Weihnachten mit den Höllenengeln | Coopzeitung
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Interview

Weihnachten mit den Höllenengeln

Er ist Präsident der Zürcher Hells Angels und diente zwei Jahre in der Päpstlichen Schweizergarde in Rom. Patrick «Hemi» Hermetschweiler über Weihnachten, die Bruderschaft der Rocker und was die katholische Kirche mit den Hells Angels zu tun hat.

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Christian Schnur
18. Dezember 2020
 Patrick «Hermi» Hermetschweiler, Präsident der Zürcher Hells Angels, nach dem Interview mit der Coopzeitung im Klubhaus der Hells Angels in Zürich Affoltern.

 Patrick «Hermi» Hermetschweiler, Präsident der Zürcher Hells Angels, nach dem Interview mit der Coopzeitung im Klubhaus der Hells Angels in Zürich Affoltern.

Patrick Hermetschweiler, wie feiern die Hells Angels Weihnachten?

Hier im Klubhaus natürlich. Es gibt sicher ein gutes Weihnachtsessen mit ein paar guten Flaschen Wein. So, wie man das mit der Familie halt macht.

Geht ihr selber einkaufen und kocht dann zusammen?

Wir haben hier eine Küche und sind gut organisiert. Wir bringen schon etwas Schlaues zusammen.

Singt ihr?

Ganz sicher nicht.

Habt ihr einen Tannenbaum?

Nein.

Macht ihr euch Geschenke?

Nein, auch nicht. Geschenke machen wir uns das Jahr hindurch schon genug. (Lacht.)

Wie feiern Sie privat Weihnachten?

Sicher drei Mal. Einmal in Genf bei der Familie meiner Lady. Dann zu Hause mit Lady, Kids und Hund und dann nochmals mit allen zusammen bei meinen Eltern. So wie die meisten Schweizer Familien auch.

Sind die Hells Angels mehr Familie oder Verein für Sie?

Sie sind meine Familie, ganz klar.

Gleichberechtigt mit Ihrer «richtigen» Familie?

Absolut gleichberechtigt. Die Hells Angels sind eine Bruderschaft, das ist meine Familie.

Sie dienten zwei Jahre bei der Päpstlichen Schweizergarde in Rom. Wie erlebten Sie Weihnachten dort?

Oft im Dienst. Es war anstrengend, aber immer eine ganz spezielle Stimmung, vor allem vor und während der Mitternachtsmesse. Das ist unvergesslich. Es war oft stressig als Gardist, aber eine sehr gute Zeit.

«Meine Mutter fragte, ob ich jetzt spinne.»

 

Warum gingen Sie zur Schweizergarde?

Bei mir war es die Abenteuerlust. Ich suchte irgendetwas Spezielles, gerne auch im Ausland. Irgendwann sah ich eine Fernsehsendung über die Schweizergarde, und am nächsten Tag stand ich auf und sagte der Mutter am Zmorgetisch: Ich gehe zur Schweizergarde.

Wie hatte die Mutter reagiert?

Sie sah mich an und fragte, ob ich jetzt spinne. (Lacht.)

Und dann?

Dann setzte ich alle Hebel in Bewegung, schloss die Schule und dann die RS ab und ging nach Rom. Etwas, was ich heute noch jedem empfehlen kann.

Wie ist es, wenn man den Papst so hautnah erlebt?

Ein unglaubliches Gefühl. Dafür muss man nicht mal religiös sein. Der Papst ist ein ganz besonderer Mensch.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Gardisten?

Ja.

Wie reagieren die darauf, dass Sie heute Präsident der Hells Angels sind?

Die meisten akzeptieren das, das ist kein grosses Thema.

Ist es kein Widerspruch, gläubiger Katholik und bei den Hells Angels zu sein?

Nicht unbedingt. Bei beiden Organisationen gibt es eine starke Struktur. Und die braucht es einfach, wenn man ganz verschiedene Leute zusammenbringen will. Von daher gesehen sind die Kirche und die Hells Angels gar nicht so weit auseinander.

Gehen Sie heute noch in die Kirche?

Ich war nie ein grosser Kirchgänger. Ich gehe heute nur zu speziellen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten oder leider auch Todesfällen in die Kirche.

Muss man denn nicht zwingend strammer Katholik sein, wenn man bei der Garde ist?

Es gibt sicher viele verschiedene Gründe, wieso man der Garde

beitreten will. Bei mir war es Abenteuerlust, bei anderen eventuell der starke Glaube. Einige wählen nach der Garde ein Leben als Priester oder Mönch.

Und was sagte Ihre Mutter später, als Sie Hells Angel wurden?

Das war eher so ein schleichender Prozess.

Aber sie weiss es schon, oder?

Ja, ja, sie weiss es natürlich. (Lacht.) Ich würde es so sagen: Ich war schon als Kind und Jugendlicher nicht der Einfachste, und meine Eltern mussten oft in der Schule antraben. So gesehen war die Garde wahrscheinlich der grössere Schock für sie.

Und heute? Ist sie stolz, dass ihr Sohn der Präsident der Hells Angels ist?

Ich denke schon, ja. Welche Eltern sind schon nicht stolz auf ihre Kinder?

Sie haben selber einen Sohn. Wünschen Sie sich, dass er später einmal Hells Angel wird?

