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«Besitzer verstehen ihre Tiere oft nicht»

Haustiere tun Menschen gut. Verhaltenstierärztin Maya Bräm erklärt, was es zu beachten gilt, damit auch Menschen den Tieren guttun. Ausserdem wünscht sie sich, dass die Besitzer ihre Tiere nicht überfordern. Sonst droht ihnen schlimmstenfalls ein Burn-out.

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Heiner H. Schmitt
15. Februar 2021
Maya Bräm (45): Ein Haustier ist ein Lebewesen, dem man genug Zeit und Zuneigung widmen muss.

Maya Bräm (45): Ein Haustier ist ein Lebewesen, dem man genug Zeit und Zuneigung widmen muss.

Maya Bräm, überdurchschnittlich viele Menschen haben sich während der Corona-Pandemie ein Haustier zugelegt. Haben Sie Verständnis dafür?

Ja, aber nur, wenn sich die Besitzer die Frage stellen, ob sie auch nach Corona, wenn sie nicht mehr rund um die Uhr zu Hause sind, genug Zeit für das Tier haben. Schon vor der Pandemie gab es die Regel: Man legt sich ein Haustier nicht nur zu, weil es herzig ist, sondern es handelt sich um ein Lebewesen, dem man genug Zeit widmen muss – oft über ein Jahrzehnt hinaus. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist dies ein wichtiger Punkt. Haben die Eltern weder Zeit noch Lust auf einen Hund, können Kinder und Jugendliche als Alternative mit den Hunden in der Nachbarschaft spazieren gehen. Auch die Tierheime sind immer froh, wenn sich Freiwillige melden, um mit den Tieren Zeit zu verbringen. Es gibt aber noch etwas anderes zu bedenken, gerade bei Hunden.

Was?

Bei Hunden ist es wichtig, dass sie von Anfang an richtig sozialisiert werden. Derzeit finden aber viele Hundekurse und Welpengruppen aufgrund von Corona nicht statt. Wegen des Homeoffice lernen zudem viele neu adoptierte Hunde nicht, alleine zu sein. Das kann nach der Pandemie zu Problemen führen. Ich merke auch oft, dass unterschätzt wird, wie viel Zuwendung ein Tier braucht – nicht nur Hunde. Auch bei einem Kaninchen ist es nicht damit getan, es einfach in den Käfig zu stecken. Es braucht genauso Zuwendung und artgerechte Stimulation.

«Man legt sich ein Haustier nicht nur zu, weil es herzig ist,»

 

Viele Menschen leiden psychisch unter Corona. Und die Tiere?

Vor allem Hunde, die schon vor Corona an Verhaltensauffälligkeiten litten, zeigen diese nun oft noch stärker. Katzen scheinen mir auffällig gestresst. Vielleicht, weil ihre Halter wegen Homeoffice plötzlich den ganzen Tag zu Hause sind. (Lacht.) So kommen sie weniger zur Ruhe. Die ist aber wichtig.

Wem raten Sie ab, sich ein Haustier anzuschaffen?

Wenn jemand hundert Prozent arbeitet, kann er dem Tier nicht gerecht werden. Auch Eltern mit kleinen Kindern, die selber viel Aufmerksamkeit benötigen, sollten sich dies gut überlegen. Das oft vorhandene Stresspotenzial wird durch ein zusätzliches Familienmitglied nicht kleiner. Ebenso muss man sich bewusst sein, dass ein Haustier eine finanzielle Belastung mit sich bringt.

Es heisst, dass Haustiere dem Menschen guttun. Beruht dieser Leitsatz auf Gegenseitigkeit?

Eine wichtige Frage. Wie bei vielem kommt es auf die Konstellation an. Auch bei Mensch und Tier passen gewisse Charaktere besser zueinander als andere. Oft beobachte ich, dass von den Tieren zu viel erwartet wird oder dass die Menschen sie überfordern.

Überfordern womit?

Vor allem bei Arbeitshunderassen sehe ich immer wieder solche, die reaktiv sind, viel bellen und Probleme mit ihren Artgenossen haben. Oft heisst es dann, man müsse sie mehr fordern, sie auspowern. Meine Erfahrung zeigt aber, dass gerade das Gegenteil nötig wäre. Viele dieser Hunde sind erschöpft, ja, gar nahe an einem Burn-out. Hier gilt der Grundsatz: Weniger ist mehr. Allzu häufig greift der Halter in der Not zu aversiven Bestrafungsmethoden, was die Situation noch weiter verschlimmert.

Was meinen Sie mit aversiven Bestrafungsmethoden?

