«Das Virus hat keine Beine» | Coopzeitung
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Interview
Jugendausgabe 2020

«Das Virus hat keine Beine»

Bundesrat Alain Berset steht in diesen Tagen unter Strom. Trotzdem hat er sich für uns Jugendlichen Zeit genommen und über Masken, Handykonsum und den perfekten freien Tag gesprochen.

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Peter Mosimann
02. November 2020
Alain Berset ist seit 2012 Bundesrat und unter anderem für die Gesundheit zuständig. Damit steht er gerade mehr unter Beobachtung denn je. «Vielleicht wäre ich jetzt als Lokführer doch glücklicher?»

Alain Berset ist seit 2012 Bundesrat und unter anderem für die Gesundheit zuständig. Damit steht er gerade mehr unter Beobachtung denn je. «Vielleicht wäre ich jetzt als Lokführer doch glücklicher?»

Bundesrat Alain Berset (48) empfängt im «Bernerhof» zum Gespräch. Im Bundeshaus war kein Raum mehr frei, in dem die nötigen Abstände hätten eingehalten werden können. Die aber sind wichtig, denn Berset möchte das Gespräch mit uns jungen Zeitungsmachern ohne Maske führen. Er entschuldigt sich für die Verspätung: «Es sind komplizierte Tage.»

Bundesrat Berset, wie regelmässig lassen Sie sich auf Covid-19 testen?

Sehr unregelmässig. Man soll sich ja nur testen lassen, wenn es einen Grund dafür gibt. Das war bei mir zweimal der Fall. Einmal, weil jemand, der später positiv getestet wurde, an einer Sitzung dabei war, dort allerdings fünf, sechs Meter entfernt von mir sass. Und einmal, weil jemand in meiner Familie Symptome spürte. Hat sich schon mal jemand von euch testen lassen?

Im «Bernerhof» vor zwei Wochen. Alain Berset betritt den Interviewraum: «Bonjour, ça va?» Und dann: «Sie können die Maske jetzt ausziehen.»

Ja.

Es war aber nicht so unangenehm, wie es immer heisst, oder doch?

Es war schon ein bisschen unangenehm. Was uns aber interessiert, Herr Bundesrat: Beschäftigen Sie sich mit der Frage, woher das Virus stammt?

Aus internationaler Sicht ist es eine sehr wichtige Frage. Ich habe einige Hypothesen dazu gelesen. Für uns spielt es keine Rolle, woher es stammt. Es ist da. Und es ist sehr schwierig zu behandeln.

Heute ist das Tragen einer Maske an vielen Orten selbstverständlich. Im Frühling war das noch ganz anders gewesen. Da verzichtete man auf eine Maskenpflicht. Weshalb?

Im März und April hatten nur die Lebensmittelgeschäfte offen. Weil Schulen, Restaurants, Kinos und auch sonst alles geschlossen war, brauchte es in dieser Zeit kaum Masken für die Bevölkerung, sondern vor allem für das Gesundheitspersonal und andere exponierte Personen. Wir haben jedoch gesagt: Ab dem Moment, da wir wieder öffnen, gehört die Maske dazu, wenn die Abstände nicht eingehalten werden können. Das war ab dem 27. April etwa bei Coiffeuren der Fall. Ich brauche keinen Coiffeur, aber andere schon. (Lacht.) Danach beruhigte sich die Situation, die Diskussionen um die Maskenpflicht aber blieben. Wir haben diese im Juli schweizweit im ÖV eingeführt. Und nun mit weiteren Massnahmen nachgezogen.

«Die zweite Welle ist jetzt da, und die Schweiz steht schlecht da.»

Alain Berset

Was haben Sie in dieser Pandemie gut gemacht, was schlecht?

Ich habe schlecht geschlafen … Könnten wir jetzt Bilanz ziehen, würde sie bezüglich der ersten Welle nicht so schlecht ausfallen. Wahrscheinlich haben wir richtigerweise früh die Grossveranstaltungen verboten. Das hat sehr geholfen. Weniger gut war, dass wir eher zögerlich bei den Grenzschliessungen waren. Für eine Bilanz ist es aber noch zu früh. Weil wir mittendrin stecken. Die zweite Welle ist jetzt da, und die Schweiz steht schlecht da. Nun müssen wir alle wieder streng darauf achten, dass wir die Regeln im Alltag wirklich umsetzen. Wir haben das Schwierigste nicht hinter uns, sondern vor uns.