Wir erziehen unsere Kinder so, dass sie einen möglichst guten Rucksack mit fürs Leben bekommen. Was sie daraus machen, ist ihre Sache. Ich werde ihnen sicher immer beistehen und sie unterstützen, aber sie müssen ihren Weg selber gehen. Wenn mein Sohn eines Tages zu den Hells Angels will, wird es sicher einige Gespräche geben. Und dann müsste er den gleichen Weg gehen, den alle anderen auch gehen müssen. Und wenn er danach immer noch will, würde ich ihn sicher unterstützen. Aber es wäre auch absolut in Ordnung, wenn das nichts für ihn ist.

Eines der äusseren Zeichen der Hells Angels ist die Kutte. Tragen Sie die beim Elternabend Ihrer Kinder?

Nein, die Kutte nicht. Meist trage ich schon irgendetwas vom Klub, einen Ring oder irgendwas. Aber an einem solchen Abend geht es ja nicht um den Klub, und dann muss ich ihn auch nicht in den Vordergrund rücken.

Wer sind die Schweizer Hells Angels heute? Wie viele Leute seid ihr?

Genug. (Lacht.) Wir haben zehn Sektionen, sogenannte Charter. Wir sind gut aufgestellt und haben auch einen guten Austausch mit den anderen Motorradklubs der Schweiz.

Was für Leute sind dabei, wer seid ihr?

Das ist total unterschiedlich. Wir sind ganz verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Jobs und unterschiedlichen Ansichten. Was uns vereint, ist der Drang nach Freiheit, die Liebe zum Motorradfahren und der Wunsch, zusammen in einer Bruderschaft Zeit zu verbringen.

Ist der Klub auch eine Art Ersatzfamilie, ein Auffangbecken?

Bei vielen schon, ja. Aber andere mögen auch einfach den Lifestyle der Hells Angels. Schlussendlich hat wohl jeder seinen eigenen Grund, warum er Member wird. Die Gründe mögen ähnlich sein – aber es sind selten die gleichen.

Apropos Bruderschaft: Es gibt keine Frauen im Verein. Wird sich das mal ändern?

Sag niemals nie, würde ich sagen. (Lacht.) Nein, dies war seit unserer Gründung 1948 nie wirklich ein Thema. Wir haben viele Frauen um den Klub herum, und das reicht auch.

Wo steht ihr politisch und religiös?

Das sind bei uns keine Themen. Null. Darum funktionieren wir ja so gut, auch international.

Das heisst, ein Grüner könnte bei euch Mitglied werden?

Selbstverständlich. Vorausgesetzt, er überwindet sich und fährt Motorrad. Aber ernsthaft: Bei uns ist politisch alles vertreten. Von links bis rechts. Aber das ist Privatsache und gehört nicht in den Klub. Und jeder, der das Gefühl hat, er müsse etwas Religiöses oder Politisches in den Klub bringen, hat das Grundsätzliche nicht verstanden und muss sich überlegen, ob er bei uns richtig ist.

Vor uns liegt das Buch über 50 Jahre Hells Angels Zürich. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die alten Bilder anschauen?

Die Leute verändern sich, die Motorräder verändern sich, das Umfeld verändert sich. Aber es geht immer noch um die gleichen Werte: Motorrad fahren, Bruderschaft und eine gute Zeit zusammen haben.

Wie hat sich der Blick auf die Hells Angels verändert? Werdet ihr immer noch skeptisch angeschaut?

Teilweise schon, ja. Aber wir sind natürlich auch bekannter geworden. Die Hells Angels hatten sich aus der Halbstarken-Szene heraus entwickelt, das war überschaubar. Heute kennt man uns aus der Presse, und das ist nicht immer schmeichelhaft.

Ihr habt aber auch nicht nur Chorknaben im Klub ...

Das stimmt, ja. Es gab sicher Vorfälle, die nicht hätten sein müssen und die auch nicht besonders schlau waren. Aber vieles ist auch dazugedichtet worden.

Seid ihr heute sauber?

Wir sind die, die wir sind. Wir schauen alle, dass wir unser Leben geregelt bekommen. Aber es ist schon so: Wir sagen die Dinge vielleicht einmal anständig und beim zweiten Mal gibt es dann halt schon mal einen Satz heisse Ohren.

Was muss man machen, wenn man Mitglied bei euch werden will?

Zuerst einfach mal eine Zeit lang um den Klub herum sein und die Leute kennenlernen. Und dann, wenn man denkt, dass das der richtige Lebensweg ist, kann man mal anfragen. Und wenn ein Grossteil der Mitglieder dafür ist, kann man als sogenannter Hangaround einsteigen.

Und wie geht es dann weiter?

Irgendwann wird man Prospect, und wenn einer seine Sache ganz gut macht und alle finden, dass der Mann zu uns passt, dann wird man Member.

Kann man auch wieder austreten, oder ist die Mitgliedschaft lebenslänglich?

Man kann schon austreten. Mit den Füssen voran. Nein, das ist ein Scherz. Wir sind ein Klub, ein Verein, und selbstverständlich kann man auch wieder austreten. Es kann schon vorkommen, dass sich bei jemandem die Lebenssituation verändert und er findet, dass der Klub nicht mehr zu ihm passt. Und dann steigt er aus, und das ist auch gut so.

Was wünschen Sie sich für die Hells Angels zu Weihnachten?

Dass wir das Leben, das wir lieben, noch lange so leben können.

Patrick Hermetschweiler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.