«Ich bin Vertreterin der Versicherten» | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Interview

«Ich bin Vertreterin der Versicherten»

Seit 2016 ist Philomena Colatrella CEO der CSS, des grössten Krankenkassen-Grundversicherers der Schweiz. Im Interview spricht sie über morgendliche Gewohnheiten, lange Arbeitstage und Sparmöglichkeiten im Gesundheitswesen.

12. Oktober 2020
Philomena Colatrella: Lehrerin, Anwältin, Generalsekretärin, CEO.

Philomena Colatrella: Lehrerin, Anwältin, Generalsekretärin, CEO.

Philomena Colatrella, unser Gespräch findet um 7.30 Uhr statt. Ein so früher Termin wird einem Journalisten selten vorgeschlagen.

Ich bin oft um 7 Uhr im Büro. Dann kann ich den Tag einläuten, indem ich unter dem Türrahmen ein paar informelle Gespräche führe. Heute zum Beispiel habe ich mit unserem Juristen einen Kaffee getrunken.

Dann sind Sie eher eine Lerche als eine Eule.

Ich stehe um 5.30 Uhr auf und nehme mir am Morgen relativ viel Zeit. Ich trinke einen Kaffee und lese unterschiedliche Zeitungen, heute «Le Temps» und die «Neue Zürcher Zeitung».

Jetzt bin ich grad ein bisschen enttäuscht ...

… Sie lachen jetzt, aber wenn die Coopzeitung bei mir auf dem Tisch liegt, und heute Morgen war das der Fall, dann werfe ich auch einen Blick hinein. Meistens schaue ich mir die Interviews an.

Sie wollen mir schmeicheln ...

... nein, ernsthaft: Das ist die einzige Zeitung dieser Art, die ich anschaue.

Wann machen Sie Feierabend?

Ich bin abends oft lange unterwegs.

Das heisst?

20 Uhr wird es häufig. Aber dann habe ich oft noch Essen und Meetings. Diese Woche bin ich wohl nie vor 23 Uhr zu Hause. Aber es gibt auch andere Tage.

Das entspricht nicht dem, was die Krankenkassen im Sinne der Gesundheitsprävention empfehlen.

Oftmals ist das positiver Stress. Nach intensiven Phasen versuche ich, in der Folgewoche in meiner Agenda Inseln für mich zu reservieren. Raum, um zu denken und zu reflektieren.

Ihr Beruf: Krankenkassenchefin. Ihre Freizeitbeschäftigung: Krankenkassenchefin ...

Nein, so ist das nicht. Ich bin vielseitig interessiert und pflege diverse Hobbys: Ich spiele Tennis, ich jogge, ich spiele auch Klavier – aber viel zu selten. Dann gehe ich gerne in Konzerte. Ich bin allgemein an Literatur und Kultur interessiert.

Sie waren ja zuerst Lehrerin, erst dann studierten Sie Rechtswissenschaften.

Als Lehrerin habe ich begonnen, meine wahre Leidenschaft war jedoch die Anwaltstätigkeit. Ich war eine überzeugte Juristin. Ich liebte es, Anwältin zu sein, Positionen zu vertreten.

Können Sie diese Liebe als Krankenkassenchefin noch ausleben?

Ich verstehe mich als Vertreterin der Versicherten. Insofern besteht durchaus noch ein Link zur Anwaltstätigkeit: Die Versicherten bezahlen Prämien, sie geben uns diese zu treuen Händen, und wir verwalten sie mit dem Auftrag, sie bestmöglich zu bewirtschaften und letztendlich die Prämien möglichst tief zu halten.

«Bei den Generika liegt in der Schweiz noch einiges drin.»

Philomena Colatrella

Sie sind eine der wenigen Frauen in der Schweiz, die es in der Wirtschaft in eine solch hohe Stellung geschafft haben: CEO des grössten Grundversicherers des Landes. Was braucht es, um in einen solchen Job zu kommen?

Das ist für Frauen nicht anders als für Männer. Grundvoraussetzung ist der Wille, mitzugestalten. Dann braucht es Ehrgeiz. Und natürlich auch die Bereitschaft, sehr viel zu leisten; man kommt nicht darum herum, tüchtig zu sein. Und letztlich muss man diese Bereitschaft und seine Wünsche auch manifestieren: Sie können nicht einfach im stillen Kämmerchen sitzen. Da hört Sie niemand.

Das tönt nach: Wer als Frau nicht nach oben kommt, hat keinen Willen, keinen Ehrgeiz, ist nicht bereit, etwas zu leisten.

