«Ich mag diese Angeber-Essen nicht» | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Interview

«Ich mag diese Angeber-Essen nicht»

Doris Dörrie (65) findet, dass wir dem Essen wieder mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen sollten. Ausserdem spricht die Kult-Regisseurin («Männer») und Schriftstellerin über tröstende Nudelaufläufe und die Vielfalt von Tofu.

FOTOS
Constantin Filti Verleih GMBH Dieter Mayr
31. August 2020

Vielseitige Schafferin

Doris Dörrie

Doris Dörrie, in Hannover (D) geboren, wurde 1985 als Regisseurin der Filmkomödie «Männer» einem breiten Publikum bekannt. Die 65-Jährige ist vielseitig unterwegs – als Regisseurin, Professorin für Filmkunst, Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Soeben ist von ihr bei Diogenes das Buch «Die Welt auf dem Teller» erschienen, in dem sie übers Essen philosophiert. Seit vergangenem Jahr ist Dörrie Jury-Mitglied der Oscar-Akademie, die den wichtigsten Filmpreis vergibt.

Doris Dörrie, was lag heute Morgen auf Ihrem Frühstückstisch?

Noch gar nichts! Ich bin gerade in Spanien, und es ist sehr heiss hier, deshalb ist mir noch nicht nach Frühstück. Oft lasse ich es auch ganz weg. Das war schon als Kind so bei mir. Ich habe vor der Schule Caro-Kaffee getrunken und mir eine trockene Semmel für die Schule eingepackt. Die habe ich dann in der 
grossen Pause um zehn Uhr gegessen.

Eine trockene Semmel?

Genau. Und weil Sie ja aus der Schweiz sind, muss ich Ihnen sagen, dass 
die Bürli in Ihrem Land für mich der Himmel auf Erden sind. Die stopfe ich mir, wenn ich in der Schweiz bin, immer in die Handtasche und nage an ihnen wie ein Nagetier herum. Ich liebe Eure Bürli!

Sie schwärmen in Ihrem neuen Buch «Die Welt auf dem Teller» von der kulturellen Vielfalt des Essens. Was ist Ihre Lieblingsküche?

Wenn ich mich wirklich entscheiden muss, dann wähle ich halt doch immer die italienische Küche. Ich mag ihre Einfachheit, die aber trotzdem nach einer grossen Genauigkeit verlangt. Nehmen wir den Sugo als Beispiel: Die Zutaten müssen stimmen. Wenn am Ende alles zusammenpasst, kann man mit dem Sugo ganz einfache Pasta-Gerichte machen, die aber wunderbar schmecken. Ich bin süchtig nach Pasta.

Was braucht man für einen guten Sugo?

Der Schlüssel aller guten Speisen ist die Qualität der Zutaten. Und da haben wir Deutschen ein Problem, Ihr Schweizer weniger: Bei Euch gibt es Zutaten von sehr guter Qualität, und Ihr seid auch bereit, dafür zu zahlen. Ich beklage, dass wir Deutschen keinen grossen Wert auf unser Essen legen. Wir sind keine Liebhaber guten Essens und tun uns auch schwer, es zu lernen. Alle Erklärungsversuche, womit das zusammenhängt – dem Zweiten Weltkrieg oder dem Protestantismus in Deutschland –, reichen nicht. Ich weiss nur, dass in vielen Ländern die Wertschätzung guten Essens sehr hoch ist, in Italien, in Frankreich, in Japan und auch bei Euch in der Schweiz. Deshalb habe ich auch die Kolumnen über das Essen geschrieben, die nun in diesem Buch vereint sind.

Wo kann man anfangen, um das Essen mehr wertzuschätzen?

Man kann ihm mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen. Wer beim Essen aufs Handy neben dem Teller starrt, während er alles in sich hineinstopft, weiss nachher vermutlich nicht mal mehr, was er gegessen hat. Das ist nur noch Nahrungsaufnahme, mit Genuss hat das nichts zu tun. Ich achte darauf, dass ich mit meiner kleinen Familie wenigstens einmal am Tag zum Essen zusammenkomme und mir diese kleine Auszeit nehme. Wir sprechen miteinander und hören uns zu. Das gemeinsame Essen hat eine wichtige Funktion, die in der heutigen Zeit verloren zu gehen droht.

Auch das Kochen selbst sollte man mehr wertschätzen, schreiben Sie in Ihrem Buch: Es hilft eine Verbindung zum Hier und Jetzt herzustellen, wenn man Karotten schnipselt.

Der Kochvorgang hat tatsächlich etwas Meditatives – natürlich nur, wenn man nicht ständig kochen muss, so wie meine Mutter, die stundenlang in der Küche stand. Gemüse zu schnipseln hat etwas Beruhigendes. Deshalb verstehe ich auch die Thermomix-Ideologie nicht, bei der man alles in diesen Apparat reinsteckt, damit der das ganze Schnipseln und Schnetzeln für einen erledigt.

