«Ein bisschen Bünzli steckt schon in mir» | Coopzeitung
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Interview

«Ein bisschen Bünzli steckt schon in mir»

Er singt im Radio auf Englisch, Portugiesisch und Schweizerdeutsch. Und nun steht er in Rolf Lyssys Komödie «Eden für jeden – jedem siis Gärtli» auch noch vor der Kamera. Marc Sway (41) über Heimat, Klischees und neue Herausforderungen. Auf Deutsch.

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Kostas Maros
05. Oktober 2020
Geplant war er als Paolo Cesar, getauft wurde er auf Stefan Marc: Sänger Marc Sway.

Geplant war er als Paolo Cesar, getauft wurde er auf Stefan Marc: Sänger Marc Sway.

Marc Sway, angesichts der neuen Realität wirken die Begrüssungsküssli und Umarmungen in «Eden für jeden» schon fast befremdend. Kommt Ihnen das auch komisch vor, wenn Sie nun den fertigen Film sehen?

Das Schockierendste am Ganzen ist, dass wir das erst vor einem Jahr drehten. Ziemlich genau vor einem Jahr waren wir in diesem wunderbaren Garten bei herrlichem Wetter. Wir hatten Glück, dass wir das alles so schlank in den Kasten brachten. Wie schnell sich der Mensch an eine neue Realität gewöhnt, ist schon erstaunlich.

Ihr Song «Es chunnt eso wies chunnt» trifft genau den Grundton. Was war zuerst: Song oder Film?

Der Film. Den Song habe ich lustigerweie erst gegen Ende des Lockdowns geschrieben. Beim Entrümpeln stiess ich auf ein Foto von mir als Fünfjähriger mit einer Zigarette im Mund. Die hat natürlich nicht gebrannt. In unserer Generation kennt man solche Bilder, aber heute wäre das mega schockierend. Für mich war es die Inspiration für den Song, der ausdrückt: Die Gesellschaft ist im ständigen Wandel, und gewisse Dinge können wir nicht beeinflussen. Aber das, was wir beeinflussen können, sollen wir auch.

Ihre Musik ist während des ganzen Films präsent. War das in diesem Ausmass von Anfang an geplant?

Ich glaube, das hat damit zu tun, dass Regisseur Rolf Lyssy ein grosser Musikliebhaber ist. Und das ist wohl auch der Grund, warum meine Figur Paolo Cesar von einem Musiker gespielt wird und nicht von einem Schauspieler. Rolf wollte Musik in diesem Garten haben. Musik hat etwas sehr Verbindendes. Für mich war der Schrebergarten schon immer ein Mikrokosmos. Er ist die kleinste Form unserer Multi-Kulti-Gesellschaft.

Dann steht dieser Multi-Kulti- Schrebergarten auch stellvertretend für die Schweiz?

Ich habe zu diesem Film sofort Ja gesagt, weil ich ein Riesenfan von Rolf Lyssys Film «Die Schweizermacher» bin. Ich komme selbst aus zwei Nationen, mein Mami ist Brasilianerin, mein Papi Schweizer. Natürlich hat so ein Schrebergarten auch eine politische Message: Wenn es auf der kleinsten Fläche funktionieren kann, warum kann man das nicht nach oben skalieren? In einer Zeit, in der wir über «Black Lives Matter» und eine Begrenzungsinitiative diskutieren.

Marc Sway in «Eden für jeden – jedem siis Gärtli».

Spanferkel-bratende Kosovaren, über die sich der Muslim aufregt, dazu der ständig singende Brasilianer – ist das nicht zu viel Klischee?

Der Film ist klischiert, das stimmt. Aber er basiert auf dem Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» von Mano Khalil. Und das Lustige ist: Jener reale Berner Schrebergarten zeigte viel mehr Klischee als unser fiktiver Film. (Lacht.)

Ihre Figur ist nicht nur ständig fröhlich, singt und trinkt Caipirinha, sondern ist auch noch ziemlich naiv. Inwiefern erkennen Sie sich selbst in Paolo Cesar wieder?

Paolo und ich haben viele Ähnlichkeiten. Das fängt schon beim Namen an: Meine Mutter wollte mich Paolo Cesar taufen. Mein Vater sagte dann: Auf Portugiesisch tönt das sehr schön, aber in der Schweiz ist er dann einfach der Päuli Cäsar. Und somit war das aus dem Rennen. (Lacht.) Aber zurück zum Film: Ich hatte die Freiheit, meine Figur mitzugestalten. Ich bin nicht dieser Paolo Cesar, aber man wird mich wiedererkennen.

Der Schrebergarten ist aber auch Bünzlitum in Reinkultur. Wie viel Bünzli steckt in Marc Sway?

