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Titelgeschichte

Durch dick und dünn

Wichtige Info zum Valentinstag: Auch eine noch so perfekte Liebesbeziehung kann die beste Freundschaft nicht ersetzen.

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Heiner H. Schmitt
10. Februar 2020

Es herrscht Hochbetrieb am Flughafen Basel-Mulhouse – wie immer zu Beginn der Ferien. Die vierjährige Siena wartet zusammen mit ihrer Familie in der Schlange vor dem Check-in-Schalter. Sie ist ein wenig nervös, dauert es doch nur noch knapp eine Stunde bis zum Abflug in die lang ersehnten Badeferien. Plötzlich zupft Siena ihr Mami am Ärmel und ruft ganz aufgeregt: «Dort hinten steht Severine. Ich kenne sie vom Kindersingen, sie ist gleich alt wie ich.» Ein kurzer Smalltalk der Elternpaare klärt auf: Beide Familien reisen für eine Woche nach Sardinien, und zwar in ein und dasselbe Hotel – ein Zufall und gleichzeitig der Beginn einer wunderbaren Kinderfreundschaft. 

Kurz und bündig

  • Menschen mit funktionierendem sozialen Umfeld leben im Schnitt 20 Prozent länger.
  • Jeder Mensch hat höchstens drei Herzensfreundschaften.
  • Wir wählen unsere Freunde nicht aus, weil sie so toll sind, sondern weil sie uns das Gefühl geben, toll zu sein.
  • Nach 30 wird es immer schwieriger, gute Freunde zu finden.

Fast zwei gemeinsame Kindergartenjahre später sind die heute Sechsjährigen noch immer beste Freundinnen und unzertrennlich. «Wir haben uns einfach ganz fest gern», erklären sie und Siena fügt an: «Am liebsten würde ich Severine heiraten, ich weiss aber schon, dass das nicht geht.» Das innige Verhältnis der beiden ist aber eher die Ausnahme. Denn generell kann man Kindergartenfreundschaften noch nicht ganz mit denen von Jugendlichen oder Erwachsenen vergleichen. Zu sehr sind die Kleinen in diesem Alter auf sich selbst bezogen und meist noch nicht in der Lage, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Oft sind es Zweckbündnisse, um nicht alleine spielen zu müssen oder sich gegen andere Kinder oder die Eltern zu verbünden. Im Vergleich dazu sind bei Freundschaften in späteren Lebensjahren die Gespräche tiefer, das Wissen übereinander umfangreicher. Doch spielt das Alter bei sozialen Beziehungen nur eine sekundäre Rolle.

Siena (links) und Severine sind dick befreundet – am liebsten würden sie heiraten.

Menschen mit sozialem Umfeld leben länger

«Wir alle haben zwei Schwachstellen, die unser Leben beeinträchtigen: Einsamkeit und Unsicherheit.»

Wolfgang Krüger

Für den Menschen ist es fast schon überlebenswichtig, beste Freunde oder zumindest einen besten Freund zu haben. Der Berliner Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Krüger (siehe Interview), der seit über 30 Jahren das Phänomen Freundschaft erforscht, formuliert es so: «Wir alle haben zwei Schwachstellen, die unser Leben beeinträchtigen: Einsamkeit und Unsicherheit. Daher sind wir auf Geborgenheit in sozialen Beziehungen angewiesen, um uns sicher und seelisch stark zu fühlen.» Hinzu kommen positive Auswirkungen auf das physische Wohlbefinden. Gemäss einer australischen Studie leben Menschen mit funktionierendem sozialen Umfeld im Durchschnitt 20 Prozent länger. «Ausserdem profitiert das Selbstbewusstsein und Liebesbeziehungen funktionieren besser, weil man schon gelernt hat, mit Konflikten in freundschaftlichen Verbindungen umzugehen», ergänzt der 72-Jährige. Bildlich gesprochen sind beste Freunde also wahrscheinlich der sicherste Haltegriff auf dem rutschigen Asphalt des Alltags. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass Herzensfreundschaften eine Durchschnittsdauer von über 30 Jahren haben und demnach oft haltbarer als Liebesbeziehungen sind.

Drei Faktoren sind entscheidend

Eine solch langjährige Freundschaft pflegen Karli Odermatt (77) und Bernhard Burgener (62). Die FC-Basel-Legende und der heutige Präsident des Traditionsclubs vom Rheinknie sind seit Anfang der 90er-Jahre dick verbandelt. Burgener, der damals mit seiner Privatfirma für den FCB Marketingkonzepte erstellte, half dem ehemaligen Mittelfeld-Strategen in einer für diesen beruflich schwierigen Zeit. Odermatt erklärt: «Nach meiner Fussball-Karriere habe ich über 20 Jahre lang Kaffeemaschinen verkauft und stand plötzlich und ohne eigenes Verschulden auf der Strasse.» Also habe er bei Bernhard Burgener angeklopft und diesen um Hilfe gebeten. Dieser erkannte das Verkaufstalent des einstigen Nationalspielers und entwickelte mit ihm zusammen Vermarktungskonzepte für den heute 20-fachen Fussball-Schweizermeister FC Basel. 
Schon in den 1950er-Jahren lieferte eine wegweisende US-Freundschaftsforschung das Ergebnis, dass es drei Faktoren für das Entstehen von Freundschaften braucht: «räumliche Nähe, wiederholtes und ungeplantes Aufeinandertreffen, und dass man einschneidende Erlebnisse miteinander teilt» – so wie dies bei Karli Odermatt und Bernhard Burgener der Fall war und ist.

