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Titelgeschichte

Spieglein, Spieglein an der Wand ...

Schönheit dominiert unser Leben, sie fasziniert uns, macht sogar süchtig. Doch was finden wir schön und wer bestimmt das? Ist Schönheit tatsächlich so oberflächlich wie ihr Ruf? 

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Kostas Maros
04. Mai 2020
 Merete (62): «Jude Law ist für mich schön, weil er Charisma hat. Er sieht aus wie der nette Junge von nebenan und hat trotzdem etwas Spitzbübisches. Zudem hat er die schönsten blauen Augen.»

 Merete (62): «Jude Law ist für mich schön, weil er Charisma hat. Er sieht aus wie der nette Junge von nebenan und hat trotzdem etwas Spitzbübisches. Zudem hat er die schönsten blauen Augen.»

Kurz und bündig

  • Die Vorliebe für Schönheit ist angeboren.
  • Unser Gehirn verknüpft automatisch Schönheit mit guten Eigenschaften. Halo-Effekt nennt sich dieser «Fehler». 
  • Studien zeigen, dass es objektive Merkmale für Schönheit gibt. Dazu gehören Symmetrie 
  • oder Durchschnittlichkeit.
  • Trotzdem ist Schönheit etwa zur Hälfte subjektiv.
  • Auch die Gesellschaft, Trends und Modeerscheinungen prägen unser Schönheitsbild.

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Diese Frage stellte nicht nur die Königin im Märchen Schneewittchen ihrem Spiegel. Schön zu sein hat auch im realen Leben einen hohen Stellenwert. Schönheit zieht uns an, wir wollen sie haben, jagen ihr hinterher. «Schönheit lässt uns nicht kalt», sagt die Philosophin Lisa Schmalzried, die an der Universität Luzern zum Thema «Menschliche Schönheit» habilitierte. Um schön zu sein, schminken, zupfen, färben und kaschieren wir, legen uns sogar unters Messer. Doch warum ist das so? «Schönheit ist uns so wichtig, weil die Erfahrung von Schönheit eine angenehme und wertvolle ist», erklärt Schmalzried. Schöne Menschen versetzen uns sofort in eine gute Stimmung. 

Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass beim Anblick eines schönen Menschen zwei Kreisläufe im Gehirn anspringen. Jener Teil, der für das Erkennen von Gesichtern verantwortlich ist, sowie das Belohnungszentrum; der Teil also, wo Glücksbotenstoffe ausgeschüttet werden. Schönheit wirkt im Kopf ähnlich, als würden wir Drogen nehmen. Sie macht nicht nur glücklich, sondern auch süchtig, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Das geht schon kleinen Kindern so. Studien zufolge schauen sich bereits Babys schöne Gesichter länger an als weniger schöne. Die Vorliebe für Schönes scheint also angeboren zu sein. 

Doch nicht nur schöne Menschen anzusehen ist eine tolle Erfahrung. Wir wollen auch selber schön sein. «Weil Schönheit private und berufliche Vorteile mit sich bringt», sagt Lisa Schmalzried. «Diese Vorteile hätten wir natürlich gerne.» Statistisch gesehen finden schöne Menschen nämlich schneller einen Partner oder einen Job, haben mehr Freunde, werden bereits in der Schule besser benotet, verdienen mehr und werden vor Gericht milder bestraft. Schöne Menschen haben es  bewiesenermassen leichter im Leben. Und das beginnt bereits nach der Geburt: Laut einer Studie der amerikanische Psychologin Rita Freedman schenken Mütter schönen Neugeborenen nämlich deutlich mehr Aufmerksamkeit als etwas weniger schönen. 

«Wir haben ein Schön-ist-gut-Stereotyp in unserem Gehirn», sagt der amerikanische Neurowissenschaftler Anjan Chatterjee (61). Das heisst, wir neigen dazu, schönen Menschen gute Eigenschaften anzudichten. Halo-Effekt nennt sich dieser Wahrnehmungsfehler. In weniger als einer Sekunde fällen wir unser Urteil über das Aussehen eines Menschen. Alle weiteren Beurteilungen, wie Sympathie oder Kompetenz, werden von diesem Attraktivitätsurteil überstrahlt – deshalb auch «Halo» (englisch für Heiligenschein). Dieses Schubladendenken hat sich unser Gehirn aus Effizienzgründen angewöhnt. So lassen sich die Eindrücke nämlich am schnellsten einordnen. Instinktiv reagieren deshalb die meisten von uns auf attraktive Menschen positiver, schreiben ihnen gute Eigenschaften wie Intelligenz, Kompetenz oder Liebenswürdigkeit zu. 

