Mit Humor und ganz viel Herz | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Mit Humor und ganz viel Herz

Das berühmteste Kolumnen-Ehepaar der Schweiz schreibt ein Buch über die Liebe – und findet dabei einiges heraus, was man so nicht erwartet hätte. Sybil Schreiber und Steven Schneider über die Geheimnisse der Liebe.

FOTOS
Heiner H. Schmitt
28. September 2020
Zwei Persönlichkeiten, ein Team:  Sybil Schreiber  und Steven Schneider beim Lesen in ihrem Garten in Bad Zurzach AG.

Zwei Persönlichkeiten, ein Team: Sybil Schreiber und Steven Schneider beim Lesen in ihrem Garten in Bad Zurzach AG.

Sybil Schreiber und Steven Schneider, was bedeutet Liebe?

Sybil Schreiber: Was bedeutet Liebe … (Bricht ab.)

Steven Schneider: Boooaaahhhh ….

Sie sehen schockiert aus.

Steven Schneider: Die Hammerfrage gleich zum Anfang. Alles, was nachher kommt, ist nur noch Beilage … Was bedeutet Liebe? Also ich würde sagen: Dass man keine Energie aufwenden muss, sondern sie bekommt.

Sybil Schreiber: Das ist gut. Liebe schenkt Kraft.

Steven Schneider: Es gibt Paare, die brauchen sehr viel Energie, um pausenlos ihre Beziehung zu kitten. Ich finde es toll, dass ich in einer Beziehung lebe, dich mich inspiriert und nicht aufreibt. Und natürlich sollte es bei dir ähnlich sein, Sybil. Sonst wäre die Liebe ja sehr einseitig.

Sybil Schreiber: Ja.

Steven Schneider: Natürlich gibt es auch die kleinen Sachen, die einen ärgern …

Sybil Schreiber: … also vielleicht kann ich jetzt auch mal was sagen! (Atmet tief ein.) Für mich setzt sich Liebe aus vielem zusammen. Liebe ist, wenn man sich die Neugier auf den anderen bewahrt, sich gerne überraschen lässt, Respekt zeigt. Wenn eines davon weniger wird, muss man aufpassen.

Steven Schneider: Der US-amerikanische Psychologe Robert Sternberg sagt, dass man Liebe als Dreieck anschauen kann. An dessen Ecken gibt es die drei Werte Intimität respektive Vertrautheit, dann Leidenschaft und schliesslich Bindung.

Sybil Schreiber: Alle drei müssen bei einer romantischen Liebesbeziehung vorhanden sein, und zwar altersunabhängig. Für die grosse, leidenschaftliche Liebe ist es nie zu spät. In unserem Buch schwärmt eine 69-jährige Frau davon, wie sie sich in einen 81-Jährigen verliebte und wie grossartig sie sich dabei fühlte; zuvor hatte sie in einer Ehe die Hölle erlebt. Das ist für mich sehr hoffnungsvoll, es zeigt, dass wir die Liebe immer in uns haben. Wir müssen sie nur wiederbeleben.

Steven Schneider: Für uns beide besteht die Liebe aus einer Aneinanderreihung von vielen ersten Malen. Diese muss man erkennen und wertschätzen, auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht abschreckend wirken.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sybil Schreiber: Nehmen wir meine ersten grauen Haare. Steven hatte sie schon lange bemerkt, sagte aber nichts. Das hat mich genervt.

Steven Schneider: Ist ja auch nicht ­nötig, weil du das selber vorauseilend kommentierst. Du siehst das graue Haar und sagst: «Guck mal, ein graues Haar.» Und dann: «Ach, das ist doch nicht so schlimm!» Und gibst damit gleich die Antwort, die du dir von mir gewünscht hättest.

Das klingt aber nicht nach einem wünschenswerten ersten Mal …

Sybil Schreiber: Dann nehmen wir ein anderes Beispiel: Wie verhält sich jemand in einer neuen Situation? Als mein Vater schwer erkrankte und ich deshalb viel Zeit in Deutschland verbringen musste, hat Steven einfach mit angepackt und hier alles gemanagt. Das war ein sehr wichtiges erstes Mal für mich, weil ich spürte, dass er für mich voll da war.

Steven Schneider: Ich finde Konflikte die interessantesten ersten Male.

Sybil Schreiber: Ja, Steven sucht gerne den Konflikt. Ich hingegen bin harmoniebedürftig, in dieser Hinsicht fast schon ein wenig langweilig.

