- und Biodiversitätskrise an Bedeutung verloren hat. Worauf wir achten müssen, ist, dass die staatlichen Programme, mit denen die Weltwirtschaft nach der Corona-Krise wieder angekurbelt werden soll, nicht Strukturen zementieren, die keine Zukunft haben. Dass man den Versuchen der Autoindustrie, die Grenzwerte für den CO₂-Ausstoss zu lockern, nicht nachgibt. Oder dass sich die Kohlenindustrie, die sich am Markt immer weniger durchsetzen kann, die Krise zunutze macht und sich mit staatlicher Unterstützung über Wasser hält.

«Wer findet, dass man sowieso nichts mehr tun kann, macht es sich sehr bequem.»

 

Was bedeutet die Corona-Epidemie konkret für den Umweltschutz?

Für die Bewältigung der Klimakrise bringt ein einmaliger Rückgang der CO₂-Emissionen nicht viel. Die Emissionen müssen Jahr für Jahr sinken. Es wird interessant sein zu beobachten, wie viel sich wegen Corona anhaltend ändert – ob sich etwa ein höherer Anteil an Homeoffice dauerhaft durchsetzt und damit das tägliche Pendeln abnimmt. Im Zuge der Finanzkrise von 2008 gingen die Geschäftsflüge zurück und kehrten nicht auf das vorherige Niveau zurück. Kurzfristig gesehen hat die Pandemie für die Natur in vielen Fällen keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung mit sich gebracht: Wir sehen, dass im Amazonas die Entwaldungsrate wieder ansteigt. Oder dass mehr gewildert wird, weil coronabedingt weniger Patrouillen unterwegs sind.

Der «Overshoot Day» ist der Tag im Jahr, an dem der Verbrauch natürlicher Ressourcen das Angebot übersteigt. Weltweit war er auf den 22. August terminiert. In der Schweiz hatten wir die Ressourcen schon am 8. Mai ausgeschöpft.

Das Datum zeigt in gravierender Manier, wie wenig nachhaltig unser Konsum ist: Bereits nach dem ersten Drittel des Jahres die Ressourcen des ganzen Jahres aufgebraucht zu haben, bedeutet nichts anderes, als dass wir massiv auf Pump, auf die Kosten unserer Kinder und Enkelkinder leben. Viele Schweizerinnen und Schweizer meinen immer noch, dass wir beim Umweltschutz Musterknaben sind. Das Gegenteil ist der Fall: Wir belasten die Umwelt überdurchschnittlich stark.

Was können wir konkret für die Umwelt tun? Fünf Tipps bitte!

Idealerweise rechnen Sie für sich auf unserer Homepage Ihren ökologischen Fussabdruck aus. Und erhalten so auf Ihre Lebenssituation zugeschnittene Tipps. Dabei gibt es ein paar grosse Hebel, die stark einschenken. Da wäre etwa unsere Ernährung und insbesondere die Frage, wie viel Fleisch und Milchprodukte wir essen. Ebenfalls sehr wichtig ist, wie wir uns fortbewegen. Dort spielen die Flüge eine grosse Rolle, aber auch, wie wir im Alltag unterwegs sind, ob mit dem Auto, im ÖV oder auf dem Velo. Einen grossen Einfluss auf unseren Fussabdruck hat aber auch, wie wir wohnen: In der Schweiz wird in vielen Häusern bei den Heizungen immer noch auf fossile Energien gesetzt.

Weitere Hebel, die einschenken?

Da nenne ich einen, der gerne vergessen geht: Lege ich mein Erspartes in ökologisch nachhaltigen Unternehmen und Projekten an? Wo wird mein Pensionskassengeld investiert? Darauf können Angestellte in vielen Unternehemen über die Vorsorgekommission Einfluss nehmen.

Ich behaupte, dass die Menschen in diesem Bereich vor allem diese Frage interessiert: Wo ist die Rendite am grössten?

Wer auf Nachhaltigkeit setzt, verzichtet damit nicht auf eine marktübliche Rendite. Und gerade bei den Pensionskasseneinlagen handelt es sich um langfristig investiertes Geld, bei dem es besonders Sinn macht, wenn es dazu beiträgt, dass die Welt für unsere Kinder auch in ein paar Jahrzehnten noch lebenswert ist. Fünfter und letzter Tipp: Wer konkret etwas für die Umwelt tun will, schaut auch darauf, wen er wählt und wie er abstimmt.

Ist der WWF gut im Bundeshaus vertreten?

Wir versuchen, der Natur in der Politik eine Stimme zu geben. Dabei achten wir darauf, dass wir parteipolitisch unabhängig unterwegs sind. Um in der Umweltpolitik voranzukommen, braucht es breite Koalitionen.

