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Der Überflieger

Vor Chris Harmat ist keine Mauer, keine Treppe und kein Geländer sicher. Der Parkour-Sportler ist Weltmeister – und er will auch in Zukunft hoch hinaus.

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Kostas Maros
05. Oktober 2020
Chris Harmat kennt viele Höhenflüge: Sei es beim Rückwärtssalto in einer Beton-Landschaft oder bei einem Sprung im Basler Imbergässlein.

Chris Harmat kennt viele Höhenflüge: Sei es beim Rückwärtssalto in einer Beton-Landschaft oder bei einem Sprung im Basler Imbergässlein.

Mal hängt er in luftiger Höhe, sich mit nur einer Hand festhaltend, an einer Mauer. Dann vollführt er in einer Beton- Landschaft Salti, fliegt in einer Basler Altstadt-Gasse über die Treppen oder er macht im Internet mit einem spektakulären Sprung von der Basler Schifflände in den Rhein Furore (siehe www.facebook.com, Suchbegriff «Chris Harmat»).

Parkour-Sportler überwinden allein mit Muskelkraft, Akrobatik, Kreativität und Mut Hindernisse. Ihre Spielwiesen sind Gebäude, Mauern, Brücken, Geländer – alles, was einen Parcours ergeben könnte. Der 28-jährige ist der Beste im Speed-Parkour – weltweit. 2007 sah er mit Freunden den Film «Yamakasi», der von Parkour- Athleten handelt. Angespornt vom Können seines Freundes und heutigen Parkour- Legende Kevin «Kevo» Fluri (30), begann der damals 15-Jährige bald ebenfalls Parkour zu trainieren. Zwei Jahre später war er Weltmeister in der Kategorie «Speed». 2019 Jahr wurde er Gesamtweltcup-Sieger. Zudem führt er die Weltrangliste an.

Doch warum lagen zehn Jahre zwischen den Grosserfolgen? «Wie soll ich sagen … ich war ein paar Jahre zu wenig fokussiert und vernachlässigte das Training», sagt Chris Harmat. Als ganz junger Mann liess er ab und zu die Sau raus, was sich nicht immer mit dem Spitzensport vertrug. Doch diese Erfahrungen haben auch ihr Gutes, denn sie helfen ihm bei der Betreuung der Teenager im Verein «World’s Parkour Family». Zu ihm, dem Weltmeister und mehrfachen «Ninja Warrior Switzerland»- und «Ninja Warrior Germany»-Finalisten, blicken die Jugendlichen auf. Spätestens seit seinen «Ninja Warrior»-TV-Auftritten verfügt Harmat über eine grosse Fan-Gemeinde. Und auch in der aktuellen Staffel von «Ninja Warrior Germany», die gegenwärtig auf RTL ausgestrahlt wird, ist er dabei. Wieder werden die Teilnehmer dort wahnwitzige Hindernisläufe zu bezwingen haben.

Grosses Projekt

Trotz seines gestählten Körpers und seiner unglaublichen Fitness stöhnt Chris Harmat: «Boah, meine Beine! Ich habe brutalen Muskelkater.» Ein Training am Abend zuvor mit seinen Schützlingen ist daran schuld. Seine Ausbildung als Fitness-Instruktor kommt ihm bei deren Coaching zugute. Die Kenntnisse aus seiner abgebrochenen Lehre als Elektroinstallateur helfen ihm bei «Overground», seinem Herzensprojekt, das er mit drei Trendsport-Kollegen vom Team «the ninja concept» auf die Beine stellt. Dank Sponsoren, Bankkrediten und 142 000 Franken aus einem Crowdfunding entsteht an der Elsässer­strasse 215 in Basel eine 2500 Quadratmeter grosse Halle für sieben Trendsportarten – Parkour, Ninja Warrior, Chase Tag, Calisthenics, Trampolin, Big Bounce, Tricking. Es ist die erste ihrer Art in der Schweiz. Harmat hat das sportliche Innenleben der Halle geplant, zudem öffentliche Parkour-­Anlagen in Basel und Arlesheim BL. Er ist also so etwas wie der Bernhard Russi der Trendsportler, der Pistenbauer.

«Ich finde Sportarten mit Geräten, die kaputt gehen können, viel gefährlicher als Parkour.»

Chris Harmat

Nach Eröffnung der «Overground»- Halle Ende 2020 wird er fürs Eventmanagement und die Social Media zuständig sein. Chris Harmat verfügt selbst über fast 30 000 Follower auf Instagram sowie 200 000 auf TikTok. Das hat ihm das Engagement als einer der vier offiziellen TikToker von Schweiz Tourismus eingebracht. «Ich bin immer wieder zusammen mit meiner Freundin Rike in ihrem VW-Camper unterwegs. Auf diesen Touren kommen wir auch auf Ideen für coole Videos für Schweiz Tourismus», erzählt das Multitalent. So ganz nebenbei hat Harmat nämlich auch noch seine eigene Fashion-Marke («Flip united») – und er steht bei der Zürcher Time Model Agency unter Vertrag.

Grosse Träume

Der Basler arbeitet fleissig an der Marke Chris Harmat. Schliesslich wird er nicht ewig Spitzensport betreiben können, obwohl er sich trotz der Risiken noch nie ernsthaft verletzt hat. «Ich finde Stop-and-go-, Team- oder Sportarten mit Geräten, die kaputt gehen können, viel gefährlicher als Parkour», sagt er. Wäre er Fussballprofi geworden, wie er es sich als Kind wünschte, hätte er sich wohl mehr Blessuren geholt. «Ich wollte schon als Bub in einem grossen Stadion spielen», erinnert er sich. Vielleicht geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, denn Parkour wird voraussichtlich 2024 in Paris erstmals eine olympische Dis­ziplin sein. Kann er sich bis dann an der Spitze halten, gilt Chris Harmat als heisser Medaillen-Kandidat. «Ich wäre sehr stolz, wenn ich an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfte. Und eine Medaille oder sogar Gold wären der Hammer!» Wie gut, dass er in der «Overground»-Halle eine olympische Parkour-Trainingsbahn eingeplant hat.