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Interview

«Es riecht nach Freiheit und Frieden.»

Roberto Blanco hat immer noch Spass. Ein Gespräch über Weggefährten, medialen Terror und Mohrenköpfe.

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Bodo Rüedi
14. September 2020
Weltbürger Luzandra und Roberto Blanco: «Unser Wohnzimmer ist die Schweiz.»

Weltbürger Luzandra und Roberto Blanco: «Unser Wohnzimmer ist die Schweiz.»

«Hätten wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen müssen, wäre ich schwarzgefahren», begrüsst er uns mit seinem berühmten breiten Grinsen. Man erkennt ihn natürlich sofort, Roberto Blanco, den ikonischen Schlagerstar und Entertainer. Ein Unterhalter ist er auch privat gerne. Immer hat er einen Spruch auf den Lippen, mit dem er am liebsten sich selber, manchmal auch jemand anderen auf die Schippe nimmt.

Man lacht, er ist glücklich. Blancos grösster Hit ist sein Lebensmotto: «Ein bisschen Spass muss sein.» Er hat sich eine verspielte Kindlichkeit bewahrt, die aber, erfordert es die Situation, unversehens in eine ungeduldige Bestimmtheit umschlagen kann. Sie zeugt von einem bewegten, unsteten Leben, an das er sich bereits von klein auf immer wieder neu anpassen musste.

Mittlerweile ist der Showman, dessen Eltern aus Kuba stammten, 83 – aber kein bisschen müde. Seit sieben Jahren ist er zum zweiten Mal verheiratet, mit der Kubanerin Luzandra Strassburg (43), die er in Hamburg kennengelernt hat. Wir treffen das heiter-illustre, eingespielte Duo in seinem Thurgauer «Heimathafen» Ermatingen zum Gespräch.

Roberto Blanco, die wenigsten wissen, dass Sie Schweizer sind.

(Er beginnt zu husten.) Sorry, ich habe mich verschluckt.

Lassen Sie sich Zeit. Nicht, dass Sie noch an Schweizer Pommes frites ersticken.

Das würde Euch so passen … dann hättet Ihr Eure Schlagzeile. (Lacht.) Ja, ich bin seit rund 25 Jahren Schweizer.

Dann können Sie es beurteilen: Haben die Schweizer genug Spass?

Jedes Land ist da anders. Es gibt Menschen mit mehr Humor, andere steigen in den Keller, um zu lachen. Wenn ich aber singe, sind alle gleich. Dann freuen sich die Leute und haben Spass. Das ist auf der ganzen Welt so. Übrigens interessiert mich nicht der Applaus zu Beginn der Show, sondern am Ende. Und da sind immer alle gut gelaunt.

Ihr Vater hat Ihnen früh den Tipp gegeben: «Lächle, egal, wie es in deinem Herzen aussieht.»

Daran habe ich mich gehalten. Es ist egal, ob du Kopfschmerzen oder Streit mit deiner Frau hast. Wenn du die Bühne betrittst, heisst es: Lache, Bajazzo! Der Clown muss dort immer Clown sein.

Und abseits der Bühne? Was, wenn Ihnen zum Weinen zumute ist?

Wir Menschen im Showbusiness sind wie du und ich. Jeder erlebt Dinge, die ihn sauer oder traurig machen. Das heisst aber nicht, dass deswegen die ganze Welt mit dir sauer sein muss. Ich bin ein positiver Mensch. Ich sage mir: Nach dem Regen kommt Sonnenschein. Jede Minute Ärger über etwas ist eine zu viel. Und ich bin kein Elefant, der noch alles Jahre später genau weiss. Ich vergesse schnell.

Luzandra Blanco: Roberto ist einer der positivsten Menschen, denen ich begegnet bin. Wenn ein Konzert abgesagt werden muss, ärgert er sich nur kurz. Schon im nächsten Moment sagt er: «Wer weiss, wozu das gut sein mag.» Ich erinnere mich, als wir auf Kuba einen Unfall mit einer Kuh hatten. Das Auto war kaputt, die Kuh schwer verletzt. Doch was sagte Roberto als Erstes: «Schatzilein, ich denke, du hast mich noch für viele Jahre!»

