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Interview

«Ich fühle mich heute wie im Paradies»

Medienunternehmer und Moderator Roger Schawinski spricht über seine letzte Sendung im Schweizer Fernsehen, die verrückten Zeiten als Radiopirat auf dem Pizzo Groppera (I) und er nennt den grössten Schmerz, den er in seinem Leben erlitten hat.

FOTOS
Christoph Kaminski, Getty Images
27. Januar 2020

«Das isch mini Idee gsi.» Roger Schawinski hat in seinem Leben einiges auf die Beine gestellt.

«Ich bin jetzt an einem Wendepunkt in meinem Leben angelangt», sagt Roger Schawinski in seinem Zürcher Büro bei Radio 1. Am 23. März wird er nach neun Jahren letztmals die Talksendung «Schawinski» moderieren. Es ist ein unfreiwilliger Abschied bei SRF, den der 74-Jährige gleich zur Vermarktung nutzt – er gibt ein Buch heraus: «Die Schawinski-Methode – Erfolgsrezepte eines Pioniers». Das wichtigste Rezept nennt er schon mal vorneweg: «Ich habe immer dorthin geschaut, wo die anderen nicht hinschauten.»

Roger Schawinski, wer sind Sie nicht?

Ich bin keiner, der sich der Meute anpasst. Willst du ein Pionier sein, musst du neue Wege beschreiten. Dass ich dann gleich zum Rebellen und zum Piraten wurde, war nie geplant. Klar war hingegen, dass ich nie dem Establishment angehören wollte, wobei mich das Establishment sowieso ablehnte.

Wie lebt es sich, wenn man aneckt?

Es ist eine bewusste Entscheidung. Ich wollte als Journalist nie «everybody’s darling» sein, sondern dorthin gehen, wo es weh tut. Dass das auch negative Reaktionen auslöst, ist offensichtlich. Am meisten Ablehnung erlebte ich bei Journalisten. Einer sagte wortwörtlich zu mir: «Ich arbeite nach 20 Jahren immer noch als normaler Redaktor, während du Unternehmer und reich geworden bist.» Diesen Schmerz, dass sie es nicht ganz so weit gebracht haben wie ich, können gewisse Journalisten offenbar am besten bekämpfen, indem sie Negatives über mich schreiben.

Sie gelten als Erfinder von allem, seit Viktor Giacobbo sich darüber lustig machte. Können Sie auch darüber lachen oder nervt es?

Zuerst hat es mir geschmeichelt, dass er mich für seine Parodien auswählte. Mit der Zeit verselbstständigte sich dieses «Das isch mini Idee gsi». Natürlich habe ich im Lauf der Jahre einiges auf die Beine gestellt. Aber dies habe ich nicht ständig hinausposaunt! Doch der Joke funktionierte offenbar so gut, dass ihn Viktor ständig wiederholte, zuletzt sogar als Nummer im Zirkus Knie. Irgendwann wird es aber repetitiv, finde ich.

Welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an die Zeit als Pirat denken, der Radio 24 vom Pizzo Groppera aus in die Schweiz sendete?

Für den Dokfilm über mein Leben, der am 19. März auf SRF ausgestrahlt wird, war ich gerade letzthin wieder dort und dachte mir: Das muss ein Irrer gewesen sein, der das Gefühl hatte, von hier oben aus die Schweizer Medienlandschaft revolutionieren zu können. Genau das tat ich aber, obwohl ich wenig Ahnung hatte. Tolle Techniker und fantastische italienische Arbeiter stellten eine 30 Tonnen schwere Antenne und den stärksten Sender der Welt in nur drei Monaten auf den 3000er. Es war eine intensive Zeit, ich war oft total übermüdet. Man kann sich jene Welt, wie sie vor 40 Jahren war, heute gar nicht mehr vorstellen. Jetzt kann jeder innerhalb von Sekunden mit seinem Handy Bilder und Töne rund um den Globus schicken. Gerade in der Kommunikation hat sich alles total verändert.

Sie sind auch mit bald 75 Jahren der gleiche News-Junkie wie früher?