Steven Schneider: Bei Konflikten muss es ja nicht gleich um Leben und Tod und Trennung gehen. Über unsere kleinen Konflikte schreiben wir ja gerne, das wirkt wie ein Ventil. Natürlich gibt es auch Konflikte von grösserer Tragweite wie Krankheiten, Todesfälle oder wenn eine Drittperson in eine Beziehung kommt. Dann geht es darum, wie man damit umgeht. Für mich sind Konflikte das Salz in der Suppe. Wenn man absolut konfliktfrei nebeneinanderher lebt, kann das ganz schön langweilig sein.

Zeigt die Konfliktfähigkeit ein Stück weit die Qualität der Liebe auf?

Steven Schneider: Absolut. Allerdings braucht es eine gewisse Verbindlichkeit. Wenn man sagt, dass man bei Problemen zusammenbleiben will, dann findet man im Normalfall auch Lösungen.

Sybil Schreiber: Wenn man hingegen auf dem Absprung ist, kann ein Konflikt sehr zerstörerisch sein. Ich finde es gut, wie wir streiten.

Wie streiten Sie denn?

Sybil Schreiber: ​Bei uns gibt es kein Türknallen und auch keine Schimpfwörter. Aber Steven schnappt ein.

Steven Schneider: Ja, klar, wenn du nervst.

Sybil Schreiber: Ich nerve?

Steven Schneider: Ja, wenn du nicht verstehen willst, was ich meine.

Sybil Schreiber: Mich nervt, wenn du schweigst.

Steven Schneider: Ich denke nach.

Dann guckt er mich an und grinst schon wieder – das ist der Türöffner.

 

Sybil Schreiber: Und ich sorge dafür, dass dieses Nachdenken nicht zu lange dauert. Weil ich das nicht aushalte. Also versuche ich, irgendwie ein Wort aus ihm rauszubringen. Am ehesten funktioniert es, wenn ich mich für meinen Tonfall von vorhin entschuldige. Dann guckt er mich an und grinst schon wieder – das ist der Türöffner. Unsere Kolumne hilft natürlich auch, solche Konflikte zu verarbeiten.

Steven Schneider: Ich lese dann jeweils in der Coopzeitung, wie es ihr so geht. (Lacht.)

Was tut Ihrer Liebe sonst noch gut?

Steven Schneider: Wir machen einander dauernd Komplimente. Dauernd!

Sybil Schreiber: Wenn du das so sagst, dann klingt das ja fast, als ob diese Komplimente nichts wert seien.

Steven Schneider: Nein, die sind sogar sehr viel wert.

Sybil Schreiber: Wichtig ist auch, dass man sich beim andern immer wieder bedankt.

Steven Schneider: Wenn ich am Morgen eine Viertelstunde länger im Bett bleiben darf, dann bedanke ich mich nachher bei ihr dafür. Oder wenn Sybil gut aussieht, wenn sie gut gekocht hat oder wenn sie etwas macht, dass ich nicht gerne mache, wie die Wäsche. Wenn ich jeweils an der Waschküche vorbeikomme und den Berg voller Wäsche sehe, bin ich richtig froh, dass sie das macht. Das sage ich ihr sofort.

Und umgekehrt?

Sybil Schreiber: Also ich mag seine Fussgelenke sehr.

Steven Schneider: Sie könnte auch etwas anderes sagen, einen Satz wie: «Du hast schon wieder zugenommen!» ­ Sybil ist aber nicht so. Sie schaut dorthin, wo sie etwas Positives sieht. Bei mir sind es die Fussgelenke. (Wendet sich dem Fotografen zu.) Können wir die Fussgelenke auch aufs Foto bekommen?

Das Paar macht gerne Yoga. Dabei gibt Steven Schneider den Blick frei auf seine schönen Fussgelenke.

Wie wichtig ist der Satz «Ich liebe dich»?

Sybil Schreiber: Ich sage ihn sehr gerne. Hingegen mag ich es nicht, wenn er dann gleich erwidert: «Ich dich auch!» Das geht gar nicht.

Steven Schneider: Wenn ich es zwischendurch sage, freut sie sich. Etwa wenn ich an der Waschküche vorbeilaufe.

Sybil Schreiber: (Laut.) Jetzt hör doch mal auf mit dieser Waschküche! Das sieht ja so aus, als ob wir hier ein altes Rollenmodell leben würden. Dabei teilen wir uns alles auf. Du saugst, putzt das Bad und erledigst noch viele andere Haushaltarbeiten. Nur die Wäsche, die mache ich.

Steven Schneider: Für mich funktioniert der Satz «Ich liebe dich» nicht auf Schweizerdeutsch. «Ich lieb dech» – das finde ich gewöhnungsbedürftig. «Ich ha di gärn» finde ich fast zu wenig stark. Deshalb sage ich meistens auf Hochdeutsch zu Sybil: «Ich liebe Dich.»

