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Interview

«Ich bin keine Diva»

Monica Bellucci, viel bewundert und mehrfach ausgezeichnet, erklärt, weshalb Schönheit allein für die grosse Karriere nicht reicht und wann sie ein Mann zu langweilen beginnt.

27. Dezember 2020
Monica Bellucci (56) glaubt an die Macht der Filme: «Man kann als neuer Mensch aus einem Film herauskommen.»

Monica Bellucci (56) glaubt an die Macht der Filme: «Man kann als neuer Mensch aus einem Film herauskommen.»

Monica Bellucci, darf man Sie als Schönheitsikone oder gar als Sexsymbol bezeichnen – oder finden Sie das in der heutigen Zeit unpassend?

Ich empfinde äusserliche Schönheit nicht als belastend. Sie ist ja nicht von ewiger Dauer. Wenn die Schönheit der Jugend endet, wird sie abgelöst von innerer Schönheit und Weisheit. Als ich damals mit 27 Jahren mit der Schauspielerei anfing, war ich sicherlich nicht die beste Schauspielerin der Welt! Francis Ford Coppola gab mir in «Bram Stoker’s Dracula» eine kleine Rolle, das war meine Chance. Ich kapierte schnell, dass ich mich auf die Hinterbeine stellen muss, wenn ich mich vom Aussehen unabhängig machen will. Schöne Frauen gibts genug auf der Welt.

Sie haben später immerhin James Bond verführt …

Stimmt, bei den Dreharbeiten zu ­«Spectre» war ich 50 Jahre alt und damit älter als 007 Daniel Craig. (Lacht.) Das war eine kleine Revolution im Filmgeschäft.

Können Sie manchmal auch eine echte Diva sein?

Ich bin keine Diva, ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben! Aber die Gefahr besteht tatsächlich, dass Schauspieler zwischen ihrer wahren Person und ihrem Image keinen Unterschied mehr sehen. Es ist doch so: Du drehst Filme, wirst für Zeitschriftencover fotografiert, machst Werbung für deinen Film – dadurch wird ein Image geschaffen, das sich irgendwann verselbständigt. Dann hat es nur noch wenig mit dir zu tun. Wenn du wirklich glaubst, dass du das bist, was dein Image aussagt – dann bist du in Gefahr!

Haben Sie auch Mut zur Hässlichkeit?

Das habe ich doch schon bewiesen – im Film «Un été brûlant» von Philippe Garrel. Der Dreh fand einen Monat nach der Geburt meiner zweiten Tochter statt. Ich stillte alle zwei Stunden und schlief nachts kaum – und spielte trotzdem eine Frau, die gefährlich sexy sein soll! Ich hatte darin auch noch ziemlich viele Nacktszenen, obwohl mein Körper alles andere als in Bestform war. Im Klartext: Ich sah zwar unvorteilhaft aus, aber durch die Geburt war ich noch so euphorisch, dass mir das alles nichts ausmachte.

Das klingt ganz schön uneitel.

Ich fand und finde das Ganze trotzdem schön, gerade weil ich nicht perfekt aussah und ich mich verletzbar fühlte. Wohl auch deshalb wirkte es viel menschlicher und berührte die Menschen.

Sie haben einmal mit Robert De Niro für die Liebesgeschichte «The Ages of Love» vor der Kamera gestanden. Harmonierten Sie als Liebespaar?

Unbedingt, denn er war so herrlich italienisch dabei! Ich fand es umwerfend, mit ihm zu arbeiten. Jeder weiss ja, dass er ein fantastischer Schauspieler ist, aber kaum jemand weiss, dass er als Mensch ebenso fantastisch ist! Er war zu allen am Set nett, ja, er war wahnsinnig höflich und respektvoll. Ich glaube, jeder war erstaunt, wie umgänglich und bescheiden dieser Filmgott ist.

Wann ist ein Mann für Sie schön?

Was man als Schönheit wahrnimmt, ist sehr individuell. Das macht es besonders interessant. Objektive Schönheit kann auch sehr langweilig sein. Ich glaube nicht an Schönheit um ihrer selbst willen: Ich bin schnell gelangweilt, wenn nichts dahinter steckt. Dann sieht man die Schönheit nach fünf Minuten nicht mehr.

«Ich sah unvorteilhaft aus, aber das machte mir nichts.»

