«Es lohnt sich, anständig zu sein» | Coopzeitung
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«Es lohnt sich, anständig zu sein»

30 Fragen an Röbi Koller: Der beliebteste Schweizer TV-Moderator erklärt im Interview, weshalb er es billig fände, wenn er in «Happy Day» mit seinen Gästen mitheulen würde. Und weshalb ihn die AHV massiv ärgert.

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Christoph Kaminski
14. Dezember 2020

Röbi Koller, eine Million Schweizer rotzen Sturzbäche voller Tränen, wenn sie Ihrer Sendung «Happy Day» zuschauen. Sie hingegen verziehen oft keine Miene. Wer ist kälter – Sie oder eine Hundeschnauze?

He, ich bin überhaupt nicht kalt! Nennen Sie es lieber professionell. Und ich bin nie anbiedernd. Ein Beispiel, wie ich es nie machen wollte, war Margarethe Schreinemakers. Erinnern Sie sich an sie?

Die Fernsehmoderatorin.

Immer wenn es emotional wurde, legte sie den Menschen ihre Hand auf den Arm und sagte: «Sie müssen jetzt stark sein!» Natürlich begannen ihre Gäste erst recht zu heulen, und irgendwann heulte Schreinemakers mit. Ich fände es billig, wenn man mich auch so zeigen würde. Kalt bin ich deswegen nicht. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch.

Was machte es mit Ihnen, wenn Sie jemand mit Robert anspricht?

Robert? Den kenne ich nicht. Nein, im Ernst: So wurde ich getauft, ich mochte den Namen aber nie. In der Innerschweiz sagte man: Robärt. Oder noch schlimmer: Robärtli. Ich fand Röbi cooler. Seitdem heisse ich für alle so. Auch wenn ein Journalist mal schrieb, dass ich aus dem Röbi-Alter raus sei und deshalb Robert genannt werden müsse.

Roberto?

Nein. Ich kenne ein paar Freunde, die so heissen. Ich bin aber nicht der Roberto.

Bitte nennen Sie möglichst viele Synonyme für happy!

Glücklich … (Lange Pause.) Bei sich, mit der Welt im Reinen, zufrieden, okay. Wobei das zu schwach ist ...

… fröhlich, heiter, freudig, strahlend, vergnügt, beschwingt, glücks- strahlend …

… ist ja gut. Sie konnten sich vorbereiten, ich nicht.

«Robert? Den kenne ich nicht. Röbi finde ich cooler.»

 

Sie machen in «Happy Day» immer einen Menschen glücklich, wenn Sie die Million bei ihm vorbeibringen. Es würde mich nicht überraschen, wenn im Koffer Falschgeld wäre.

Und wenn es so wäre? Muss man es den Zuschauern wirklich sagen? Ich finde nicht. Sie lieben diese Illusion mit dem prall gefüllten Koffer. Das ist ein symbolischer Akt. Eine Unterhaltungssendung braucht Rituale. Die Übergabe der Million gehört dazu. Deshalb heisst es auch überall, wo ich hinkomme: Wo haben Sie den Koffer? Abgesehen davon: Stellen Sie sich die Augen der Bankangestellten vor, wenn Sie am Montag nach der Sendung eine Million in Bargeld vorbeibringen.

Gab es schon Überraschungen, die nicht ausgestrahlt wurden, weil sie keine Überraschung waren?

In all den Jahren habe ich es einmal erlebt, dass eine Überraschung nicht glückte. Weil die Tür verschlossen blieb. Die Person dahinter wollte sie partout nicht öffnen.

Weshalb nicht?

Keine Ahnung. Es handelte sich übrigens um eine Ordensschwester.

Früher hiess es, dass ein Mann ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen müsse. Was muss der moderne Mann tun?

Ich finde, er soll das weiterhin tun. Wobei gerade das Hausbauen in der Schweiz am schwierigsten ist. Kinder zu haben ist für mich erfüllend, auch weil jemand da ist, wenn man älter wird. Und ein Baum steht für das Leben, das blüht.

Baden oder duschen?

Duschen, und zwar am Ende immer kalt. Braucht Überwindung, aber tut gut.

Haben Sie schon Pläne für den 65. Geburtstag?

Oh Gott, für nachher nicht, aber bis dahin schon. Ich muss nämlich daran denken, mich rechtzeitig für die AHV anzumelden. (Lacht.) Ich finde das einen unglaublichen Skandal. Die sind bei der AHV über jeden Franken informiert, den du verdienst. Aber wenn es darum geht, von dem ganzen Geld, das man einbezahlt hat, etwas zurückzubekommen, müssen wir uns erst anmelden!