Auf keinen Fall! Es braucht nicht nur den Willen, sondern auch die richtigen Rahmenbedingungen innerhalb einer Firma. Darüber hinaus ist es eine persönliche Entscheidung, da der Job viel abverlangt. Ich respektiere jede Frau – und natürlich auch jeden Mann –, die das nicht will und für sich eine andere Wahl trifft.

Sie widerlegen nicht nur die Behauptung, dass man als Frau in der Wirtschaft kaum ganz nach oben kommen kann. Sie sind auch ein Beispiel dafür, dass man als Frau zu den Spitzenverdienern gehören kann. 2017 waren Sie die bestverdienende Person an der Spitze einer Krankenkasse.

Diese Berechnung war fehlerhaft. Mein angeblicher Spitzenplatz hat sich mittlerweile relativiert. Aber Sie haben insofern recht: Die CSS steht für Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern ein.

Das heisst, Sie sind mit Ihrem Einkommen trotz dieser Relativierung zufrieden?

Natürlich.

Die Krankenkassenprämien steigen nächstes Jahr kaum. Haben wir es endlich geschafft, die Prämien zu stabilisieren?

Als ich 2016 CEO wurde, fragte man mich nach meinem Ziel. Dann sagte ich: Dass wir unseren Versicherten jeden Herbst eine gute Prämie anbieten können. In der Folge lagen wir mit unseren Prämien immer unter dem schweizerischen Durchschnitt – mit einer Ausnahme. Mir ist wichtig, dass wir in unseren Prämien keine Sprünge haben. Unsere Prämienpolitik ist nachhaltig und birgt für unsere Kunden keine Überraschungen. Wir haben finanziell ein gutes Polster, und das setzen wir auch ein, um grosse Prämiensprünge zu vermeiden. Und wir geben unseren Versicherten etwas zurück mit einem Bonusprogramm, das wir diesen Herbst lancieren.

Über Sparmassnahmen im Gesundheitswesen werden wir aber auch in den kommenden Jahren diskutieren müssen.

Ganz sicher. Mehr Ärzte, mehr Behandlungen, neue Medikamente und Therapien: Deshalb steigen die Prämien.

Wer kann denn zu einer weniger teuren Gesundheitsversorgung beitragen? Welchen Beitrag können die Versicherten selber leisten?

Mit einem alternativen Versicherungsmodell kann man Kosten sparen, indem man sich immer zuerst an den Hausarzt, die telemedizinische Beratungsstelle oder eine Gruppenpraxis wendet. Dann können sie zum Beispiel konsequent Generika wählen, digitale Tools nutzen oder eine Zweitmeinung einholen.

Was erwarten Sie von den Hausärzten?

Die müssen in der Versorgung noch vermehrt eine lenkende, unterstützende Rolle übernehmen, indem sie den Patienten gut über die verschiedenen Möglichkeiten informieren, ihn dann begleiten und zum Beispiel auf Generika aufmerksam machen. Sie können ihrer eigenen Einschätzung auch von sich aus eine Zweitmeinung gegenüberstellen, um unnötige Eingriffe zu vermeiden.

Und die Krankenkassen?

Wir müssen unsere Kosten möglichst tief halten: Da ist die CSS sehr effizient. Von einem Prämienfranken geben wir nur vier Rappen für interne Kosten aus. Und: Krankenkassen brauchen eine gute Rechnungskontrolle; da haben wir in den letzten Jahren stark aufgerüstet.

«Mit einem alternativen Versicherungsmodell kann man Kosten sparen.»

Philomena Colatrella

Was heisst das?

Wir kontrollieren die Rechnungen der Leistungserbringer sehr genau. Hätten wir das im letzten Jahr nicht gemacht, hätten wir 660 Millionen Franken an ungerechtfertigten Kosten mehr auszahlen müssen. Das waren Einsparungen von rund 20 Prozent, die wir direkt auf die Prämien hätten überwälzen müssen, das heisst, 20 Prozent höhere Prämien.

Wie schätzen Sie die Höhe der Medikamentenpreise ein?

Die Ausgaben für Medikamente sind trotz der Massnahmen des Bundesamtes für Gesundheit weiter angestiegen. Es braucht ein Umdenken und neue Preismodelle. Bei der Verwendung von Generika sind wir in der Schweiz zum Beispiel noch nicht wahnsinnig weit. Da liegt noch einiges drin.