«Ich mag jenen Teil des Bünzlis nicht, der sich verschliesst.»

Marc Sway

So viel, wie in jedem Schweizer steckt, weil er durch das System geprägt ist. Unser Alltag gibt uns viel vor: In der Schule gibt es Betragen und Pünktlichkeit. Bei Pünktlichkeit hatte ich immer nur ein «Genügend». Der kleine Brasilianer steckt schon noch in mir. Ich schätze aber beides. Am Brasilianer mag ich die Spontaneität und die grosse Begabung, im Jetzt zu leben. Am Schweizer schätze ich, dass vieles so präzis läuft wie eben ein Schweizer Uhrwerk. Ich liebe es, dass ich mich auf andere verlassen kann, wenn ich darauf angewiesen bin. Wenn das Bünzli ist, dann bin ich ein bisschen ein Bünzli. t Der ein Land, das über 200 Mal in Brasilien passt, in Kantone und Kantönligeist unterteilen muss. Zum Beispiel beim Tragen von Masken: Man tut, als wäre der eigene Kanton durch eine Mauer von den anderen getrennt. Das verstehe ich nicht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer zweiten Heimat?

Etwas gespalten. Ich liebe Brasilien für den Reichtum an Kultur, für die Schönheit des Landes und die grosse Herzlichkeit. Gleichzeitig gibt es Brutalität und eine Rauheit, die erschrecken kann. Es ist ein Land der Gegensätze, und ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. Gerade die raue Seite Brasiliens macht mir als Schweizer immer wieder Bauchweh.

Sie singen auf Englisch, Portugiesisch und Schweizerdeutsch. Welche Sprache ist Ihnen am liebsten?

Manchmal diktiert der Song die Sprache, drängt sich eine Sprache für eine Melodie auf. Ich liess mir immer die Freiheit, so zu singen, wie ich es spürte. Am Anfang meiner Karriere wurde ich dafür kritisiert. Gewisse Leute sagten mir, ich müsse mich entscheiden, um meinen Weg gehen zu können. Ich dachte aber: Wenn ich das genug lange mache, dann bin ich irgendwann der, der in allen Sprachen singen darf. Und das habe ich gemacht. Zurzeit habe ich grosse Freude an der Mundart. Durch die Sprache bin ich noch etwas näher bei den Leuten. Das fasziniert mich.

Und nun auch noch die Schauspielerei. Ihr Filmdebüt war gleich eine grosse Rolle. Wie wohl fühlten Sie sich, vor der Kamera nicht zu singen, sondern zu sprechen?

Ich hatte etwas Schiss. Aber die Neugier und Vorfreude auf die Zusammenarbeit mit Rolf Lyssy waren grösser als die Angst, meine Komfortzone zu verlassen. Ich kenne meine Qualitäten als Sänger, das ist mein Terrain. Keine Bühne kann mir Angst machen. Aber wieder Anfänger zu sein, nicht zu wissen, ob du scheiterst oder nicht, war ebenso spannend wie beängstigend. Für mich war das besonders schwierig, weil ich ein Perfek- tionist bin. Ab und zu war ich verzweifelt, weil ich dachte: Mist, das könnte ich besser spielen! Wie die Musik ist das Schauspielern auch ein Handwerk, das man lernen muss. Ohne dieses Handwerk an so ein Projekt heranzugehen, war spannend. Aber auch mühsam.

Sind Sie zufrieden mit dem Resultat?

Ja … ja. Das musste ich auch lernen: zufrieden zu sein. Und ich möchte natürlich, dass die Leute sich den Film im Kino ansehen. Doch, ich bin zufrieden, weil ich sagen kann: Ich habe das Beste gegeben, das ich zu diesem Zeitpunkt geben konnte. Heute würde ich das anders spielen, weil ich nun ein bisschen Erfahrung habe. Mein grosses Glück war meine Filmpartnerin Steffi Friis. Sie leuchtet wie ein Stern und lässt dich daneben ein wenig mit leuchten. Ich hatte in meinem Leben immer das Glück, Menschen an meiner Seite zu haben, die extrem gut oder besser im Metier waren als ich. Das macht alles grösser.

Marc Sway, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Musik im Blut

Marc Sway wurde am 25. Juni 1979 in Männedorf ZH als Stefan Marc Bachofen geboren. Sein Vater ist ein Schweizer Hobbymusiker, seine Mutter eine brasilianische Tanzlehrerin. Den ersten Plattenvertrag erhielt er 2002, bisher veröffentlichte er sechs Alben. Seit 2006 ist er mit Severine (40) verheiratet und hat mit ihr die Töchter Naomi Ayleen (11) und Nahla Sophia (9). Marc Sway wohnt in Pfaffhausen ZH.