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«Ich musste dieses Kapitel abschliessen»

Kein Schauspieler ist öfter im Fernsehen zu sehen als Jason Segel: Seine Serie «How I Met Your Mother» läuft in Dauerschleife auf allen Kanälen, obwohl sie vor sechs Jahren abgedreht wurde. Segel hat sich längst neuen Projekten zugewandt: «In ihnen kann ich mich selbst ausdrücken.»

FOTOS
Keystone
29. Juni 2020
Jason Segel fühlte sich als Serienstar etwas verloren: «Ich wollte meine Identität wiederfinden.»

Jason Segel fühlte sich als Serienstar etwas verloren: «Ich wollte meine Identität wiederfinden.»

Sein Gesicht ist einem so vertraut, dass man bei einem Besuch in der Kneipe nicht erstaunt reagieren würde, wenn er neben einem sein Bier tränke. Zehn Jahre lang war Jason Segel einer der Fernsehstars der Endlos-Serie «How I Met Your Mother» und damit Dauergast in den heimischen Wohnzimmern. Nun ist er in der Serie «Dispatches from Elsewhere» auf Amazon Prime zu sehen, einer modernen Schnitzeljagd für Sinnsuchende. Beim Gespräch in Berlin erweist sich der 40-jährige Schauspieler aus Kalifornien als liebenswürdiger und aufgeschlossener Zeitgenosse, mit dem es sich hervorragend über Existenzkrisen, Seelenstriptease und den lieben Gott sinnieren lässt.

Jason Segel, Sie feierten im Januar Ihren runden Geburtstag. Sind Sie mit 40 endlich erwachsen geworden, sprich vernünftig?

Nun, ich habe mich in «Nie wieder Sex mit der Ex» ja einmal splitterfasernackt vor der Kamera gezeigt. Zum ersten und einzigen Mal übrigens! Meine neue Serie «Dispatches from Elsewhere» ist jetzt wohl die erwachsene Variante dieses Auszieh-Impulses. Ich wollte zeigen, wie ich bin, ohne mich zu verstecken.

Wie fühlt es sich an, die 40er-Marke überschritten zu haben?

Gut! Ich habe es endlich geschafft, ein Versprechen einzulösen, das ich mir schon lange vorgenommen hatte: Mit spätestens 40 wollte ich bei einem Projekt meiner Wahl Regie führen. Kreativität bedeutet für mich, mich selbst auszudrücken, indem ich etwas ganz Konkretes erschaffe, etwas, mit dem ich mich identifizieren kann. Wenn man Autor und Regisseur ist, kann man diesen kreativen Prozess deutlich besser steuern als «nur» als Schauspieler.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie sich sagten: Es ist Zeit, mehr Risiken einzugehen?

Ich bereitete mich damals auf den Film «The End of the Tour» vor, in dem ich den grossen Schriftsteller David Foster Wallace spielte. Durch seine Texte begann ich mich gründlich mit existenziellen Krisen auseinanderzusetzen. Ich merkte, dass ich gerade etwas Ähnliches durchmache wie Wallace, als der seine Bücher schrieb. Er hatte immer mit Depressionen zu kämpfen. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema fühlte ich mich plötzlich leidenschaftlicher als je zuvor in meinem Leben. Es war sehr intensiv. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ich künstlerisch zu lange auf Nummer sicher gespielt habe.

«Ich spielte künstlerisch zu lange auf Nummer sicher.»

 

Menschen, die davon leben, andere zum Lachen zu bringen, sind abseits des Rampenlichts oft scheu, nachdenklich oder sogar fast unlustig nüchtern. Zu welcher Kategorie gehören Sie?

Ich würde es so beschreiben: Zehn Jahre lang habe ich eine TV-Comedyserie gedreht. Zwischendrin habe ich immer wieder in Komödien mitgespielt, die thematisch und vom Ton her gut zu «How I Met Your Mother» gepasst haben. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit und die Chancen, die mir gegeben wurden. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich je zeigen konnte, wer ich wirklich bin. Ich fühlte mich etwas verloren, wollte meine Identität wiederfinden.

Was wollen Sie mit Ihrer neuen wilden, sehr fantasievollen Serie erzählen?

Für mich orientiert sich «Dispatches from Elsewhere» an «Der Zauberer von Oz», die ja eine der besten Geschichten aller Zeiten ist. Die ersten vier Episoden sollen die vier Charaktere aus «Oz» widerspiegeln: Eine Figur braucht Mut, eine Herz, eine Verstand und eine muss den Heimweg finden. Alle sind auf der Suche, um etwas zu finden, das sie befreit. Am Ende merken sie, dass sie das, was sie suchten, schon immer in sich hatten.

Das klingt mit Verlaub ziemlich esoterisch.

Das Potenzial für ein ganz anderes Leben steckt in uns allen, wenn wir es nur ans Licht holen. Mein Ziel war, vier ganz unterschiedliche Figuren zu zeigen, die scheinbar nichts gemeinsam haben, ausser dass sie in einer Existenzkrise stecken. Ich will damit die Empathie der Leute wecken. Sie sollen spüren, dass wir alle viel mehr gemeinsam haben, als wir glauben.

Haben Sie mit dieser Serie Ihre eigene Midlife-Crisis abgewendet?

Ich glaube, ich hatte meine Midlife-Crisis schon etwas früher als andere. Es war keine Krise, die ich mit etwas Äus- serlichem, Gegenständlichem «heilen» musste wie etwa mit schnellen Autos. Meine Krise hat mich eher auf eine innere Reise geschickt. Wenn wir ehrlich sind, geht es uns allen nicht so glänzend, wie man es von unseren Social-Media-Profilen eigentlich vermuten würde. Krisen lassen sich sehr selten mit neuen Autos oder neuen Designerklamotten überwinden.

