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Interview

«Zweifel mag ich»

Iris Berben (70) spricht im «reduzierten» Interview über ihre Mühe beim Einschlafen, wilde Zeiten im Internat und Spass am Flirten. Und sie erklärt, weshalb das Hamsterrad Teil ihres Wesens ist.

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Christian Schnur
21. September 2020
Für ihr reiches Filmschaffen geehrt:  Iris Berben mit dem  Golden Eye Award des Zurich Film Festival.

Für ihr reiches Filmschaffen geehrt: Iris Berben mit dem Golden Eye Award des Zurich Film Festival.

Sie kommt gerade von einer Pressekonferenz. 60 Journalisten befragten Iris Berben zum Golden Eye Award, mit dem die Schauspielerin vom Zurich Film Festival (24. September bis 4. Oktober) für ihre grosse Karriere geehrt wird. Nun rechnet sie damit, dass es hier im schmucken Zimmer des Nobelhotels «The Dolder Grand» mit der Fragerei munter weiter geht. Wir haben jedoch eine Überraschung für sie: das «reduzierte» Interview. Statt zu ausformulierten Fragen darf sie zu aus- gewählten Stichwörtern sagen, was ihr gerade einfällt. «Da bin ich ja gespannt», sagt Berben und greift ein erstes Mal in den Topf, in dem sich die Begriffe befinden.

«Zweifel».

Zweifel ist eines meiner favorisierten Wörter. Zweifel mag ich. Wenn ich mir mal einen Künstlernamen hätte geben müssen, hätte ich mich Iris Zweifel genannt. Zweifel sind für mich produktiv, weil sie mich zwingen, darüber nachzudenken, warum ich zweifle.

Werden sie mit zunehmendem Alter grösser?

Ja. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass wir immer mehr um die Komplexität dieser Welt wissen. Wir werden ständig mit Informationen gefüttert, die ich eigentlich am liebsten gar nicht hätte. Ich kann mich ihnen aber nicht entziehen, weil ich ja am gesellschaftlichen Leben teilnehmen will.

Was steht auf dem nächsten Zettelchen?

«Einschlafen». (Pause.) Ja, ich bin eine Frau, die sehr schwer einschlafen kann. Das war schon von klein auf so. Es hat damit zu tun, was ich gerade gesagt habe: Mein Kopf wird ständig gefüttert und hört nicht auf zu arbeiten. Dabei denke ich manchmal: Ich bin so erschöpft von der Arbeit, jetzt werde ich von alleine ganz leicht einschlafen. Aber es hat nichts damit zu tun. Ich kenne keinen Erschöpfungsschlaf. Und weil ich so eine schlechte Einschläferin bin, schlafe ich zu wenig. Ich werde dann manchmal flatterig und unruhig und weiss, dass das meinem Schlafmanko geschuldet ist. (Greift in den Topf und blickt zu den Anwesenden im Hotelzimmer auf.) Ihr erfahrt ganz schön viel über mein Leben, gell?

«Anke Engelke».

Mit ihr trete ich seit zwei Jahren mit dem Programm auf: «Iris trifft Anke.» Oder umgekehrt, je nach Spielort. Wir fragen uns: Was ist komisch? Die Reise geht zurück bis zu Platon und führt über Voltaire bis in die Gegenwart mit den Monty Pythons. Anke ist einer der gradesten Menschen, die ich kenne. Sie ist am Puls der Zeit, wach und unkorrumpierbar. Sie lebt mir das Bewusstsein vor, was man tun sollte und was nicht. Darf ich zum Beispiel diese Schokolade kaufen, die unter wenig nachhaltigen Bedingungen produziert wurde? Ich bin längst nicht da, wo Anke steht.

Es handelt sich ja um das «reduzierte» Interview. Das darf nicht nur für die Fragen gelten, sondern auch für die Antworten.

Ich rede also zu viel? (Schnappt sich das nächste Stichwort: «Flirt».) Kurze Antwort: Ja, ich liebe den Flirt.