Das sind Erziehungsmassnahmen, die einen unangenehmen Reiz auf das Tier ausüben und bei ihm Stress, Angst oder Schmerzen hervorrufen. Mit dem heutigen Wissen über die Emotionen und Intelligenz der Tiere sind solche Methoden nicht mehr gerechtfertigt. Vor allem, weil es Alternativen gibt, mit denen man das Verhalten ebenfalls längerfristig beeinflussen kann, die aber mit positiven Emotionen einhergehen.

Was für Alternativen?

Wichtig ist, dass man dem Tier mitteilt, was man von ihm will und nicht das, was man eben nicht will. Einerseits ist dies dem Tier gegenüber fairer, und andererseits erlebt dies das Tier eher als positiv. Ein Beispiel: Wenn der Hund zur Begrüssung an einer Person hochspringt, reagieren viele Hunde- halter mit einem «Nein». Damit erhält das Tier aber keine brauchbare Infor- mation, was es tun soll. Häufig ist dieses «Nein» auch mit negativen Erfahrun- gen verbunden. Das heisst, der Hund springt nur nicht hoch, weil er Angst vor der Konsequenz hat. Wie er sich richtig verhalten sollte, weiss er aber immer noch nicht.

Wie macht man es besser?

Es ist einfacher, einem Tier beizubringen, was es tun soll, als was es nicht tun soll. Einem Hund kann man das Kommando zum «Sitz» geben und ihn danach mit einem Hundegutzi belohnen. Er zeigt das erwünschte Verhalten, weil er etwas Angenehmes erwartet. Das ist besser, als nur zu befehlen, dass er jemanden nicht anspringen soll.

Leiden Hunde oder Katzen auch an Depressionen?

Ja. Sie haben dieselbe Hirnstruktur und die gleichen Gehirnbotenstoffe wie der Mensch. Wieso sollten sie also nicht auch dieselben psychischen Erkrankungen haben?

Wie behandelt man sie?

Wie bei Menschen gibt es keine Patentlösung. Ich versuche, das einzelne Tier zu unterstützen, durch Stressverminderung, Verhaltensarbeit und Umweltanpassungen. Zudem soll die Kommuni- kation zwischen Besitzer und Tier verbessert werden. Wir wollen nicht nur das Verhalten, sondern primär die darunter liegenden Emotionen und die Erregung des Tieres verändern und Tier und Besitzer als Team stärken.

Das klingt kompliziert.

Es braucht vor allem Zeit. Manchmal muss ein Tier zusätzlich pflanzlich oder auch mit Psychopharmaka unterstützt werden, etwa wenn die Angst so gross ist, dass es nicht lernen kann. Diese Medikamente beeinflussen die Botenstoffe im Gehirn und können so die Stresstoleranz nach oben schrauben, die Grund- ängstlichkeit herunterfahren oder die depressive Stimmung anheben. Dann können die Tiere auch besser auf die Verhaltensarbeit eingehen.

Maya Bräm, hier mit der einjährigen Ivy: «Bei Hunden ist es extrem wichtig, dass sie von Anfang an richtig sozialisiert werden.»

Warum haben Hunde den Drang, alles Mögliche zu verbeissen?

Ein komplexes Thema, das für den geplagten Besitzer frustrierend sein kann, weil es keine allgemein gültige Antwort gibt. Junge Hunde wollen die Umgebung auskundschaften und tun das oft gerne mit dem Maul. Oder ihre Zähne wachsen, und sie versuchen so, die Schmerzen zu lindern. Es kann einfach nur ein Spiel sein. Kauen und Lecken können auch beruhigend wirken. Deshalb empfehle ich Besitzern gerne, ihren Hunden in Stress-Situationen etwas zum Kauen oder zum Lecken zu geben.

Merkt der Hund, dass er etwas Falsches getan hat, wenn er sich in einen Schuh verbissen hat? Es gibt ja diesen berühmten Hundeblick mit den gesenkten Augen …

… ​genau. Gähnen, wegschauen, blinzeln, Lippen lecken, sich zurückziehen. Das sind Beschwichtigungssignale – Signale, die zeigen, dass der Hund sich gestresst oder unwohl fühlt. Vermutlich wurden diese Hunde in der Vergangenheit für ein «Vergehen» bestraft und spüren nun Stress oder gar Angst. Zu der erwünschten Verhaltensänderung führt dieses Bestrafen nicht unbedingt.

Wie kann ich ihm also beibringen, es nicht zu tun?