Können Sie uns eine Perspektive geben, was das bedeutet? Ist damit der ganze Winter gemeint?

Schwierig zu sagen. Wir haben viel gelernt von der ersten Welle. Das kann von Vorteil sein. Ein Nachteil ist, dass wir alle ein wenig müde sind von dieser Pandemie. Dabei hängt alles von uns ab. Das Virus hat keine Beine. Das Virus ist hier nicht am Rumlaufen, um uns anzustecken. Nur die Menschen bewegen sich, und sie bewegen sich mit dem Virus. Wenn wir Abstand halten wie jetzt in diesem Raum, sind wir sicher. Wo das nicht der Fall ist, müssen wir eine Maske tragen. Leider denken viele: «Pfffff, ich habe keine Lust mehr, immer aufzupassen.» Das macht mir Sorgen, so kommen wir in eine schwierige Situation.

Hellwache Gesichter beim Interview, trotzdem findet Alain Berset: «Wir sind alle ein wenig müde von dieser Pandemie.»

Die Pandemie wird uns also noch lange beschäftigen?

Der Winter wird nicht einfach. Dann kommt hoffentlich irgendwann die Impfung. Aber auch das wird nicht alles lösen. Es ist ja nicht so, dass sich auf einen Schlag acht Millionen impfen lassen. Es braucht viel Zeit, um das umzusetzen.

Spüren Sie auch Druck?

Ja. Es gab Momente im März und April, wo ich die Belastung auch physisch spürte. Ich habe ohne Pause zwischen 12 und 18 Stunden pro Tag gearbeitet, auch am Samstag und Sonntag. Da kam ich schon nahe an meine Grenzen. Es war aber notwendig in dieser Situation.

Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Bundesrat geworden wären?

Lokführer. Ich hätte das gerne gemacht, bin aber nicht sicher, ob ich es auch gekonnt hätte.

Was würden Sie uns raten, wenn wir Bundesrätin oder Bundesrat werden möchten?

Ich glaube nicht, dass man sich das schon als Jugendlicher vornehmen kann und dann eine Garantie hat, dass es auch klappt. Plant man sein Leben schon früh zu präzis, ist das der beste Weg, um unglücklich zu werden. Man muss offen bleiben für die Überraschungen, die das Leben bietet. Hilfreich ist sicher, wenn man sich für die politische Debatte interessiert und für ein Thema engagiert, sei es im Sport oder in einem Verein oder sonst wo. Das eine führt dann zum andern, bis man irgendwann durch Zufall Bundesrat wird. Vielleicht wäre ich jetzt aber als Lokführer doch glücklicher?

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Dann bin ich definitiv Lokführer!

Offenbar haben Sie das falsche ­Departement. Sie hätten das Verkehrsdepartement übernehmen sollen.

Stimmt. Das ist aber leider schon besetzt. (Lacht.)

Tauschen Sie sich mit Ihrer Familie über den Alltag als Bundesrat aus?

Ziemlich selten, auch wenn es keine Chinesische Mauer zwischen meiner Tätigkeit und meiner Familie gibt. Ich bin aber sehr froh, wenn ich zu Hause über andere Themen sprechen kann. Zum Beispiel über Musik oder Filme.

Wie sieht der perfekte freie Tag aus?

Momentan bin ich mit wenig glücklich. Zuerst beginnt der perfekte freie Tag ohne Wecker. Es folgt ein ruhiger Tag zu Hause, zuerst mit einem Cappuccino, den ich mir selber zubereite. Später vielleicht etwas mit der Familie, zum Beispiel ein Theaterbesuch, oder wir gehen spontan in eine Pizzeria. Also ganz einfache Dinge, die mich vom Arbeitsalltag wegbringen. Ich spiele auch gerne Klavier, um mich zu entspannen. Leider treibe ich zu wenig Sport. Das muss ich zugeben. Aber es geht nicht anders.

Sind Sie für Ihre Kinder ein Vorbild, was das Handy anbelangt?

