X

Beliebte Themen

Bahamas

Im Paradies die Hölle erlebt

Der Schweizer Dolenn Krebs harrte auf den Bahamas mitten im Zentrum des Wirbelsturms «Dorian» aus und überlebte. Nach den schlimmsten Stunden seines Lebens kann den Koch nichts mehr erschüttern.

FOTOS
Andreas W. Schmid, Getty images
25. Februar 2020

Palmen und Strand: Dolenn Krebs auf den Abaco-Inseln - vor dem Wirbelsturm.

Einen solchen Tag möchte Dolenn Krebs nie mehr durchmachen müssen: Letzten September erlebte er die Hölle auf Erden – auf den Bahamas, die für ihn bis dahin das Paradies bedeutet hatten. Der Schweizer mit bahamaischen Wurzeln mütterlicherseits war als Küchenchef im «Bluff House Beach Resort» auf dem kleinen Eiland Green Turtle Cay für zwei Restaurants zuständig. «Eine ganz schöne Herausforderung», sagt er. «Die Tage waren lang, die Freizeit knapp, die Zufriedenheit aber gross.» Im Garten des Hotels pflanzte er Gemüse an, vor allem Tomaten und Peperoni, um nicht alles importieren zu müssen.

Davon blieb nach dem 1. September nichts mehr übrig. «Dorian», ein Wirbelsturm der höchsten Hurrikan-Kategorie 5, traf die Abaco-Inseln, zu der auch Green Turtle Cay zählt, besonders schwer. Zwar hatte es im Vorfeld Warnungen vor der enormen Zerstörungskraft des Tropensturms gegeben. Doch Dolenn Krebs entschied sich wie so viele zu bleiben, auch weil er glaubte, dass es am Ende doch nicht ganz so schlimm herauskommt. Schliesslich ist der 45-Jährige Hurrikan-erprobt und hatte schon einige Stürme erlebt, so auch «Andrew» im Jahre 1992, als er in der Hauptstadt Nassau lebte. «Im Vergleich zu ‹Dorian› war das jedoch ein Kindergeburtstag», erklärt er pointiert. «Dorian» war der stärkste Hurrikan, den die Bahamas seit Beginn moderner Aufzeichnungen erlebten. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde walzte er alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte. Für den Rest waren Sturmfluten von bis zu acht (!) Metern Höhe besorgt.

Krebs verschanzte sich in einem Stein­haus von guter Bausubstanz – und hatte während des Wirbelsturms doch das Gefühl, dass alles über ihm jeden Moment zusammenbrechen könnte. Zwei Fenster, obwohl verbarrikadiert, zerbarsten. Der Sturm war ohrenbetäubend laut. 24 Stunden dauerte der Albtraum, bis der Hurrikan weiterzog.

Ground Zero der Bahamas

Was Krebs danach draussen zu Gesicht bekam, war nur schwer erträglich: «Dorian» hatte die Abaco-Inseln zum Ground Zero der Bahamas gemacht. Auch seine Unterkunft war weg, alle Habseligkeiten und Dokumente für immer verloren. Besonders heftig traf es Marsh Harbour, den Hauptort auf Great Abaco mit seinen offiziell rund 6000 Einwohnern: Hier waren über 90 Prozent der Häuser zerstört. Bis heute sprechen die Behörden von ein paar Dutzend Toten und vielen Vermissten. Tatsächlich dürften es mehrere Hundert, wenn nicht sogar mehrere Tausend Tote sein – nicht zuletzt deshalb, weil im Ort zahlreiche Haitianer lebten, die nicht angemeldet waren. Krebs: «Sie wurden mit ihren Häusern einfach weggeschwemmt. Wir werden nie erfahren, wie viele Menschen wirklich ums Leben kamen.»

Von Marsh Harbour auf Great Abaco ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Auch Krebs galt ein paar Tage als vermisst, weil die Telekommunikation zusammengebrochen war, bis er bei seiner Familie in der Schweiz anrufen und Entwarnung geben konnte. Schliesslich verliess er die Insel, auf der chaotische Verhältnisse herrschten. Er besuchte seinen Vater in der Schweiz und versuchte von hier aus sein Leben neu zu organisieren. Bei seinem bisherigen Arbeitgeber konnte er nicht bleiben, weil das Hotel erst wieder neu aufgebaut werden muss; die Besitzer hoffen auf eine Eröffnung im November 2020 – falls die Anlage die nächste Hurrikan-Saison unbeschadet übersteht.

In der Schweiz ist es ihm zu kalt

Auch wenn die Bahamas regelmässig von Hurrikans heimgesucht werden – in der Schweiz zu bleiben, war für Krebs keine richtige Alternative. Zwar wuchs er eine Zeit lang in Kloten ZH auf und liess sich später zuerst zum Servicefachmann, danach – bei Peter Moser im Basler Sternelokal «Les Quatre Saisons» – zum Koch ausbilden. Das waren gute Jahre, doch auf den Bahamas fühlt er sich mehr zu Hause. «Vor allem wegen der Temperaturen. In der Schweiz ist es mir einfach zu kalt.»

Heute hat er einen neuen Job auf der Nachbarinsel Eleuthera, wo er sich im «Sunset Cove & Rainbow Room» trotz erschwerter Rahmenbedingungen um kulinarische Höhepunkte bemüht: «Ich habe noch nie in einer so kleinen Küche gekocht.» Wirklich viel macht ihm das nicht aus. Es gibt Schlimmeres, wie er letzten Sommer erfahren musste. Im Garten hinter der Küche hat er bereits wieder sein Gemüse angepflanzt – «neu auch Nüsslisalat, den ich aus der Schweiz mitgebracht habe».

Auf die alte Insel, nach Green Turtle Cay, ist er noch ein einziges Mal zurückgekehrt, um sich zu verabschieden – von den Leuten, die noch da waren, aber auch von seiner Katze. Diese hatte er nach dem Sturm vergebens gesucht, doch fünf Wochen später tauchte sie auf wundersame Weise plötzlich wieder wohlbehalten auf und fand Unterschlupf bei den Hotelbesitzern; hier soll sie in ihrer gewohnten Umgebung, so sehr diese sich durch «Dorian» auch verändert haben mag, weiterleben.

Für Dolenn Krebs ist klar, dass er nächstes Mal nicht im Wirbelsturm ausharren wird. «Falls wieder ein besonders heftiger Hurrikan angekündigt ist, bin ich weg.»