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Interview

«Ich bin gekommen, um zu bleiben»

Er ist 32 Jahre jung, zwei Meter gross – und er stammt aus Deutschland. Severin Dressen ist der ungewöhnlichste Direktor in der Geschichte des Zürcher Zoos.

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Christoph Kaminski
03. Juli 2020
Severin Dressen in der grosszügigen Lewa Savanne im Zoo Zürich: «Viele Kritiker waren  30 Jahre nicht mehr im Zoo.»

Severin Dressen in der grosszügigen Lewa Savanne im Zoo Zürich: «Viele Kritiker waren 30 Jahre nicht mehr im Zoo.»

Tragischer Tod einer Tierpflegerin

Schlimmer hätte es nicht kommen können beim Einstieg von Severin Dressen als Direktor des Zoo Zürich. Gerade erst vier Tage im Amt, musste er sich bereits in Krisenmanagement üben: Eine Tierpflegerin war am Samstag, den 4. Juli von einem Tiger tödlich verletzt worden. Ermittlungen sollen nun klären, wie es überhaupt zu diesem tragischen Ereignis kam. «Eigentlich dürfen sich Tiger und Menschen zu keinem Zeitpunkt zur gleichen Zeit in einem Bereich aufhalten», sagte Dressen, der den Angehörigen des Opfers sein Mitgefühl aussprach.

Das nachfolgende Interview mit der Coopzeitung hatte in der Woche vor dem tödlichen Unfall stattgefunden.

Severin Dressen, reden wir nicht lange um den heissen Brei herum. Sie wurden von einem früheren SVP-Nationalrat aufgrund Ihrer Herkunft kritisiert. Wie fühlt es sich als Deutscher in der Schweiz an?

Wir haben uns hier fantastisch eingelebt. Die Menschen sind unglaublich hilfsbereit und freundlich. Ich bin begeistert.

Sie fühlten sich willkommen?

Absolut. Meine Frau und unser zweijähriger Sohn sind schon im Januar hergezogen, um das Land und die Kultur kennenzulernen. Im Fluntern-Quartier in Zürich haben wir in den ersten paar Wochen mehr Nachbarn kennengelernt als in Wuppertal in vier Jahren. (Lacht.) Dann ging es Ende Februar mit Corona los. Deshalb konnten wir die Schweiz nicht in dem Masse kennenlernen, wie wir es gerne getan hätten. Aber was wir bis heute gesehen haben, ist grossartig. Die Vielfalt und die unterschiedlichen Kulturen sind sehr bereichernd. Und im April durften wir ein wunderbares Ereignis erleben: Unsere Tochter kam in Zürich zur Welt. Das macht unseren Start hier doppelt schön.

Mit 32 Jahren sind Sie für einen Direktor ja fast selbst ein Kind. Wie reagieren Ihre Mitarbeiter?

Ich bin in guter Gesellschaft. Mein Vorgänger Alex Rübel war bei seinem Stellenantritt als Direktor 36 Jahre alt, sein Vorgänger Heini Hediger wiederum war bei seiner Ernennung zum Direktor des Zoos in Bern gar erst 30. Seit ich 18 Jahre alt bin, arbeite ich in leitender Funktion. Die Mitarbeiter waren somit mehrheitlich immer älter als ich. Das Alter war noch nie ein Problem.

Die Mischung jung und deutsch ist für gewisse Kreise aber offenbar gewöhnungsbedürftig.

Als der Nachfolger von Alex Rübel gesucht wurde, wollte der Verwaltungsrat eine Schweizerin um die vierzig. Irgendwann hat er festgestellt, dass es diese Person unter den 140 Kandidatinnen und Kandidaten nicht gibt. Das Einzige, was bei mir diesem Anforderungsprofil entspricht, ist die Haarlänge. (Lacht.)

Wofür plädieren Sie?

Ich hoffe, dass man mich in ein paar Jahren nach meinen Qualitäten und Leistungen beurteilt. Nationalität, Alter und Geschlecht sollten bei der Wertung einer Berufsperson keine Rolle spielen. Im Idealfall wird jedes Individuum für sich betrachtet. Aber alle glücklich machen werde ich nicht. Das muss ich akzeptieren: Einige werden keine Freude an meiner Nationalität haben, andere an Entscheidungen, die ich in den nächsten Jahrzehnten treffen werde.