Zuletzt gingen die Wogen hoch wegen der Debatte um den «Mohrenkopf». Ihre Meinung dazu?

Ich als Farbiger finde das Ganze schwachsinnig. Ich erinnere mich an den Negerkuss in Deutschland, diese mit Schaum gefüllte Schokosüssigkeit. Immer wenn ich ein Mädchen kennenlernte, fragte ich es, ob es Negerküsse mag. «Klar doch», sagte es – und wurde von mir sofort geküsst. Per Saldo habe ich also von der Bezeichnung profitiert. Ich fühle mich von der ganzen Debatte nicht betroffen. Mein Motto heisst: leben und leben lassen.

«Vico Torriani sagte, er glaube, er habe die falsche Hautfarbe.»

 

Sie wurden nie diskriminiert?

Ich war immer stolz auf meine Hautfarbe. Sie war für mich die beste Werbung. Vico Torriani sagte mal nach einer Show: «Ich glaube, ich habe die falsche Hautfarbe.» Im Internat stand ich als einziger Farbiger stets im Mittelpunkt. Ich habe nie darunter gelitten. Eine Bekannte von mir, ebenfalls von dunkler Hautfarbe, beklagte sich, dass die Menschen sie anstarrten. Ich antwortete: «Warum sollen sie dich nicht anschauen? Du siehst fantastisch aus! Wenn sie schauen, lächle. Sie werden zurücklächeln.» Es funktionierte. Es kommt darauf an, wie du den Menschen begegnest.

Luzandra Blanco: Als Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im Fernsehen sagte, dass er einen wunderbaren Neger kenne, also Roberto, löste das einen medialen Terror bei uns aus. Um sechs Uhr morgens wurden wir geweckt. Reporter von «Bild» standen vor der Haustür. 

Roberto Blanco: Gleich danach rief eine Radio-Journalistin an. Alle wollten wissen, was ich dazu zu sagen habe. (Er wird laut.) Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich nicht wüsste, was sie wollen: «Was bitte soll ich dazu sagen, wenn mich jemand als einen wunderbaren Menschen bezeichnet?» Dann bekam ich zu hören: «Ja, aber er hat nicht ‹Mensch›, sondern ‹Neger› gesagt.» Ich weiss selbst, was ich bin. Die Medien stürzen sich gerne auf das Negative. Ich aber höre nur das Gute. In diesem Fall, dass ich wunderbar sei.

Es gibt Diskriminierungen, da hilft auch ein Lächeln nicht mehr. Nehmen wir die Ereignisse in den USA.

Reden wir über mich oder über die ganze Welt? Diskriminierungen gibt es überall, ebenso Rassismus. Das muss nichts mit der Hautfarbe zu tun haben. In Nordirland haben sich Katholiken und Protestanten gegenseitig beschossen. Oder nehmen Sie den Libanon. Das tut mir in der Seele weh, was dort passiert ist. Und zwar schon vor der Explosion.

Was wäre ein Lösungsansatz?

Der liebe Gott könnte alle zu sich rufen und eine neue Welt erschaffen. Leider bin ich nicht der liebe Gott. Ich kann nur sagen, dass man sich respektieren soll. Und eben: leben und leben lassen.

Ganz so problemlos verlief Ihr Leben auch nicht: In Ihrer Biografie beklagten Sie sich darüber, dass Menschen Ihnen Steine in den Weg gelegt hätten.