Hier darf die Antwort natürlich länger ausfallen.

Ich flirte gerne mit den Menschen, aber auch mit dem Leben. Damit meine ich, dass man dem Leben zugewandt ist. Ein Flirt kann überall stattfinden, das kann in einer Menschenmasse sein und nur ein paar Sekunden dauern. So ein Flirt tut gut.

Das Flirten wird mit dem Alter nicht weniger?

Nein, bloss nicht. Ich stelle nur fest, dass die meisten Supermänner, die früher meine Liebhaber gewesen wären, in der Zwischenzeit meine Söhne sein könnten. (Lacht.) Ich flirte trotzdem weiter.

Es sind noch ein gutes Dutzend Zettel im Topf.

(Greift hinein.) «Internat»! Ich war in vielen. Man hatte mich zuerst gerne, irgendwann fand man aber, es wäre besser, wenn ich das Etablissement wieder verlassen würde. Ich war anstrengend, auch weil ich von meiner Mutter ein sehr selbstbestimmtes Leben vorgelebt erhalten habe. Da gab es Regeln im Internat, die heute undenkbar wären. Ich wollte doch auch mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, jemanden zu küssen – und flog raus. Ich bin auch wegen renitenten Verhaltens und Zigarettenkonsums des Internats verwiesen worden. Als Kind fand ich das verletzend. Heute weiss ich, dass das zum Leben dazu gehört. Manchmal muss man lange Umwege gehen, um sich selber zu finden. Und: lieber den eigenen Weg gehen als den vorgegebenen, graden Weg.

(Sie hält das nächste Stichwort hoch.)

«Essen».

Ach, ich liebe es zu essen. Alles ausser Rosinen. Wenn ich nicht Schauspielerin wäre, wäre ich Köchin, weil ich sehr gut kochen kann. Ich liebe Pasta in jeder Form. Ich kann auch ein sehr gutes portugiesisches Frango na púcara zubereiten: Das ist ein Hähnchen, das stundenlang im Topf gekocht wird. Manchmal mache ich einen Themenabend, einmal mit jüdischem Essen, ein anderes Mal mit thailändischen Gerichten. Das kriege ich alles hin. (Es folgt der nächste Griff in den Topf.)

«Thomas Gottschalk».

Er hat mich kürzlich angerufen. Er ist ja wie ich dieses Jahr … hmm… wie alt bin ich überhaupt? Er ist jetzt also wie ich 30 Jahre alt. Thomas stellt sich dieselbe Frage: Wann sollte man aufhören? Sind die Sensoren noch da, um diesen Beruf mit derselben Leidenschaft wie früher auszuüben? Oder wiederhole ich mich nur noch? Mit 50 Jahren habe ich mir eine einjährige Pause verordnet, um diesen Fragen nachzuspüren. Ich kam zum Schluss, dass ich weitermachen will und habe es nicht bereut. In den letzten 20 Jahren bekam ich eine unglaubliche Vielfalt an spannenden Rollen angeboten. Ich werde aufhören, wenn die Kraft nicht mehr da ist oder wenn ich merke, dass ich nur noch ab-, aber nicht zuliefere. Oder natürlich, wenn ich bloss geduldet bin.

Das nächste Stichwort bitte.

«Haltung»! Menschen, die Haltung zeigen, haben ein stabileres Leben. Haltung kann aber auch anstrengend sein, sie fordert andere oft heraus. Haltung ist wichtig, gerade in einer Gesellschaft, die auf Demokratie aufbaut und in der wir alle zusammenleben. Mir hat die 68er-Bewegung Haltung abgefordert, wofür ich sehr dankbar bin.

