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Interview

«Eine Achterbahn der Gefühle»

Volksmusik-Star Melanie Oesch (33) erzählt, weshalb die vergangenen Wochen besonders intensiv waren, wie die Klatschheftli gerne Geschichten zusammenfantasieren und was es damit auf sich hat, dass sie plötzlich auch Spanisch singt.

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Heiner H. Schmitt
13. Juli 2020
Melanie alleine im Wald – die Frontsängerin von «Oesch's die Dritten» kann sich eine Solokarriere trotzdem nicht vorstellen.

Melanie alleine im Wald – die Frontsängerin von «Oesch's die Dritten» kann sich eine Solokarriere trotzdem nicht vorstellen.

Leadsängerin und Jodlerin

Melanie Oesch

Melanie Oesch (32), in Schwarzenegg BE aufgewachsen, tritt seit 1997 mit Vater Hansueli (61), Mutter Annemarie (57) und den Brüdern Mike (31) und Kevin (29) als «Oesch’s die Dritten» auf, Urs Meier (39) spielt seit 2011 das Akkordeon. Seit dem Sieg mit Peter Hinnens «Ku-Ku-Jodel» im Nachwuchswettbewerb des «Musikantenstadl» und bei «Die grössten Schweizer Hits» (2007/2008) ist das Sextett in der Volksmusik eine feste Grösse, die auch im deutschsprachigen Ausland sowie neuerdings in Übersee viele Fans hat. Das neue Album «Die Reise geht weiter» wird am 2. Oktober veröffentlicht. Der Tourstart ist für den 25. September geplant.

Melanie Oesch, Sie sind während dem Lockdown zum ersten Mal Mutter geworden. Wie haben Sie diese beiden Ereignisse erlebt?

Ich war hin- und hergerissen. Direkt nach der Geburt war ich emotional so extrem an einem anderen Ort in meiner neuen Rolle, dass ich gar nicht alles mitbekam, was auf der Welt passierte. Ich fühlte mich wie in Watte gepackt. Wenn ich abends durch die «Tagesschau» in die Realität zurückgeholt wurde, dachte ich allerdings: «Jesses Gott, was erwartet uns da noch? Wie geht es weiter?» Es war eine Achterbahn der Gefühle, wobei die Hochs massiv überwogen haben. Es ist so etwas Schönes, wenn man Eltern wird!

Hat Robin schon Züge, die an Sie oder seinen Vater erinnern? Typisch Melanie oder «ganz de Bappe»?

Da scheiden sich die Geister. Es gibt schon das eine oder andere, aber es hat sich noch nicht klar manifestiert. Vielleicht kann dies das Umfeld auch besser beurteilen als man selbst?

Wollten Sie schon immer eine Familie gründen oder erst, seitdem Sie den richtigen Partner gefunden hatten?

Ich konnte mir das schon immer vorstellen, aber ich habe es nie gross kommuniziert und hatte auch keinen Plan. Es hat sich so ergeben. Das ist das Natürlichste, wenn man es einfach passieren lässt.

Sie kommunizieren nicht, wer Ihr Partner ist – weil er für sich selbst stehen und nicht als «der Mann von Melanie Oesch» gelten will?

Nein, darum geht es nicht. Er möchte einfach nicht in der Öffentlichkeit stehen und findet, dass mein Leben und die Familie schon genügend unter Beobachtung sind. Auch ich bin froh, einen Rückzugsort zu haben, wo ich eine Privatsphäre habe.

Und die Medien respektieren das?

Am Anfang ging eine ganze Welle von Artikeln durch die deutschen Klatschheftli. Was da alles fantasiert und zusammengeschustert wurde … (Pause.) Nichts davon stimmte! Trotzdem hat hin und wieder auch hier in der Schweiz jemand von denen abgeschrieben. Daraus entstand ein Riesenwirrwarr. Ich wusste gar nicht, wie ich das auflösen kann. So äusserte ich mich lieber gar nicht dazu, worauf sich das Ganze irgendwann beruhigte.

Während dem Lockdown waren die von ihren Enkeln getrennten Grosseltern ein grosses Thema. Wie lange dauerte es, bis Ihre Eltern Robin in den Armen halten konnten?

Wir haben das Glück, dass wir im gleichen Haus wohnen und aus beruflichen Gründen ständig in Kontakt sind. So konnten sie ihn ständig sehen. Freunde und Verwandte mussten sich jedoch gedulden.

Sind Sie das erste der drei Geschwister, das ein Kind hat?

Ja, also mou ...

Zumindest soweit Sie es wissen?!

Nein, ich kenne meine Brüder schon gut genug und habe da überhaupt keine Zweifel! (Lacht.)

Kann Robin schon jodeln?

