Ein rattenstarkes Herz für Nager | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Reportage

Ein rattenstarkes Herz für Nager

Als ihre Tochter Ratten wollte, wusste Judith Bernegger nicht, was auf sie zukommt. Heute ist sie Präsidentin des «Club der Rattenfreunde» – und hat sich in ihrem Leben bereits um rund 650 Nager gekümmert.

FOTOS
Markus Lamprecht
07. September 2020
Ratten-Mama Judith Bernegger ist vernarrt in ihre kleinen Nager.

Ratten-Mama Judith Bernegger ist vernarrt in ihre kleinen Nager.

Judith Bernegger (62) lockt mit viel Geduld drei Ratten aus ihren Häuschen, nimmt sie aus dem Gehege und setzt sich mit ihnen an den grossen Esstisch. Die nachtaktiven Tiere wirken zuerst etwas verschlafen. Bald aber sind sie fit und klettern an ihren Armen hoch auf die Schultern, wo sie sich unter deren langen, grauen Locken verkriechen. Judith Bernegger ist Präsidentin des «Club der Rattenfreunde», der sich für das Wohl der Nager einsetzt. Momentan wohnen 15 Ratten bei der Tierfreundin und ihrer Familie in Buttwil AG. «Für die artgerechte Tierhaltung braucht man grosse Gehege mit mehreren Etagen, mit Spielzeug zur Beschäftigung und Häuschen als Rückzugsmöglichkeiten.» Da es dafür viel Platz benötigt, hat die Ratten-Königin ihren Wintergarten, einst ein Orchideenparadies, zum Rattenzimmer umfunktioniert. Im Notfall hätte sie so Platz, um bis zu 70 Tiere aufzunehmen.

«Im Notfall hätte sie so Platz, um bis zu 70 Tiere aufzunehmen»

 

Neben ihren acht eigenen Ratten sorgt sich die Ratten-Mama im Moment um vier Pflegetiere und drei ehemalige Laborratten, die bei ihr den Lebensabend geniessen dürfen. Der Rattenclub ist eine Sektion des Schweizerischen Tierschutzes, der vor rund zwei Jahren ein längerfristiges Rehoming-Projekt mit der Universität Zürich ins Leben gerufen hat. Das Ziel des Projekts: überzählige, nicht eingesetzte Ratten aus dem Labor vermitteln und ihnen so ein zweites Leben in einem guten Zuhause ermöglichen. Der Club setzt sich aber nicht nur für Labortiere ein. «Wir werben explizit nicht für die Haltung von Ratten als Heimtiere, da unserer Meinung nach eine wirklich artgerechte Haltung nicht möglich ist. Aber wir bieten Beratung und Hilfe an, falls jemand Ratten bei sich aufnimmt. Und wir vermitteln Notfalltiere an Plätze, wo sie möglichst artgerecht gehalten werden.»

Schnell wachsende Rudel

Notfälle kommen dann zustande, wenn Ratten nicht kastriert werden: Rattenweibchen haben eine kurze Tragezeit und können alle drei Wochen einen Wurf von bis zu 20 Jungtieren zur Welt bringen. Entsprechend schnell wächst ein Rudel. So ein Fall passierte 2010: «Jemand war offenbar überfordert mit den Tieren und setzte im Einkaufszentrum Gäupark im Solothurnischen drei Kisten mit 70 Tieren aus. Etwa die Hälfte davon waren schwangere Weibchen», erinnert sich Bernegger. Schon damals war sie Mitglied des Clubs und erklärte sich bereit, einige Tiere zur Pflege aufzunehmen.

Eines der «Findelkinder» blieb ihr besonders in Erinnerung: Bruno. Als man die Kisten fand, war er eines der schwächsten Jungtiere, dem Tod nahe. Auf wundersame Weise erholte er sich und wuchs zu einer besonders flinken und neugierigen Ratte heran. «Bruno war schnell und frech. Wenn ich das Gehege putzte, musste ich doppelt so viel Zeit einrechnen, denn er klaute mir die Putzutensilien und floh mit seiner Beute.» Bruno wuchs Judith Bernegger so sehr ans Herz, dass sie ihn nicht nur wie alle anderen Tiere in einem Fotoalbum verewigte. Er bekam ein besonderes Plätzchen in Form eines Tattoos auf ihrem Bein und ist seither ein ständiger Begleiter.

«Filme wie «Ratatouille» drehen das negative Ratten-Image ins Positive und lösen einen Ratten-Boom aus.»

 

In den Jahren nach dem Gäupark-Notfall übernahm die Ratten-Mama nach und nach die Sparten Tierschutz, Notfallbetreuung und Tiervermittlung des Rattenclubs – bis 2016 das Amt der Präsidentin folgte. Und das, obwohl ursprünglich nicht sie, sondern ihre beiden Töchter an den Tieren hingen: «Meine jüngere Tochter Miranda wollte unbedingt Ratten. Also haben wir unsere ersten beiden Tiere in einer Zoofachhandlung gekauft.» Aber wie es häufig so läuft: Das Füttern und Putzen bleibt an den Eltern hängen.

Bei der Familie Bernegger ist das zum Glück kein Problem. Die Mutter ist bald schon selbst in die Nager vernarrt und sorgt sich um sie. Viele Ratten kommen aber genau aus diesem Grund in die Hände des Clubs: «Die Kinder verlieren das Interesse, der Zeitaufwand wird unterschätzt oder die Tiere entsprechen nicht der kindlichen Vorstellung. Es sind nachtaktive Nager und keine Kuscheltiere.» Filme wie «Ratatouille» drehen das negative Ratten-Image ins Positive und lösen einen Ratten-Boom aus. Schon bald hat der Club jedoch mit einer Vielzahl ausgesetzter oder abgegebener Tiere zu kämpfen.

Keine Essensreste ins WC

Dennoch freut sich Judith Bernegger, dass sich das Image der Tiere gewandelt hat. Viele ekeln sich vor dem nackten Schwanz. «Und das, obwohl er nicht nackt, sondern behaart ist und fürs Gleichgewicht und als Stütze dient», kontert die Ratten-Kennerin. Oft werden die Tiere als Überträger der Pest oder als Plage verurteilt. «Zu Unrecht», meint sie, «denn nicht die Ratte, sondern der Rattenfloh ist der Überträger der Pest. Und zur Plage werden wilde Ratten nur, wenn sie zu viel Futter finden und sich deshalb stark vermehren.» Darum ist es wichtig, dass man im öffentlichen Raum auf Sauberkeit achtet und Essensreste nicht die Toilette runterspült.

«Rund 650 Tiere sind in den vergangenen zehn Jahren in meine Obhut gekommen.»

 

Für Judith Bernegger sind Ratten alles andere als eine Plage – sie sind eine Herzensangelegenheit. «Rund 650 Tiere sind in den vergangenen zehn Jahren über den Club in meine Obhut gekommen. Entweder zwischenzeitlich, bis ich ein neues Zuhause für sie organisiert hatte, oder manchmal auch gleich bis zu ihrem Lebensabend.» Wenn ein Rattenleben nach zwei bis drei Jahren zu Ende geht, lässt die Ratten-Mama ihre Lieblinge würdevoll gehen: Jedes Tier bekommt einen Eintrag im Fotoalbum, mit Foto und Erinnerungen. Pflegetiere bekommen ein Grab im eigenen Garten.