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Interview

«Auf dem Mist wachsen die Rosen»

Früher war Sänger und Starproduzent Dodo im Hippie-Bus unterwegs, heute ist es ein Container. Im Interview erzählt er, wie er ein zweites Leben geschenkt bekam und was es mit seinen gestylten Anzügen auf sich hat.

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Christopf Kaminski
02. Juli 2021
Dodo (44) beschenkt  die Menschen gerne  mit guten Vibes:  «Wer gibt, bekommt etwas zurück.»

Dodo (44) beschenkt die Menschen gerne mit guten Vibes: «Wer gibt, bekommt etwas zurück.»

Dodo, Ihre Karriere begann bei «Expedition Robinson» auf einer Insel in Thailand. Ihr aktuelles Album «Pass» haben Sie auf Furka, Grimsel und Oberalp aufgenommen. Wo hat es Ihnen besser gefallen?

Beides war richtig zu seiner Zeit. Vor der Pandemie hätte ich mir nicht vorstellen können, dreieinhalb Monate in einem Container oberhalb der Baumgrenze zu leben. Nun habe ich das Beste aus der Situation gemacht und die Schweiz von einer neuen Seite kennengelernt.

Wie wars in den Bergen?

Ich habe die Stille schätzen gelernt. Einsam fühle ich mich nie. Ich kenne keine Langweile. Ich habe immer etwas zu tun, schreibe und komponiere oder bewege mich in der Natur …

... ​aber lieber an der Wärme?

Stimmt. Ich habe mich immer Richtung Süden orientiert, lieber eine Badehose als einen Skianzug getragen. Wenn wir in meiner Kindheit an der Elfenbeinküste über Weihnachten nach Hause gekommen sind, fand ich das Skifahren in den Bergen zwar auch schön, aber seit der Rückkehr in die Schweiz ist Afrika mein Sehnsuchtsort.

Früher waren Sie oft auf Reisen. Was haben Sie damals gesucht?

Das Reisen liegt in der DNA unserer Familie. Ich habe selbst 15 Jahre in einem Reisebüro gearbeitet, bevor ich mit der Musik meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Als Jugendlicher suchte ich das Abenteuer, wollte meinen Horizont erweitern, schauen, wie andere Menschen leben. Mit 21 reiste ich ein Jahr durch Afrika – bis ich an Malaria erkrankte und ein zweites Leben geschenkt bekam.

«Ich habe die Stille schätzen gelernt. Einsam fühle ich mich nie.»

Dodo

Sie sind dafür bekannt, stets gut drauf zu sein. Wie schafft man das?

Ich fühle mich als eine Anhäufung von Energie und kann mit ihr bei anderen etwas auslösen, wenn ich ihnen gute Vibes schicke. Das tue ich aber nicht aus reiner Selbstlosigkeit. Wer gibt, bekommt meistens auch etwas zurück.

Mit «Türe gaht uf» haben Sie eine Hymne darauf geschrieben, dass alles Negative auch etwas Gutes hat. Wo sehen Sie das bei Corona?

Natürlich ist eine Pandemie nichts Positives, sondern hat viel Leid gebracht. Ich konnte vieles nicht machen, etwa Konzerte geben, aber ich habe zu Hause aufgeräumt, bin viel spazieren gegangen und konnte so intensiv mit der Familie zusammen sein, dass es mir schon fast zu viel wurde. (Lacht.) Als klar war, dass ich das Projekt, in das ich drei Jahre lang viel Herzblut und Geld investiert hatte, nicht verwirklichen konnte, hat mich das zwei Tage enorm runtergezogen. Dann erwachte aber wieder der Trieb, Probleme kreativ zu lösen. Kunst entsteht ja aus Unsicherheit oder im Delirium. Auf dem Mist wachsen die Rosen!

Welches war die grösste Herausforderung beim Container-Projekt?

In den ersten anderthalb Jahren lachten mich die Leute nur aus, als ich sie fragte, ob sie mitmachen würden. Ich musste eine Mauer voller Neinsager überwinden, bevor ich das Budget von einer halben Million Franken zusammenhatte. Ohne Sponsoren, die mich unterstützen, ginge es nicht.

Wie haben Sie das Leben mit Ihrem Co-Produzenten auf engstem Raum empfunden?

Auf etwas zu verzichten, habe ich schon als Gewinn empfunden, als ich vor fünf Jahren den «Hippie-Bus» versteigerte, den ich mir zugelegt hatte, um mit meinem Hit zu touren. Viele Bekannte fanden es unverständlich, dass ich mich von ihm trennte. Mit den 96 000 Franken, die ich «Viva con Agua» spendete, konnte die Stiftung aber ein ganzes Dorf in Nepal mit Wasser versorgen. Wie krass ist denn das, verglichen mit dem Besitz eines schönen Autos?

Wie weiter mit dem Container?

Er steht in der alten Industriehalle, in der ich mich mit meiner Band auf die Herbst-Tournee vorbereite. Ende 2022 folgt – so Gott will – die Reise auf einem Rheinschiff nach Rotterdam und auf einem Containerschiff an die Elfenbeinküste und nach Südafrika, wo ich mit lokalen Musikern Songs machen möchte.

Ihnen haftet ein chilliges Image an. Dahinter kommt aber ein Mensch zum Vorschein, der viel arbeitet. Stecken zwei Seelen in Ihrer Brust?

Ja, ich bin Steinbock, und dem sagt man Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit nach. Diese Attribute sind – bei aller Entspanntheit – sehr ausgeprägt in mir drin. Ich schätze aber auch Menschen, die anders ticken. Als ich zum ersten Mal durch Indien reiste, fiel mir auf, dass nicht die vegetarischen, sondern die Restaurants, in denen es Fleischgerichte gab, speziell angeschrieben waren. Das hat mir vor Augen geführt, dass «Normalität» vor allem über die Kultur und Perspektive definiert wird.

Sie sind immer cool gestylt. Das bedeutet Ihnen offenbar etwas!

Ich finde es spannend, was man über die Kleidung ausdrücken kann. In der Elfenbeinküste gibt es ein Kleid, das die Frau trägt, um ihrem Mann zu zeigen, dass sie weiss: Du hast mich betrogen, wenn ihr Mann sie betrogen hat. Und in Kongo gibt es Les Sapeurs de Brazzaville. Das sind Gentlemen, die unter widrigsten Umständen leben, aber den Ehrgeiz besitzen, in schönen Anzügen durchs Ghetto zu spazieren.

Was für einen Anzug tragen Sie?

Er stammt von einem Designer aus der Elfenbeinküste. Ich erzählte ihm von meinen Reiseplänen und liess ihn Mass nehmen. Danach hat er mir den Anzug aus Baumwolle geschneidert. Für mich ist er ein Stück Afrika, das ich auf mir trage, beruflich und privat.

Ich habe nirgendwo gefunden, ob Sie verheiratet sind oder Kinder haben. Ist das ein Geheimnis?

Familie ist für mich der sichere Hafen. Ein Ort, der mir gehört, den ich nicht mit der Öffentlichkeit teilen möchte, ausser die Familie selbst würde gerne in Erscheinung treten. Ich finde es auch gar nicht so interessant, wenn Künstler ihre Familie zeigen – oder ihr Sofa.

Aber es wäre interessant, wie ein Musikverrückter Kunst und Familie unter einen Hut bringt.

Das Wertvollste in meinem Leben ist die Liebe und was aus ihr entsteht. Es gab allerdings Phasen, in denen sie nur schwer mit der Musik zu vereinbaren war, weil Menschen unterschiedliche Vorstellungen von der Liebe haben.