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Interview

Der Saubermann

Seine fliegerischen Pionierleistungen brachten ihm weltweiten Ruhm ein. Den nutzt Bertrand Piccard heute, um unermüdlich für den ökologischen Umbau der Wirtschaft zu werben.

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Daniel Ammann
27. Juli 2020

Bertrand Piccard

Getrieben vom Pioniergeist

Schon sein Grossvater und Vater hatten die Lüfte und die Tiefsee erforscht. Bertrand Piccard wurde Arzt, umkreiste 1999 die Welt im Ballon und 2015/16 in einem mit Solarenergie betriebenen Flugzeug («Solar Impulse»). Er lebt in Lausanne, ist verheiratet und hat drei Töchter. Als unabhängiger Partner unterstützt er den Autohersteller Hyundai.

Vier Jahre nach der ersten öffentlichen Wasserstoff-Tankstelle der Schweiz bei Coop gibt es seit Anfang Juli eine zweite: Zur Eröffnung der Avia-Station kam Bertrand Piccard nach St. Gallen und sprach über sein Engagement für die Umwelt.

Das Wasserstoffauto – Zukunftsmusik oder bald schon Realität?

Andere Länder reden nur davon, doch die Schweiz macht rasche Fortschritte. Wir sind bei der Wasserstoffmobilität führend, weil hier alle an einem Strick ziehen: Wasserstoff-Produzenten und Tankstellen, Camionlieferant Hyundai sowie Logistiker und Grossverteiler wie Coop, welche die H2-Lastwagen nutzen. So ist das Tankstellennetz in ein bis zwei Jahren dicht genug, um Wasserstoff­autos auch privat nutzen zu können.

Was treibt Sie dazu an, sich immer wieder für die Umwelt einzusetzen?

Als Forscher ist man nie zufrieden und sucht immer nach der besseren Lösung. Was ich an unserer heutigen Welt verabscheue, sind Ineffizienz und Mangel an Respekt gegenüber den natürlichen Ressourcen. Etwa drei Viertel der Energie, die Hälfte der Nahrung und 90 Prozent der Abfälle werden einfach verschwendet. Wenn wir heute die Wirtschaft wieder in Schwung bringen wollen, müssen wir saubere, moderne Technologien nutzen. Es ist nicht nur ökologisch, so zu handeln, sondern logisch.

Das klingt überzeugend, aber wieso sind wir noch nicht weiter?

Lange Zeit waren die erneuerbaren Energien nicht rentabel. Sie mussten subventioniert werden, verursachten Defizite und Probleme. Das ist anders, sobald fossile Quellen wie Öl, Kohle oder Gas keine finanziellen Vorteile mehr bieten. Scheinbar grenzenloses Wachstum, das die ganze Welt ins ökologische Chaos stürzt, oder eine restriktive Umweltpolitik, unter der Wirtschaft und Gesellschaft zusammenbrechen – dieses alte Dilemma ist heute durch qualitatives Wachstum überwindbar: Wenn wir umweltschädigende Systeme durch saubere und effiziente Technologien ablösen, können wir neue Arbeitsplätze schaffen und Gewinn erwirtschaften.

Warum setzen Sie auf Wasserstoff als Lösung für die Zukunft?

Wenn wir mithilfe von Wasserkraft, Wind- oder Solarenergie Wasser in seine Elemente aufspalten, können wir den Wasserstoff als Speicher für diese erneuerbaren Energien nutzen. In Autos, Zügen, Schiffen oder Flugzeugen lässt sich daraus in Brennstoffzellen Strom für den Antrieb erzeugen, wobei wieder Wasser entsteht. Diese Technologie ermöglicht uns eine saubere Mobilität.

Auf der Strasse ist aber noch nicht viel vom sparsamen Umgang mit Ressourcen zu sehen …

In primitiven Kulturen zeigt man seinen Reichtum durch Verschwendung. Autos mit grossen Motoren und hohem Schadstoffausstoss sind kein Ausdruck von Stärke, sondern von Schwäche.

«In primitiven Kulturen zeigt man seinen Reichtum durch Verschwendung.»

Bertrand Piccard

Mit der Weltumrundung haben Sie bewiesen: Fliegen mit Solarenergie ist möglich. Wie geht es nun weiter?

Unsere Stiftung «Solar Impulse» hat das Ziel, 1000 Lösungen zu sammeln, die auf wirtschaftlich rentable Weise zum Umweltschutz beitragen – Technologien, Systeme, Produkte, Materialien etc. Nach zwei Jahren haben wir schon über 600 solcher Lösungen mit von Experten zertifizierter Rentabilität und ökologischer Wirkung. Dies soll Regierungen zu einer anspruchsvolleren Umweltpolitik ermutigen und Unternehmen motivieren, in solche Projekte zu investieren.

Hat die Corona-Krise diese Arbeit erschwert?

Nein. Durch Ineffizienz, Umweltverschmutzung und Ungerechtigkeit war unsere Welt schon vor dieser Krise sehr fragil und am Rande einer Rezession. Solange das System so funktionierte, war es nur schwer möglich, Veränderungen zu erreichen. Jetzt liegt die Wirtschaft am Boden und ist auf neue Konzepte angewiesen – das ist der ideale Moment, um etwas völlig Neues aufzubauen. Jetzt werden unvorstellbare Finanzmittel bereitgestellt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Wir müssen die Nutzung dieser Gelder unbedingt an ökologische Kriterien knüpfen. Es ist zum Beispiel völlig unsinnig, Autohersteller zu unterstützen, wenn sie nach wie vor dieselben Modelle bauen, obwohl sie wissen, dass man in fünf Jahren nirgendwo mehr mit so hohen Abgaswerten ins Stadtzentrum fahren darf.

Das klingt alles einleuchtend. Und doch haben Menschen meist Mühe, Gewohnheiten abzulegen, obwohl sie wissen, wie schädlich sie sind. Haben Sie dafür eine Lösung?

Über die Moral funktioniert das nicht. Wenn Sie den Menschen sagen, dass sie die Umwelt ihren Kindern und Enkeln zuliebe schützen müssen, erreichen Sie nicht viel. Die eingefahrenen Routinen blockieren alles. Besser funktioniert das mit Belohnung: Wer einen finanziellen Vorteil sieht, ist eher bereit, sein Verhalten zu ändern. Natürlich gibt es immer Egoisten, die sich niemals ändern wollen. An diesem Punkt müssen die Regierungen handeln. Sie müssen Visionen aufzeigen und klare Leitplanken setzen. Für Bildung, Gesundheit, Steuern oder Sicherheit sind die rechtlichen Rahmenbedingungen klar definiert, aber in Bezug auf Effizienz und Umweltverschmutzung sind sie noch viel zu lasch.

Bertrand Piccard, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.