 Tobias (30): «Ich finde die Schauspielerin Eva Green schön, wegen ihrer schönen und ausdrucksstarken Augen. Sie wirkt natürlich und strahlt Eleganz aus. Trotzdem hat sie etwas Verschmitztes.»

Äussere Werte zählen

Doch wann ist ein Mensch überhaupt schön? Diese Frage wird seit den 1970er-Jahren von der empirischen Attraktivitätsforschung untersucht. Danach ist ein Mensch schön, wenn er physisch sehr attraktiv ist. Unterschiedliche Studien zeigen, dass es dafür sogar objektive Merkmale gibt. Äussere Merkmale, die bewirken, dass wir einen Menschen schön finden. Vor allem das Gesicht spielt dabei eine wichtige Rolle. So finden wir grundsätzlich symmetrische Gesichter attraktiver als asymmetrische. Dazu kommt die Vorliebe für reine Haut. Beides signalisiert Forschern zufolge Gesundheit. 

«Wir haben ein Schön-ist-gut-Stereotyp im Gehirn.»

Neurowissenschaftler Anjan Chatterjee

Frauengesichter wirken dann schön, wenn sie kindliche Züge aufweisen, also dem Kindchenschema folgen: kleine Nase, grosse Augen, hohe Stirn. Schöne Männergesichter zeichnen sich durch ein kantiges und ausgeprägtes Kinn aus. Aber auch die Nähe zum Durchschnitt, also das Fehlen von Abweichungen, zieht uns an. In den 90er-Jahren untersuchten Psychologen an der Universität Texas (USA) das Phänomen, indem sie für eine Studie verschiedene Fotos von Gesichtern übereinanderlegten und daraus computergenerierte «Durchschnittsgesichter» bildeten. Diese wurden von den Versuchspersonen als attraktiver eingeschätzt als die realen Gesichter. Der Grund, wieso uns diese Merkmale ansprechen, liegt laut Attraktivitätsforschern daran, dass unser Schönheitsempfinden eine deutliche genetische Komponente aufweist: Merkmale wie Symmetrie oder Durchschnittlichkeit lassen uns auf gute Gene schliessen. Im Erscheinungsbild unseres Gegenübers suchen wir immer wieder unbewusst nach Merkmalen, die auf eine gute Gesundheit, Fitness oder Fruchtbarkeit hinweisen. «Finden wir jemanden schön, so entsteht der Wunsch, die Person kennenzulernen, mit ihr zusammen zu sein», sagt Lisa Schmalzried. Zudem hat Schönheit laut der Philosophin immer einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Ist jemand schön, dann habe das nie nur mit dem persönlichen Geschmack zu tun. «Wir möchten, dass uns andere zustimmen, wollen, dass andere Personen gleich reagieren.»

Obwohl wir notgedrungen zuerst das Äussere eines Menschen beurteilen, gibt es in der Forschung auch eine Sichtweise auf Schönheit, die nicht nur mit Äusserlichkeiten zu tun hat. Denn ja, auch die inneren Werte zählen. 

Lisa Schmalzried definiert Schönheit als «sinnlich wahrnehmbare Liebenswürdigkeit». Denn auch der Geruch einer Person, der Klang der Stimme, die «expressiven Aspekte», also die Gestik und Mimik, spielen eine wichtige Rolle beim Entscheid, ob wir eine Person schön finden oder nicht. Aufgrund dieser Merkmale können wir scheinbar erahnen, welche Persönlichkeit hinter der äusseren Fassade steckt – «als sichtbarer Ausdruck seines Charakters». 

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Trotzdem gehen die Meinungen darüber auseinander, wer nun schön ist und wer nicht. Deshalb finden zwar viele Brad Pitt (56) und Angelina Jolie (44) schön, aber eben nicht alle. «Es gibt Personen, die allen gängigen Vorlieben entsprechen, aber trotzdem nicht als schön wahrgenommen werden», erklärt Schmalzried. Das liegt laut der Philosophin daran, dass Schönheit auch eine subjektive Seite hat. Also eben doch zu einem gewissen Teil sprichwörtlich im Auge des Betrachters liegt. Etwa zur Hälfte, wie eine Studie des Massachusetts General Hospital in Boston (USA) ergab. Die Forscher liessen dabei eineiige und zweieiige Zwillingspaare die Attraktivität von Gesichtern bewerten. Das Ergebnis: Eineiige Zwillinge waren sich trotz identischen Genpools genauso uneinig wie die anderen, wenn es um die Bewertung von Gesichtern ging. Was zeigt, dass auch ganz individuelle Erfahrungen – das Gesicht der ersten Liebe oder eine einprägsame Begegnung –  das eigene Schönheitsempfinden prägen.