Monica Bellucci

Seit «Irréversible» im Jahre 2002 sind Sie ein Weltstar. Der Skandalfilm ging aufgrund seiner radikalen Gewaltszenen als «most walked-­out-of movie» in die Annalen von Cannes ein – die Kritiker verliessen den Saal in Scharen.

Natürlich ist der Film unheimlich brutal. Ja, er zeigt tatsächlich die Monstrosität, die Menschen innewohnt – aber auch die Schönheit. Indem sie den Saal vorzeitig verliessen, konnten sie die Dimension des Films gar nicht richtig verstehen. Die Poesie des Endes fehlte ihnen komplett.

Regisseur Gaspard Noé präsentiert dieses Werk nach 17 Jahren in einer neuen Fassung, die nun auf DVD erhältlich ist. Dabei hat es bereits der ursprüngliche Film geschafft, über die Jahre einen Kultstatus zu erreichen …

Ja, der Film ist intensiv und verstörend, aber auch wichtig. Er löste damals eine öffentliche Diskussion aus, die wir dringend brauchten. Anfang des Jahrtausends zog der Film noch eine Welle der Empörung nach sich, heute hingegen ist man sich einig, wie wichtig die Botschaft des Films nach wie vor ist. Filme können uns verändern. Man kann als neuer Mensch aus einem Film herauskommen wie zum Beispiel aus «Clockwork Orange» oder «La Vie d’Adèle – Blau ist eine warme Farbe». Das sind verstörende, schmerzhafte, auf ihre Art aber eben auch wunderschöne Werke.

In «Irréversible» geht es auch um Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen. Wird dieses Thema spätestens seit #MeToo anders behandelt? 

Ja! Wenn ich mir meine Töchter ansehe, dann geht diese Generation völlig anders mit solch sensiblen Themen um. Die Regeln unserer Kultur ändern sich. Wir können über diese Themen klarer sprechen, und auch Frauen können Dinge direkter ansprechen. Im Grunde ist «Irréversible» ein feministischer Film, der von einem Mann gemacht wurde. Denn die Männer kommen darin allesamt nicht sehr gut weg.

Mit einem dieser Kollegen, ­Vincent Cassel, waren Sie damals sogar verheiratet. Wie hat sich dieser Film auf Ihre Beziehung zu Ihrem Ehemann Vincent Cassel ausgewirkt?

Wir haben uns direkt im Anschluss scheiden lassen. (Lacht.) Nein, das war natürlich nur ein kleiner Scherz. Tatsächlich war es eine tolle Erfahrung. Es war nämlich deutlich einfacher, intime Szenen zu drehen, weil wir verheiratet waren. Mit einem anderen Schauspieler wäre das etwas komplett anderes gewesen. Ich bin noch nie so weit gegangen in einer Rolle. Daher war ich sehr glücklich darüber, dass der Kollege gleich- zeitig mein Mann war. Das alles war für mich eine intensive, spannende Erfahrung. Es gab einzelne Szenen, die fast geschlagene 20 Minuten dauerten – für das Kino ungewöhnlich lang! Für mich fühlte sich das deshalb eher wie ein ­Theaterstück an.

Sie könnten ausschliesslich bei ­grossen Blockbustern wie «The Matrix» oder «James Bond 007» anheuern. Aber Sie sind auch in Arthouse-Projekten eines kurdisch-iranischen Regisseurs zu finden. Aus künstlerischer Grosszügigkeit?

Nein, nein, nein – das sind auch wirklich grosse Filme! Das Budget ist für mich nicht wirklich ausschlaggebend. Ich kann mich glücklich schätzen, mit so talentierten Künstlern wie Bahman Ghobadi zusammenarbeiten zu können. Sein «Rhinos Season» war ein sehr interessanter und starker Film. Es steckt vielleicht nicht das grosse Geld darin, aber grosse Kunst! Bahman ist ein toller Regisseur, das Team kam aus Teheran, war frisch, voller Energie und neugierig. Allein deswegen war es eine grossartige Erfahrung.

Monica Bellucci, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Monica Bellucci

Seit 30 Jahren dick im Geschäft

Monica Bellucci, 1964 in Umbrien in der Mitte Italiens geboren, studierte Jura, modelte daneben und stieg schliesslich 1990 ins Filmgeschäft ein. Seitdem spielte sie in über 70 Produktionen mit. Bellucci setzt, so zumindest liess sie es in mehreren Interviews verlauten, statt auf Botox auf Akupunktur. Sie ist zweimal geschieden und lebt mit ihren beiden Töchtern Deva (16) und Leonie (10) aus zweiter Ehe in Paris.