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Interview

«Timing ist wichtig»

Eishockey-Legende Mark Streit erzählt, weshalb ihn nach der Karriere Weinkrämpfe durchschüttelten und wie das Kennenlernen seiner Frau zum Geduldsspiel wurde. 

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Peter Mosimann, Sven Thomann, zvg
27. April 2020
 NHL-Abenteurer Mark Streit lebt heute in Bern die Träume, die sich alle erfüllt haben.

 NHL-Abenteurer Mark Streit lebt heute in Bern die Träume, die sich alle erfüllt haben.

Wenn Mark Streit auf einem Formular seine aktuelle Berufsbezeichnung hinschreiben müsste, wäre viel Platz nötig. Der 42-jährige Berner ist im Verwaltungsrat des Schweizerischen Eishockeyverbandes, Experte beim Schweizer Fernsehen, er ist im OK der abgesagten Eishockey-WM, Investor bei der Uhrenmarke Norqain und Botschafter für das Schweizerische Rote Kreuz. Die Kurzform für alles wäre «Privatier», was ihm aber definitiv nicht gefällt: «Das tönt mir zu abgehoben.» Vielleicht trifft es der Begriff «Eishockey-Legende» am besten: Seit Februar ist Streit Mitglied der Hall of Fame des Eishockeys und mit seinen 786 National-Hockey-League-Partien in ewiger Erinnerung.

Mark Streit, Sie haben in Ihrer Karriere viel Erstaunliches zustande gebracht. Das Erstaunlichste ist aber sicher, dass Sie es in Ihren 22 Jahren als Profi geschafft haben, nie einen Zahn zu verlieren.

Darüber staune ich manchmal selber, denn als Verteidiger wirst du besonders oft in harte Zweikämpfe verwickelt. Es hat wohl auch viel mit Glück zu tun. Mein Gesicht wurde einige Male von einem Puck getroffen, aber nie der Mund. So blieben die Zähne heil. Zudem trug ich einen Mundschutz, was gerade bei Stockschlägen half. Ohne ihn würde mein Gebiss anders aussehen. (Lacht.)

Sie erzählen in Ihrer soeben erschienenen Biografie «Gegen alle Widerstände» von Weinkrämpfen, von denen Sie nach dem Karriereende durchgeschüttelt wurden.

Ich spielte erstmals mit sechs Eishockey. Ich stand danach bis 39 immer auf dem Eis, mein ganzes Leben drehte sich um den Sport. Ich war mit ganzem Herzen und vollem Einsatz dabei. Wenn man das von 100 auf 0 herunterfährt, braucht es seine Zeit. Mir fehlten die Emotionen in den Stadien und in der Mannschaftskabine, aber auch das gute Gefühl, nachdem du ans Limit gegangen bist.

Welches Wort beschreibt Ihre Karriere am besten?

Beharrlichkeit. Ich bin immer meinen Weg gegangen, ohne nach links und rechts zu schauen.

Sie liessen sich auch nicht entmutigen, als Sie zu Beginn Ihrer Karriere vom Materialwart erfuhren, dass Sie nicht spielen. Der Trainer hielt es nicht für nötig, seine Spieler selber darüber ins Bild zu setzen.

Ja, das war so. Ich lernte früh, dass das Eishockeybusiness in Nordamerika knallhart ist und es keinen Platz für Sentimentalitäten hat. Vieles kannst du als Spieler nicht beeinflussen. Also konzentrierte ich mich auf jene Dinge, die ich selber verändern konnte. In meinem Fall bedeutete das, dass ich mich nicht durch Rückschläge entmutigen lasse. Zu Beginn war ich nach einer schlechten Leistung tagelang kaum ansprechbar. Nun lernte ich besser damit umzugehen, weil in der NHL ja oft nach zwei Tagen bereits das nächste Spiel ansteht. Trotzdem war ich nie einer, der sich nach einer aufwühlenden Partie zu Hause ganz normal ins Bett legen und sofort einschlafen konnte. An gewissen Situationen hirnte ich noch stundenlang herum. 

Wie gewinnt man diese inneren Schlachten?

Man muss akzeptieren lernen, dass Fehler zum Sport gehören. Mein Vater betrieb aus gesundheitlichen Gründen autogenes Training. Von ihm lernte ich, gewisse Situationen zu visualisieren. Ich stellte mir zum Beispiel vor, dass ich in einem wichtigen Spiel vor vollen Zuschauerrängen einen kapitalen Fehler begehe – und danach trotzdem mein Ding durchziehe, als ob nichts geschehen wäre. So lernte ich mich gut kennen und auch, stets nach vorne zu blicken. Dafür bin ich meinem Vater enorm dankbar. Überhaupt meinen Eltern. Sie haben mich einige Male wieder aufgepäppelt, wenn es mir nicht gut ging.

