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Interview

«Das brachte mich zum Weinen»

Anna Maier war während 20 Jahren ein bekanntes Gesicht in der Schweizer Fernsehlandschaft. Kürzlich erfüllte sie sich ihren grossen Traum und schrieb ein Buch.

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Christoph Kaminski
07. Oktober 2021

«Was für ein Feigling ich sein kann! Da werde ich regelmässig für meinen Mut gelobt und als Macherin bezeichnet, und dabei trage ich seit über 30 Jahren meinen Traum mit mir herum, aber bleibe tatenlos.» So beginnt das Buch von Anna Maier (44). 30 Jahre waren für die ehemalige SRF-Moderatorin genug: Sie erfüllte sich ihren Traum und schrieb ihr erstes Buch. Am 20. September ist «Sei du der Pilot deines Lebens» im Giger-Verlag erschienen. Maier schreibt darüber, wie sie mit Anfang vierzig während der Ausbildung zur Helikopter- pilotin mit sich selbst und mit vielen Themen, welche die Midlife-Generation beschäftigen, konfrontiert wurde.

Anna Maier, der erste Teil Ihres Buches dreht sich um Ihre Ausbildung zur Helikopterpilotin. Fliegen bedeutet viel Vorbereitung und eine enorme Genauigkeit. Gingen Sie das Schreiben mit einer ähnlichen Präzision an?

Die Buchidee ist bereits vor zwei Jahren entstanden. Damals aber noch ohne das Fliegen. Ich wusste, dass ich über die Umbruchphase in meinem Leben schreiben möchte. Ich konnte aber nicht – ich hatte eine richtige Schreibblockade. Ich brauchte ein Überthema, das ich als Analogie verwenden konnte. Nach meiner ersten Flugstunde ist es mir beim Znacht zu Hause wie Schuppen von den Augen gefallen: Über das muss ich schreiben, denn der Prozess des Fliegens hat so viel mit dem Leben zu tun. Danach habe ich mich an den Computer gesetzt und zu schreiben begonnen. Ich habe einfach immer weitergemacht und alles Erlebte immer sofort festgehalten.

«Das Happy End wäre eigentlich das Ziel gewesen.»

 

Wegen eines Unfalls mussten Sie das Fliegen unterbrechen. War es keine Option, das Buch erst später zu beenden, als Sie wieder fliegen und darüber schreiben konnten?

Eigentlich hätte es ja ein Buch werden sollen übers Fliegenlernen mit philosophischen Aspekten und Parallelen zum «richtigen Leben». Und genau aus diesem Grund habe ich das Buch trotz Unfall weitergeschrieben: Er stand für mich sinnbildlich für alles Einschneidende, was uns im Leben passieren kann. Das wurde mir in einem ganz entscheidenden Moment bewusst.

Was ist da passiert?

Nach dem Spital wollte ich das Erlebte niederschreiben. Ich klappte den Laptop auf und der fragte nach dem Fingerabdruck – zum Entsperren. Der Finger war aber nicht mehr da. Da wurde es mir vermutlich zum ersten Mal richtig bewusst: Ich habe die Fingerkuppe meines rechten Zeigefingers für immer verloren, als ich ihn in der schweren Hangartür eingeklemmt hatte. Das brachte mich zum Weinen. Aber mir war in diesem Moment auch klar, dass ich das Buch fertigschreiben wollte.

Ihr Buch endet nicht mit einem Happy End – es endet, ohne dass Sie Ihre Fluglizenz haben.

Dabei wäre das Happy End eigentlich das Ziel gewesen. Es ist aber trotzdem kein trauriges Buch.

Traurig nicht. Sie gehen aber ziemlich in die Tiefe. Sie schreiben, dass Sie Mühe damit haben, Makel zu zeigen und diese zu akzeptieren. Im Buch gehen Sie sehr offen damit um: Was war das für ein Prozess?

Für mich sind das zwei Paar Schuhe: Narben zu zeigen oder darüber zu reden. Ich zeige mich nicht gerne im Moment der Verletzung, brauche meine Zeit, um zu verdauen und zu akzeptieren. Aber ich glaube, das Buch hätte nicht funktioniert, wenn ich nur meine Fassade gezeigt hätte und nicht mein Inneres. Das wäre dann ein Ratgeber geworden – diese Position konnte und wollte ich nicht einnehmen.

Sich Ihren Lebenstraum zu erfüllen und ein Buch zu schreiben, dauerte 30 Jahre. Was wäre es für ein Buch geworden, wenn Sie den Mut vor 15 Jahren gehabt hätten?

Ein Roman. Tatsächlich wird mein zweites Buch dann vermutlich ein Roman werden.

Eine fiktive Geschichte?

Ja. Also Nein. Jein.

Das müssen Sie erklären.

Mir hat mal eine Schriftstellerin gesagt, dass sie vor allem Neuautoren empfehle, über Dinge zu schreiben, die sie selbst erlebt haben. Deshalb wird es wohl ein Roman mit autobiografischen Zügen.

Konkret?

Es wird um die Beziehung gehen, die wir mit unseren Eltern haben. Meine Mutter kam in den 1960er-Jahren aus Indien in die Schweiz. Da sie sehr früh verstorben ist, kannte ich sie kaum. Für mich ist ein Roman eine schöne Variante, ihre Geschichte zu erzählen, weil sich Fakten und Fiktion vermischen dürfen.

Wieso ist Ihr Erstlingswerk, das jetzt erschienen ist, kein Roman geworden?

Für mich ist es – im positiven Sinn – ein Anfängerbuch. Ein Roman ist schon nochmals eine andere Schuhnummer. «Sei du der Pilot deines Lebens» konnte ich chronologisch schreiben, bei einem Roman möchte ich den Schreibprozess anders angehen.

Den Traum vom Buch haben Sie sich erfüllt. Was kommt jetzt?

Mein Partner und ich möchten ein Ferien­häuschen im Süden renovieren und uns einen Rückzugsort schaffen. Das kommt einem anderen Traum von mir sehr nahe: Ich habe mich immer in der Toskana gesehen, wie ich an einem schweren Steintisch sitze und schreibe.

Anna Maier, wir danken Ihnen für das Gespräch.