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Interview

«Wir müssen dieses Interview anders führen»

Gerne hätten wir von Iouri Podladtchikov (31) erfahren, wie es ihm während dieser Corona-Zeit geht, was er für Übungen macht oder ob er seine Freundin noch dreimal gesehen hat. Der Snowboard-Olympiasieger wollte jedoch lieber über anderes reden. Auch gut.

FOTOS
Iouri Podladtchikov
11. Mai 2020
 «Iouri, könnten Sie uns Selbstporträts von sich schicken, wo man Sie gut sieht?» – «Klar, mache ich gerne!» 

 «Iouri, könnten Sie uns Selbstporträts von sich schicken, wo man Sie gut sieht?» – «Klar, mache ich gerne!» 

Iouri Podladtchikov, ich möchte Sie für die Coopzeitung interviewen.
Coopzeitung? Darf ich Sie fragen, woher Sie meine Nummer haben?

Ihre Nummer steht in meinem Adressbüchlein. Warum, weiss ich nicht. Ich war zwar wie Sie an Olympia 2006 und 2010 dabei, aber es ist unser erstes Interview zusammen.
(Pause.)

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie alles über sich lesen. Ist das auch heute noch so?
(Pause.) Und mit dieser Frage wollen Sie nun in dieses Gespräch einsteigen?

Ja, das war die Idee. Man sucht immer einen besonderen Einstieg ins Interview.
Der ist aber schon passiert. Ich habe Sie gefragt, woher Sie meine Nummer haben. Ich glaube, wir müssen dieses Interview anders führen. Das, was Sie wollen, hat nichts mit dem zu tun, was ich will.

Was wollen wir denn?
Sie wollen für die Coopzeitung wissen, wie es mir während dieser Corona-Zeit geht, was ich für Übungen mache, wann ich ins Feld zurückkomme. Ist jemand von meinen nahen Personen erkrankt? Habe ich Geld verloren? Habe ich meine Freundin noch dreimal gesehen? All das also, was mich nicht interessiert. Ich bin zwar sehr dankbar, dass man mir irgendwelche Fragen stellen will, aber von mir aus muss dieses Interview nicht sein. Ich studiere seit August am International Center of Photography in New York.

Erzählen Sie. Es kann ja sein, dass ich bis am Ende keine der Fragen stelle, die ich mir notiert habe. 
Aber interessieren diese anderen Fragen auch die Leser der Coopzeitung? Ich studierte ja Kunstgeschichte, doch das war mir teilweise zu trocken. Ich wollte mehr mit den Händen arbeiten. Darauf gekommen bin ich während meinen Verletzungen, als ich mir die Frage stellte, wie es weitergeht, wenn ich nicht mehr snowboarden kann. Da habe ich mir verschiedene Schulen angeschaut. Am meisten überzeugte mich New York. Ich bewarb mich und wurde angenommen.

Entspricht der Schulalltag Ihren Erwartungen? 
Am Anfang wäre ich fast nach Hause zurückgekehrt. Man hat grosse Erwartungen, wenn man an ein so renommiertes Institut kommt. Es fühlt sich fast so an, als ob man auf dem Olymp angekommen sei. Die Realität ist jedoch eine andere. Ich entschloss mich, dem Ganzen noch mehr Zeit zu geben. Ich kam dann auch besser in die Gänge, vor allem gefiel mir, dass die ganze Welt dieses Institut besucht: Die Studenten kommen von überall her. Jeder bringt seine eigene Kultur ein. Bei mir ist es der Snowboarder aus der Schweiz, der immer wieder durchdringt, auch wenn ich eine internationale Kunstschule besuche. Für viele wird ein Traum wahr, den sie auf ihrer Bucket-Liste nun abhaken können. Eine Modedesignerin führt eine erfolgreiche Fashionlinie und hat ein Kind, wollte nun aber unbedingt an diese Schule.

Was steht auf Ihrer To-do-Liste?
Ich habe keine Liste. Viele versuchen an diesem Institut so viel wie möglich aufzusaugen, weil es nicht gerade billig ist – und überfordern sich. Ich belege nur wenige Kurse, aber in diesen bin ich ein Riesenstreber. Wegen Corona zurzeit einfach online von Zürich aus.

Was sind Sie heute? Ein Fotograf? Ein Snowboarder? Ein Fotograf, der snowboardet? Oder ein Snowboarder, der fotografiert?
(Pause.)

Ich frage auch deshalb, weil Swiss-Ski Sie eben erst zurückgestuft hat. Sie gehören damit nicht mehr dem Nationalteam an.
Ich habe das selber so beantragt. 

Weshalb?
Das ist eine Frage, die wirklich in die Tiefe geht und deshalb viel zu weit führen würde. Ich finde es so richtig momentan. Es ist sehr komplex und genau eines der Themen, über die ich mit Ihnen nicht sprechen wollte.

Wir könnten über Ihren freiwilligen Corona-Militärdienst im April in der Schweiz sprechen. In einem Porträt wurden Sie als sprunghaft bezeichnet. War das auch eine sprunghafte Entscheidung?
Das war so spontan wie bei den 3000 anderen Freiwilligen auch. Ich habe mich ebenso bei anderen Stellen gemeldet, bei Ärzten etwa. Aber ich habe keine medizinische Ausbildung. Dafür zwei Hände. Ich kann anpacken, Material schleppen, solche Dinge. Beim Militär hatten sie Verwendung für meine Hände. 

