«Das ist sehr sportlich» | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Interview

«Das ist sehr sportlich»

Bauernchef Markus Ritter und Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli über die anvisierten Marktanteile von Bio, Fleischkonsum und Nachwuchsprobleme in ihrem Beruf.

FOTOS
Daniel Ammann
31. Mai 2021
Markus Ritter packt mit Urs Brändli in seinem Stall an: «Landwirt wird man aus Berufung.»

Markus Ritter packt mit Urs Brändli in seinem Stall an: «Landwirt wird man aus Berufung.»

Markus Ritter und Urs Brändli, wie sehr hat sich der Beruf des Bauern seit Ihrer Lehrzeit verändert?

Markus Ritter: Das Grundhandwerk, was Boden, Düngung und Fütterung anbelangt, hat sich gar nicht so sehr verändert. Stark ausgewirkt auf die Arbeit hat sich hingegen die Mechanisierung.

Urs Brändli: Das kann ich unterstreichen. Die Mechanisierung auf dem Betrieb hat für mich eine enorme körperliche Erleichterung gebracht. Allerdings birgt sie auch Gefahren in sich. Zum Beispiel, wenn Sie sich spezielle Geräte für die Hanglage anschaffen wollen: Da müssen Sie genau rechnen, ob sich das lohnt und ob Sie wirklich jeden Spleen brauchen. Denn diese Maschinen sind sehr kostenintensiv. Ohne unternehmerisches Flair schaffen Sie die Kurve heute als Bauer nicht mehr.

Ritter: Die Gebäude- und Maschinenkosten auf einem Bauernhof sind enorm hoch. Ich sehe das bei unserem Betrieb. Meine beiden Söhne haben Freude am Hof, deshalb planen wir eine Stallerweiterung. (Verwirft die Arme.) Mein Gott, wie aufwendig nur schon das Vorprojekt ist – da wird es dir richtig schummrig!

Brändli: Unser Sohn hat Zimmermann gelernt, was ein Glücksfall ist. Denn auf einem Bauernhof musst du viel selber machen, sonst geht es richtig ins Geld. 1997 habe ich den Laufstall für meine 32 Kühe für 170 000 Franken gebaut. Und zwar das meiste selbst, fast twenty-four/seven. Vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Unser Sohn hat nun noch selber einen Heukran eingebaut. Mit fremder Hilfe führen solche Arbeiten zu einer Verschuldung, die sich aus der landwirtschaftlichen Produktion fast nicht mehr bezahlen lässt. Hier hat sich die Situation noch zugespitzt.

«Die Jungen sollen uns Alten einen Tritt in den Hintern geben.»

Urs Brändli

Ritter: Die grösste Veränderung sehe ich aber in der Büroarbeit. Als ich 1989 anfing, gab es keine Buchhaltungspflicht, den Ausdruck «Aufzeichnung» kannte man noch nicht. Mein Vater hatte nicht einmal ein Büro. Zweimal im Jahr bekam er schlechte Laune: Wenn er die Steuererklärung ausfüllen musste und wenn er für die Käsereigenossenschaft die Rechnungen für die Kühlfächer von Hand schrieb. Heute nimmt die Administration Überhand. Vieles ist projektbezogen und komplex. Mir tun alle jene leid, die zwar hervorragende Bauern sind, in diesem Bereich aber grosse Mühe haben. Die haben richtig Angst, dass sie etwas falsch machen oder vergessen.

Was würde passieren?

Ritter: Dann wirst du bei einer Kontrolle sanktioniert. Wenn du beim Weidejournal ein Kreuzchen nicht setzt, geht das bei einer Kontrolle ins Geld. Da reicht ein Zwanzgernötli nicht aus, sondern du kassierst schnell ein paar Hunderter oder gar Tausender Strafe.

Brändli: Ich sage den Kontrollfirmen, dass sie bei jenen genauer hinschauen sollen, die alle Kreuzchen immer und überall gesetzt haben. Wer ein gutes Gewissen hat, vergisst auch mal ein Kreuzchen zu setzen, das ist doch menschlich.

Sie haben vorhin davon gesprochen, dass die Mechanisierung eine körperliche Entlastung bedeutet. Das ist doch eine erfreuliche Entwicklung.

Brändli: Ja, aber ganz so einfach ist es nicht. Dein Körper mag vielleicht tatsächlich nicht mehr so beansprucht sein wie früher. Aber damals waren mehr Personen auf einem Bauernhof im Einsatz. Das bedeutet, dass die zeitliche Beanspruchung des Einzelnen im Vergleich zu früher eher zugenommen hat, auch wenn die Maschinen vieles erleichtern.

Was bedeutet Corona für die Bauern?

Brändli: Wir hatten es während des Lockdowns besser als der Grossteil der Bevölkerung. Bei uns gibt es kein Homeoffice. (Lacht.) Unser Platz ist draussen an der frischen Luft, auch während Corona.

