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Interview

«Ich bin mir immer treu geblieben»

Amy Macdonald (33) ist erwachsener und damit auch nachdenklicher geworden. Im Interview spricht die Sängerin über das, was wirklich wichtig ist im Leben.

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Roger Deckker
26. Oktober 2020
Amy Macdonald folgt bei ihrer Musik nie bestimmten Moden: «Wenn man von diesen abweicht, wird man weniger am Radio gespielt.»

Amy Macdonald folgt bei ihrer Musik nie bestimmten Moden: «Wenn man von diesen abweicht, wird man weniger am Radio gespielt.»

Amy Macdonald

Singer-Songwriterin

Amy Macdonald, 1987 im schottischen Bishopbriggs geboren, gibt in diesen Tagen ihr fünftes Studioalbum heraus: «The Human Demands». Am 23. April 2021 ist ein Auftritt in der Zürcher Samsung Hall geplant. Sie hofft, dass das Konzert stattfinden kann: «Wir brauchen etwas, auf das wir uns freuen können.» Der bekennende Fan der Glasgow Rangers ist mit dem 35-jährigen Fussballer Ricky Foster (beim schottischen Drittligisten Partick Thistle FC unter Vertrag) verheiratet.

Amy Macdonald, Sie erklärten in einem Video, dass Ihre Inspiration während des Lockdowns stark gelitten habe. Und nun veröffentlichen Sie solch ein cooles Album!

Ich hatte ja alle Songs bereits vor dem Lockdown zu Ende geschrieben. Anfang Jahr begann ich mit den Aufnahmen, dann mussten wir sie während vier langer Monate unterbrechen. Ich befürchtete schon, dass das meiner Kreativität und jener der Musiker schaden würde. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass die Situation sogar einen positiven Effekt auf das Album hatte. Endlich durften wir nach der Öffnung wieder zusammen Musik machen. Das freute uns so sehr, dass es uns einen Extraschub verlieh.

Gewisse Songs auf dem Album erinnern sehr stark an Bruce Springsteen. War das so gewollt?

Nein, dahinter steckt keine Absicht. Wenn ich Musik mache, dann läuft alles sehr natürlich ab. Ich folge nie einem speziellen Stil. Das ist eigentlich nicht unbedingt von Vorteil, weil die Musik bestimmten Moden folgt. Wenn man von diesen abweicht und sich selber treu bleibt, dann wird man automatisch weniger am Radio gespielt. Ich bin mir trotzdem immer treu geblieben, habe nie auf irgendwelche Moden geschaut, sondern nur darauf, ob es in mir und meinen Zuhörern etwas auslöst.

«Fire» ist ein Liebeslied, das Sie für Ihren Ehemann geschrieben haben. Wie denkt er darüber?

Er scheint es zu schätzen. Er hat den Song das erste Mal Anfang Jahr gehört und mich stark unterstützt. Ich habe jedoch nicht an ihn gedacht, als ich damals den Song schrieb. Erst als ich mir das Lied am Ende anhörte, erinnerte ich mich wieder an die Stimmungslage, als es entstanden war: Ich kam gerade von den Flitterwochen nach Hause. Ich glaube, ich war glücklich damals, was sich in diesem Titel widerspiegelte. Sonst bin ich nicht unbedingt romantisch. Ich finde dieses Getue immer ein wenig peinlich. Aber dieses Mal ging es nicht anders.

Für viele Paare war der Lockdown ein ernster Test. Sie aber überstanden ihn problemlos.

Für uns war der Lockdown nicht hart, im Gegenteil. Wir fanden dieses enge Zusammensein sehr angenehm. Ich bin genug oft weit von ihm entfernt, gerade wenn ich auf Tour bin. Und auch er ist immer superbeschäftigt.

«Statues» ist ein sehr hübscher Song voller Nostalgie. Können Sie uns mehr darüber verraten?

Dieses Lied ist aus einer Unterhaltung mit einem meiner Freunde heraus entstanden. Wir haben uns an die Orte erinnert, wo wir aufgewachsen sind. Als ich jung war, hatte ich das Gefühl, dass in meinem Ort tote Hose herrsche. Heute denke ich anders darüber, es war eine tolle Zeit. Als ich den Song meinen Eltern vorspielte, waren sie sehr gerührt. Ich erzähle im Lied vom Haus, in dem meine Schwester und ich aufgewachsen sind.

Ihre Eltern scheinen Sie beim neuen Album auch sonst inspiriert zu haben.

Mein Vater erzählte mir, dass er, kaum hatte er meine Mutter kennengelernt, grosse Lust auf etwas Verrücktes hatte. Mit nur wenig Geld reisten sie nach New York, das in den Siebzigerjahren so gar nichts Glamouröses an sich hatte. Schliesslich landeten sie in einem Hotel, dessen Zimmertüren mit drei Schlössern ausgestattet waren, weil es dort so gefährlich war. Das hätte ich meinen Eltern nie zugetraut. Ich begann, über mein eigenes Leben nachzudenken. Was, wenn ich einen anderen Weg gewählt hätte? Wenn ich nicht Musik machen würde? Oder wenn ich meinen Mann nicht kennengelernt hätte? Ich werde nie eine Antwort darauf erhalten. Ich habe all meine Gedanken zu diesen Fragen zusammengewürfelt – und daraus ist schliesslich der Song «The Hudson» entstanden.

«Als ich heiratete, veränderte sich etwas in mir.»

 

Sie scheinen nachdenklicher als früher ...

Stimmt total. Als ich heiratete, veränderte sich etwas in mir. Ich hatte das Gefühl, erwachsener geworden zu sein und mein Leben mehr zu reflektieren als früher. Es gibt so viele lächerliche Kleinigkeiten, die man verlangt – von sich selber, aber auch von anderen. Man erwartet, dass alle sofort auf die SMS und Mails antworten und einem die ganze Welt 24 Stunden zur Verfügung steht. Dabei müsste man das grosse Bild sehen und erkennen, dass gewisse Dinge wichtiger sind. Zum Beispiel wenn jemand gerade eine schwierige Phase durchmacht. Die hat jeder in seinem Leben. Dann muss man zusammenstehen.

Damit haben Sie sich in Ihrem Song «The Human Demands» auseinandergesetzt.

Ja, Freunde von mir haben mich zu diesem Lied inspiriert. Sie durchlebten harte Zeiten, litten unter finanziellen Schwierigkeiten und Depressionen. In solchen Situationen ist es wenig hilfreich, wenn man sagt: «Oh, lächle doch ein bisschen, dann wird alles gut!» Meine Freunde haben wieder aus dem Tunnel herausgefunden. An sie habe ich gedacht, als ich diesen Titel schrieb. Sie wissen noch nichts davon. Ich werde es ihnen sagen, wenn sie das Album hören.

Amy Macdonald, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.