Das ist eine Definitionsfrage. Ich vergleiche das Jodeln gerne mit dem Skifahren: Kann jemand schon Ski fahren, wenn er ohne Beinbruch den Berg runterkommt? Lassen wir die Frage noch offen.

Wie hat sich Ihre Persönlichkeit durch Ihre neuen Erfahrungen verändert?

Ich nehme mich gleich wahr wie vorher. Vielleicht bin ich in mancher Hinsicht noch sensibler geworden und mache mir tiefere Gedanken. Es hat sich gezeigt, wie gut es ist, wenn ich mir für etwas Zeit nehme. Vorher habe ich immer gedacht, hurti hier und hurti dort ...

Wird man durchs Muttersein ruhiger – oder sind die Nerven im Gegenteil angespannter, sodass man auch mal «explodiert»?

Das konnte ich vorher schon gut! Aber es passiert nicht oft. Meistens ist es so, dass sich ein Ärger angestaut hat, bis ich irgendwann explodiere.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wir haben ein Management und klare Strukturen in der Band, wer wofür zuständig ist. Es gibt jedoch Veranstalter, die sich besonders schlau vorkommen, wenn sie mich über Whatsapp oder Instagram direkt kontaktieren. Wenn ich nicht sofort zurückschreibe, weil ich die falsche Ansprechperson bin oder den Überblick nicht habe, kommen teilweise fiese Kommentare wie «Du hast es wohl nicht nötig!» hinterher. Dann kann ich Kontra geben: «Halt du dich mal an die Regeln und frag beim Management an!»

«Wenn ich nicht sofort zurückschreibe, kommen teilweise fiese Kommentare.»

 

Bei «Oesch’s die Dritten» sind es sechs Mitglieder, die ihre Termine koordinieren müssen. Wärs für Sie, wo nun eine siebte Person im Spiel ist, eine Solokarriere nicht einfacher?

Finden Sie? Von aussen mag es einfacher erscheinen, aber für mich wäre es das nicht. Erstens möchte ich es nicht. Zweitens bin ich nicht der Typ dafür. Ich empfinde es als Privileg, mit den eigenen Leuten zu teilen, was ich gerne mache.

Sie und Ihre Brüder haben bei «Oesch’s die Dritten» den Lead übernommen. Wie sagt man den Eltern, was sie zu tun haben?

Das ist nicht einfach. Gleichzeitig aber auch nicht schwierig, da wir uns nicht wie Chefs aufspielen, sondern bei der Aufgabenverteilung die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen berücksichtigen. Social Media ist Sache von uns Jungen. Mein Vater findet: «Bruchen i ned!» Dafür profitieren wir von seinem Mu- sikgehör, Gespür und seiner Erfahrung. Meine Mama kümmert sich um alles Buchhalterische und dass wir finanzielle Unterstützung bekommen, da wegen Corona viele Konzerte abgesagt wurden. Diese ist wichtig, weil wir Kulturschaffenden die ersten Betroffenen waren und die Letzten sein werden, bei denen Normalität einkehren wird. Trotzdem bekommen wir Sprüche wie «Dir müest halt öppis rächts wärche!» zu hören.

Könnten Sie sich vorstellen, Rock oder Pop zu singen?

Pop gefällt mir weniger, auf Rock hätte ich eher Lust. Der ist auch ein Stück weit handgemacht. Beim Pop finde ich es schade, dass alles in eine Richtung geht. Überall hört man den gleichen Beat. Sogar im Schlager. Deshalb bin ich froh, wenn im Radio mal ein Naturjuuz, Blues oder Reggae läuft, wo jemand sein Herz reingelegt hat und nicht Maschinen den Ton angeben.

Ihr neues Album erscheint im Herbst. Es hat viel Berndeutsches drauf und zum ersten Mal etwas Spanisches. Wollen Sie damit einen Sommerhit landen?

Nein, wir haben unser Lied «Swiss Girl» übersetzen lassen und auf eine humorvolle Art interpretiert, weil wir seit ein paar Jahren in Südamerika und Mexiko eine grosse neue Fangemeinde haben, die uns über die digitalen Kanäle entdeckt hat. Bekannte in Chile erzählten uns, es habe alles damit begonnen, dass uns ein Fernsehsender als Entdeckung des Tages präsentiert hat. Wir haben nichts davon gewusst und nun sind auf Youtube schon ein Drittel der Kommentare zu unseren Videos auf Spanisch verfasst. Wahnsinn!

Bei anderen Müttern sind es oft die Grosseltern, die sich während der Arbeit um das Kind kümmern. Bei Ihnen stehen diese mit auf der Bühne. Übernimmt dann der Vater?

Ich habe im näheren Umfeld sehr, sehr tolle Menschen, die sich schon anerboten haben: «Gäll, säg’s dänn, ich komme gerne mal als Babysitter mit!»

Melanie Oesch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.