Gesundheitsthema Nummer eins in diesem Jahr ist Corona. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das war in der Tat eine Herausforderung. Wir riefen zu Beginn der Pandemie einen Krisenstab ins Leben. Dabei standen zwei Ziele im Vordergrund: Erstens, den Betrieb aufrechtzuerhalten und unsere Kundinnen und Kunden jederzeit betreuen zu können. Und zweitens, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Innert zehn Tagen hatten wir 90 Prozent im Homeoffice. Aufgefallen ist mir, wie rasch unsere Kundinnen und Kunden auf unsere digitalen Angebote umgestiegen sind. Und eine weitere positive Erfahrung: Wie effizient und unkompliziert sich die Zusammenarbeit mit den Behörden und den Ärzten plötzlich gestaltete.

Ist für Sie Homeoffice auch in der Nach-Corona-Zeit ein Thema?

Vor Corona arbeiteten zwei Prozent der Mitarbeitenden regelmässig von zu Hause aus. Wenn wir diese Quote dauerhaft auf zehn, zwanzig oder noch mehr Prozent steigern könnten, wäre das natürlich ein Fortschritt. Wir sind bereits in einer neuen Arbeitswelt angekommen. Homeoffice ist bei uns etabliert. Darüber hinaus experimentieren wir mit neuen Formen der Zusammenarbeit wie arbeiten im Co-Working-Space.

Wann haben Sie heute Feierabend?

Ich habe heute verschiedene Einzelgespräche und ein Mittagessen mit einer externen Innovationsexpertin. Mit ihr diskutiere ich über Trends, die sich im Gesundheitsbereich abzeichnen: Ich befinde mich in einem ständigen Lernprozess, tausche mich sehr häufig mit Expertinnen und Experten aus. Um 18 Uhr habe ich noch ein Meeting in Bern, aber um etwa 23 Uhr sollte ich zu Hause sein.

Philomena Colatrella, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Krankenkasse

– das müssen Sie wissen

  1. Ich will meine Krankenkasse wechseln. Wie muss ich vorgehen?
    Der Krankenversicherer muss die Kündigung vor Ablauf der Kündigungsfrist erhalten, also spätestens am 30. November. Wir empfehlen, die Kündigung bis Mitte November eingeschrieben zu schicken. Vorlagen gibts im Internet zum Beispiel unter www.comparis.ch.
     
  2. Wie kann ich Prämien sparen, ohne die Kasse zu wechseln?
    Mit einer Erhöhung der Franchise oder dem Wechsel in ein alternatives Versicherungsmodell (z. B. telemedizinische Versicherungen oder HMO- und Hausarztmodelle).
     
  3. Worauf muss ich beim Prämienvergleich achten?
    Unterschiede gibt es beim Kundenservice (z. B. Erreichbarkeit des Kundenberaters), bei der Kulanz, bei den Serviceleistungen und bei Angeboten rund um die Gesundheit.
     
  4. Wenn alle die gleichen Leistungen bieten: Warum sind nicht alle gleich teuer?
    Die Prämien der einzelnen Gesellschaften/Krankenversicherungen müssen die von den Versicherten verursachten Kosten decken. Die Versicherten einer jeden Krankenversicherung generieren unterschiedlich hohe Kosten (abhängig von Alter, Wohnort, Beruf etc.), entsprechend unterschiedlich fallen auch die Prämien aus.
     
  5. Ist es sinnvoll, die ganze Familie inklusive Kindern bei der gleichen Krankenkasse zu versichern?
    Ja. So haben Sie nur einen Ansprechpartner; das erleichtert den administrativen Aufwand. Zudem bestehen im Bereich der Zusatzversicherung Vergünstigungsmöglichkeiten für Familien.
     
  6. Sind die Leistungen der obligatorischen Grundversicherung wirklich bei allen Kassen gleich?
    Ja. Sie gewährleisten eine qualitativ hochstehende und umfassende Grundversorgung für alle.
     
  7. Warum erhält ein Kollege einen Beitrag ans Fitness-Abo und ich nicht?
    Beiträge an ein Fitness-Abo werden aus der Zusatzversicherung geleistet. Diese können bei den einzelnen Gesellschaften unterschiedlich geregelt sein.
     
  8. Wie hoch soll ich meine Franchise wählen?
    Das kommt auf die erwarteten Gesundheitskosten an. Wenn Sie tiefe Gesundheitskosten erwarten, sollten Sie die höchste Franchise wählen, wenn Sie hohe Gesundheitskosten erwarten, entsprechend die tiefste. Je tiefer die Franchise, desto höher die Prämie. Zur Orientierung betrachten Sie am besten die persönlichen Gesundheitskosten der letzten Jahre. Generell sollte jemand, der Krankheitskosten von über 1900 Franken im Jahr hat, eine tiefere Franchise wählen. Fallen geringere Kosten an, ist die 2500-Franken-Franchise die richtige.