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Interview

«Wir spüren uns wieder mehr»

Zusammenleben während Corona: Familien- und Paartherapeutin Christine Harzheim erklärt den Wert von Schweigepausen und was man unbedingt auf später verschieben soll. 

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Peter Mosimann
13. April 2020
Christine Harzheim: «Wichtig ist in dieser Ausnahmezeit, den Ball flach zu halten.»«Jeder und jede muss ein eigenes Ventil finden und nutzen.» 

Christine Harzheim: «Wichtig ist in dieser Ausnahmezeit, den Ball flach zu halten.»«Jeder und jede muss ein eigenes Ventil finden und nutzen.» 

Christine Harzheim, rechnen Sie in ein paar Monaten mit einem Scheidungs- oder mit einem Babyboom?

Mit beidem. Nähe erzeugt auch Spannung – und die kann man halt je nach Temperament und Vorgeschichte auf vielerlei Arten lösen.

Seit einem Monat sitzen viele Familien auf engem Raum zusammen. Wie vermeidet man den Lagerkoller?

Das Wichtigste in der aktuellen Situation ist, seine Ansprüche an sich selbst und an die anderen herunterzufahren und an das anzupassen, was real möglich ist. Wer jetzt erwartet, dass alles rund läuft, das Homeschooling kein Problem ist, die Kinder artig sind und der Haushalt top, der wird enttäuscht werden. Wer enttäuscht ist, wird wütend und schreit dann vielleicht das Kind an. Dies stresst das Kind zusätzlich und es verhält sich noch schwieriger. Es ist ein Teufelskreis. Deshalb gilt: wenig und vor allem nur Realistisches erwarten.

«Kinder brauchen sinnliche Orientierung darüber, wann Pflicht, wann Kür, wann Pause ist.»

 

Wie gelingt das Zusammenleben?

Es ist wichtig, einen Rhythmus zu schaffen. Der Tag sollte gewisse Marker enthalten, die einem Kind klar machen, wo man sich gerade befindet. Sonst verkommen die 24 Stunden pro Tag zu einem einzigen Brei, in dem man beliebig mal dies und mal das macht. Hier helfen Rituale oder dass man für die Tätigkeiten unterschiedliche Räume aufsucht. Oder dass sich das Kind umzieht, wenn das Homeschooling Sport vorsieht. Kinder brauchen sinnliche Orientierung darüber, wann Pflicht, wann Kür, wann Pause ist.

Welche weiteren Tricks gibt es?

Es geht darum, Ventile zu schaffen, die ermöglichen, auf Spannungen zu reagieren. Zum Beispiel kann man eine Schutzzone, eine Art Friedensecke schaffen. In diese Zone darf sich jedes Familienmitglied zurückziehen, wenn es genug hat von Streit, Stress und Vorwürfen. Hier hat es seine Ruhe und ist geschützt. Wer viel Platz hat, kann ein ganzes Zimmer 
reservieren, andere richten vielleicht eine Ecke im Wohnzimmer ein mit einem Sitzsack oder einer Matratze. Die Zone muss nicht riesig sein, aber gemütlich. 

Dort darf einen niemand stören?

Ja. Jede und jeder darf sich während eines Konflikts dorthin zurückziehen, wenn es zu viel wird. Das gilt es zu respektieren. Auch die Erwachsenen sollten dies nutzen, bevor sie ausrasten. Die Schutzzone schafft einen Rückzugsort, mit dem man auch physisch das Signal setzt: Ich brauche eine Auszeit. Das macht es gerade für Kinder leichter verständlich. Hinterher, wenn alle wieder im grünen Bereich drehen, kann man weiter reden.

Was kann man tun, damit man gar nicht erst in die Schutzzone muss?

Hier muss jeder sein eigenes Ventil suchen und nutzen. Für Kinder ist das oft Bewegung, manchmal auch kompletter Rückzug. Auch mal gamen kann entspannen. Erwachsene gehen vielleicht schnell eine rauchen oder machen eine Atemübung. Alle Paare und Familien müssen ihren eigenen Weg finden. Vielleicht sagt eine Familie auch: «Sitzsack, Friedensecke – echt jetzt? Wir finden lieber einen eigenen Weg.» Wenn es für sie stimmt, ist das absolut in Ordnung. 

«Sitzsack, Friedensecke – echt jetzt?»

 

Wie findet man seinen Weg?

Der erste Schritt ist immer, das wahrzunehmen, was in einem vorgeht. Wichtig ist es, Verantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu übernehmen und sie mit den anderen zu besprechen. Familie sollte jetzt der Ort sein, wo sich alle sicher fühlen und die existenziellen Bedürfnisse nach Schutz, Nähe, Freiraum und Wertschätzung bestmöglich erfüllt werden.

Wie kann man den destruktiven Kreislauf des Streitens sonst noch verlassen?

Zurzeit muss man sorgfältiger darauf achten, wann ein Gespräch kippt und einen giftigen Unterton bekommt. Dann sollte man eine Pause machen, Distanz schaffen und sich beruhigen. Das ist wichtig, weil man nicht einfach weggehen kann. Wenn es zu eskalieren droht, sollte man unbedingt Hilfe holen. Dafür braucht es dringend niederschwellige Angebote, die nicht teuer sind und vor allem zeitnah funktionieren. In unserer Praxis beispielsweise bieten wir nun ohne Wartefrist Beratung online, via Skype oder Telefon an.

