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Interview

«25 Jahre Enkel hüten?»

Ludwig Hasler (75) ist Philosoph und der wohl erfolgreichste Vortragsreisende der Schweiz. Auf seine Essays oder Bücher reagieren Alterskollegen nicht selten pikiert. Sein bissiger Humor, für den er berühmt-berüchtigt ist, pausiert auch nicht in Corona-Zeiten.

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Christoph Kaminski
17. Mai 2020
Für einmal nicht unterwegs zu einem Vortrag: Ludwig Hasler daheim in Zollikon.

Für einmal nicht unterwegs zu einem Vortrag: Ludwig Hasler daheim in Zollikon.

Mit seinen 75 Jahren gehört Ludwig Hasler selber zu den Senioren. Doch er blickt kritisch auf seine Altersgenossen. Dies auch in seinem jüngsten Buch – «Für ein Alter, das noch was vorhat». Es ist ein Bestseller, mutet aber der älteren Generation einiges zu: Sie möge doch bitte etwas mehr in Bewegung setzen als nur sich selbst. Dafür gilt er dann als Nestbeschmutzer. Einen Essay überschrieb er jüngst so: «Wir Alten haben ein Risiko? Wir sind das Risiko.»

Ludwig Hasler, zum Schutz der betagten Corona-Risikogruppe wird gerade enorm viel getan. Da müssten Sie doch dankbar sein, nicht?

Bin ich sogar. Mir wird bloss etwas mulmig, wenn ich an den Preis denke, den andere für meinen Schutz hergeben.

An wen denken Sie?

An Kinder. Familien. Teenager. Tausende KMU am Abgrund. Sportler, Musiker. Zirkus, Kultur. Es droht massenhafte Arbeitslosigkeit – mit brutalen psychischen und gesundheitlichen Folgen. Die junge Generation wird 25 Jahre aufgetürmte Staatsschulden ausbaden.

Sie finden, das seien Sie nicht wert?

Es geht ja Gott sei Dank nicht nur um mich. Es geht um die 65-plus-Generation, zumindest offiziell. Was ja so nicht stimmt. Corona-Opfer sind im Durchschnitt über 80 – und alle vorher schon krank: Diabetes, Krebs, Herz-, Lungenleiden. Der Lockdown schützt nicht «die Alten», sondern kranke Alte.

Aber kranke Alte leben ziemlich zahlreich unter uns.

Ab 80 ist nur eine Minderheit komplett gesund. Die Gesellschaft hat darum schon praktisch ein Interesse, sie zu schützen. Weil sonst das Gesundheitssystem kollabieren könnte.

Wie erlebten und erleben Sie die Lockdown-Zeit?

Ich mache auf Einsiedler. Allerdings feudal, ich wohne geräumig, habe einen Garten. Sonst bin ich ja als Vortragsreisender unterwegs, in dieser Rolle bin ich jetzt arbeitslos. Ich lese endlich mehr und schreibe Essays, etwa zur Frage, was Corona uns lehren könnte.

Sie sind privilegiert und kein normaler Senior. Frisch Pensionierte haben meist 25 Jahre vor sich. Haben Sie etwas dagegen, dass diese es sich einfach gut gehen lassen?

Wie sollte ich? Fragt sich bloss, was heisst «gut»? Nichts tun müssen? Leben geniessen? Reisen? Wenn wir so um 55 sind und im Hamsterrad, stellen wir uns gern vor: Es muss das totale Glück sein, nicht mehr arbeiten zu müssen, frei zu sein, machen zu können, was wir wollen. Ist es dann so weit, kann der Traum vom Glück im Nichtstun zum Horror werden.

Was gibt es denn Wichtigeres, als es schön zu haben?

So etwas wie Sinn. Ich kenne Gleichaltrige, die leben in feudalen Verhältnissen, können sich jeden Luxus leisten, jede Kreuzfahrt sowieso – und saufen sich bewusst zu Tode. Warum? Sie sagen mir, es brauche sie ja keiner, sie seien komplett überflüssig. Das sind Leute, die hatten bis 65 eine Aufgabe, sie wirkten in Unternehmen und Gesellschaft. Jetzt sollen sie nur noch sich selbst in Schwung halten. So geht es vielen. Was nimmt ab 63 zu? Depressionen und Alkoholismus.

Wie ist das mit dem Reisen? Da geht derzeit nichts, bleibt aber trotzdem der Wunschtraum vieler Pensionierter. Was wäre daran falsch?

Nichts – ausser, die Reiserei wird zum Eskapismus. Dauernd abhauen. Bloss nicht hier bleiben. Ist das zu bewundern? Oder eher zu bemitleiden? Meine Eltern waren bis 65-jährig nie im Ausland gewesen. Als sie dann als Pensionierte erstmals nach Stuttgart reisten, war das für sie ein Riesenerlebnis! Heute sind schon 50-Jährige überall gewesen. Wenn sie dann von den Erfordernissen des Erwerbslebens befreit sind, wird das Zuhause zum Basislager, von dem aus sie immer wieder aufbrechen.

Ist es nicht toll, dass Pensionierte – gerade in der Schweiz – Geld, Zeit und Energie haben, das zu tun, was ihnen gefällt?

Es ist ein enormes Privileg: Wir sind frei, unabhängig, meist ordentlich bei Kasse. Keine andere Generation hat dies. Das zeigt sich grad jetzt in der Corona-Zeit. Die Erwerbstätigen haben die Jahrhundert-Krise, Job ungewiss, Existenz eben- so. Tausende sind ohne Lehrstelle. Wir Alten sind im Trockenen.

