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Interview

«Wir bezahlen  nicht jeden Preis»

SRG-Direktor Gilles Marchand (58) schwärmt vom neuen Streaming-Angebot «Play Suisse», er kündigt an, dass der gute alte Teletext ein Auslaufmodell sei und er sieht den Sport bei der SRG gut aufgestellt. Da drängen sich kritische Nachfragen geradezu auf.

09. November 2020
Gilles Marchand findet, dass es die SRG mehr denn je brauche: «Sie bietet der Bevölkerung mit ihrem Service public Sicherheit.»

Gilles Marchand findet, dass es die SRG mehr denn je brauche: «Sie bietet der Bevölkerung mit ihrem Service public Sicherheit.»

Gilles Marchand

Immer im Chefsessel

Gilles Marchand (58) machte an der Uni Genf den Master in Soziologie. Früh arbeitete er in leitenden Funktionen, so auch als Direktor von Ringier Romandie. 2001 wurde er Direktor der Télévision Suisse Romande, 2010 der Nachfolgeanstalt Radio Télévision Suisse. Seit 2017 leitet er die SRG. Sein jüngstes Herzensprojekt ist die Lancierung der Streaming-Plattform «Play Suisse». Der Hobby-Reiter ist mit der cominmag.ch-
Chefredaktorin Victoria Marchand verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Gilles Marchand, zuletzt wurde ein Skandal um Darius Rochebin publik: Das frühere Aushängeschild von RTS soll andere Mitarbeiter sexuell belästigt haben. Ihr Kommentar?

Ich bin schockiert. Stimmen die Vorwürfe, ist solch ein Verhalten inakzeptabel. Wir werden diese Fälle aufklären und Massnahmen treffen. Es tut mir leid für die Betroffenen. Dass solche Fälle möglich waren, zeigt, dass etwas im heutigen Meldesystem nicht stimmt.

Wie sieht dieses denn aus?

Wir haben Tools, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in solchen Situationen nützen können: Eine Whistleblower-Plattform, eine Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Movis, bei RTS auch eine Groupe de médiation. Dennoch waren solche Vorfälle möglich. Wir müssen noch mehr unternehmen, damit sich so etwas nicht wiederholt. Ich sage ganz klar und ich sage es auf Französisch, damit es keine Missverständnisse gibt: Je condamme sans réserve toutes attitudes déplacés dans notre entreprise. Ce n’est pas compatible avec nos valeurs. (Ich verurteile ohne Vorbehalt jedes ungebührliche Verhalten in unserem Betrieb. Ein solches ist nicht mit unseren Werten vereinbar.) Ich werde mich persönlich für die Aufklärung der Fälle einsetzen.

Reden wir übers Fernsehen: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes TV-Erlebnis?

Das war 1970. Ich war mit meinen Eltern auf einem Ausflug, als wir unterwegs ein Spiel der Fussball-WM in Mexiko sahen. Der Rasen war sattgrün, ich fand das unglaublich. Denn unser Fernseher zu Hause zeigte alles in Grau. (Lacht.)

Wie sehen Ihre heutigen Fernsehgewohnheiten aus?

Ich habe vier Bildschirme in meinem Büro, auf denen SRF 1 und 2 sowie die ersten Programme von RTS und RSI zu sehen sind. Da werfe ich tagsüber immer mal wieder einen Blick drauf. Abends nutze ich gerne Fernsehen à la carte, weil mein Zeitbudget wegen der vollen Agenda doch ziemlich begrenzt ist. Und ich schaue gerne Live-Fernsehen, vor allem Sport.

«Wir dürfen beim Sport nicht nur auf ein Pferd setzen.»

Gilles Marchand

Wie oft kommt es vor, dass Sie vor dem Fernseher einschlafen?

Das passiert mir nur selten. Zum Glück brauche ich nicht so viel Schlaf. Noch mehr hat es aber damit zu tun, dass 
unsere Programme viel zu spannend sind, um einzunicken.

Schauen Sie selber Netflix?

Ja, vor allem die internationalen Serien. Ich liebe es, Filme und Serien in ihrer Originalsprache zu konsumieren. Nur so kann man die Eigenheiten und den Sound einer Serie und ihrer Protagonisten wirklich verstehen. Zum Beispiel «Perdida» ist eine sehr gut gemachte Serie, die ich auf Spanisch verfolge.

Die SRG bietet neu die Streaming-Plattform «Play Suisse» an, die auch schon als «Netflix der Schweiz» bezeichnet wurde. Ein etwas gar mutiger Vergleich, oder nicht?

Jein. Nein, weil es sich auch um eine sehr moderne Plattform handelt. Ihre Technologie und ihr Design sind State of the Art, wie man so schön sagt. Ja, weil wir Netflix nicht konkurrenzieren wollen und können. Unser Fokus ist anders ausgerichtet – auf die Schweiz und die Idee, mit unserem Angebot Brücken zwischen den einzelnen Sprachregionen zu schlagen. Zum Beispiel, indem wir Filme und Reportagen in Originalsprache mit Untertiteln ausstrahlen.

Ich bezweifle, dass das der Publikumsrenner wird. Der Röschtigraben ist zu gross – die Deutschschweizer interessieren sich doch nicht wirklich für die Romandie und was dort passiert. Und umgekehrt.