«Ich galt mit 15 nicht gerade als Jahrhunderttalent.»

 

Ihre Eltern haben offenbar vieles richtig gemacht. Was können Sie Eltern hoffnungsvoller Sportler mit auf den Weg geben?

Wichtig ist die fast grenzenlose Unterstützung des Kindes, ohne dass diese in Druck übergeht. Leider kommt es viel zu oft vor, dass Eltern ihren gescheiterten Traum von der grossen Karriere aufs eigene Kind projizieren. Das wirkt sich eher hemmend aufs Kind aus. Denn wenn es nicht gut läuft, muss es sich nicht nur mit der eigenen Enttäuschung auseinandersetzen, sondern auch mit jener der Eltern. Es würde Kindern viel mehr nützen, wenn ihre Eltern einfach nur für sie da wären. Diese bedingungslose Unterstützung bedeutet jedoch nicht, dass keine Kritik erlaubt ist.

Ihr Vater kritisierte Sie mit deutlichen Worten, als Sie sich im Jahre 2000 damit abfinden wollten, in ein unterklassiges Team versetzt zu werden. Er zitierte Winston Churchill: «Warum wie ein Käfer das Bein hochkriechen? Warum dem Gegner nicht gleich auf Kniehöhe einen Schlag versetzen?»

Er schrieb mir das damals in einer Mail. Weil Telefonate zwischen Europa und Nordamerika extrem teuer waren, tauschte man sich auf diese Weise aus. Eines Tages erhielt ich ebendieses Mail, das mich aufrüttelte. Mein Vater fand stets die richtigen Worte, sei es, wenn ich untendurch musste, aber auch, wenn ich drauf und dran war, abzuheben. Dann sagte er: «Es ist nichts so schwer zu ertragen wie eine Reihe guter Tage.» 

Merkt man erst, was die Eltern für einen getan haben, wenn man selber Kinder hat?

Ich war meinen Eltern immer sehr dankbar. Trotzdem habe ich erst nach meiner Karriere richtig realisiert, wie mutig sie damals waren, als ich mit 15 Jahren voll auf die Karte Sport setzen wollte. Hätte man 100 Menschen gefragt, ob sie mir eine Profikarriere zutrauen, hätten sicher 90 abgewinkt. Ich galt nicht gerade als Jahrhunderttalent. Auch körperlich hatte ich nicht das Gardemass eines Verteidigers. Meine Eltern aber glaubten mit mir an meinen Weg.

Ihre Frau Fabienne erzählt im Buch, dass Sie sich erst spät von Ihren Eltern abgenabelt hätten. 

Meine Eltern waren während meiner Karriere der sichere Hafen, den ich anderswo nicht hatte. Auch weil ich so auf den Sport konzentriert war. Kehrte ich in den Ferien in die Schweiz zurück, waren sie die erste Anlaufstation. Das änderte sich erst, als ich Fabienne kennenlernte. Da war ich bereits im fortgeschrittenen Alter. (Lacht.) Bei mir begann der Abnabelungsprozess also tatsächlich spät.

So eine Trophäe lässt sich für vieles verwenden: Mark Streit 2017 mit Fabienne und Töchterchen Victoria nach dem Gewinn des Stanley Cup.

Sie sprachen vorhin davon, dass Sie immer Ihren Weg gingen, ohne nach links oder rechts zu schauen. Bei Ihrer Frau waren Sie zu Beginn nicht so zielstrebig. 

Wie meinen Sie das?

Sie trafen Fabienne erstmals 2013 am Gurtenfestival, das zweite Mal ein Jahr später am selben Ort. Doch erst beim dritten Mal, wiederum zwölf Monate später, ebenfalls am Gurtenfestival, getrauten Sie sich, mit ihr ein Date zu vereinbaren.

Für mich war es während meiner Profikarriere schwierig, eine richtige Beziehung zu haben. Fabienne beeindruckte mich von Anfang an und wir hatten es sehr lustig zusammen. Beim ersten und zweiten Zusammentreffen waren wir allerdings beide in einer anderen Situation. Es benötigte noch seine Zeit, bis es dann passte. So spielt eben das Leben: Timing ist wichtig.

In Ihrer Biografie heisst es, dass Sie sich eine Bernerin wünschten.