Ritter: Wir spürten, dass die Menschen bewusster und regionaler einkauften. Das brachte uns mehr Absatz, auch im Biosektor.

Brändli: Bio hat überdurchschnittlich zugelegt, was seinen Grund hat. Wer normalerweise auf Bio setzt, kommt in den Kantinen noch nicht wie gewünscht auf seine Kosten. Als die Menschen zu Hause bleiben mussten, konnten sie plötzlich die ganze Woche Bio essen.

Der Marktanteil von Bio in der Schweiz beträgt bloss 12 Prozent, nur 16 Prozent der Bauernhöfe sind Bio-Betriebe. Ein ernüchternd tiefer Anteil für all jene, die mehr auf Nachhaltigkeit setzen.

Ritter: Unser Ziel es deshalb, dass man in der Gemeinschaftsgastronomie nach der Pandemie ebenfalls vermehrt Bio-Gerichte anbietet.

Brändli: Mit den 12 Prozent liegen wir im internationalen Vergleich weit vorne. Und die Situation verbessert sich stetig. Wenn der Konsum von Bio-Produkten steigt, dann rechnet es sich für die Bauern, wenn sie zu einer nachhaltigen Landwirtschaft wechseln. Dann steigen sie aus eigenem Interesse um. Unser Ziel ist es, dass im Jahre 2025 Bio bereits 15 Prozent Marktanteil ausmacht.

Das geht alles sehr langsam …

Brändli: … ​im Gegenteil: Das ist ein sehr sportliches Ziel.

Ritter: Entscheidend ist, dass nicht die Politik den Takt vorgibt, sondern die Konsumenten. Auf sie kommt es an …

Brändli: … ausser bei der Gemeinschaftsgastronomie. Da könnte die Politik mehr Einfluss ausüben. Wenn der Bund etwa beim Militär einmal pro Woche Bio vorschreiben würde, dann würde das den Absatz weiter ankurbeln.

Haben wir ein Generationenproblem, was Bio anbelangt? Es sind eher die Jüngeren, die sich so ernähren.

Ritter: Die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegsgeneration haben noch Zeiten erlebt, in denen es nicht darum ging, was auf dem Tisch steht. Sie waren schon froh, wenn es genug zu essen gab. Das bekommt man nicht mehr aus ihren Köpfen heraus. Die Jüngeren hingegen haben das nicht mehr erlebt und stellen sich andere Fragen.

Das sind rosige Aussichten für Bio-Bauern wie Sie. Oder doch nicht, weil die Jungen vermehrt auf Fleisch verzichten – egal, ob Bio oder nicht?

Brändli: Das ist die Krux des Bio-Landbaus. Der typische Bio-Konsument macht sich mehr Gedanken. Dies ist wohl mit ein Grund, warum wir beim Bio-Fleisch einen relativ tiefen Marktanteil haben.

Er beträgt bloss 6,2 Prozent.

Brändli: Genau. Aber ein Wort zur Fridays-for-Future-Bewegung: Wenn die Jungen nicht eine Veränderung fordern – wer dann? Unsere Generation macht das kaum mehr. Wir sind gemächlicher unterwegs. Wir nehmen auf einer Treppe nicht mehr fünf Stufen auf einmal, sondern steigen Schritt um Schritt empor. Daher finde ich die Fridays-for-Future-Bewegung spannend. Die Jungen sollen uns Alten ruhig mal einen Tritt in den Hintern geben.

Ritter: Der durchschnittliche Fleischkonsum in der Schweiz ist konstant und liegt pro Person bei rund 50 Kilo pro Jahr. Wenn man bedenkt, dass die Schweizer Bevölkerung stetig zunimmt, es also rund 50 000 Fleischkonsumenten mehr pro Jahr gibt, dann mache ich mir um den Fleischkonsum in der Schweiz keine Sorgen. Beängstigend finde ich eher die weltweite Entwicklung. Wenn in bevölkerungsreichen Ländern wie China oder Indien der Fleischkonsum nur minimal steigt, bedeutet dies einen enormen Mehrbedarf.

Stark im Kommen sind Fleischersatzprodukte auf pflanzlicher Basis.

Brändli: Diese haben ein riesiges Potenzial. Momentan befinden sie sich aber noch in der Experimentierphase. Doch wenn deren Entwickler damit irgendwann den Geschmack des Konsumenten voll treffen, dann werden Sojaburger und Co. wohl eine ernsthafte Alternative für die klassische Hackfleischvariante. Das heisst aber nicht, dass wir das Fleisch verdammen sollen. Denn rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz und auch weltweit ist Grasland. Also wer, wenn nicht der Wiederkäuer, wandelt dies für den Menschen in Lebensmittel wie Milch oder Fleisch um? Würde die ganze Welt nur noch auf vegane Ernährung setzen, schliessen wir 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die menschliche Ernährung aus. Das können wir uns schlicht nicht leisten!

Haben Sie Ihren Entscheid zur Umstellung auf Bio-Landwirtschaft schon einmal infrage gestellt?