Da muss ich widersprechen. Die Serie «Wilder» fand grossen Anklang in der Westschweiz, genauso wie «Quartier des banques» in der Deutschschweiz. «Bye bye la Suisse» wiederum wurde von SRF und RTS koproduziert und ein riesiger Erfolg. Unsere Produktionen haben viel Potenzial. Wir müssen sie nur nutzen. Indem wir die Sprachregionen inhaltlich miteinander verknüpfen, erfüllen wir unseren Kernauftrag, den Service public. Wir zeigen, wie unsere Schweizer Realität aussieht. Wir werden auch Kooperationen eingehen, zum Beispiel mit dem Bergfilmfestival Les Diablerets, von dem wir gleich zum Sendestart ein paar sehr gute Bergfilme zeigen.

Kann «Play Suisse» ernsthaft dazu beitragen, dass wieder mehr Junge SRG-Inhalte schauen?

Ja. Um die Jugend zu erreichen, müssen wir die diversen Distributionskanäle nutzen. Die mobile Nutzung hat einen besonders hohen Stellenwert bei den Jungen. Da passt das webbasierte «Play Suisse» hervorragend dazu. Man kann einen Dokfilm oder eine Serie im Zug auf dem Smartphone starten und sie dann später zu Hause auf dem grossen Bildschirm direkt an derselben Stelle weiterschauen.

Auf den meisten TV-Fernbedienungen gibt es einen roten Knopf, mit dem man auf SRF1 Hybrid Broadcast Broadband Television (HbbTV) nutzen kann. Vor zwei Jahren ergab eine Umfrage, dass nur neun Prozent der Zuschauer von diesem Angebot wissen. Dieses wird wohl wieder verschwinden, oder nicht?

Nein, wir brauchen dieses Angebot, um irgendwann den klassischen Teletext zu ersetzen. Dessen Technologie ist etwas in die Jahre gekommen. HbbTV ist eine technologische Weiterentwicklung, und wir liefern auch diverse Leistungen für Sinnesbehinderte über diesen Kanal.

Der gute alte Teletext verschwindet? Das wird die Sportfans nicht freuen: Viele von ihnen tippen sich täglich durch die wichtigsten Resultate!

Nein, so schnell geht das nicht. Teletext ist noch immer sehr beliebt und wird gut genutzt. Aber wir bereiten hier schon die Technologie der Zukunft vor.

Sie müssen bei der SRG den Sparhammer schwingen. Was ist für Sie das oberste Gebot?

Wir dürfen auf keinen Fall unsere gute Beziehung zum Publikum gefährden. Wir haben seit 2018 zwar gezwungenermassen bereits mehr als 100 Millionen eingespart, reinvestieren jedoch gleichzeitig Geld in Innovationen wie «Play Suisse» sowie in eigene Serien.

«Wir bezahlen nicht jeden Preis.»

Gilles Marchand

Dafür opfern Sie bewährte Sendungen wie «Sport aktuell», «Eco» oder «Netz Natur». Sogar eine Samstagabend-Kiste wie «Happy Day» soll gefährdet sein. Damit vergraulen Sie das treue Publikum!

Wir haben auf unseren klassischen Kanälen weiterhin attraktive Sendungen im Programm. Und nun ergänzen wir dieses sogar – eben mit «Play Suisse». Es ist kein Gegeneinander dieser Angebote, sondern sie ergänzen sich. Zu den Samstagabend-Shows: Ich möchte weiterhin spannende Formate im Programm haben, aber diese müssen vielleicht anders konzipiert sein. Bei einer Sendung wie «Fernweh» reichen eine oder zwei Kameras. Sie können mit relativ einfachen Mitteln tolle Unterhaltung bieten und brauchen nicht 30 Kameras.

Verabschiedet sich die SRG vom Sport?

Nein. Wir kämpfen, um weiterhin viel Sport zeigen zu können…

…aber mit schlechten Karten…

…ja, es gibt Mitkonkurrenten, die viel Geld für gewisse Wettbewerbe bieten, etwa für die Champions League. Wir bezahlen nicht jeden Preis. Uns ist wichtig, dass wir die ganze Palette an Sport zeigen. Setzen wir nur auf das teuerste Pferd, wäre das nicht mehr möglich.

Auch in der Super League haben Sie gegenüber dem Pay-TV-Kanal «blue» oft das Nachsehen.

Schweizer Fussball bleibt wichtig für uns, auch die Schweizer Nationalmannschaft. Die Rechte für die WM 2022 liegen bei uns. Aber es besteht immer ein Risiko, dass ein anderer Player mehr bietet. Allerdings wissen die Sportveranstalter, was sie an uns haben: Reichweite. Geld ist nicht alles.

Ketzerische Frage: Braucht es die SRG überhaupt noch?

Mehr denn je. In unserer digitalen Welt prasselt eine unglaubliche Fülle an Informationen auf uns ein. Es ist oft schwer zu erkennen, was Wirklichkeit und was Fantasie ist. Die SRG bietet der Bevölkerung mit ihrem Service public Sicherheit. Die SRG steht auch für Solidarität, denn nur mit ihr können die Romandie und das Tessin diese hohe Qualität des Programms bieten.

Hat die SRG – so zynisch es klingen mag – von der Pandemie profitiert?

Wenn Sie nur auf die Akzeptanzwerte beim Publikum schauen, stellen wir fest: Ja, wir haben profitiert. Die SRG ist ein wichtiges Informationsmittel für die Bevölkerung, um diese Pandemie zu erklären. Aus kommerzieller Sicht ist es superschwierig. Wir haben viel Geld verloren durch Werbung, die weggebrochen ist. Eine Erholung ist nicht in Sicht. Wir müssen noch mehr sparen.

Gilles Marchand, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.