Wie kann man denn mit dem Leben etwas Sinnvolles anfangen?

Ganz einfach: Ich muss mehr im Sinn haben als mich selbst. Der Sinn-Killer ist dieses «Ich, Ich, Ich». Als wüssten wir nicht, wann wir glücklich sind: Wenn wir uns an etwas verlieren, das grösser ist als das mickrige Ich. An Musik. An eine Spendenaktion. An eine Aufgabe.

«25 Jahre Ausruhen. Ich bitte Sie.»

Ludwig Hasler

Nur Ausruhen ist keine Option?

25 Jahre Ausruhen, ich bitte Sie. Heute, wo die meisten dem Erwerbsleben erstaunlich unbeschadet entkommen. Früher war man mit 65 Jahren körperlich verbraucht. Für meine Eltern war der Lebensabend wie der siebte Tag des Schöpfergottes. Sie blickten zurück auf Gelungenes und versöhnten sich mit Nicht-Gelungenem. Und sie bereiteten sich auf den Übergang ins Jenseits vor.

Waren sie katholisch?

Ja, sicher. Sie lebten im luzernischen Beromünster.

Mit dem Übergang in den Himmel oder ins Fegefeuer beschäftigt man sich heute kaum.

Ja, deshalb ist das Alter heute Endstation, nicht Übergang. Und das macht Druck: Wir wollen aus dem Leben herausholen, was es hergibt. Das kann hektisch werden. Oder frustrierend.

Man will aber auch aktiv bleiben. Soll man weiterarbeiten wie zuvor?

Tätig sein wäre schön. Muss nicht grad Arbeit sein. Unsere Vorfahren waren Bauern, Handwerker, da gab es immer zu tun, auch für die Alten. So gehörten sie dazu, wurden nicht ausgemustert, sie waren weiter im Spiel, fühlten sich nicht überflüssig. Heute sind wir von einem Tag zum anderen ohne Beschäftigung.

Viele ältere Frauen machen sich in der Familie nützlich, indem sie ihre Enkel betreuen.

Auch Männer. Das ist prima. Aber 25 Jahre Enkel hüten? Wer hat denn so viele? Überdies werden Enkel älter, dann wollen sie uns Grosseltern als interessante Gesprächspartner. Das schafft am besten, wer sich noch um andere Dinge kümmert.

Gibt es genug zu tun für all die Pensionierten?

Sicher. Sehen Sie die Selbsthilfeorganisationen und Seniorenräte. Gibt es bald überall. Die Idee darin: Unter uns Alten gibt es von jedem Schlag genug – Kräftige, Lustige, Köchinnen, technisch Beschlagene, Gärtner, Chauffeure. Also nehmen wir unsere Welt selber an die Hand. Werden wir Akteure statt Passivmitglieder. Wer so mitwirkt, ist nie allein, fällt nicht in Sinnkrisen. Der sogenannte Sinn verbirgt sich nicht in den Sternen und nicht in der Seele. Er liegt vor der Haustür. Sinn heisst: eine Bedeutung auch für andere haben.

Waren es Ihre Eltern, die Ihnen das mit auf den Weg gegeben haben?

Der Spur nach, ja.

Was waren sie von Beruf?

Mein Vater war Schreiner, die Mutter eine begabte Schneiderin. Auch wir sechs Geschwister hatten zu tun. Mit acht wurde ich Chef des familiären Kartoffelackers. Das prägte mich. Ich lernte, was es heisst, dass es auf mich ankommt. Kartoffeln waren lebensnotwendig.

Wollten Sie schon früh Philosoph werden?

Wir wohnten nahe der Stiftskirche Beromünster. Da gab es Orchestermessen und Prozessionen, alles war sinnlich. Das hat meine Freude am Schönen geweckt, mein Interesse am Wissen in Schwung gebracht. Ich bin kein Kirchenmensch mehr, doch diese Kirche weckte in mir eine Hoffnung, dass es mehr Leben gibt, als wir gerade leben. Mehr Rätsel, mehr Rausch, mehr Tiefe.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Wirken?

Philosophieren, sagt Sokrates, ist eine Hebammenkunst. Ich stopfe den Leuten kein Wissen ins Hirn, ich animiere sie zum Denken. Wenn mir Zuhörer nach Vorträgen sagen, nach fünf Minuten habe ihr Hirn auf aktiv geschaltet, macht mich das glücklich.

Und wenn Sie als Redner einmal nicht mehr gefragt sind?

Ich kann mich bei der Dorfschule melden und fragen, ob ein paar Schüler mit Deutsch oder Mathe Mühe haben, Unterstützung brauchen. So könnte ich Kinder stärken – und an einer Zukunft mitwirken, auch wenn ich sie selber nicht mehr erleben werde. Das ist übrigens der Kerngedanke meines jüngsten Buches: Mitwirken an einer Zukunft, auch wenn die nicht mehr meine sein wird. Damit hätte ich sozusagen eine Zukunft, die mich überdauert. In diesen tröstlichen Gedanken bin ich fast etwas verliebt.

Sind Sie naturverbunden?

Wie kann man das nicht sein? Ich bin jeden Morgen im Wald, beobachte mit Vergnügen Vögel, wir haben zahlreiche im Garten. Da sehe ich auch sonst, wie grossartig Natur drängt und blüht und Früchte trägt. Ich gehöre übrigens selber zur Natur. Hoffentlich.

Ludwig Hasler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.