Mein Ansatz ist, das Tier auf den Erfolg vorzubereiten. Das heisst, es möglichst nur in Situationen zu bringen, in denen es das erwünschte Verhalten zeigen kann und wenn möglich mit positiven Emotionen verknüpft. Beim Beispiel des schuhzerstörenden Hundes ist der erste Schritt, herauszufinden, weshalb er sich so verhält, etwa mit einer Videoaufnahme. Auf alle Fälle müssen die Schuhe weggeräumt und ihm etwas angeboten werden, das er zerkauen darf. Wenn er es wegen Trennungsangst tut, muss diese angegangen werden.

Was sind die häufigsten Fehler von Besitzern?

Misskommunikation – Besitzer verstehen häufig nicht, was ihre Tiere mitteilen. Und umgekehrt kommunizieren sie selber nicht immer so, dass dem Tier klar ist, was erwartet wird. So wird leider häufig mit Bestrafung gearbeitet. Aber auch, dass sie zu viel von ihrem Tier erwarten. Ich höre oft: «Das muss der Hund doch verstehen.» Da wird davon ausgegangen, dass das Tier vieles automatisch mit sich bringen muss – zum Beispiel, dass ein Welpe stubenrein ist oder schon alleine sein kann. Das ist aber nicht der Fall, das braucht Arbeit und Zeit. Aber bei Weitem nicht jedes Fehlverhalten des Tieres hängt zwingend mit der Erziehung durch den Besitzer zusammen. Es gibt Tiere, die einen solch schwierigen Start ins Leben gehabt haben, dass das noch lange nachhallt, oder solche, wie oben erwähnt, die an psychischen Erkrankungen leiden.

«Es ist ein Irrglauben, dass Tiere, nur weil sie zur gleichen Art gehören, miteinander auskommen müssen.»

 

Das spricht dann eher dafür, ein junges Tier aufzunehmen als eines, das aus dem Tierheim kommt.

Es gibt auch gezüchtete Tiere, die ein Fehlverhalten zeigen. Ich persönlich bin eher dafür, ein Tier aus dem Tierheim zu holen. Es gibt so viele Tiere, die ein schönes Zuhause suchen.

Es gibt heute das Gesetz, dass gewisse Haustiere nur zu zweit gehalten werden dürfen …

… ​was ich bei sozialen Tierarten eine gute Sache finde.

Was aber, wenn eines der beiden irgendwann stirbt?

Wenn die Beziehung eng war, kann es sein, dass das andere Tier in eine Depression verfällt oder Trauer zeigt. Ein neues Kamerädchen kann in gewissen Fällen guttun.

Kann guttun? Gibt es denn Fälle, wo das verbliebene Tier lieber alleine bleiben sollte?

Es ist ein Irrglauben, dass Tiere, nur weil sie zur gleichen Art gehören, miteinander auskommen müssen. Leider kommt es immer wieder vor, dass die Chemie zwischen zwei Tieren nicht stimmt, eine soziale Katze ständig den Kontakt zur anderen Katze sucht, diese aber Einzelgängerin ist und sich bedrängt fühlt und immer mehr zurückzieht.

Kind und Tier – was wenn sie nicht auskommen? Das Kind weggeben?

Das empfehle ich eher nicht. (Lacht.) Manchmal aber bleibt keine andere Wahl, als sich von einem Tier zu trennen. Das ist schmerzhaft, aber manchmal ist es längerfristig zum Wohle beider Seiten. Zu viel Stress tut nicht gut, auch einem Tier nicht. Wenn man früh genug damit beginnt, kann man aber versuchen, das Tier auf den neuen Familiennachwuchs vorzubereiten.

Nämlich wie?

Indem man den Hund schon vor der Geburt daran gewöhnt, dass er in gewissen Situationen weniger Aufmerksamkeit erhält. Damit er dies nicht als negativ empfindet, kann er zu bestimmten Zeiten in seinem Körbchen einen Kauknochen erhalten. Wenn das Baby da ist und man es in Ruhe stillen will, ist es für den Hund dann nichts Ungewohntes mehr, dass ihm mal für eine Weile keine Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Maya Bräm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Maya Bräm

Verhaltenstierärztin

Die Verhaltenstierärztin Maya Bräm (45) wohnt in Gelterkinden BL, arbeitet am Tierspital Zürich und in ihrer Privatpraxis in Effingen AG. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Hochsensibilität der Tiere. Für eine Studie am Tierspital Zürich sucht sie Katzen, die übermässig miauen oder schreien. Sie selber besitzt den elfjährigen Mischlingsrüden Filou. Mehr unter: www.mayanimal.ch