Absolut, ich fühle mich mit all den neuen Möglichkeiten wie im Paradies. Früher bunkerten sich europäische Fernseh- leute, die von US-Sendern Ideen klauen wollten, in New York eine Woche lang im Hotel ein und zappten sich durch alle Kanäle. Heute kann ich jede Newssendung und jede Late Night Show, die im amerikanischen Fernsehen läuft, bequem herunterladen. Grossartig!

Bald ist Schluss mit «Schawinski». Bedauern Sie es immer noch genau so wie letztes Jahr, als es verkündet wurde?

Ja. Es gibt verschiedene Gründe, warum man eine Sendung absetzt: Weil der Moderator müde ist, weil er geistige Ausfälle hat oder weil die Quoten im Keller sind. Nichts davon trifft zu. Und so weiss ich bis heute nicht, weshalb es die Sendung nicht mehr geben soll. Den konkreten Grund hat man mir nicht genannt.

Vielleicht ist es Ihr Interviewstil, der die Verantwortlichen gestört hat. Sie liessen selten jemanden ausreden.

Das hat man mir nicht erklärt, auch nicht auf Nachfrage. Aber bei einigen Gästen war es zwingend, dass ich dazwischen ging, weil sonst ihre Antworten immer langfädiger werden. Albert Rösti ist so einer. Er sagte mir schmunzelnd, das sei seine Methode, damit ich ihm weniger Fragen stellen könne.

Ich behaupte, Ihr persönliches Highlight unter den über 300 Sendungen war jene mit Andreas Thiel, die total aus dem Ruder lief.

Ich kann mich nicht an sie erinnern.

Sie meinen: Sie haben sie aus Ihren Erinnerungen verdrängt.

Thiel hat sich der Sendung von Beginn weg verweigert. Es war eine missglückte Performance eines Satirikers. Er gab keine einzige Antwort, sondern stellte mir laufend Fragen. So kann ein Interview schlicht nicht funktionieren.

Innerlich müssen Sie jubiliert haben. Ein erfahrener Medienmann merkt sofort, wenn eine Sendung so verläuft, dass die Menschen nachher tagelang über sie reden werden.

Nein, nein. Ich würde Provokateure nicht mehr einladen. Auch einen Oskar Freysinger oder einen Nicolas Blancho vom Islamischen Zentralrat Schweiz nicht. Auch keinen Verschwörungstheoretiker. Diese Leute wollen jede Sendung in ihrem Sinn umfunktionieren, was für Zuschauer nicht ergiebig ist. Die spannendsten Gäste waren jene, die weder eine Mauer vor sich aufbauten noch ihr einstudiertes Blabla abspulten. Model Tamy Glauser etwa empfand ich als sehr authentisch. Sie stand zu ihrer Lebensweise, obwohl die Einspieler sie nicht nur vorteilhaft aussehen liessen.

Wie viele wollten sich Ihrer Sendung aufdrängen?

Nur wenige. Einer war SVP-Politiker Andreas Glarner. Er wollte unbedingt zu mir. Irgendwann habe ich nachgegeben.

In einem Kommentar zu Ihrer Person habe ich gelesen: «Sein letzter Gast wird ein Spiegel sein.»

Es wird im Gegenteil eine Überraschungssendung geben, in der vier Gäste eingeladen werden, die ich im Vorfeld nicht kenne. Und die Sendung wird doppelt so lange dauern als üblich.

Roger Schawinski mit Gattin Gabriella Sontheim: «Ich beweise auch privat Langstreckenqualitäten.»

Auf welche Gäste hoffen Sie?

Ich lasse mich überraschen. Ich hoffe nur, dass ich alle Gäste kenne. Es wäre peinlich, wenn ich jemanden fragen müsste: «Wer sind Sie?» Aber dieses Mal nicht als Einstiegsritual, sondern weil ich ihn wirklich nicht kenne. (Lacht.)

Welcher Gast kam am häufigsten?

Christoph Blocher war neunmal in der Sendung. Also habe ich gesagt: Machen wir die zehn voll. Er wird der zweitletzte Gast sein. Er ist der wichtigste Schweizer Politiker der letzten Jahrzehnte.