Während dem Lockdown wurde das Kochen wieder entdeckt.

Es wäre schön, wenn etwas davon in die Nach-Coronazeit hinübergerettet würde. Ich glaube aber eher, dass Kochen als Kulturtätigkeit verloren gehen wird. Es gibt zwar diese abendfüllenden Kochshows, in denen kein Aufwand zu hoch sein kann für ein Essen. Den Zuschauer animiert das aber nicht zum Kochen, der sitzt lieber mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher. Es wird auch weniger gekocht, weil die Familienstrukturen sich ändern…

…es gibt immer mehr Einpersonenhaushalte…

…genau. Man könnte zwar etablieren, dass man sich pro Woche zwei, drei Mal mit Freunden zum gemeinsamen Kochen trifft. Das muss keine grosse Sache sein, ich mag diese Angeber-Essen ohnehin nicht. Lieber eine einfache Pasta oder eine Schüssel Ramen, japanische Nudeln. Doch weil heute alle so komplizierte Lebensentwürfe haben, zweifle ich, dass das funktionieren würde.

Sie schreiben auch: «Jede Familie hat ihre Essgeschichten». Wie sahen diese in Ihrer Jugend aus?

Wir waren vier gierige Kinder und haben das Essen unserer Mutter geliebt. Allerdings gab es nur während fest reglementierter Zeiten etwas zu essen. Zwischendurch hingegen nichts, keine Snacks, keine zuckerhaltige Limonade – anders als heute. Man kam hungrig an den Tisch und freute sich auf das Essen. Im Urlaub in Italien gab es auf dem Weg zum Meer manchmal eine «Capri-Sonne». Das war dann eine Sensation… wenn ich daran denke, spüre ich diesen süssen Geschmack auf der Zunge.

«Jetzt ist gerade die Bowl sehr angesagt. Die schmeckt nach allem und gleichzeitig nach nichts.»

 

Was war damals Ihr Lieblingsessen?

Der Nudelauflauf meiner Mutter. Er schmeckte nicht nur wunderbar, sondern war auch ein Seelentröster. Meine Mutter lebt zum Glück noch und ihr Nudelauflauf tröstet immer noch, wenn alles schiefläuft. Fleisch gabs für uns Kinder, aber auch meine Mutter nur selten. Das Stück Fleisch war für meinen Vater reserviert. Wir haben zwar manchmal gemault, es aber am Ende doch eingesehen. Ab und an gabs ein Brathennel für sechs Personen, da haben wir uns um die Beine und Flügel gestritten. Zu Weihnachten briet meine Mutter eine Weihnachtsgans mit einer Apfelfüllung. Das war aber immer eine Zitterpartie.

Warum?

Man hoffte, dass die Gans schön kross, also knusprig wird. Einmal wollte und wollte sie nicht braun werden. Wie immer war die ganze Verwandtschaft eingeladen. Also griff mein Vater zum Lötkolben und bräunte die Gans im letzten Moment.

In einer Kolumne schwärmen Sie vom Tofu. Wird Tofu unterschätzt?

Absolut. Bei uns in Europa kennt man die unendliche Vielfalt an Tofu-Arten und Zubereitungsmöglichkeiten nicht. In Japan ist das anders, da gibt es eine hohe TofuKunst. Tofu braucht bei uns immer eine Marinade und er muss gut gewürzt sein, bis er nach irgendetwas schmeckt. In Japan dagegen gibt es Tofu pur, der schmeckt wie Mascarpone, es gibt geräucherten Tofu, hauchfeine Tofu-Haut – ach, es gibt unendlich viele Arten.

Über welche kulinarische Mode wundern Sie sich?

Jetzt ist gerade die Bowl sehr angesagt. Man geht in einem Bowl-Restaurant an die Theke und schmeisst alles in diese Schüssel rein, Fisch, Reis, Quinoa, Gewürze und tausend andere Zutaten, die man gerade in die Finger kriegt. Das schmeckt dann nach allem und gleichzeitig nach nichts.

Wie oft haben Sie diesen Sommer schon grilliert?

Nicht ein Mal. Ich grilliere nicht gerne. Für Männer hingegen ist Grillieren wichtig, es gibt ihnen das atavistische Gefühl, Jäger und Herrscher über das Feuer zu sein. Wir Frauen schnippeln lieber den Salat und lächeln grossmütig vor uns hin.

Ist Grillieren die letzte Männerbastion?

Wenn ich mich umhöre, scheint es so. Man sollte es ihnen unbedingt lassen, finde ich. Das wäre ja schrecklich, wenn sie das auch noch verlieren würden. (Lacht.)

Doris Dörrie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.