Hat Ihnen die Tatsache, dass Sie in Ihrem Beruf sehr erfolgreich sind, in der Zeit des Zweifelns und Haderns keinen Trost gegeben?

Wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann, dass Erfolg nicht automatisch glücklich macht. Wir hören diese Weisheit zwar immer wieder, und trotzdem glauben wir fälschlicherweise, dass wir unbedingt etwas Bestimmtes erreichen müssen, damit wir endlich glücklich sind. Dabei geht es um etwas anderes im Leben: um Menschlichkeit und das, was uns miteinander verbindet.

«Bei unserer allerletzten Szene musste ich weinen.»

 

Gibt es noch ein anderes Motto, das jetzt in der Mitte des Lebens erst recht für Sie gilt?

Ja, ich glaube schon: Man muss sein Leben auskosten. Damit meine ich nichts Grosses, keine fantastischen Ziele, die man erreichen will. Es geht um die Magie des Moments, für die man sich öffnen kann. Es gibt so viel Schönheit im Leben zu entdecken, wenn man nicht nur vor dem Fernseher klebt.

Immerhin leben Sie vom Fernsehen! Wie finden Sie Ihren Seelenfrieden im Leben? Durch Spiritualität oder Glauben?

Nein, ich gehöre keiner Religion an. Aber ich spüre, dass es etwas Grösseres geben muss … Damit meine ich eine grenzenlose Liebe, die uns alle durchdringt. Für mich ist sie das Element, das uns Menschen miteinander verbindet. Aus dieser Gewissheit ziehe ich meinen persönlichen Frieden.

«How I Met Your Mother» wird im TV ständig wiederholt. Man hat oft das Gefühl, die Staffeln werden in Dauerschleife gesendet.

Das kommt mir manchmal selber so vor. Überall auf der Welt sehe ich mein Gesicht im Fernsehen!

Was ging in Ihnen vor, als 2014 die letzte Staffel abgedreht wurde? Immerhin endete damit ein wichtiges Kapitel Ihres Lebens.

Wir haben alle gemerkt, dass es an der Zeit war, dieses wunderbare Kapitel abzuschliessen. Immerhin ging es um einen Typen, der die Liebe seines Lebens finden sollte – und wir gingen alle schon auf die 40 zu! Wir kamen uns seltsam vor, dass wir in der Serie immer noch in Bars rumhingen, um Frauen anzubaggern. (Lacht.)

Aber Sie waren in der Serie doch in festen Händen!

Okay, Sie haben recht … die anderen Jungs mussten damit aufhören. Die Geschichte entwickelte sich weiter, als wir uns je erträumt hatten – hätten wir weitergemacht, wäre ich vermutlich noch Präsident der USA geworden, nur um die Geschichte spannend zu halten! (Lacht.) Trotzdem wurde ich während der letzten Staffel total nostalgisch. Bei unserer allerletzten Szene musste ich sogar weinen. Ich sah die Kollegen an und dachte, dass ich erst 24 Jahre alt gewesen war, als wir mit der Show angefangen hatten. Inzwischen sind wir erwachsen, Alyson Hannigan und Neil Patrick Harris haben schon je zwei Kinder, Cobie Smulders hat geheiratet. Das waren unglaubliche Jahre!

Sehen Sie sich noch regelmässig?

Wir haben uns seitdem nicht getroffen, nein. Aber wir haben Kontakt und schreiben uns regelmässig. Unser Sender will schon seit einiger Zeit ein Special drehen, bei dem wir uns alle wiedersehen. Aber ich glaube, das dauert noch ein wenig.

Welche Schauspielerkolleginnen oder -kollegen bewundern Sie uneingeschränkt?

Bill Murray! Weil er sich weigert, das Leben als banal oder unbedeutend wahrzunehmen. Er sieht die Schönheit in allem! Ich finde das grossartig.

Sie leben für einen Filmstar recht bodenständig, nämlich auf einer Farm. Warum dort?

Weil ich mich so verbundener mit der Welt fühle. Ich lebe mehr im Moment, mehr in der Realität, abseits des Trubels der Städte. Das tut mir wahnsinnig gut. Die Filmindustrie trägt nicht dazu bei, dass ich ein besserer Mensch werde. Ich vergleiche mich ständig mit Kollegen und habe dann das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Sobald ich aber Hollywood verlasse, merke ich, wie entspannt und glücklich ich mich fühle. Diese Momente sollten die Regel sein, nicht die Ausnahme. Deshalb lebe ich auf einer Farm, auf der Orangen wachsen, in der Nähe eines Dorfes mit nur 8000 Einwohnern.

Jason Segel, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Jason Segel

Vor und hinter der Kamera

Jason Segel, 1980 in Los Angeles geboren, wurde 2005 mit der Sitcom «How I Met Your Mother» international bekannt. In insgesamt 208 Folgen verkörperte er den Juristen und braven Ehemann Marshall Eriksen. 2014 endete die Serie, die längst Kultcharakter erlangt hatte. Segel spielt auf mehreren Klaviaturen: Er ist Schauspieler, schreibt Drehbücher, in der neuen Serie «Dispatches from Elsewhere» sitzt er auch auf dem Regiestuhl. «Für mich war das ein Experiment, das ich fast fünf Jahre vorbereitet hatte.»