An Feiertagen wie Ostern und Weihnachten ist man ja auch zusammen. Ganz neu ist die Situation also nicht.

Das lässt sich nur bedingt vergleichen. Die Feiertage haben freiwilligen Charakter, auch wenn man sich von Tanten und Grossonkeln dazu genötigt fühlen mag, zusammenzukommen. Zurzeit befindet man sich gemeinsam mit seinen Nächsten im Kampf gegen aussen, gegen das Virus. Und man kann sich der Situation nicht entziehen. Das ist der Unterschied. 

Bei allem Ungemach hat der Lockdown auch etwas Positives: Er entschleunigt unser Leben.

Absolut. Es gibt viel weniger Reize. Das kann lehrreich sein: Wie gehe ich damit um, dass ich nicht von aussen permanent mit Ablenkungsmöglichkeiten gelockt werde? Die Kinos sind zu, die Restaurants ebenfalls, alles ist sehr reduziert. Plötzlich spüren wir uns wieder mehr und auf eine Weise, die wir schon lange nicht mehr gewohnt sind. Wichtig ist, den Blick eher nach innen zu richten und im Augenblick achtsam und präsent zu sein. Es gibt nichts Besseres, als wenn Eltern sich für ihre Kinder Zeit nehmen, nicht hetzen und nicht zwei Sachen gleichzeitig machen. Das ist viel beziehungsfördernder als jede Animation und Action. Das gilt auch für Paare: Qualität entsteht, wenn man wirklich beieinander ist, egal ob man sich im Wasserpark vergnügt oder ob man lustvoll gemeinsam kocht oder abwäscht. 

Ein Theologe empfiehlt für die aktuelle Situation: Zwischendurch einfach mal eine Zeit lang schweigen. Pflichten Sie ihm bei?

Ja, es kann sehr entlastend wirken, wenn man das so miteinander vereinbart. Wenn nicht geredet wird, wird nicht kritisiert. Kinder erholen sich vom Bewertungsstress. Einfach nur sein tut gut. Man weiss, dass man zumindest während der Schweigephase nicht zugetextet, ermahnt oder belehrt wird. Aber auch für jene, die immer das Gefühl haben, dass sie weise Dinge sagen müssen, kann so eine Schweigezeit entlastend sein.

Wie lange soll diese Schweigepause dauern?

Das muss jede Familie für sich selber ausprobieren. Sicher meine ich nicht das autoritäre Redeverbot aus früherer Zeit, wo das gemeinsame Essen in ängstliches Schweigen gehüllt war. Es geht um eine vereinbarte Auszeit von zu viel Worten und Appellen, während der man sich zurückziehen darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Kommunikation kann gut, aber genauso belastend sein, gerade wenn man aus eigener Überlastung gegenüber den Kindern in dieses lamentierende Nörgeln gerät. Ein vereinbartes Schweigen öffnet Freiräume.

Sind in diesen schweren Zeiten gewisse Themen tabu? Oder darf man über alles reden?

Wichtig ist, in so einer Ausnahmezeit den Ball flach zu halten. Das empfehle ich übrigens auch zu Weihnachten. Konfliktträchtige Grundsatzdiskussionen oder Entscheidungen von einer gewissen Tragweite sollte man vertagen.

Ab welchem Alter begreifen Kinder, was da abgeht?

Das ist individuell, das muss man bei jedem Kind erfassen. Man kann es fragen, was es über Corona schon gehört hat, vor allem aber, welche Gefühle die ganze Situation auslöst. Und dann altersgerecht informieren. Einem Vierjährigen muss man nicht die Parallelen zur Ebola-Krise erklären wollen. Lieber bleibt man ganz im kindlichen Verständnis. Noch viel wichtiger aber ist, dass Eltern ihre eigenen Ängste gut regulieren, indem sie nicht rund um die Uhr Schreckensnachrichten konsumieren. Damit ist dem kindlichen Gemüt am meisten gedient: Wenn die Eltern sich selber gut spüren. Häufig versuchen sie ja, die anderen im Lot zu halten – und vernachlässigen den Blick auf sich selbst. Die Kinder orientieren sich sehr stark an ihren Eltern. Deshalb ist es wichtig, Modell zu stehen für die Frage: Wie kann ich mit meiner eigenen Angst, meiner Wut umgehen? Mir ist aber noch etwas anderes wichtig ...

«Wichtig ist, dass Eltern ihre eigenen Ängste gut regulieren, indem sie nicht rund um die Uhr Schreckensnachrichten konsumieren.»

 

Nämlich?

In dieser schwierigen Zeit ist die Atmosphäre in den eigenen vier Wänden von zentraler Bedeutung. Sie muss nicht perfekt, aber doch so entspannt sein, dass sich das Kind wohl und geborgen fühlt. Die Bedrohung von aussen empfindet es dann als sekundär. Wenn die Bedrohung aber vor allem von der Familie selber ausgeht, wenn alle komplett überfordert sind, der Vater zu viel trinkt, die Mutter fast durchdreht, dann ist es enorm belastend. Die Schule ist ja normalerweise auch so eine Art Schutzmechanismus für Kinder in Not, etwa wenn es zu häuslicher Gewalt kommt. Der Kindsschutz ist in belasteten Familien derzeit zu wenig gewährleistet.

Christine Harzheim, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.