Karli Odermatt (links) und Bernhard Burgener haben sich bei der Arbeit besser kennen und schätzen gelernt.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem Entstehen geht die Beziehung der beiden Männer weit über das anfängliche Arbeitsverhältnis hinaus. Jeden Samstagmorgen treffen sie sich in der Confiserie Beschle in der Basler Innenstadt und zweimal im Monat sind auch die Partnerinnen bei gemeinsamen Aktivitäten dabei. «Meistens kocht dann Karli für uns bei sich zu Hause», erzählt Burgener, «er ist ein wunderbarer Koch.» Als die Kinder noch klein waren, verbrachten sie oft auch die Familienferien zusammen. «Und», ruft Odermatt, «ich war sogar bei der Geburt seiner Tochter dabei». Stolz betont der Kult-Fussballer: «Und ich bin ihr Götti.»

Hört man zu, wird klar: Die beiden kennen sich in- und auswendig. Beim Erzählen über ihre gemeinsamen Erlebnisse fällt der eine dem anderen immer wieder ins Wort, um die Geschichten aus der Ich-Perspektive mit zusätzlichen Anekdoten aufzupeppen. Etwas nachdenklich meint Bernhard Burgener: «Ja, wir haben schon viel zusammen erlebt.»

«Ich war sogar bei der Geburt seiner Tochter dabei.»

Karli Odermatt

Was aber macht eine «beste Freundschaft» aus? Der Experte Wolfgang Krüger erklärt es so: «Wir haben in unserem Leben höchstens drei Herzensfreundschaften. Sie basieren auf gegenseitigem Vertrauen und Verständnis. Einem besten Freund oder einer besten Freundin kann ich erzählen, dass mein Vater Alkoholprobleme hat, dass in meiner Ehe nichts mehr läuft oder dass ich seit Langem nur noch schlecht schlafen kann und eine Therapie benötige.» Auf beste Freunde sei Verlass. «Ich kann sie notfalls mitten in der Nacht anrufen, denn ich weiss: Sie sind immer für mich da.»

Mann und Frau? Ja, das geht!

Zu Beginn haben sich Marco Brüderli und Joelle Odermatt in der Schule gefoppt – jetzt sind sie beste Freunde.

Geteilter Meinung ist die Gesellschaft bei der Frage, ob eine wirklich gute geschlechterübergreifende Freundschaft funktioniert, wenn beide die gleiche sexuelle Orientierung haben. Joelle Odermatt (nicht verwandt mit Karli Odermatt) und Marco Brüderli (beide 31) beweisen, dass dies problemlos geht. Kennengelernt haben sie sich vor rund zwanzig Jahren in der Schule.

«Bei Freunden kommt es doch nicht auf das Geschlecht an, sondern auf die Persönlichkeit.»

Marco Brüderli

Heute ist Marco der Götti von Joelles Tochter und sagt über seine beste Freundin: «Joelle ist wie die Schwester, die ich nie hatte. Mit ihr kann ich über alles reden und schätze ihre weiblichen Ansichten zu gewissen Themen.» Manchmal gebe sie ihm aber auch Antworten, «die er nicht unbedingt hören will», entgegnet Joelle und schmunzelt. Eine Beziehung, die über die Freundschaft hinausgeht, stand für die beiden nie zur Diskussion. «Im Gegenteil», sagt Joelle, «hat Marco das Bedürfnis, über Frauengeschichten zu reden, bin ich oft seine erste Ansprechperson.» Und dieser bekräftigt: «Bei Freunden kommt es doch nicht auf das Geschlecht an, sondern auf die Persönlichkeit.» 

«Es ist die Sympathie»

Das sagt der Spezialist

Wolfgang Krüger

Wolfgang Krüger (72), Psychotherapeut, der Freundschaft erforscht.

Herr Krüger, nach welchen Kriterien suchen wir unsere Freunde aus?

Wir finden unsere Freunde meist in einer Gruppe, also in der Schule, dem Sportverein oder bei der Arbeit. Die gegenseitige Sympathie spielt eine grosse Rolle. Bei ersten Treffen prüfen wir, ob wir uns dann dem Gegenüber seelisch öffnen können.  

Gibt es Unterschiede bei Männer- und Frauenfreundschaften?

Zwei Drittel aller Männer haben keine Freundschaft, in der sie wirklich über sich reden können. Sie haben nur Kumpelbeziehungen und sprechen über Sport, Arbeit oder Politik. Dafür haben zwei Drittel der Frauen mindestens eine enge Freundschaft, in der sie über die Partnerschaft, eigene Schwächen und oft auch über Erotik reden können. 

Wie verändern sich Freundschaften in Zeiten der sozialen Medien?

Nur zwischen zehn und 15 Prozent aller Menschen sind so internetsüchtig, dass die Realbeziehungen darunter leiden. Die meisten Menschen zwischen 20 und 30 Jahren sehen das Internet als eine  Bereicherung für den Erhalt von Freundschaften an, nicht als Ersatz für diese. 

Und wie erhalten wir unsere Freundschaften?

Einen Abend in der Woche sollten wir unseren Freunden widmen und vor allem kreativer bei deren Pflege werden. Die Freundschaft war immer die kleine Schwester der Liebe und wir müssen lernen, mehr in diese zu investieren.