Da werden einige denken: Zwei alte weisse Männer unter sich.

Es ist eine bedenkliche Entwicklung, wenn der eine Sexismus, den es gegen Frauen gab und gibt, durch einen solchen gegen Männer ersetzt wird. So gelangt man nicht zur Gleichberechtigung. Zuvor kommt übrigens Juso-Chefin Ronja Jansen, also eine ganz junge Frau.

Was planen Sie Neues nach dem Ende von «Schawinski»?

Ich bin immer wieder erstaunt, dass man dies einen bald 75-Jährigen fragt. Also: Ich bin weiterhin Chef von Radio 1 und mache dort meine Sendungen. Zudem wird im März mein neues Buch erscheinen. Daran arbeite ich fieberhaft. Aber dann werde ich auch öfter reisen.

In ein buddhistisches Kloster?

Die spirituelle Seite wird wieder wichtiger werden, die ich wohl etwas vernachlässigt habe, wie mich meine Frau Gabriella immer wieder ermahnt. Aber ich habe nicht ganz vergessen, dass es diese Welt gibt, die das eigene Bewusstsein besser erweitern kann als alles andere.

Was bereuen Sie in Ihrem Leben?

Ich habe mich oft falsch verhalten, es gab einige Fehlentscheidungen. Trotzdem bleibt auch beim grössten Flop immer etwas Positives hängen. Und wenn es nur das ist, den gleichen Fehler nicht ein zweites Mal zu begehen.

Konkret: Was war ein solcher Flop?

Opus Radio. Nach vielen Jahren mit Radio 24 wollte ich auch der klassischen Musik einen Platz im Äther geben. Ich habe das vor allem aus einer Laune heraus gemacht, was ein Fehler war. Man darf nie ausser Acht lassen, ob es realistische Chancen im Markt gibt. Bei Opus Radio war das nicht der Fall.

Empfinden Sie Ihre gescheiterten Ehen auch als Niederlagen?

Ich bin nun seit 24 Jahren mit Gabriella verheiratet. Ich bin keiner, der ständig von Frau zu Frau springt, sondern beweise nicht nur als Marathonläufer, sondern auch im Privatleben Langstreckenqualitäten. Das erste Mal habe ich mit 25 geheiratet, da war ich einfach zu jung. Den grössten Schmerz erlebte ich, als ich meine Kinder nach der Scheidung viel weniger sehen konnte. Umso glücklicher bin ich, dass ich heute zu allen drei ein hervorragendes Verhältnis habe und ich mit den beiden Älteren die verlorenen Jahre ein Stück weit aufholen konnte.

Sie wurden relativ spät, mit 52, nochmals Vater. Was war anders als bei Ihren ersten beiden Kindern?

Bei Kevin und Joelle konnte es mir nicht schnell genug gehen. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn sie grösser sind. Bei Lea empfand ich das Gegenteil. Ich hoffte, dass sie noch länger ein Kind bleibt, mit dem ich jede Phase intensiv auskosten kann. Und jetzt ist sie bereits 22. Ja, stolz bin ich vor allem auf meine drei Kinder. Über ihre Erfolge freue ich mich unendlich viel mehr als über meine eigenen. Und darüber, dass sie das machen, was sie sich immer gewünscht haben.

Roger Schawinski, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Medienmensch

Umtriebiger Macher

Roger Schawinski nennt vier Meilensteine, wenn er sein Lebenswerk kurz zusammenfassen soll: 1974 Gründung «Kassensturz», 1979 Start von Radio 24 und 15 Jahre später von Tele Züri, 2003 Ernennung zum Geschäfts- führer des deutschen Privatsenders Sat. 1. Heute gehört ihm Radio 1. Im Frühjahr wird er am Knie operiert – eine Spätfolge der Marathons, die er bestritt. Golfen geht aber immer noch problemlos, etwa vor seinem Ferienhaus auf Ibiza. Schawinski ist mit Gabriella Sontheim (61) verheiratet und hat drei Kinder: Kevin (38), Joelle (36) und Lea (22).