Haben Sie Aktien der schwedischen Firma Essity?

Nein, was macht die Firma denn?

Sie produziert Tempo- Taschentücher.

(Lacht.) Nein, habe ich nicht – genauso, wie ich auch sonst keine Aktien habe. Ich bin ein ganz schlechter Anleger. Meine Frau hat bei uns zu Hause sozusagen das Mandat, auf unser Geld zu schauen. Meine beste Investition war vermutlich, dass ich eine Wohnung gekauft habe. Das war sicher nicht falsch.

In welchem Schulfach waren Sie eine Nuss und deshalb unglücklich?

In Physik und Chemie. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn alles viel näher am Leben gewesen wäre. Wenn der Lehrer mit uns Spaghetti gekocht und so ganz praktisch die physikalischen Vorgänge erklärt hätte, statt nur nackte Formeln und Zahlen runter zu rattern.

Haben Sie als TV-Profi Ihren Kindern Fernsehverbot erteilt?

Ja, sicher. Heute wäre es Social Media, damals war es noch Fernsehen. Es kam allerdings auch schon das Gegenteil vor: Dass wir sie am Sonntagmorgen, wenn wir noch ein wenig länger liegen wollten, vor den Fernseher setzten. Für das sind die Kindersendungen ja da.

SRG-Direktor Gilles Marchand hat in der Coopzeitung erklärt, dass es längerfristig keine «aufwendigen Samstagabendshows mit 30 Kameras» mehr brauche. Macht Sie diese Aussage unglücklich?

Ich kann mit ihr nichts anfangen. Schauen Sie, das lineare Fernsehen wird immer wieder tot geschrieben. Die Realität aber zeigt, dass ein grosses Bedürfnis nach diesem «gemeinsamen Lagerfeuer» vorhanden ist. Alle versammeln sich darum, und am nächsten Tag reden sie darüber. Die Menschen tragen «Happy Day» gar in die Agenda ein. Bereits in der Anfangszeit von «Happy Day» sprach der damalige SRF-Unterhaltungschef von einem Auslaufmodell. Ein Jahrzehnt später ist es nach wie vor die erfolgreichste Sendung.

Sie haben Germanistik studiert. Mit welchem Zitat der Weltliteratur überraschen Sie uns?

In meiner Autobiografie «Umwege» zitiere ich den Satz von Françoise Sagan: «Schreiben ist erfinden, was man schon kennt.» Das bedeutet, dass niemandem damit gedient ist, wenn man sein Leben einfach chronologisch abhandelt. John Fogerty ist so ein Beispiel: Ich verehre seine Musik, aber seine Biografie musste ich weglegen, weil er vom Säuglingsalter an alles der Reihe nach erzählt. Das ist so langweilig! Wenn es spannend sein soll, muss man dichten und verdichten.

Das beste Mittel gegen Depressionen?

Mit jemandem zu reden, der einem etwas bedeutet, gerne zuhört und einem genug Zeit schenkt.

Ihr Talent als Seelentröster auf einer Skala von 0 bis 10?

Meine Frau sagt, in der Sendung sei es eine 10, zu Hause hingegen weniger …, wobei gesamthaft eher zwischen 5 und 10 als zwischen 0 und 5.

Wären Sie gerne einmal Rudi Carrell gewesen?

Ich bin der Rudi Carrell des Schweizer Fernsehens, einfach in der Gegenwart. (Lacht.) Unterschiede gibts natürlich im Dialekt. Und er soll hinter den Kulissen, so sagte er von sich selbst, ein Arschloch gewesen sein.

Also noch nie «Tamisiech» durchs Studio gerufen?

Doch, das gabs auch schon. Aber ich war mir immer bewusst, dass Fernsehen viel Teamarbeit verlangt und man sich mit Respekt begegnen muss. Manchmal denke ich zwar, dass jene, die sich wie Stinkstiefel verhalten, im Beruf weiter kommen. Dann sage ich mir aber auch wieder: Nein, es lohnt sich, anständig zu sein. Zumindest für das persönliche Karma- Konto.

Wie sieht der liebe Gott aus?

Geprägt durch meine katho­lische Erziehung, sage ich: Er ist ein alter Mann mit Bart. Vielleicht ist der liebe Gott aber auch eine Göttin, also eine alte Frau ohne Bart.

Mit welchem Laster können Sie uns überraschen?

Dass ich oft etwas erst im letzten Moment mache. Und dass ich Arbeit und Privates nicht richtig trenne. Irgendwie bin ich immer am Arbeiten. Dazu gehört auch, dass ich viel zu oft am Handy bin. Deshalb lasse ich es jetzt bewusst zu Hause liegen, wenn ich ins Fitness gehe. Dort staune ich, wie viele zwischen zwei Liegestützen noch schnell das E-Mail checken.

