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Interview

«Wir können gut täuschen, und das ist gut so»

Antoinette Anderegg ist Expertin für Körpersprache. Im Interview räumt sie mit gängigen Mythen auf und erklärt, wie wir beim Vorstellungsgespräch oder beim Flirten punkten können.

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Lucia Hunziker
21. Juni 2020

Frau Anderegg, wir reden am Telefon über Körpersprache. Eigentlich ein Widerspruch, oder nicht?

Unser Gehirn kommt damit klar. Unsere Vorfahren mussten auch im Dunkel der Höhle kommunizieren können. Wir kennen alle das Phänomen, dass wir uns das Gegenüber über die Stimme vorstellen. Viele vergessen, dass Körpersprache nicht nur über die Gestik und Mimik funktioniert, sondern ebenso über die paraverbalen Signale der Stimme, zum Beispiel den Tonfall.

Der Blickkontakt fehlt nicht?

Im direkten Austausch ist der Blickkontakt von enormer Bedeutung. Er meldet dem Gehirn: Jetzt ist der Kontakt hergestellt, jetzt werden ich und mein Verhalten bewertet. Dieses Wissen steuert unsere Körpersprache. Die Kontrolle über mein Verhalten wird erhöht. Ich setze mein soziales Gesicht auf. In den vergangenen Monaten waren Online-Meetings an der Tagesordnung. Da konnte ich ein lustiges Phänomen beobachten: Die Teilnehmenden schauen überall hin, nur nicht in meine Augen. Das Gehirn sagt uns also nicht, dass jemand anderes da ist. Deshalb beschäftigt sich der eine mit der Kaffeetasse, der andere macht ein gelangweiltes Gesicht. Das Gehirn ist sozusagen noch nicht auf Online-Meetings programmiert. Es vergisst, das soziale Gesicht aufzusetzen.

Was meinen Sie damit?

Unser Körper übersetzt unsere inneren Haltungen, Gedanken und Bedürfnisse – zum grössten Teil unbewusst. Es ist aber strategisch nicht klug, wenn ich im Gespräch mit dem Chef zum Beispiel Langeweile oder Verachtung zeige. Zum Glück haben wir Menschen für solche Fälle das soziale Gesicht parat. Unbewusst schätzen wir die Folgen unseres Verhaltens immer ab. Wir haben die erstaunliche Fähigkeit, einen Emotionsausdruck, dessen soziale Folgen unser Gehirn als schädlich einstuft, mit einem anderen überdecken zu können. Wir Menschen können sehr gut täuschen – nicht zu verwechseln mit lügen. Das ist gut so, weil es sozial notwendig ist. Stellen Sie sich vor, wir würden immer sagen, was wir denken!

«Wir Menschen können sehr gut täuschen – nicht zu verwechseln mit lügen.»

Antoinette Anderegg

Nonverbale Kommunikation spielt also eine grosse Rolle. Ist sie gar wichtiger als das gesprochene Wort?

Verbale und nonverbale Kommunikation ergänzen sich im besten Falle gegenseitig. Widerspricht aber die Körpersprache dem Wort, wird immer der Körpersprache geglaubt. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ich sage jemandem «Ich mag dich». Mein rechter Mundwinkel verzieht sich dabei verächtlich nach unten. Meinen Sie, dass meine Worte mein Gegenüber glücklich machen konnten?

Wie lernen wir diese Signale zu deuten?

Die Fähigkeit, sich über die Körpersprache auszudrücken, ist angeboren. Doch das Entschlüsseln lernen wir, indem wir Körpersprache und Geschehnisse verknüpfen. Dies lernen wir unser ganzes Leben lang. Das sogenannte Bauchgefühl ist nichts anderes als eine Sammlung unserer Erfahrungen, auf die wir unbewusst zugreifen können.

Es gibt einige Mythen, was Körpersprache angeht. Beispielsweise: Verschränkte Arme bedeuten Ablehnung und Lügner meiden den Blickkontakt.