Ja, es war mein Traum, ein Berner Meitschi kennenzulernen. Je älter ich wurde, desto schwieriger schien es, dass sich dieser Traum erfüllen würde. Doch am Ende zahlte sich meine Geduld auch in diesem Fall aus. Im Sommer ist unser Haus bezugsbereit, womit ein weiterer Traum wahr wird. Es war spannend, so ein Projekt zu verwirklichen – mit allem, was dazu gehört, mit grosser Vorfreude, aber auch dem einen oder anderen Ärger. (Lacht.)

«Es war mein Traum, ein Berner Meitschi kennenzulernen.»

 

Und ein Zimmer ist für die Trophäensammlung reserviert? 

Ja, da kommen alle Souvenirs hinein, die mir etwas bedeuten, für die ich bis jetzt aber keinen Platz fand.

Wenn dieses Museumszimmer irgendwann doch für etwas anderes, etwa für weiteren Nachwuchs, benötigt wird und Sie nur noch eine Trophäe ausstellen könnten: Für welche entscheiden Sie sich?

Vermutlich wäre es schon der Stanley Cup, er ist der heilige Gral des Eishockeysports. Zum Glück werde ich aber keine solche Entscheidung treffen müssen: Es wird auch für weiteren Nachwuchs genügend Platz in unserem Haus haben. Im Moment sind wir glücklich mit den beiden Meitschi, die wir haben. Wir können uns jedoch vorstellen, dass es weiteren Nachwuchs gibt. Mal schauen, wir sind nicht auf eine bestimmte Zahl fixiert.

Ihr ehemaliger Nationalmannschaftskollege Nino Niederreiter sagt im Buch über Sie, dass ein Star wie Sie von sehr vielen Ja-Sagern umgeben sei. Wie sehen Sie das?

Jeder erfolgreiche Spitzensportler – das ist bei Nino nicht anders – hat Ja-Sager um sich herum, das kann niemand abstreiten. Diese Fahnen im Wind, die sich im Ruhm eines anderen Menschen sonnen wollen, sind Teil unserer Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, dass man spürt, wer einem wirklich guttut und einen im richtigen Moment darauf hinweist, dass man neben der Spur steht. 

Als Sie in Übersee lebten, war immer bekannt, wie viel Sie verdienten. In der Schweiz ist man da deutlich zurückhaltender. 

In den USA hat niemand Probleme damit, wenn jemand Millionen verdient. Sie freuen sich vielmehr mit dir. Es ist alles sehr transparent. Geld war aber noch nie mein Antrieb. Als 16-Jähriger denkst du nicht an die Millionen von Dollar, die du verdienen kannst, sondern du träumst davon, gegen die besten Spieler in der NHL auflaufen zu können. Dafür nimmst du jahrelang vieles in Kauf. Wenn du dann einen guten Vertrag erhältst, hast du es verdient. Und stehst sogleich wieder in der Pflicht: Man erwartet erst recht eine Gegenleistung von dir. Denn alle wissen, wie viele Millionen du kassierst. In der Schweiz hingegen ist alles geheim, es wird viel spekuliert. So entstehen Gerüchte und Unwahrheiten. Deshalb finde ich es besser, wie in den USA mit offenen Karten gespielt wird.

Ihre Grossmutter besuchte Sie im Alter von 97 in New York. Ihre Erinnerungen daran?

Ich hörte immer gerne ihre Geschichten, wie sie auf dem Land aufwuchs, wie sie damals für ein Haus 15 000 Franken bezahlte und die Hypothek mit dem Bankangestellten per Handschlag vereinbarte. Wenn sie einmal nicht genug Geld für den Zins hatte, bat sie in einem Brief um Aufschub und es war in Ordnung. Diese Erzählungen halfen mir, den heutigen Wohlstand richtig einzuordnen. Meine Grossmutter musste zuerst einen Pass beantragen, und das mit 97! Im Passbüro konnten sie es kaum glauben. In New York besuchte sie die Spiele und genoss es wirklich. Jahrelang hatte sie mich immer wieder gefragt, wann ich endlich wieder in die Schweiz zurückkehre. Nun sagte sie: «Mark, ich begreife dich, dass du das hier voll auskosten willst.» Ihr Besuch in New York war eine der schönsten Geschichten überhaupt. 

Mark Streit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mark Streit

Bodenständiger Berner

Mark Streit ist keiner, der sich mit halben Sachen begnügt. Und so bestritt er für die Schweiz genau 200 Länderspiele; dabei nahm er an vier Olympischen Spielen und 13 Weltmeisterschaften teil. Die dortigen Erlebnisse und vieles mehr greift er in seiner Biografie «Mark Streit – gegen alle Widerstände» auf. Der Berner lebt mit seiner Frau Fabienne (35), der Miss Bern 2005, und den Töchtern Victoria (3) und Josephine (1) in seiner Heimatstadt.