Sybil Schreiber: Man darf es nicht zu oft sagen, sonst verliert es an Wert. Es muss im richtigen Moment kommen – und man muss das Gefühl spüren. Warum nicht einen eigenen Satz formulieren: «Du machst mich glücklich» oder «Ich bin wahnsinnig gern mit dir zusammen». Dann klingt es nicht wie aus der Schublade gezogen.

Humor ist in Ihrer Beziehung sehr wichtig.

Steven Schneider: Humor hilft, das Ganze auszuhalten.

Humor ist etwas vom Wichtigsten.

 

Sybil Schreiber: Auszuhalten? Das meinst du jetzt nicht wirklich, oder? (Sie schüttelt den Kopf, er blickt sie an und beginnt zu grinsen – der Türöffner, von dem sie vorhin gesprochen hat. Denn sie lacht mittlerweile auch.) Humor ist etwas vom Wichtigsten. Wir nehmen uns sicher nicht zu ernst. Das fängt schon bei unserem Grössenunterschied an: Steven ist kleiner als ich. Darüber machen wir immer wieder Sprüche und nehmen uns gegenseitig auf den Arm.

Steven Schneider: Das Leben ist einfach viel schöner, wenn man zusammen lachen kann. Wir sind gerne da, wo es heiter ist. In dieser Beziehung sind wir Lebenskünstler.

In Ihrem Buch sticht eine Metapher besonders heraus: «Der Alltag frisst die Höhenflughormone wie ein Biber, der an einem Baum nagt!»

Steven Schneider: Die muss von Sybil stammen.

Sybil Schreiber: Wirklich? Ich dachte gerade, in meinem Schreibkurs würde ich diesen Satz sicher nicht durchwinken.

Steven Schneider: Warum nicht? So ist es doch! Der Anfang der Liebe ist ex- trem. Die Verliebtheit ähnelt wegen der tanzenden Hormone dem Zustand einer leichten Geisteskrankheit. Der gemeinsame Alltag ist dann viel grauer, das ist Schwarz-Weiss-Fernsehen. Man muss dafür sorgen, dass wieder etwas Farbe hineinkommt.

Sybil Schreiber: Den Grossteil einer Beziehung erleben wir ja im Alltag. Da schleicht sich vieles ein, das auf Dauer nicht gut sein kann. Damit Steven und mir das nicht passiert, haben wir ein Ritual: Wir führen regelmässig ein Treffen durch, da machen wir eine Sitzung und diskutieren über Aufgaben, Ziele, Ressourcen. Fast wie in einem Mitarbeitergespräch.

Sie machen eine Sitzung, um sich die Liebe zu bewahren?

Sybil Schreiber: Ich würde es anders formulieren: Wir nehmen uns als Paar gegenseitig ernst. Diese Gespräche ­schaffen Klarheit und machen es möglich, unangenehme Dinge anzusprechen, bevor ich sie später einmal im Groll sage.

Steven Schneider: Du sagst das immer so schön: «Eine Beziehung ist wie eine Firma!» Wenn es den Mitarbeitern gut geht, dann floriert die Firma. Ich habe ein riesiges Interesse daran, dass es ­Sybil gut geht und unseren Töchtern ebenso.

Wie kommt man auf so etwas?

Steven Schneider: Durch unsere berufliche Selbstständigkeit haben wir viele Termine, auch weil wir uns immer wieder auf Neues einlassen. Also mussten wir uns schon früh überlegen, wie wir uns organisieren.

Sybil Schreiber: Wir möchten zusammen alt werden. Wie können wir uns die Liebe so bewahren, dass sie spannend bleibt? Darüber haben wir schon oft diskutiert.

Mit welchem Ergebnis?

Sybil Schreiber: Für uns ist klar, dass wir uns zwischendurch Abstand gönnen und nicht immer alles zusammen machen müssen.

Trennen sich die Menschen heute zu schnell?

Sybil Schreiber: Da möchte ich mir kein pauschales Urteil anmassen. Ich selbst bin ein Trennungskind. Das hat mich geprägt. Ich finde, es kann sich lohnen, wenn man eine Beziehung nicht gleich aufgibt. Für unser Buch haben wir ein älteres Ehepaar kennengelernt, das eine Krise auf beeindruckende Art durchgestanden hatte. Die Frau traf zufällig einen alten Studienkollegen und verliebte sich. Sie verheimlichte diese Schwärmerei aber nicht. Nein, sie hat es ihrem Mann sofort erzählt. Der war nicht gerade glücklich darüber, doch das Ganze löste in ihnen etwas aus, sodass es ihre Beziehung am Ende gestärkt hat.

Wie haben Sie die Menschen für die vielen Gespräche im Buch gefunden?

