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Porträt

«Hier habe ich für einmal Oberhand»

Als Sehbeeinträchtigte ist Janka Reimmann oft auf die Hilfe der Normalsichtigen angewiesen. Im Zürcher Dunkelrestaurant «Blinde Kuh» ist es genau umgekehrt.

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Desirée Good
19. Oktober 2020
Janka Reimmann liebt ihren Job in der «Blinden Kuh»: «Die Arbeit bietet viel Abwechslung.»

Janka Reimmann liebt ihren Job in der «Blinden Kuh»: «Die Arbeit bietet viel Abwechslung.»

Wenn Janka Reimmann einen Wunsch frei hätte, dann würde sie ein Gut wählen, das in der heutigen Zeit rarer geworden ist: Aufmerksamkeit. Und zwar Aufmerksamkeit gegenüber den Mitmenschen. «Es wird immer verreckter», sagt sie und entschuldigt sich sogleich, «sorry, immer schlimmer.» Die Menschen starren nur noch auf ihr Handy, beim Verlassen des Trams, wenn sie durch die Strassen gehen oder sogar beim Einkaufen. Reimmann aber ist darauf angewiesen, dass sie wahrgenommen und gesehen wird. Die 45-jährige Winter- thurerin verfügt selber nur noch über ein Sehvermögen von drei Prozent.

Zwar hat sie auch immer wieder schöne Erlebnisse, so wie vorhin, als ihr auf dem Markt gleich mehrere Personen geholfen haben. Eine übertrieb es allerdings ein wenig, packte sie am Arm, weil sie sie an einem Hindernis vorbei lotsen wollte. Reimmann findet das nicht so toll, sie weiss aber auch, dass es die Person nur gut meinte. Richtig ärgern kann sie sich hingegen, wenn jemand über ihren Stock stolpert, eben weil es an Aufmerksamkeit fehlt. Oder wenn sie in einen Bus steigt und fragt, um welche Linie es sich handelt, weil sie die Nummer nicht sehen kann. Und niemand antwortet. «Die sitzen da, alle mit Kopfhörern über den Ohren und in ihre Welt versunken.»

Bei ihrer Arbeit kann sie den Spiess für einmal umdrehen. Reimmann ist seit 20 Jahren Kellnerin in der «Blinden Kuh» in Zürich. Im Dunkelrestaurant hat sie «Oberhand», wie sie es nennt: «Sonst bin ich auf die Hilfe der anderen angewiesen, hier ist es genau umgekehrt.» Sie nimmt die Gäste beim Eingang in Empfang, nachdem diese die Gerichte ausgewählt haben. Dann führt sie sie in einer Einerkolonne an ihren Platz im Essraum, wo absolute Dunkelheit herrscht. Das Smartphone muss draussen abgegeben werden. Die Besucher können sich an diesem Ort wieder auf Düfte, Geräusche und ihr Gegenüber besinnen. «Viele haben ja verlernt, mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin ein richtiges Gespräch zu führen. Weil sie immer wieder von ihrem Handy abgelenkt werden.»

Ein überraschend sauberes Hemd

Janka Reimmann liebt den Job, wobei sie derzeit wegen Corona auf Kurzarbeit ist und auf Abruf bereit steht; auch die «Blinde Kuh» spürt die Verunsicherung vieler Gäste, trotz ausgeklügeltem Schutzkonzept. «Es ist eine Arbeit, bei der man den Kopf beieinander haben muss», sagt sie, «und die viel Abwechslung bietet. Denn jeder Abend verläuft anders.» Missgeschicke bei den Gästen gibt es erstaunlich wenige. Eine Besucherin habe letzthin nach dem Verlassen ganz erstaunt zu ihrem Gatten gesagt: «Dein Hemd ist ja sauberer als nach einem normalen Restaurantbesuch!»

Auch zu schmerzhaften Zusammenstössen zwischen dem Servicepersonal, so Reimmann, kommt es Gott sei Dank selten. Sehr häufig hingegen sind Begegnungen, die Freude bereiten oder aber nachhallen. Etwa, wenn die frühere Partnerin eines Gastes zufälligerweise am Nebentisch sitzt und die neuen Paare miteinander ins Gespräch kommen. Sie erinnert sich ebenso an eine Frau, die einst von einer Lawine verschüttet worden war und nun im Dunkeln plötzlich Angst bekam. Reimmann beruhigte sie, fragte mehrmals nach, wie es ihr gehe, und wurde am Ende des Abends schliesslich von ihr umarmt. Aus Dankbarkeit: «Es hat so gutgetan, bei Ihnen Gast sein zu dürfen!»

Janka Reimmann erkennt im Alltag nicht mehr als die Umrisse eines Menschen. «Ich sehe ihn vor mir, kann aber nicht sagen, ob er Bart und Brille trägt.» Bis zu ihrem achten Lebensjahr sah sie normal, dann verschlechterte sich ihr Sehvermögen rapide. Weshalb, ist bis heute nicht sicher. Erst äusserten die Ärzte den Verdacht, dass es sich um die Nebenwirkung einer Masern-Impfung handeln könnte. Später wurde bei ihr eine Autoimmunkrankheit festgestellt und als Grund für den dramatischen Sehverlust vermutet.

Was auch immer die Ursache gewesen sein mag – es entspräche nicht ihrem Charakter zu hadern oder zu lamentieren. Reimmann lernte früh, mit der Beeinträchtigung umzugehen. Bald besuchte sie eine Sonderschule für Sehbeeinträchtigte, bevor sie wieder in die Regelschule zurückkehrte und schliesslich eine Bürolehre absolvierte. Ihr Blindenhund Oreo ist eine enorme Unterstützung, ebenso hilft eine pingelige Ordnung in jenen Räumen, in denen sie sich regelmässig aufhält: «Alles hat am richtigen Ort zu sein, deshalb muss mein Mann ganz genau aufpassen, dass er nichts verstellt.» Matthias (40) lernte sie über eine Partnervermittlung kennen. Zum ersten Date lud er sie auf ein Schiff ein, an einen Ort also ohne Fluchtweg. Der war auch gar nicht nötig. «Es hat einfach gepasst», freut sich Janka Reimmann. «Ich darf sagen, dass ich ein Riesenglück habe.»