Ritter: Nein, nie. Wir haben vor 20 Jahren umgestellt und diesen Schritt nie bereut. Bio passt zu unserer Philosophie und zu unserem Betrieb.

Brändli: Auch wir würden nicht mehr zurück. Zwar haben wir dannzumal ohne grosse Erfolgsaussichten auf Bio gewechselt. Wir waren in der Umgebung der einzige Betrieb und fielen dadurch natürlich auf. Aber ich konnte unsere Kollegen ringsherum rasch motivieren, ebenfalls auf Bio umzustellen. So entstand der erste Bio-Tilsiter. Das ist das, wofür ich plädiere: Zusammen voranzukommen bringt uns mehr, als uns gegenseitig zu bekämpfen.

Am 13. Juni stimmt die Schweizer Bevölkerung über das neue CO₂-Gesetz ab. Inwiefern ist die Landwirtschaft davon betroffen?

Brändli: Die Landwirtschaft gehört zu den Wirtschaftszweigen, die extrem vom Klimawandel beeinflusst werden. Anpacken müssen wir das Problem jedoch als ganze Gesellschaft. Wer mehr konsumiert, soll mehr bezahlen. Ich will niemandem verbieten, fünfmal im Jahr nach New York zu fliegen, aber dann soll dieser jemand auch bereit sein, den Preis dafür zu bezahlen. Wer dreimal pro Tag Fleisch essen will, soll das tun können, aber auch den wahren Preis dafür bezahlen. Dann reguliert es sich von selber. Wir sind ohnehin zu billig: Viele Studien zeigen, dass das Fleisch mindestens doppelt so teuer sein müsste. Bei voller Kostenwahrheit wären die Bio-Produkte gar nicht mehr so viel teurer.

Sie können es sicher gut beurteilen: Wie schlimm steht es um die Biodiversität in der Schweiz?

Brändli: Dass diese bei uns gelitten hat, merke ich vor allem, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin. Vor 20 oder 30 Jahren musste ich stündlich eine Pause einlegen, um mein Visier von den Mücken zu befreien. Heute fahre ich einen Tag lang durch die Schweiz und erwische kaum einmal ein Insekt.

«Etwas Freizeit und ein paar Tage Ferien sollten möglich sein.»

Markus Ritter

Zu Beginn des Gesprächs sprachen wir über den Beruf des Bauern. Warum lohnt es sich für einen jungen Menschen bei all den Schwierigkeiten, in diesen Beruf einzusteigen?

Ritter: Man wird nicht Landwirt, weil es ein Beruf ist, sondern eine Berufung. Als Landwirt darf man keine Stunden zählen. Es ist eine Aufgabe, die einen 365 Tage im Jahr beansprucht.

Brändli: Wichtig ist aber auch, dass ihm das Bauern Freude bereitet und er den Betrieb seinen Talenten entsprechend ausrichtet.

Gibt es in der Schweiz ein Nachwuchsproblem in der Landwirtschaft?

Ritter: Ja, aus meiner Sicht kommen zu wenig Junge nach. Wir bilden jährlich etwa 1000 neue Landwirte aus. Eine Generation dauert 30 Jahre. Das ergibt also 30 000 neue Landwirte für die nächste Generation. Momentan existieren in der Schweiz jedoch 50 000 Landwirtschaftsbetriebe. Da kann man sich leicht ausrechnen, dass der Strukturwandel unvermittelt weitergeht. Auch weil die Hälfte der jetzigen Betriebsleiter über 50 Jahre alt ist. Wiederum 50 Prozent von ihnen sagen, dass sie in der Familie keinen Hofnachfolger haben. Ein Externer aber kann den Bauernbetrieb kaum übernehmen. Boden, Gebäude, Tiere, Vorräte und Maschinen – all das kostet sehr viel Geld. Für viele zu viel.

Wie gibt man Gegensteuer?

Ritter: Die Freude am Beruf ist und bleibt trotz allem die Grundlage. Diese bewahrt man sich aber nur, wenn auch die wirtschaftlichen Perspektiven stimmen. Ein wenig Freizeit und ein paar Tage Ferien sollten möglich sein. Sonst wird es schwierig.

Brändli: Auf der anderen Seite gibt es auch immer mehr Quereinsteiger. Daher glaube ich nicht, dass wir in der Landwirtschaft ein Nachfolgeproblem haben. Und wenn, dann liegt es, wie schon gesagt, an den hohen Kosten und Investitionen. Ein Quereinsteiger muss die nötigen finanziellen Mittel mitbringen. Ausser, und das gibt es auch immer wieder, ein Bauer sagt: Mir ist wichtig, dass ich einen Nachfolger finde. Also verzichtet er bei der Hofübergabe auf den erhöhten Marktpreis, den er eigentlich verlangen könnte. 

Markus Ritter und Urs Brändli, wir danken Ihnen für das Gespräch.