«Wir hängen alle in der Luft» | Coopzeitung
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Interview

«Wir hängen alle in der Luft»

Auch Adelmo Fornaciari, besser bekannt als Zucchero, leidet unter der Corona-Krise. Im Interview erklärt der italienische Musiker, wie er den Lockdown erlebt hat, weshalb er das heutige Italien kritisch sieht und welche besondere Beziehung er zur Schweiz hat.

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Robert Ascroft
03. August 2020
Unglaublich erfolgreich: Zucchero (64) hat schon über 60 Millionen Tonträger verkauft.

Unglaublich erfolgreich: Zucchero (64) hat schon über 60 Millionen Tonträger verkauft.

Zucchero, wie geht es Ihnen?

Was die Gesundheit anbelangt, geht es Gott sei Dank gut. Covid-19 hat uns alle auf dem falschen Fuss erwischt – und tut es immer noch. Wir hängen alle in der Luft, weil niemand weiss, was die nächsten Monate bringen. Eigentlich hätte ich jetzt auf Tour sein sollen. 150 Konzerte verschieben und neu programmieren – ich kann Ihnen versichern, dass es Einfacheres gibt. Am härtesten getroffen wurden aber all jene, die hinter den Kulissen arbeiten: Techniker, Bühnenbauer, Begleitmusiker und viele mehr. Mit mir reisen über 80 Personen mit, die jetzt nichts zu tun haben – ausser, dass sie schauen müssen, wie sie über die Runden kommen. Leider tut die italienische Regierung nicht viel für die Unterhaltungsindustrie. Natürlich ist mir klar, dass man Prioritäten setzen muss, trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Kultur mit allem ganz hinten anstehen muss.

Wie erlebten Sie den Lockdown?

Am Anfang ging es mir gar nicht gut. Seit ich 13 bin, gondle ich durch die Welt. Längere Zeit am selben Ort zu verbringen, das kenne ich gar nicht mehr. Und es gefällt mir auch nicht. Zum Glück wohne ich auf einem Bauernhof, wo es genug Platz und viele Tiere hat, sodass einem nie langweilig wird. Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Ruhe. Plötzlich ist genug Zeit, um zu schreiben, nachzudenken und um neue Ideen zu entwickeln. Immer in der Hoffnung, dass es irgendwann wieder losgehen möge.

«Die Menschen sind nicht frei, alles ist so seelenlos geworden.»

 

Sie haben soeben eine neue Single herausgebracht: «Soul Mama».

Die ist auf meinem letzten Album «D.O.C» drauf, das mir sehr wichtig ist – musikalisch, aber auch vom Inhalt her: Ich begebe mich auf die Suche nach Spiritualität und Befreiung, was wohl auch damit zu tun hat, dass im Alter, so sagt man jedenfalls, die Weisheit zunimmt. «Soul Mama» spricht von der Zeit, in der wir leben, vom Spiessbürgertum, das nichts als Fassade ist. Die Menschen sind heute nicht frei, alle bewegen sich in die gleiche Richtung. Ich sehe immer weniger Spontaneität. Alles ist so seelenlos geworden.

Sie waren schon immer anders. Als Junge schlichen Sie sich in die Kirche, um auf der Orgel zu spielen.

Dieser kleine Junge steckt auch heute noch in mir. Ich bin neugierig geblieben, es gefällt mir, Dinge auszuprobieren, etwas zu wagen, zu spielen, in meinem Fall vor allem mit Worten. Ich bin wie früher ein Spitzbub, ein bisschen frech und ein bisschen vorlaut. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, mit den einfachen Leuten, die authentisch und ehrlich sind. Deshalb lebe ich auch auf dem Land, in einem mittelalterlichen Dorf, wo wir nur wenige sind und wo wir uns noch alle kennen. Am Sonntagmorgen gehen wir in die Bar, die Abende verbringen wir mit Freunden bei einem schönen Essen an einem grossen Tisch. Diesen Spirit versuche ich in meiner Arbeit einzubringen: Die Beziehung zwischen dem Publikum und mir ist spontan und echt. Ich spiele niemandem etwas vor. Das ist das Vermächtnis meiner Wurzeln als Bauer, meiner Familie, meiner Erziehung – alles ist sehr direkt, ohne falsche Schmeicheleien. So war ich schon immer, bis heute.

Wie sehen Sie das heutige Italien?

Ich fühle mich von den Politikern betrogen. Es kommt mir so vor, als würden sie ständig etwas mischeln, ohne dass sie sich offiziell dazu bekennen. Alle versuchen, ihre Macht zu sichern. Vieles ist unklar: Zuerst einigen sie sich, dann streiten sie wieder, bis sie sich erneut einigen. Wie viele Italiener habe ich aufgehört, an die Politik zu glauben. Es tut mir leid für unser schönes Land, das so eine glorreiche Vergangenheit in der Kunst besitzt und das für seine grosse Kreativität berühmt war. Nun sehe ich keine Entwicklung mehr, alles steht still. Die Politiker müssten wieder näher bei den Menschen sein, damit deren Vertrauen in die Politik wieder zurückkehrt.

Welche Beziehung haben Sie zur Schweiz?

Die Schweiz war das erste Land, das mich mit offenen Armen empfing. Es herrscht eine gute Chemie zwischen den Fans, den Medien und mir. Das Schweizer Publikum ist treu: Es rennt nicht jeder Mode nach, und wenn es dich einmal ins Herz geschlossen hat, bleibt es dir ewig treu. Ich habe überhaupt eine enge Beziehung zur Schweiz: Meine Partnerin hat in Genf Verwandte väterlicherseits und dort ein Haus, in das wir uns hin und wieder zurückziehen.

Haben Sie eine besondere Erinnerung an ein Konzert in der Schweiz?

Im Zürcher Hallenstadion musste ich an einem Konzert nach drei Songs die Bühne verlassen, weil ich mich sehr schlecht fühlte. Das Publikum ging nach Hause, ohne zu murren. Ich erhielt viele Genesungswünsche, sogar in der «Tagesschau». Als wir das Konzert wiederholten, wurde ich stürmisch begrüsst. Das sind Erlebnisse, die ich nie vergessen werde. Auch im Tessin habe ich schon oft gespielt, besonders gut gefällt mir das «Moon & Stars» in Locarno. Ich gebe jedenfalls mein Bestes, um alle eure Kantone glücklich zu machen! (Lacht.)

Welche Träume haben Sie noch?

Jeden Tag stehe ich mit neuen Ideen auf. Ich möchte noch so vieles realisieren. Das ist gut so, denn Träume halten dich am Leben. Viele von ihnen setze ich auch tatsächlich um. Wie zum Beispiel dieses Konzert in Kuba: Alle sagten mir, dass es unmöglich sei. Aber ich habe es geschafft. Deshalb bin ich gespannt, was noch alles möglich sein wird. Vielleicht ein Konzert auf Chinas Grosser Mauer? Oder in einem Park in Südafrika? Oder eines im ewigen Eis Sibiriens? Wir werden sehen!

Zucchero, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.