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Interview

«Was kann man gegen die Liebe haben?»

Ramona Bachmann spielt neu für Paris St. Germain. Im Interview erzählt die Luzernerin, wie sie die Fernbeziehung mit ihrer Lebenspartnerin Alisha Lehmann erlebt, ob ihr Schulfranzösisch reicht und was sie davon hält, dass die Männer bis zu 500-mal mehr als die Frauen verdienen.

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Keystone
30. November 2020
Der Ball ist ihr Freund: Bei Ramona Bachmann (29) macht das Spielgerät meist, was sie will ? und wenn es noch so kompliziert ist.

Der Ball ist ihr Freund: Bei Ramona Bachmann (29) macht das Spielgerät meist, was sie will ? und wenn es noch so kompliziert ist.

Ramona Bachmann, steht der Frauenfussball dort, wo er hingehört?

Er ist auf dem richtigen Weg, gerade wenn man schaut, wo er noch vor ein paar Jahren war. Aber es geht noch mehr. Da rede ich nicht mal vom Geld. Natürlich wäre es schön, wenn wir besser bezahlt würden. Das wäre der ganz grosse Durchbruch für den Frauenfussball. So weit sind wir noch nicht.

Sie reden nicht vom Geld? Ihr Klubkollege Neymar verdient bei Paris St. Germain mindestens 500-mal so viel wie Sie!

Die Männer haben auch mehr Zuschauer, die Einnahmen sind grösser. Deshalb finde ich es okay, dass sie besser bezahlt werden. Aber einige von ihnen sind überbezahlt, mit dieser Meinung stehe ich ja nicht alleine da. So gross darf der Unterschied nicht sein. Fast noch wichtiger als der Lohn scheint mir vorerst, dass wir Frauen unter akzeptablen Bedingungen spielen können. Bei Paris St. Germain und den anderen Spitzenklubs ist das zum Glück der Fall, bei zu vielen anderen Vereinen hingegen nicht. Es ist fast nicht in Worten zu beschreiben, auf was für schlechten Terrains wir manchmal spielen müssen – und das in der höchsten Spielklasse!

Bei Ihrem letzten Klub Chelsea beklagten Sie sich darüber, dass die Frauen die Sauna erst benützen durften, wenn die Männer nach Hause gegangen waren. Ist das auch in Paris der Fall?

Nein, zum Glück nicht. Und zwar deshalb, weil wir Frauen unsere eigenen Einrichtungen haben. Bei Paris St. Germain sind die Männer komplett für sich, die Frauen und die Akademie ebenfalls. Wir müssen also nicht mehr hintanstehen. Aber: Dadurch, dass bei Chelsea alle auf demselben Gelände vereint waren, wirkte alles familiärer. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Dann sind Sie den Stars wie Neymar oder Ángel Di María noch nie begegnet?

Nein, jetzt sowieso nicht. Ich habe gehört, dass es vor Corona Sponsorentermine gab, an denen Frauen und Männer zusammen auftraten. Darauf wird nun wegen der Epidemie verzichtet.

Welche Stadt ist eigentlich cooler – London oder Paris?

Leider habe ich wegen Corona noch gar nicht viel von Paris gesehen. Deshalb muss ich bis jetzt London sagen. Aber das kann sich ändern. Paris soll viele spannende Ecken haben, schöne Parks und natürlich Cafés, in denen ich ein Croissant geniessen werde, wenn es die Situation wieder erlaubt.

Wie ist Paris während des Lockdowns?

Paris ist bekannt dafür, dass sich das Leben draussen abspielt. Während der striktesten Phase des Lockdowns aber war es ruhig in den Strassen, ja fast schon trostlos. Die Menschen durften nur eine Stunde pro Tag raus an die frische Luft in einem Radius von einem Kilometer. Man musste ein Formular mit sich führen, weshalb man die Wohnung verlässt. Zum Beispiel, wenn ich mit meinem Hund spazieren wollte.

Sie haben Französisch in der Schule gelernt …

… vor langer, langer, sehr langer Zeit …

… wie weit kommen Sie damit in Ihrer neuen Umgebung?

Ich hatte nur zwei Jahre Französisch in der Schule, verfüge also höchstens über Grundkenntnisse. Das ist zu wenig, weil an den Teamsitzungen Französisch gesprochen wird und auch in der Mannschaft. Also nehme ich Privatunterricht.

Fühlen Sie sich in Paris wohler als zuletzt in Chelsea, wo Sie ja nicht mehr glücklich waren?