Oh, das ist jetzt aber eine bösartige Frage! Das ist schwierig, weil ich versuche mit meinen Kindern einen Weg zu finden, bei dem sie nicht zu stark handyabhängig sind. Das ist nicht einfach, denn ich selber arbeite sehr viel am Handy. Sie sagen mir dann: «Aber du bist ja selber auch kein gutes Beispiel.» Meine schwache Antwort dazu ist dann: «Ja, aber ich muss damit arbeiten, du nicht.» Es ist ein Spannungsfeld, für das es keine einfache Lösung gibt. Wir versuchen trotzdem einen Weg zu finden.

«Wir haben das Schwierigste noch vor uns.»

Alain Berset

Ist das Handy Fluch oder Segen?

Als ich in eurem Alter war, hat das Handy nicht existiert. Ich weiss also, wie es ist, ohne Handy zu sein. Wahrscheinlich war es ein Vorteil für uns, dass wir ohne dieses Ding aufwachsen konnten.

Warum?

Ich finde, dass man sehr abhängig von den ganzen Nachrichten und Meldungen werden kann. Man bekommt ja den Eindruck, dass man immer etwas verpasst. Es lenkt auch von den anderen Dingen im Leben ab, die vielleicht von grösserer Bedeutung sind. Deshalb ist es wichtig, dass man sich die Frage stellt, was es für das Familienleben bedeutet, wenn alle immer nur mit ihrem Handy beschäftigt sind.

Also doch eher Fluch als Segen!

Natürlich hat es auch Vorteile. Man kann problemlos den Kontakt mit anderen Leuten herstellen. Zu meiner Zeit hat man noch die ganz alten Telefone benutzt. Diese Kabeltelefone, auf denen die Nummern nicht gedrückt, sondern auf der Wählscheibe nur gerollt werden konnten. Wenn man einen Freund anrufen wollte, musste man darauf hoffen, dass er zu Hause war. Sonst hätte man ihn nicht erreicht. Können Sie sich das vorstellen? (Blickt in die Runde.) Es war eine ganz andere Welt. Für mich selbst war es in der letzten Zeit zu viel. Also habe ich mich dazu entschlossen, keine Push-Meldungen mehr zuzulassen. Ich kann es nur wärmstens empfehlen!

Gruppenfoto mit Corona-konformem Abstand: Bundesrat Berset und die Coop-Lernenden oder Schnupperlehrlinge auf der «Bernerhof»-Terrasse.

Jetzt noch Entweder-oder-Fragen. Bier oder Wein?

Beides.

Wirtschaft oder Umwelt?

Auch beides! Entschuldigung, aber wir müssen hier einen Ausgleich finden. Eine gute Gesellschaft braucht eine umweltschonende Wirtschaft.

Biden oder Trump?

Als offizieller Vertreter der Schweiz halte ich mich zurück und überlasse die Antwort eurer politischen Fantasie.

Nun bitten wir Sie, folgende Sätze zu komplettieren:

… jetzt testen Sie auch noch meine Deutschkenntnisse!

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann …

… dann … das ist interessant, weil ich mir die Frage noch nie stellte. Dann würde ich vielleicht doch Lokführer werden.

Meine Lieblingsweisheit lautet …

… geniesse den Tag … carpe diem.

Wenn ich in Bern einkaufe, dann …

… kann ich das ungestört tun. Die Bernerinnen und Berner sind es sich gewohnt, hin und wieder ein Mitglied des Bundesrates zu sehen. Während der Schliessung haben wir bis spätnachts gearbeitet. Da die Läden nur bis sieben offen haben, musste ich oft mitten in einer Sitzung sagen: «Bitte Pause jetzt! Ich muss einkaufen gehen.» Schliesslich musste ich mich ja auch ernähren.

Auf die berühmte einsame Insel würde ich mitnehmen …

… es soll ein Gegenstand sein, keine Person? Also ein Klavier oder noch besser einen Flügel. Aber natürlich nur, wenn die Insel gross genug dafür ist.

Meine Kinder können folgenden Spruch nicht mehr hören …

… Tiens-toi droit! Halte dich gerade!

Bundesrat Berset, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Alain Berset

Bundesrat aus Fribourg

Alain Berset, 1972 in Fribourg geboren, steht seit acht Jahren dem Eidgenössischen Departement des Innern vor. Zuvor war der Doktor in Politikwissenschaft in der Forschung und in der Kommunikation tätig sowie acht Jahre lang SP-Ständerat. Der ehemalige Leichtathlet ist verheiratet und hat drei Kinder.