Viele Menschen behaupten, dass sie Körpersprache intuitiv richtig verstehen. Meine Erfahrung aber zeigt, dass das nicht der Fall ist. Die meisten Menschen glauben zu wissen, was verschränkte Arme bedeuten. Dass es dabei immer um Ablehnung geht, ist ein typischer Mythos. Verschränkte Arme allein bedeuten jedoch noch gar nichts. Es kommt immer darauf an, wann und in welchem Zusammenhang diese Geste passiert. Ich kann in der Körpersprache kein einzelnes Signal unabhängig vom Kontext interpretieren. Und was das Lügen betrifft: Die wirklich bösen Lügner, die die Lust haben, einen übers Ohr zu hauen, die schauen einem genüsslich und tief in die Augen. Sie wollen schliesslich wissen, ob die Lüge gut ankommt.

Gibt es denn nicht eindeutige Lügensignale?

Ein weiterer Mythos. Denken Sie nicht, dass die Arbeit der Polizei um einiges einfacher wäre, wenn es eindeutige Signale gäbe? Sie hätte die Tricks längst gelernt.

Politiker werden oft als gute Lügner bezeichnet. Wie wichtig ist die Körpersprache in der Politik?

In Zeiten wie der Corona-Krise ist es nicht nur wichtig, was, sondern auch wie etwas gesagt wird. Politiker lösen entweder Vertrauen oder ein ungutes Gefühl aus. Die meisten lassen sich schulen, um auch nonverbal die richtigen Signale zu senden. Natürlich sollten sie das Training nicht einsetzen, um uns besser anlügen zu können. (Lacht.)

Warum haben Politiker eine Schlüsselstellung?

Wir leben als Herdentier in einer hierarchischen Ordnung. Wir orientieren uns immer nach oben, an der Person, die hierarchisch über uns steht. Bricht die Person, zu der wir aufschauen, zum Beispiel in Panik aus, so tun wir das auch. Deshalb haben Politiker und Führungskräfte eine so grosse Verantwortung.

Der Körper spricht immer mit: Antoinette Anderegg weiss, wie wir die richtigen Signale senden können.

Wie kann ich meine Körpersprache beim Vorstellungsgespräch einsetzen?

Wichtig ist vor allem der erste Eindruck, und der fängt bereits im Vorzimmer an. Lächeln Sie die Assistenzperson an. Nehmen Sie folgende innere Haltung ein: «Ich will schauen, ob mir der Arbeitsplatz überhaupt gefällt.» So werden Sie vom beurteilten Objekt zum beurteilenden Subjekt. Sie wirken gelassener und selbstbewusster. Da die interviewende Person automatisch die hierarchisch höhere ist, warten Sie aufmerksam ab, ergreifen Sie keine Initiative, sondern reagieren Sie auf die Bedürfnisse des Gegenübers. Lassen Sie ruhig Arme und Hände mitsprechen, damit zeigen Sie Leidenschaft. Und was die Nervosität angeht, da habe ich eine gute Nachricht: Andere merken diese in den seltensten Fällen, während man sich selber unglaublich nervös fühlt.

Warum ist gerade der erste Eindruck so wichtig?

Er wirkt direkt auf die Emotionen, ohne dass unser Bewusstsein ein Wörtchen mitzureden hat. Es braucht einen enormen Aufwand, den ersten Eindruck zurechtzurücken, meistens erhält man keine zweite Chance.

Gibt es bei der Körpersprache Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Natürlich! Wer nimmt denn durch seine Körperhaltung mehr Raum ein? Männer. Wer hebt den Kopf öfters schief? Frauen. Welches Geschlecht mustert das andere öfter von Kopf bis Fuss? Männer. Damit stellen sie sich hierarchisch über die Frau.

Ist Körpersprache in unseren Köpfen so stereotypisiert?