Ich fühle mich, was den Fussball anbelangt, definitiv wohler. Der Start war sehr gut, weil ich gleich Champions League spielte. Danach zog ich mir leider einen Muskelfaserriss zu. Jetzt bin ich aber wieder zurück.

Ramona Bachmann will mit dem Nationalteam an die Fussball-EM.

Wie hoch ist Ihr Handykonsum?

Viel höher als in London. Ich telefoniere extrem viel, um mit Alisha in Kontakt zu bleiben. Wir machen auch viel Facetime, dann kochen wir zusammen.

Wie geht das denn?

Wir machen miteinander ab, was wir ­essen wollen. Dann gehen wir sogar die gleichen Produkte einkaufen, sie in London, ich in Paris. Danach kochen wir.

Sind Sie geschaffen für eine Fernbeziehung?

Wir sind es uns gewohnt, dass wir oft weg sind. In London haben wir viel Zeit miteinander verbringen dürfen. Deshalb war es wichtig, dass wir darüber reden, was mit meinem Wechsel nach Paris auf uns zukommt. Ich finde, dass wir es gut machen, auch weil viel Verständnis für die andere da ist. Wir machen beide dasselbe, das macht es einfacher. Ich lebe meinen Traum, sie ihren.

Experten versorgten Sie beide mit Gratistipps. Paartherapeut Klaus Heer sagte auf «Watson», dass sich dies befruchtend auf eine Beziehung auswirke.

Es nützt aber alles nichts, wenn die Kommunikation nicht stimmt. Sie ist entscheidend. Und ganz so lange sind wir gar nie getrennt. Dank der Zusammenzüge mit dem Nationalteam sehen wir uns fast jeden Monat. So auch für das entscheidende Spiel gegen Belgien.

Sie haben sich stets zu Ihrer Homosexualität bekannt. Andere müssen ihre Gefühle immer noch verstecken. Und das im Jahre 2020.

Das ist doch unglaublich, oder nicht?

Ja, es war auch weniger eine Frage denn eine traurige Feststellung.

Richtig traurig ist die Situation für schwule Fussballer. Die gibt es sicher auch, nur hört man nie von einem. Das Thema ist komplett tabu. Beim Frauenfussball ist alles viel offener. Ich bin froh darüber, dass die mir nahestehenden Menschen meine Homosexualität akzeptierten. Das machte es für mich leichter, mir treu zu bleiben. Für viele bin ich ein Vorbild, weil ich so natürlich mit dem Thema umgehe.

Erhalten Sie viele Reaktionen?

Sehr viele sogar. Täglich bedanken sich Menschen dafür, dass ich so offen bin. Das erleichtere es ihnen, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen und sich etwa gegenüber ihren Eltern zu outen.

Wie war das bei Ihnen?

Meine Eltern merkten an einem Abend, dass mich etwas bedrückte. Zuerst dachten sie, ich hätte mich mit jemandem gestritten. Ich erzählte ihnen, dass das Gegenteil der Fall gewesen war. Ich hatte mich in eine Frau verliebt, nun würde ich sie vermissen. Die Reaktion meiner Eltern war überragend. Sie freuten sich mit mir, dass ich so starke Gefühle empfand. Ich weiss von Freundinnen, dass es bei ihnen nicht so leicht ging. Ich verstehe diese Eltern nicht: Wenn dein Kind einen Menschen gefunden hat, mit dem es glücklich ist, gibt es doch nichts Schöneres. Was kann man gegen die Liebe haben? Aber vielleicht ist es auch eine Generationenfrage.

Wie meinen Sie das?

Ich habe das Gefühl, dass die Generation in meinem Alter oder noch Jüngere offener mit dem Thema umgehen – vielleicht auch, weil wir viel mehr Social Media nutzen als die Älteren. Auf Instagram sehen wir, wie viele Stars und Idole ganz natürlich damit umgehen, dass sie anders sind. Irgendwann wird dieses Anderssein zur normalsten Sache der Welt.

Ramona Bachmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Ein Weihnachtskind

Ramona Bachmann

Ramona Bachmann, am 25. Dezember 1990 in Malters LU geboren, spielt am 1. Dezember mit dem Schweizer Nationalteam um die EM-Qualifikation. Ein Punkt fehlt, doch Bachmann verspricht, auf Sieg zu spielen. «Nur das Remis halten zu wollen, wäre zu gefährlich.» Sie ist mit Alisha Lehmann (21) liiert, die bei West Ham United unter Vertrag steht. Im Buch «Vorbild und Vorurteil» (Verlag Hier und Jetzt), in dem 28 lesbische Schweizer Sportlerinnen porträtiert werden, erzählt Bachmann auch von ihrem Outing und den Reaktionen darauf.