Zum Glück spürte ich von den meisten Menschen nur positiven Neid. Dann heisst es: «Toll, wie Federer die Vorhand spielt. Wenn ich das auch so könnte!» Es gab aber auch ein paar wenige Menschen in meinem Leben, die auf negative Art neidisch waren. (Er zeigt auf ein Haus.) Die denken dann bei diesem Haus dort: «Wie er wohl zu diesem Haus kam? Das Geld hat er sicher geklaut.» Leider sassen diese Leute oft in wichtigen Positionen. So wie in den 80er-Jahren, als ich im deutschen Fernsehen eine Show mit fast 50 Prozent Marktanteil moderierte. Als ich nachfragte, wann es eine Fortsetzung gebe, bekam ich eine Absage. Das ist es, was ich mit negativem Neid meine.

Demnächst sollen zwei Alben mit neuen Songs von Ihnen erscheinen. Wer sind diese Fans, die Ihnen die Treue halten?

Es ist nicht nur das «alte» Publikum, das mich heute noch haben will. Es gibt ein Publikum aller Altersklassen, das sich für mich interessiert. Auch die Jungen wissen, wer ich bin, da meine Musik heute auf vielen Partys gespielt wird. Und sie kennen die Texte, denn Schlager werden in der Regel mitgesungen.

Luzandra Blanco: Wir erhalten viel Fanpost von jungen Menschen. (Zeigt auf eine Tasche voller Briefe.) Gerade hat uns ein 12-jähriges Mädchen geschrieben. Wenn sie traurig sei, höre sie sich Robertos Lieder an. Die Songs machen sie glücklich.

Ihren allerersten Auftritt hatten Sie in der Schweiz. Erzählen Sie uns davon?

Mein Vater war Varieté-Künstler und gastierte Mitte der 50er-Jahre in Lausanne. Ich war Student in Madrid und kannte alle Schlager auswendig. Im Sommer besuchte ich meinen Vater und kam an einem Abend mit dem Pianisten ins Gespräch. Ich erzählte ihm, dass ich gerne singe. Plötzlich hielt er mir das Mikrofon hin: «Roberto, probier mal was!» Ich sang «Only you» von den Platters. Zufällig stand die Chefin des Cabarets, Madame Pache, im Saal und hörte zu. Sie war begeistert und sagte, dass ich unbedingt im Club mitauftreten müsse.

Wie ging es weiter?

Sie rief meinen Vater an. Ich sei ab sofort Teil der Show. Mein Vater stotterte nur noch: «Was, Roberto singt?» Der Pianist kümmerte sich um die Arrangements von drei Songs, und die Tochter der Chefin ging mit mir einkaufen – einen dunklen Anzug, eine Krawatte und zwei 
weisse Hemden.

Das war die Geburtsstunde des Entertainers Roberto Blanco?

Genau. Mein Vater sagte mir kurz vor meinem ersten Auftritt: «Du hast das Talent deiner Mutter geerbt, das klappt schon!» Dann habe ich gesungen, und es wurde ein voller Erfolg. Frau Pache drückte mir danach 100 Franken in die Hand. Das war damals viel Geld. Sie sagte: «Die Summe bekommst du jetzt jeden Tag.» 14 Tage lang war ich dabei. Mit dem Geld habe ich später meinen Führerschein gemacht. In Lausanne.

Diesem Auftritt haben Sie Ihre Karriere zu verdanken?

Mehr als das. Bei der Premiere durfte ich auch Gunter Sachs kennenlernen, der zu einem meiner längsten Freunde wurde. Noch kurz vor seinem Tod haben wir uns in München getroffen. Letzten Juli habe ich beim «Festival da Jazz» in St. Moritz gesungen, im «Dracula Club», der Gunter gehört hat.

Spüren Sie gerade Wehmut?

Natürlich. (Er hält einen Moment inne.) Ich freue mich, dass ich noch hier bin.

Wen vermissen Sie am meisten?

Meine Schwester. Meinen Vater. Meine Mutter kannte ich ja nicht, ich war erst zwei Jahre alt, als sie starb. Aus dem Showbusiness Costa Cordalis und Udo Jürgens. Aber das soll hier kein Wettbewerb werden. Ich war mit vielen wirklich gut befreundet.

Sie bezeichnen sich als gläubig. Werden Sie Ihre Weggefährten im Himmel wieder antreffen?