Sybil Schreiber: Das war wie eine lange Reise. Alles begann mit einem Liebesbrief, den ich damals beim Regenspaziergang mit dem Hund fand. Das inspirierte uns, ein Buch darüber zu schreiben. Wir erzählten überall rum, dass wir dieses Buch schreiben – die ­Gesprächspartner fanden sich dann fast wie von alleine. Wir haben sogar anonym mehrere Liebesgeschichten zugeschickt bekommen.

Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?

Steven Schneider: Jene der 93-jährigen, verwitweten Dame, um die herum sich alle Bekannten allmählich ver­abschieden müssen. Sie aber lebt weiterhin ihr Leben voller Liebe – einer Liebe, die sie auch für die kleinen Dinge empfindet, etwa für die Schnurrbarthaare ihrer Katze oder die Ästhetik eines Bildes, das in ihrem Wohn- zimmer hängt. Vor allem aber ist sie voller Dankbarkeit dem Leben gegenüber.

Vor allem aber ist sie voller Dankbarkeit dem Leben gegenüber.

 

Sybil Schreiber: Ich durfte eine ganze Klasse von Drittklässlern besuchen, die haben ungefiltert über die Liebe gesprochen. Diese Leidenschaft, die Romantik, welche die Kinder im Herzen tragen, hat mich echt beeindruckt. Ein Junge antwortete auf meine Frage, was Liebe sei: «Mein Opa legt seine Hand auf Omas Hand, und dann lächelt sie.»

Sybil Schreiber und Steven Schneider, wir danken Ihnen für ­dieses Gespräch.

Das Buch

Die gebürtige Münchnerin Sybil Schreiber (57) und der Aargauer ­Steven Schneider (56) sind seit 15 Jahren verheiratet und schreiben seit 20 Jahren über Freuden und Herausforderungen ihres Paar- und Familienalltags. Sie leben mit den beiden Töchtern Ida (19) und Alma (15) in Bad Zurzach. Ihr neuestes Buch ist eine Sammlung berührender Liebesgeschichten von Menschen im Alter von 9 bis 93 Jahren. Angereichert mit eigenen Erfahrungen und Kommentaren in typischer «Schneider vs. Schreiber»-Manier, ist das Buch eine achtsame Annäherung an das schönste Gefühl der Welt. Erschienen im Salis-Verlag.

 

Kurz und knackig von Sybil Schreiber

Ein Leben ohne Liebe ist wie … ein Buch ohne Text.
Das Salz in der Beziehungssuppe ist … Humor und Selbstironie.
Der absolute Romantik-Killer ist … das Handy in der Nähe.

Über Steven

Ich liebe es, wenn er … tanzt, im Garten werkelt, mich bekocht, Geschichten erzählt, mir frisch rasiert einen Kuss gibt.
Damit treibt er mich in den Wahnsinn … wenn er seine Sachen nicht ­finden kann.
Er hasst es, wenn ich … im Restaurant Sonderwünsche habe.
Er liebt es, wenn ich … schreibe.
Darin überschätzt er sich ... in seinem Orientierungssinn.
Unser liebstes Beziehungsritual ist … mit einem Glas Weisswein im Garten zu sitzen und über den Tag zu plaudern.
Wenn unsere Liebe ein Gericht wäre, wäre sie … wie Häppchen aus aller Welt, süss, salzig, pikant und knusprig.

Über mich

Darin bin ich unschlagbar … das Positive zu sehen.
Meine grösste Macke ist … mein Lampenfieber.
Diese Superheldenkraft hätte ich gerne … jede Sprache sprechen zu können.
Mein Lieblingsessen ist … Matjeshering an saurer Sahne mit rohen Zwiebeln, Äpfelchen und Bratkartoffeln.

 

 

Kurz und knackig von Steven Schneider

Ein Leben ohne Liebe ist wie … ein Fussballspiel ohne Ball.
Das Salz in der Beziehungssuppe ist … Humor.
Der absolute Romantik-Killer ist … aufs Handy zu schauen.

Über Sybil

Sie liebt es, wenn ich … sie zum Lachen bringe.
Damit treibe ich sie in den Wahnsinn ... mit meiner Sehnsucht, fernab der Zivilisation zu leben.
Ich hasse es, wenn sie … nicht alle meine Ideen gut findet.
Ich liebe es, wenn sie … Kurzgeschichten schreibt.
Darin überschätzt sie sich … Schweizerdeutsch reden.
Unser liebstes Beziehungsritual ist … uns gemeinsam über Schönes zu freuen.
Wenn unsere Liebe ein Gericht wäre, wäre sie … ein reichhaltiges, buntes, bekömmliches Buffet.

Über mich

Darin bin ich unschlagbar … Ideenreichtum.
Meine grösste Macke ist … tagzuträumen.
Diese Superheldenkraft hätte ich gerne … fliegen.
Mein absolutes Lieblingsessen ist … alles, was meine Töchter kochen.