Sie sind bekannt für Ihren Kampf gegen Antisemitismus …

… und jede Art der Ausgrenzung. Die Zeiten werden schwieriger. Es sind wieder Menschenfänger unterwegs. Sie sind auf der Suche nach Opfern, die sich alleine gelassen fühlen – wegen der Globalisierung, der Pandemie oder weil sie Angst vor dem Fremden haben. Diese Menschen suchen nach einfachen Antworten auf all die Fragen in einer Welt, die immer komplexer wird. Man müsste ihnen vermitteln, dass diese Veränderungen bereichernd sein können. Das aber geschieht nicht. Die Politik hat es versäumt, diese Menschen mitzunehmen.

«Lieblingsdarsteller»?

Früher, zur Easy-Rider-Zeit, war das Jack Nicholson. Heute sind es Joaquin Phoenix und Johnny Depp, den ich einen Klassetyp finde …

… als Schauspieler…

… ja, ich kenne ihn nur als Schauspieler und nicht persönlich, deshalb weigere ich mich, der Klatschpresse Gehör zu schenken. (Es folgt der nächste Griff in den Topf.) Aha, «Hotelzimmer». Ich bin sehr gerne in Hotels, anders als viele meiner Berufskollegen, die eine Aversion gegen Hotelzimmer entwickelt haben. Mir gefällt, wenn die Dinge ohne grossen Aufwand funktionieren. Ich habe aber auch keine Probleme damit, wenn ich in Ländern ohne jeden Komfort übernachten muss. Wenn ich in einer Produktion mitspiele, wo kaum Geld vorhanden ist, kann ich auch in einem Zelt schlafen. Aber wenn man es sich leisten kann, fordere ich es ein.

«Playboy».

Was soll ich dazu sagen? Ist 40 Jahre her. Ich glaub, ich ziehe den Joker und greife lieber nach dem nächsten Zettel.

«Kalkül».

Ich habe keinen Lebensplan, deshalb ist Kalkül nicht mein Ding. Ich lasse lieber alles auf mich zukommen und entscheide spontan, ob ich mich auf etwas einlassen will oder nicht. Und wenn ich doch einmal von dieser Linie abwich, kam es genauso heraus, wie man es hatte erwarten dürfen: Acht Wochen meiner Lebenszeit wegen Kalkül verschwendet. (Sie verzieht das Gesicht. Dann hält sie das nächste Wort hoch.)

«Hamsterrad».

Klar, kenne ich. Es ist Teil meines Wesens. Ich kann nicht anders, auch wenn ich mir jedes Jahr vornehme, es ruhiger anzugehen. Mittlerweile fordert mein Körper aber hin und wieder eine Raucherpause ein. (Lacht.) Wenn noch mehr solcher Wörter in dieser Schüssel sind, fühle ich mich wie auf dem Schleudersitz eines Psychiaters.

«Rentnerdasein».

Ja, ich bin seit fünf Jahren Rentnerin und habe einen Rentnerausweis. Ich könnte günstiger in die Museen, was ich aber nicht schaffe, weil ich mich noch nicht zur Ruhe setze und so viel drehe. (Sie schnappt sich das nächste Wort.)

«Traum».

Habe ich noch einen Traum? Ich möchte noch mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking fahren. Das dauert 25 Tage. Meinen letzten Traum habe ich mir vor zwei Jahren erfüllt, als ich auf einem Forschungsschiff in die Antarktis reiste. Diese Ruhe dort hat mich ergriffen. Man steht plötzlich zwischen 5000 Pinguinen, die keine Angst vor dir haben, weil sie dich nicht als Bedrohung sehen. Da wird einem bewusst, was für einen Wahnsinnsplaneten wir haben. Ansonsten darf ich sagen, dass ich ein traumhaft gutes Leben habe. Ich habe einen Beruf, der mir gefällt, eine Beziehung, einen Sohn, aus dem etwas geworden ist. Mehr darf man sich nicht wünschen.

Das war das letzte Stichwort …

… und jetzt beginnt das richtige Interview? (Lacht.)

Nein, das wars bereits. Iris Berben, wir danken Ihnen für dieses «Gespräch».