Unsere Welt ist viel zu komplex, als dass wir ohne Stereotypen leben könnten. Auch geschlechterspezifisches Verhalten haben wir gelernt. Viele denken, dass dominantes Verhalten von Natur aus männlich, ein sanftes, fürsorgliches Verhalten per se weiblich sei. So wird ein dominanter Mann als positiv stark bewertet und eine sich dominant gebärdende Frau als unangenehm und negativ. Natürlich haben wir Frauen gelernt, da wir durchschnittlich den Männern physisch unterlegen sind, dass wir mit statustiefem Verhalten unser Ziel oft besser erreichen als mit Dominanz. Wollen sie, dass ihnen ein Mann hilft, dann neigen sie zum Beispiel den Kopf auf ihre linke Seite, was folgende Aussage wirkungsvoll unterstützt: «Bitte hilf mir, du kannst das besser als ich.»

«Unsere Welt ist viel zu komplex, als dass wir ohne Stereotypen leben könnten.»

Antoinette Anderegg

Kann ich denn mithilfe der Körpersprache aus diesen Stereotypen ausbrechen?

Das geht, wenn wir uns unserer Körpersprache bewusst werden und an unserer Vorstellung von «Mann» und «Frau» arbeiten. Wenn ich als Frau zum Beispiel eine Gehaltserhöhung will, sollte ich das gerade nicht mit einem schiefgehaltenen Kopf versuchen.

Was müssen wir beim Flirten beachten?

Flirten ist das Spiel der möglichen Verführung. Anziehung und Flucht wechseln sich ab. Vom etwas längeren Blickkontakt und der verlegenen Abwendung und der erneuten Suche des anderen lebt ein guter Flirt. Und wenn eine Frau sich selbst streichelnd berührt, zum Beispiel am Hals, zeigt sie dem anderen: «Weisst du, wie schön es wäre, mich zu berühren?» Frauen können das Innere des Handgelenks zeigen, das zeigt Verletzlichkeit. Was vor allem Männer betrifft: Sie sollten Signale von Desinteresse erkennen und respektieren. Als Tipp für Frauen: Männern, die etwas zu gut flirten, sollte Frau grundsätzlich mehr Misstrauen entgegenbringen. Das sind oft Jäger. Diejenigen mit ernsthaftem Interesse sind meist unsicherer.

Wie wichtig sind die Hände in der nonverbalen Kommunikation? Oft wissen wir ja nicht, wohin damit.

Grundsätzlich wirken hängende Arme uninspiriert. Befinden Sie sich in einer wartenden Situation, legen Sie die Hände ineinander oder stützen Sie eine Hand in die Hüfte. Je nach Situation sind auch verschränkte Arme gut. Sobald Sie kommunizieren, sich also in einer aktiven Rolle befinden, sollten Sie die Arme und Hände als Tools erleben, die dem Gegenüber etwas übergeben. Sie wirken auch als Verstärker Ihrer Aussagen. Lassen Sie sie mitreden. Wenn Sie wissen, wovon Sie sprechen, formen Ihre Hände automatisch die richtigen Untertitel.

Angela Merkel faltet ihre Hände ja gerne zu einer Raute.

(Lacht.) Ja, das ist ihr Markenzeichen. Bei Angela Merkel schauen alle drauf und versuchen es zu deuten. Doch der einzige Sinn liegt darin, dass sie früher jemand war, der mit ihren Händen nichts anzufangen wusste. Irgendwann hat ihr dann einmal jemand gesagt, sie solle doch einfach eine Raute machen. Doch eine Geste, die immer zu beobachten ist, hat keinen Bezug mehr zum Kontext. Sie lässt sich also nicht mehr deuten. Trotzdem passt die nach unten gehaltene Raute bei ihr ganz gut. Das heisst in der Körpersprache nämlich: «Ich bin die, die es weiss, halte mich aber zurück.»

Ist es kontraproduktiv, wenn ich merke, dass mein Gegenüber seine Körpersprache einsetzt, um damit etwas zu erreichen?

Wenn der Versuch der Manipulation zu offensichtlich ist, ja. Oft merken wir diese Manipulation aber gar nicht. Da wir gerne glauben, was für uns angenehm ist. Wenn jemand freundlich wirkt, dann wollen wir das auch glauben. Auch wenn die Person es nicht so meint.

Antoinette Anderegg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.