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Porträt

Maturand*in schreibt Bestseller

Der Berner Lokwort-Verlag wird auf Ronja Fankhausers Maturaarbeit aufmerksam: In Buchform erschienen, wird sie zum Bestseller.

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Philipp Zinniker
17. August 2020
Ronja Fankhauser schreibt nicht nur, sondern skizziert auch viel.

Ronja Fankhauser schreibt nicht nur, sondern skizziert auch viel.

Ronja Fankhauser ist 20 Jahre alt und hat bereits ein Buch veröffentlicht: «Tagebuchtage Tagebuchnächte». Herausgegeben vom Berner Lokwort-Verlag, schafft es das Buch gar in die Bestseller-Liste. Das weckt unsere Neugier. Doch noch bevor das Interview stattfindet, stellt Ronja eine Bedingung: «Wenn ihr ein Porträt über mich schreibt, ist mir wichtig, dass ihr keine Pronomen für mich verwendet und Begriffe wie Autor*in mit Sternchen verseht.» Warum? Die Jungautor*in identifiziert sich nicht per se als Frau oder Mann und stellt die klare Geschlechtertrennung infrage. «Geschlechter sind ein soziales Konstrukt, das nicht differenziert – obwohl es zwischen und neben männlich und weiblich eine riesige Diversität gibt.» Personen, die sich gegen eine Geschlechtsidentität entscheiden, nennt man «nicht-binär». Ronja verzichtet aber auf den Begriff und möchte durch das Vermeiden jeglicher Kategorisierung auf das stark verankerte Schubladendenken aufmerksam machen.

Schwierige Schulzeit

Ronja wuchs auf einem Bauernhof im abgelegenen Rüeggisberg BE auf. Die obligatorische Schulzeit war schwierig für Ronja. «Ich gehörte nie zu den guten Schüler*innen. Ich bestand immer nur knapp und kämpfte mich von Schuljahr zu Schuljahr durch.» Vor allem die Naturwissenschaften waren ein Problem. «In Mathe, Physik und Chemie war ich nie gut und wollte es auch nie sein.»

Trotzdem gehören die Fächer zum Pflichtstoff und Ronja leidet unter dem Notendruck, ist demotiviert, müde und niedergeschlagen. Umso mehr brennt das Herz für Kunst, Sprache und Literatur. Mit 15 Jahren folgt die Entscheidung für das Internat am Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee BE statt für das nächstgelegene Gymnasium – weg vom Land, in die Nähe der Stadt Bern. Die Internatsschule bietet in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Bern (HKB) ein Talentförderungsprogramm an. Ronja besteht die Aufnahmeprüfung für das Programm im Bereich Kunst und Gestaltung und besucht fortan zwei Tage die Woche Kurse an der HKB. Das neue Umfeld bietet Freiheit: Ronja beginnt, sich für Politik zu interessieren, färbt und schneidet sich die Haare ultrakurz und schätzt die offenen Diskussionen, im Gegensatz zu den konservativen Gesprächen im Dorf.

Die neue Schule bietet Ronja die Möglichkeit, sich in eine andere Richtung zu entwickeln. Trotzdem geht es Ronja psychisch nicht besser als in der Sekundarschule: Die Ärzte diagnostizieren eine chronische Depression. Der Auslöser ist unklar, Ronja sucht ihn aber in der frühen Teenagerzeit. «Die Jugend, insbesondere die Sekundarschule, war für viele Leute entweder okay oder beschissen. Etwas anderes gibt es kaum.» Es sind prägende Jahre – in denen junge Menschen, so Ronja, in der Schule falsch behandelt und nicht genügend auf das Leben vorbereitet werden: «Der Umgang mit Teenagern sollte weniger hierarchisch und stattdessen auf Augenhöhe stattfinden. Und anstatt der Berufswahl wären in dieser Lebensphase Themen wie Sozialkompetenz, Gefühlsmanagement und kritisches Denken wichtig.»

Buch übers Erwachsenwerden

So probiert Ronja, neue Gedanken und Ideen, aber auch die Jugendzeit in Form von Kunst zu verarbeiten – in der Freizeit und im Rahmen des Förderprogramms an der Schule. Aus einem dieser Schulprojekte entsteht die Idee für die Maturaarbeit, die Ronja 2019 abgibt und die mit der Bestnote 6 honoriert wird. Darin untersucht Ronja die eigene Jugend, aber auch Erfahrungen von Freund*innen, Familienmitgliedern, ehemaligen Klassenkamerad*innen sowie von Fremden – Zufallsbegegnungen während des Ausgangs. Gespräche und Tagebücher dienen als Grundlage für die Arbeit. Sie berichten von Themen wie dem eigenen Körperbild, vom Druck des Beliebtseins und von belastenden Gefühlsachterbahnen. Ronja erhofft sich, dass durch die Arbeit der Ursprung der eigenen chronischen Depression zum Vorschein kommt. Vergeblich: «Das ist mir leider nicht gelungen. Und trotzdem hat es sich gelohnt.» Der Verlag wird auf die Arbeit aufmerksam und möchte sie in Buchform veröffentlichen. Ronja ergreift die Chance. Die erste und zweite Auflage von «Tagebuchtage Tagebuchnächte» sind ausverkauft, die dritte erscheint Ende August 2020.

Anfang Sommer hat Ronja das Gymnasium erfolgreich abgeschlossen. «Einige Maturprüfungen mussten wir wegen des Coronavirus nicht schreiben. Zum Glück ist die Matheprüfung ausgefallen», sagt Ronja und lacht erleichtert. Jetzt heisst es erst einmal, die Ferien geniessen, bis im Herbst das Studium «Literarisches Schreiben» ansteht, am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel BE, das zur HKB gehört.