Sie kommen immer wieder auf Ihre Hände zu sprechen. 
Ich komme aus einer Akademikerfamilie, in der alle mit dem Kopf arbeiten. Ich wollte einfach helfen und habe mich deshalb zur Verfügung gestellt. Ich habe Trennwände aus Plexiglas hergestellt. Was ich übrigens alles schon in einer anderen Zeitung in einem Interview erzählt habe. Das zu wiederholen, ist auch nicht mein Ziel.

Dann würde ich gerne mit Ihnen noch übers Snowboarden reden. Was ist da in Zukunft geplant?
Geplant ist vieles. Möglicherweise haben wir diesen Monat noch Schneetraining. Aber das ist alles unsicher. Wussten Sie, dass mein neues Buch herauskommt?

 Letzter Versuch: «Iouri, bitte ein Foto, aber wenn möglich keines von der Seite, sondern frontal.» – «Okay, kommt sofort!» 

Nein, um was geht es dabei?
Ich wohnte letztes Jahr eine Woche bei meinem Verlag in Basel und machte Porträts direkt auf Papier von den Personen, die den Verlag gleich neben dem Kunstmuseum während der Art Basel besuchten. Daraus ist ein Buch entstanden. Es war eine turbulente Woche mit Art Basel, Frauenstreik und dann musste ich zur Nachkontrolle einer Magenspiegelung.

Zuerst erhielten Sie fälschlicherweise die Diagnose Magenkrebs, der sich jedoch wenig später als Magengeschwür herausstellte. Wie erging es Ihnen damals?
Es war schrecklich. Meinen Eltern zog es den Boden unter den Füssen weg. (Pause.) Das Buch ist gedruckt. Die Vernissage hätte im April stattfinden sollen. Nun hoffen wir auf Juni. 

Und wenn ich nochmals einen Versuch starte und eine Frage übers Snowboarden stelle?
(Pause.) Seit ich letztes Jahr ein Video-Interview mit der deutschen Künstlerin Isa Genzken in der Kunsthalle Bern sah, habe ich keine Lust mehr auf das klassische Frage-Antwort-Spielchen. 

«Schreiben zwingt dich in die Knie. Es ist masochistisch und macht viel Spass.»

 

Ich habe aber Spass an diesem Interview, auch deshalb, weil Sie es schon lange hätten beenden können.
Ich bin halt ein Optimist und Anstand ist mir wichtig. Er wird von Tag zu Tag wichtiger, gerade in dieser Zeit, in der Anstand dafür sorgt, dass wir überleben. 

Vielerorts gehts wirklich ums Überleben. Wie haben Sie New York bis zu Ihrer Abreise in die Schweiz im Februar erlebt?
Ein chinesischer Mitschüler stammt aus Wuhan, er begab sich nach der Rückkehr aus China zuerst in Paris in Quarantäne und flog dann nach New York. Er fühlte sich schuldig, obwohl er gar nichts dafür konnte. Der Rassismus gegenüber Asiaten war in New York zu Beginn sehr gross. Auf der Strasse wurden sie angebrüllt. Ich selber nahm mir vor, möglichst fit zu werden, um das Immunsystem zu stärken: Also joggte ich jeden Tag auf dem Laufband acht Kilometer weit. Wie ein Hamster im Hamsterrad. Und ich versuchte jeden Stress zu vermeiden. Zudem nahm ich viel Ingwer zu mir.

Was machen Sie, wenn wir das Gespräch beenden?
Ich habe ein strenges Wochenende vor mir. Mein Lieblingskurs heisst «Creative Writing». Schreiben ist … 

… Handarbeit?
Es zwingt dich in die Knie. Du schraubst stundenlang an zwei Wörtern herum. Es ist masochistisch und macht viel Spass. Manchmal habe ich fast mehr Freude an diesen Begleittexten zu den Bildern als an diesen selbst. Lange sah ich den Spassfaktor dahinter nicht, ich wehrte mich gar dagegen, weil ich dachte: Ich bin fürs Fotografieren an die Schule gekommen. Es geht – und da schlage ich Ihnen endlich die Brücke zum Snowboarden – um dieselbe Frage, die mir die Leute schon während meiner ganzen Karriere stellen: Weshalb tun Sie sich diesen Sport an, obwohl er doch so schmerzhaft sein kann?

Und wie haben Sie jeweils geantwortet?
Ich komme vom Skateboarden. Und da habe ich mir auch schon viele Narben zugezogen. Da gabs dann die Badi-Momente, in denen man sich auszieht und überall grosse Abschürfungen zum Vorschein kommen, an den Füssen, an den Ellbogen, an den Beinen, an den Armen, am Hintern … (Pause.) Weshalb erzähle ich das schon wieder?

Sie wollten erklären, wieso Sie trotz all der Verletzungen snowboarden.
Es nennt sich Leidenschaft. Sie hält dich am Leben.

Iouri Podladtchikov, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Iouri Podladtchikov

Snowboarder, Autor, Student

2005 sagte Halfpipe-Olympiasieger Gian Simmen (43) zu Iouri Podladtchikov: «Konzentriere dich aufs Snowboarden und Skateboarden – vergiss Frauen und Drogen!» Es ist nicht überliefert, ob sich Podladtchikov an den Ratschlag hielt. Und nachfragen wäre im Interview wohl zwecklos gewesen. Aber: «iPod», wie er genannt wird, machte es Simmen nach und holte 2014 in Russland Olympiagold in der Halfpipe. Seitdem verletzte er sich oft, im Januar meldete er sich mit Platz 5 am Weltcup in Laax GR zurück. Bald erscheint beim Basler Verlag Simonett & Baer sein Foto-Porträtbuch «Suddenly Last Summer».