Würden Sie sich wünschen, dass Kiki Maeder und Andrin Schweizer auch Ihre Wohnung einrichten?

Nein, das wäre mir zu viel Fremdeinwirkung, auch weil meine Frau und ich Spass am Aussuchen und Einrichten haben. Es ist auch eher für Menschen gedacht, die an einem schwierigen Punkt ihres Lebens stehen und froh um einen Neuanfang sind.

Wenn Corona ein Mensch wäre, was würden Sie ihm sagen?

Hau ab! Verpiss dich!

Was muss erfunden werden, damit die Menschheit endlich glücklich ist?

Es muss nichts erfunden werden. Glücklich sind vor allem jene Menschen, die fähig sind, ihr Glück zu erkennen. Die das Glas halbvoll sehen. Mich beeindruckt immer wieder, zu welchem Glück unsere Gäste bei «Happy Day» fähig sind, obwohl sie unglaubliche Schicksalsschläge ertragen mussten. Einem Sauertopf hingegen kann man das grösste Glück vor die Füsse stellen – er wird ein Sauertopf bleiben.

Ihre ultimative Lieblingsüber- raschung in «Happy Day»?

Eine Wiedersehensgeschichte. Zum Beispiel, wenn Menschen ihre Adoptiv- eltern fragen, wer ihre leiblichen Eltern sind, und sie sie tatsächlich erstmals sehen. Dieser Wunsch schlummert oft schon ein ganzes Leben lang in ihnen. Wir machen es möglich. Da hatten wir viele Geschichten, die einem nahe gehen. Und es werden weitere folgen, wenn Corona vorbei ist.

Nach was duftet es bei Ihnen zu Hause?

Manchmal nach dem Essen von gestern. Wenn wir ein Fondue gemacht haben und es besonders stark riecht, stellt meine Frau eine Schale mit Essig in die Wohnung. Das soll helfen, heisst es. Ich finde es okay, wenn es bei uns nach etwas duftet, das zeigt nur, dass hier gelebt wird. Auf Duftkerzen hingegen verzichte ich gerne.

Mit welchem Essen machen Sie alle glücklich?

Mit einem feinen Lammcurry. Wenn Vegetarier am Tisch sitzen, mache ich es mit Gemüse. Wichtig ist, dass man das Curry selber mischt.

Welches Essen macht Sie unglücklich?

Essen, das nicht sorgfältig und nicht mit frischen Zutaten zubereitet wurde. Richtig zu kochen ist ein Commitment und bedeutet für mich: in Ruhe Produkte von guter Qualität einkaufen, rüsten, kochen, schön auftischen und dann mit Genuss und ohne Hektik essen.

Haben Sie von einem Fernsehchef schon mal die Gelbe Karte erhalten?

Ja, von Peter Schellenberg. Das ist aber eine uralte Geschichte.

Erzählen Sie sie bitte trotzdem.

In der Sendung «Eins zu Eins» wurde ein Arbeitskollege fristlos entlassen, nachdem er bewiesen hatte, dass man Ted- Umfragen des «Blick» manipulieren kann. Es ging nämlich um eine Umfrage, ob die Menschen bereit wären, mehr SRG-Gebühren zu bezahlen. Im Normalfall hätten sie dies natürlich abgelehnt, bei der «Blick»-Umfrage aber begrüssten sie es – nachdem mein Kollege elektronisch nachgeholfen hatte. Nach seiner Entlassung sagte ich einer Zeitung, dass ich mit der Sendung nur weitermache, wenn sie einen anderen Namen erhalten würde. Denn ohne meinen Arbeitskollegen sei sie nicht mehr dieselbe wie vorher. Dafür erhielt ich dann die Gelbe Karte vom Direktor.

Röbi Koller, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Röbi ​Koller

Vielseitiger Schaffer

Röbi Koller, 1957 geboren, war in seiner Medienkarriere schon Radiomoderator, Journalist, Buchautor, «Quer»- und «Club»-Gastgeber bei SRF. Seit 2007 erfüllt er mit der Samstagabend-Show «Happy Day» Herzenswünsche. Er ist mit Esther Della Pietra (57) verheiratet, die ebenfalls bei SFR arbeitet und gelegentlich bei «Happy Day» Regie führt – manchmal auch mit ihm. «Wir haben deswegen nie ‹Lämpe› und wenn doch einmal, tragen wir die zu Hause aus», sagt Koller, der Vater der beiden Töchter Stefania (35) und Carla (33) aus erster Ehe ist.