 Milla (10): «Ich finde meine Cousine Malika schön. Sie ist mein Vorbild, denn sie ist nicht nur von aussen hübsch, sondern hat auch einen tollen Charakter.»

Zusätzlich formt die Gesellschaft, in der wir leben, unsere Wahrnehmung von Schönheit. So hat jede Epoche und  jeder Kulturkreis seine ganz eigenen Vorstellungen. Was die Menschen schön finden, hängt immer auch von ihren Lebensbedingungen ab. Von Trends und Modeerscheinungen, die ständig ändern. Eine gebräunte Haut etwa galt über Jahrhunderte als nicht erstrebenswert, da nur Bauern, die auf dem Feld arbeiteten, einen dunklen Teint hatten. Heute weist braune Haut, zumindest in vielen westlichen Ländern, auf Wohlstand hin. Braun gebrannte Menschen wirken gesund, sie können es sich leisten, in die Ferien zu gehen. 

«Es gibt nicht viele schöne Menschen.»

Philosophin Lisa Schmalzried

Doch unabhängig davon, welche dieser «Ideale» in einer Gesellschaft gerade gelten, sie haben immer etwas mit Arbeit zu tun. Schönheitsideale sind immer das, was schwer zu erreichen ist. Das liegt daran, dass Schönheit eben nie die Norm, sondern immer das Aussergewöhnliche ist. «Es gibt nicht viele schöne Menschen», sagt Lisa Schmalzried. Immerhin das sollte uns ein wenig von dem selbst auferlegten Druck nehmen, um jeden Preis schön sein zu müssen.  Und das sollte sich vielleicht auch Frau Königin im Märchen zu Herzen nehmen. 

Schönheitsideale im Wandel der Zeit

Altes Ägypten: 
Schlanke Männer und Frauen gelten als schön, wie beispielsweise Kleopatra. Die Kunst des Schminkens spielt eine wichtige Rolle, vor allem die Augen werden betont, auch bei den Männern.

Griechische und Römische Antike:
Im antiken Griechenland ist nicht die Frau, sondern der athletische Jüngling das Schönheitsideal, wie etwa Adonis. Zudem gelten helle Haut und Haare als besonders edel. Im alten Rom bleicht man sich die Haare aus einer Mixtur aus Urin und ätzenden Flüssigkeiten.

Renaissance: 
Helle Haut und eine hohe Stirn sind gefragt. Dafür zupfen sich die Damen sogar den Haaransatz. Zudem werden weibliche Rundungen betont. Auch die Männer dürfen sich schminken, um den gewünschten hellen Teint zu bekommen.

Barock und Rokoko:
Im Barock sind füllige Frauen angesagt. Im 17. Jahrhundert zwängen sich diese dann für das Ideal der Wespentaille in Korsetts. Männer tragen Perücken, Puder und Parfüm. 

1920er-Jahre: 
Befreit vom Korsett, tragen emanzipierte Frauen einen kurzen Bubikopf-Schnitt und lockere Kleider. Das Flapper-Girl ist geboren, das Erscheinungsbild der Frau wird androgyner.

1950er-Jahre:
Üppige Kurven stehen für Wohlstand und Gesundheit in der Nachkriegszeit. Filmstars wie Marilyn Monroe bestimmen das Schönheitsideal. Bei den Männern coole Typen wie Marlon Brando.

1960er-Jahre:
Kurven sind nicht mehr gefragt. Das sehr schlanke Supermodel Twiggy gilt als das Schönheitsvorbild. Auch die männlichen Vorbilder wie Mick Jagger werden dünner und androgyner. 

1980er-Jahre:
Die Fitness- und Aerobic-Welle hat ihren Anteil am Körperbild. Sportlich und braun gebrannt sollte man sein, so wie etwa Jane Fonda. Männer wollen muskulös sein, am besten wie Arnold Schwarzenegger. 

1990er-Jahre:
Hier setzt sich der sogenannte Heroin-Chic durch: blasse Haut, Augenringe, knochiger Körper, wie etwa Model Kate Moss. Die Männer sollten jedoch möglichst durchtrainiert sein.

ab 2000: 
Das Körperideal wird variabel. Bei Männern und Frauen. Von extrem dünnen Size-Zero-Models bis zu kurvigeren Vorbildern wie Sängerin Jennifer Lopez ist alles dabei. Männliche «Schönlinge» tragen heute längere Haare und Bart, wie Hollywoodstar Chris Hemsworth, oder sind gepflegt und durchtrainiert, wie etwa Fussballer Cristano Ronaldo.