Sie erklärten, das Bewusstsein für den Umweltschutz nehme zu. Gleichzeitig gibt es immer mehr benzinfressende SUVs. Wie passt das zusammen?

Die Schweiz hat die dreckigste Neuwagenflotte Europas. Als Erklärung dient gerne, dass wir halt ein Alpenland seien, obwohl es bei Weitem nicht so ist, dass SUVs vor allem in den Bergregionen der Schweiz dominieren würden. Der durchschnittliche Schadstoffausstoss der Neuwagenflotte ging mehrere Jahre zurück, heute steigt er wieder. Höchste Zeit also, dass wir hier wieder Gegensteuer geben.

Was halten Sie von den E-Bikes?

Die entscheidende Frage ist: Was fuhren die E-Bike-Fahrer vorher? Eine Untersuchung zeigt, dass ein signifikanter Teil vom Auto aufs E-Bike umsteigt. Aus Umweltschutz-Sicht ist das positiv.

Sie propagierten auch schon die Vier-Tages-Woche, um die Umwelt weniger zu belasten. Können Sie das ausführen?

Es besteht eine Korrelation zwischen Einkommen und Ressourcenverbrauch: Je mehr ich verdiene, desto mehr Ressourcen verbrauche ich oft auch – ohne dass mich dieser Ressourcenverbrauch zwingend glücklicher macht.

Gilt für Sie selber heute auch die Vier-Tages-Woche?

Nein, heute nicht mehr. Als unsere Kinder kleiner waren, arbeitete ich Teilzeit. Jetzt sind sie grösser, ich arbeite wieder Vollzeit und gehöre damit beim WWF zur Minderheit. (Lacht.)

Was wünschen Sie sich von den Unternehmen in Sachen Umweltschutz?

Obwohl das Bewusstsein für den Umweltschutz in der Wirtschaft zugenommen hat, gibt es noch viel zu tun. Jedes Unternehmen muss sich fragen, ob sein aktuelles Geschäftsmodell in einer Welt funktioniert, in der wir praktisch keine CO₂-Emissionen ausstossen werden. Wer in Zukunft erfolgreich sein will, muss die veränderten Rahmenbedingungen in der Strategiesetzung berücksichtigen. Dafür braucht es klare Klimaziele. Wir beraten Firmen bei diesem komplexen Prozess. Dazu gehört, dass sie nicht nur sich selber nachhaltig ausrichten, sondern auch ihre Wertschöpfungsketten.

«Wir versuchen der Natur eine Stimme zu geben.»

 

Sie lassen sich von den Unternehmen bezahlen, was aber sehr heikel sein kann.

Das stimmt. Deshalb braucht es ein paar Voraussetzungen, damit eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Wir schauen genau hin, wie die Umweltperformance eines Unternehmens aussieht und wie es diese verbessern kann. Wir vereinbaren mit Firmen messbare Ziele und kommunizieren öffentlich, wo sie in der Umsetzung stehen und in welcher Höhe wir finanziell entschädigt werden. Wichtig ist für uns, dass wir Beratungsleistungen gegenüber Firmen nicht mit Spendengeldern finanzieren, sondern dass die Firmen dafür bezahlen. Die Zusammenarbeit mit Firmen ist mit 10 bis 15 Prozent für einen relativ kleinen Teil unserer Einnahmen verantwortlich. Das Engagement der Wirtschaft für mehr Nachhaltigkeit ist aber inhaltlich sehr wichtig. Finanziell wird der WWF in erster Linie durch unsere 296 000 Mitglieder und Kleinspenderinnen und -spender unterstützt. Dafür sind wir sehr dankbar, denn diese breite Abstützung ermöglicht erst unsere Arbeit und garantiert unsere Unabhängigkeit.

Spürt der WWF direkt, dass die Menschen wegen Corona weniger Geld ausgeben?

Glücklicherweise nicht. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten engagieren sich Menschen für den Erhalt der Natur. Beim WWF mit dabei zu sein, ist für viele etwas Langfristiges.

In einem Interview sagten Sie von sich selber, dass Sie kein Öko-Held seien …

…was ich noch lange zu hören bekam …

… wie gross ist denn Ihr ökologischer Fussabdruck?

Knapp unter zwei, was immer noch zu hoch ist. In unserer Familie waren es die Flüge, die stark einschenkten. Heute nehmen wir viel öfter den Zug als früher. Letztes Jahr fuhren wir beispielsweise als Familie per Interrail nach Schottland – eine wunderbare Reise.

Wie sieht es mit Ihrem Fleischkonsum aus?

Sie haben einen wunden Punkt getroffen: Ich bin zwar Vegetarier und esse kein Fleisch. Aber wir haben einen Hund und zwei Katzen.

Thomas Vellacott, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.