Sie rechnen in Jahrzehnten. Sie beabsichtigen also nicht, in drei Jahren wieder zu gehen?

Nein. Ich bin gekommen, um zu bleiben. Der Zoo Zürich ist ein fantastisches Modell. Hier gibts Projekte, die weit über mein Pensionsalter hinausreichen. So lässt sich langfristig planen. Ich spreche dabei auch von der gesamtheitlichen Zusammenarbeit der Zoologischen Gärten in der Schweiz und von den internationalen Zuchtprogrammen. Viele Tiere, die wir in Zürich halten, sind bedroht.

Kann ein Zoo wirklich etwas zur Arterhaltung beitragen? Kann man Zootiere auswildern?

Es gibt viele Beispiele, die dies beweisen. Die weltweiten Zoos waren an Auswilderungsprogrammen von 85 Arten beteiligt. Beispielsweise spielte der Wildpark Langenberg im zürcherischen Sihltal bei der Auswilderung von Przewalski-­Pferden in der Mongolei eine zentrale Rolle. Aber um eine Tierart wieder in der freien Wildbahn zu etablieren, braucht es Hunderte, ja Tausende von Quadratkilometern Land, die unter Schutz gestellt werden müssen. Dies gibt auch Hunderten anderer Arten eine neue Chance – Arten, die nicht ein so grosses Charisma haben wie etwa die Wildpferde. Viele Insekten, Frösche und kleine Säugetiere profitieren von solchen Auswilderungsprogrammen, weil sie ebenfalls einen Lebensraum erhalten.

Funktioniert dies immer?

Nein. Es gibt leider oft Situationen, dass wir Tiere zum Auswildern hätten, aber der Platz fehlt, weil der Mensch schon dort ist. Deshalb ist es wichtig, dass der Zoo Zürich Projekte unterstützt, mit denen man Lebensräume vor Ort schützen kann. Wenn es uns gelingt, die Menschen mit Anlagen wie dem Masoala-Regenwald oder der Lewa Savanne zu begeistern, sodass sie die Projekte finanziell unterstützen, kommen wir unserem Ziel näher.

Wie sehr machte die Coronakrise dem Zoo in Zürich zu schaffen?

Sie war ein gravierender Einschnitt. Allein in den drei Monaten der Schliessung gingen uns fast zwölf Millionen Franken Umsatz verloren. Denn Homeoffice oder Kurzarbeit gibt es für Tierpfleger nicht.

Wie lange dauert es, bis Sie den Fehlbetrag wettmachen können?

Wir hoffen, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen. Und dass wir dieses Jahr mit einer schwarzen Null abschliessen. Aber für eine Prognose ist es noch zu früh. Denn wir haben im Gastro­bereich dieselben Auflagen wie andere Restaurants.

Was entgegnen Sie Kritikern von zoologischen Gärten?

Ich finde es wichtig, dass diese Debatte geführt wird. Schade ist, dass viele Organisationen, die das Modell Zoo kritisch beurteilen, eigentlich dieselben Ziele verfolgen wie wir: die Natur zu erhalten, Tiere zu schützen, Menschen zu sensibilisieren. Wenn man die Ressourcen nicht bündelt, geht Energie verloren. Viele Kritiker waren 30 Jahre nicht mehr im Zoo. Würden sie die Lewa Savanne in Zürich sehen, könnte dies ihre Meinung ändern.

Welches ist Ihr Lieblingstier?

Ich habe kein Lieblingstier. Das ist wohl politisch korrekt als Direktor. Ich kann jedem Tier etwas Faszinierendes abgewinnen – auch dem Nacktmull. Dieser wird nie einen Schönheitspreis gewinnen. Aber er hat eine sehr spannende Biologie. Ich will auch den Underdogs in der Tierwelt eine Chance geben.

Severin Dressen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Severin Dressen

Doktor der Zoologie

Severin Dressen, 1988 in Köln geboren, studierte Biologie in Berlin und London und promovierte in Zoologie an der Universität Cambridge. Zuletzt arbeitete er im Zoo Wuppertal als stellvertretender Direktor und Zoologischer Leiter. Dressen lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.