Wenn sie dann dort sind, ja. (Lacht.)

Wer ist der grösste Entertainer ever?

Definitiv Frank Sinatra. Zur A-Klasse gehörten auch Sammy Davis Jr., Dean Martin, Elvis Presley. Ich hatte das grosse Glück, sie alle persönlich in Las Vegas erleben zu dürfen.

Fühlen Sie sich als Weltbürger?

Ich fühle mich als Europäer und bezeichne mich auch als solchen. 

Luzandra Blanco: Wenn ich Roberto bitten würde, mit mir nach Kuba auszuwandern, würde er sich verweigern. 

Roberto Blanco: Ich habe die ganze Welt gesehen. Hawaii, Hongkong, New York, Singapur. Wunderschön ist es da. Aber mich zieht es immer wieder nach Europa. Spätestens nach zwei Wochen will ich zurück. Mir gefällt die Mentalität hier.

Und die Schweiz ist Ihr Heimathafen.

Ich würde sagen, wir wohnen in der Welt, und unser Wohnzimmer ist die Schweiz.

Was lieben Sie an der Schweiz?

Luzandra Blanco: Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, kommt Roberto ins Schwärmen: «Oh mein Gott, ist die Schweiz schön! Schau dir die Natur an, diese Berge, diesen See! Hier riecht es nach Freiheit und Frieden.» Die Schweiz fasziniert uns. Auch wegen der vier Landessprachen.

Roberto Blanco: Das Einzige, was mich «äs bitzli» stört, ist, dass Deutschschweizer mit mir oft in Schwiizerdütsch kommunizieren wollen. Ich antworte auf Arabisch. Das spreche ich, weil ich im Libanon aufgewachsen bin. Da wir uns dann beide nicht verstehen, schlage ich vor, uns in der Mitte zu treffen und in Hochdeutsch zu verständigen. (Lacht.) Im Ernst: Ich spreche drei der vier Landessprachen: Deutsch, Französisch und Italienisch. Das muss fürs Erste genügen.

Luzandra Blanco: Wenn ich an die Schweiz denke und meine Augen schlies-
se, sehe ich die Farbe Rot. Rot ist die Lieblingsfarbe von Roberto. Immer schon gewesen. Man erinnere sich an sein berühmtes Sakko. Und Rot ist auch die Grundfarbe der Schweizer Flagge. Wir haben in unserer Wohnung drei Miniaturlandesfahnen aufgestellt. Die kubanische, die deutsche und die Schweizer Fahne.

Roberto Blanco: Ich würde aber nicht so weit gehen, diese Fahnen im Garten zu hissen. Je nach Wetterlage eine andere.

Mit wem aus der Schweizer Musikszene sind Sie befreundet?

Mit Paola Felix verbindet mich viel. 1969 gewann ich knapp vor ihr den Deutschen Schlager-Wettbewerb. Danach gingen wir zusammen auf Tour. Damals wurde Paola noch oft von ihrer Mutter begleitet. Ich habe ihr gesagt: «Mamma, mach Dir keine Sorgen, Du musst nicht mitkommen, denn ich passe gut auf Paola auf. Jeden Tag werden wir Dir eine Postkarte schreiben. Zuerst «Liebe Mama, uns geht es gut.» Später dann: «Liebe Oma, uns geht es gut!». Was hat die Mutter gelacht! Paola wohnt heute ganz in der Nähe von uns. Wenn ich sie treffe, freue ich mich.

Was wünschen Sie sich?

Frieden, Frieden und nochmals Frieden. Frieden ist das Wichtigste.

Luzandra und Roberto Blanco, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Roberto Blanco

Nach 48 Jahren Ehe liess sich Roberto Blanco 2012 von seiner ersten Frau Mireille scheiden. Mit der Schweizerin hat er zwei Töchter: Mercedes (55) und Patricia (49), die an diversen Reality-Shows teilnahm. Er hingegen lehnt solche Angebote ab, auch in sechsstelliger Höhe: «Das ist unter meinem Niveau.»