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Mit der Technik verschmelzen

Sie tragen elektronische Geräte nicht bloss mit sich herum, sondern lassen sie in den Körper einbauen. Sie tun das, um ihre Sinne und ihr Selbst zu vervollkommnen: die Transhumanisten oder Cyborgs.

03. August 2020

Transhumanisten wollen die biologischen Grenzen des Menschen erweitern, ihr Leben verbessern und verlängern, den Tod hinausschieben. Und zwar durch den Einsatz von Technik. Während wir alle Elektronik und Technik in Form von Handys mit uns herumtragen, lassen sich Biohacker Mikrochips, Magnete oder gar Antennen einoperieren. Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine nennt sich Cyborg.

Der erste «offiziell» als Cyborg anerkannte Mensch ist der 35-jährige Avantgarde-Künstler Neil Harbisson. Der in Spanien aufgewachsene Brite lebt und wirkt heute in New York. Von Geburt an sah er nur schwarz-weiss-graue Töne. Trotz dieser Farbenblindheit konnte er in England eine Kunstausbildung absolvieren, in deren Verlauf er zusammen mit einem Dozenten ein Gerät entwickelte, durch das er Farben hören kann. Anfangs bestand es aus einem Computer, den er mit sich herumtrug, Kopfhörern und einem Farbsensor, der mithilfe spezieller Software Lichtwellen und Farbe wahrnimmt und in Töne umwandelt. Später konnte er den Computer durch einen Chip ersetzen, den er in den Schädel einoperieren liess. Und auch die Antenne mit dem Farbsensor ist heute in seinem Kopf integriert. Die Farbklänge nimmt er nicht durch die Ohren, sondern durch das Vibrieren seiner Schädelknochen wahr. Er ist glücklich, dass er nun klanglich über 360 verschiedene Farben unterscheiden kann. Er nimmt also mehr Farben wahr als wir gewöhnlichen Menschen: Neil Harbisson hört sogar infrarote und ultraviolette Klänge. «Seit ich auch in Farben träume, nehme ich meine Antenne als Körperorgan wahr», sagt er. Chip und Antenne veränderten auch sein Kunstschaffen. Klangporträts berühmter Menschen zu malen, das hat es ihm besonders angetan. Zudem speist ihm die Antenne auch Satelliten-Signale ein, welche er ebenfalls in seine Kunst einfliessen lässt.

Der farbenblinde Künstler Neil Harbisson liess sich eine Antenne und einen Chip in den Kopf einoperieren, damit er Farben hören kann. Er empfindet die Antenne als Teil seines Körpers – und gilt «offiziell» als Cyborg. 

Als Neil Harbisson 2004 seinen Pass erneuern wollte, verweigerten ihm die britischen Behörden dies: Er sei auf dem Foto mit dem elektronischen Gerät zu sehen, was nicht erlaubt sei. Er wehrte sich und argumentierte, die Antenne sei Teil seiner selbst. Erst als auch sein Arzt und Unidozenten der Behörde Briefe schrieben, akzeptierte diese die Antenne als Organ seines Körpers und das Passbild. Damit wurde Neil Harbisson mindestens vom Passamt offiziell als Cyborg anerkannt.

Und er tüftelt weiter. Er möchte, dass seine Geräte nicht mehr von externen Energiequellen abhängig sind. Noch ist ihm aber unklar, ob er sie mit der eigenen Atmung oder einer kleinen Turbine im Blutkreislauf antreiben will …

Auch Schweizer sind voll dabei

«Auch ein Handy macht uns fast zum Übermenschen.»

Robert Riener

Der Basler Techniker Mike Schaffner ist der bekannteste Transhumanist der Schweiz. Beruflich leitet der 29-Jährige einen Campus für junge Informatiktalente. Auch er hat sich schon einiges implantiert oder implantieren lassen, doch seine Chips und Magnete stechen nicht gleich so ins Auge wie Neil Harbissons Antenne. Aber auch Mike Schaffner will mit der Technik verschmelzen. Mit seinen Chips unter der Haut, die auf der Funktechnik Near Field Communication (NFC) basieren, kann er Türen öffnen, mit den Magneten in den Fingerkuppen nimmt er elektromagnetische Wellen wahr. Und er tüftelt ständig an neuen Gerätschaften, die er sich einsetzen lassen möchte. «Neu sind endlich Kreditkarten-Implantate auf dem Markt, mit denen man mit der Hand kontaktlos bezahlen kann», sagt er begeistert. Er hat auch selber so einen Prototyp entwickelt und gebaut, und er funktioniert. Doch nun wartet er auf die Testberichte des Vivokey-Chips. Er hat noch viele weitere Ideen, wie er seinen Körper aufrüsten will. Von seinem Gehirn und seinem Verstand gebe es allerdings noch keine digitale Kopie, sagt Mike Schaffner. Philosophisch identifiziert er sich jedoch voll mit dem Transhumanismus: der Unsterblichkeit des Menschen. Diese sei im Prinzip zum Greifen nahe, sagt er, auch wenn momentan noch nicht ganz klar sei, wie dies technisch umgesetzt werden soll.

Behinderten helfen

Bisher kennt man Implantate vor allem aus dem medizinischen Bereich – Herzschrittmacher etwa gibt es seit 1958. Auch Cochlea-Implantate, die Tauben das Hören wieder erlauben, der 3D-Druck von Gliedmassen und Herztransplantationen mit Roboter-Herzen sind längst Realität. In diesem Sinne ist die transhumanistische Veränderung der Menschheit also bereits im Gang. «Doch wer so ein Implantat hat, möchte normalerweise nicht als Cyborg bezeichnet werden», sagt ETH-Professor Robert Riener (51). Er baut motorisierte Prothesen und sogenannte Exoskelette, die Gelähmte stützen und ihnen sogar erlauben zu gehen. Auch er glaubt daran, dass Technik und Menschen mehr und mehr miteinander verschmelzen.

Am Cybathlon-Event in Zürich, den Robert Riener 2016 gegründet hat, treten Menschen mit Behinderungen gegeneinander an. Deshalb wird der Anlass auch als die Olympischen Spiele der «Cyborgs» bezeichnet. Hinter den teilnehmenden Athleten stehen fast 100 Entwicklerteams aus 25 Ländern. Es geht Riener unter anderem darum, die Roboter-Prothesen einem Härtetest zu unterziehen. «Ich will der Technik Schub verleihen. Wir wollen nicht nur zeigen, was funktioniert, sondern auch, was nicht», sagt er und hält fest, dass das Event dieses Jahr vom Mai auf September verschoben werden musste. Noch schafft man es nicht, einen Roboteranzug zu bauen, der sofort erkennt, was der Mensch will. «Aber was nicht ist, kann noch werden», sagt der Forscher zuversichtlich.

ETH-Professor Robert Riener mit einer motorisierten Knieprothese. Er gründete das Cybathlon-Event und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.

Bei all diesen Beispielen geht es darum, Behinderten zu helfen, ihre Lebensqualität zu verbessern. Das wollen auch überzeugte Transhumanisten. Doch manche wollen eben mehr – womöglich übermenschliche Kräfte. Robert Riener gibt zu bedenken, dass auch Nichtbehinderte heute stark von technischen Errungenschaften abhängig sind. «Schon ein Auto oder ein Handy macht uns ja quasi zum Übermenschen», sagt er. Für ihn stellt sich beim Einsatz von dieser und weitergehender Technologie immer die Frage, inwieweit man sich damit schadet: «Obwohl uns auch das Handy stressen kann, sind doch der Nutzen und Mehrwert grösser als der Schaden». Wer wollte dem Professor da widersprechen?