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Interview

«Das Leben ist eine Show»

Model-Ikone und «SNTM»-Juror Papis Loveday findet, dass der Durchschnittsschweizer zu mutlos angezogen ist. Und er erzählt vom Chaos, das bei ihm zu Hause herrschte: Sein Vater hat drei Frauen und 26 Kinder. «Ein Riesenstress für alle», sagt er.

27. August 2021
Papis Loveday findet es cool, wenn man sich beim Styling über die Grenzen hinauswagt: «Trauen Sie sich!»

Papis Loveday findet es cool, wenn man sich beim Styling über die Grenzen hinauswagt: «Trauen Sie sich!»

Am 8. September um 20.15 Uhr ist es wieder so weit: Auf ProSieben Schweiz steht die dritte Staffel von «Switzerland’s next Topmodel» (SNTM) an. In der Jury mit dabei ist Papis Loveday, in den Nullerjahren das höchstbezahlte schwarze Model der Welt. Der 44-jährige Senegalese nimmt beim Gespräch in Zürich auf einer Couch des Hotelgartens Platz. Im Hintergrund läuft Feelgood-Musik, was irgendwie zu seiner Erscheinung passt. Papis Loveday ist gut drauf und lacht viel.

Papis Loveday

Topmodel und Unternehmer

Papis Loveday heisst mit bürgerlichem Namen Pape Badji und stammt aus dem Senegal. Er modelt seit 2003 und betreibt eine eigene Modelinie und Champagnermarke («Champagne Papi»). Kürzlich outete er sich in «Promi Big Brother» als homosexuell. Im Herbst erscheint seine Biografie.

Papis Loveday, wo schauen Sie bei einem Menschen als Erstes hin?

Mein Blick geht zuerst auf seine Kleider und wie er angezogen ist. Und natürlich auf sein Gesicht – ob darauf ein Strahlen zu erkennen ist. Strahlt die Person, hat sie eine ganz andere, angenehme Aura.

Wenn Ihnen die Kleider nicht gefallen, weisen Sie die Person dann da­rauf hin?

Bei guten Freunden kommt das schon mal vor. Vor allem, wenn ich finde, dass die Person nicht passend zu einem Anlass angezogen ist. Dann ist es doch besser, wenn ich ihr das sage, als wenn sie sich nachher unwohl fühlt. Meine Freunde nehmen das gerne an. 

Sie haben sich für «Switzerland’s next Topmodel» lange in Zürich aufgehalten. Wie gut kleidet sich der Durchschnittsschweizer?

Ganz ehrlich? Nicht gut! Er traut sich nicht, etwas anderes zu tragen – zum Beispiel etwas Farbiges. Lieber möglichst unauffällig bleiben, lautet die Devise. Das ist schade. Schauen Sie sich nur mal die Männer an: Alle tragen ein Poloshirt. Alle. 

Es ist halt bequem und einfach zu kaufen. 

Ein Hemd wäre aber besser. (Schaut den Interviewer von unten bis oben an.) Sie tragen ein Hemd. Kompliment! Aber ich sehe ganz klar zu viel Blau. Das blaue Hemd ist zwar okay, aber warum muss auch noch die Hose blau sein?

Wäre eine orange Hose besser?

Das wäre fantastisch! Sie würden sich über die Grenze hinauswagen. So ist es okay, aber auch mutlos. (Lacht.)

Was sind die häufigsten Fehler, die Sie auf der Strasse sehen?

Von mir aus kann man alles kombinieren. Entscheidend ist, dass Sie sich trauen. Nur im Mainstream zu bleiben, finde ich den grössten Fehler.

Was sollen dünne Menschen anziehen?

Dünne Menschen haben das Glück, dass sie fast alles anziehen können. Ausser Röhrenhosen. Das sollten sie bleiben lassen. Jetzt sind ja wieder die ganz breiten Hosen angesagt. Ich finde, dieser 70er-Jahre-Style schaut sehr gut aus, egal, ob man schmal oder runder ist. Zu so breiten Hosen kann man von mir aus sogar Poloshirts tragen. Das sieht hammermässig aus. Aber bitte möglichst farbenfroh, so wie damals, als die Menschen sich trauten, weil sie keine Lust auf Mainstream hatten.

Was sollten rundere Menschen anziehen?

Eine schwierige Frage. Ich finde, es geht vieles. Ein breiter Rock oder von mir aus auch Leggins, das kann schön sein, wenn es richtig kombiniert wird. 

Sie sind in der Jury von «SNTM» dabei. Vielleicht können Sie mir erklären, warum so oft jene Models weiterkommen, von denen man eigentlich erwartet, dass sie als Erste ausscheiden?

Welche Models meinen Sie genau?

Models mit tiefen Augenringen, fahlem Teint und ausdruckslosem Gesicht.

(Lacht.) Sie schauen vermutlich zu sehr auf Schönheit, die aber zur Normalität geworden ist. Heute sind Diversität gefragt und Gesichter, die nicht klassisch schön, aber sehr interessant sind, weil sie auf jedem Foto anders aussehen. Wir als Jury sehen sie länger als die Zuschauer, sehen, wie sie kämpfen und Emotionen zeigen.

Ich schaute diese Model-Shows ja nur wegen meiner Kinder mit …

…  ah ja? (Lacht.)

Ja. Und da nervten mich vor allem die Drama-Queens, die sich wegen Nichtigkeiten bekriegen.

Bei mir hat eine Drama-Queen schlechte Karten. Auch wenn ihr Verhalten für mich nichts Ungewöhnliches ist. Ich habe das oft genug erlebt. Mein Vater hat drei Frauen, und da gibt es täglich Streit. Jede will gewinnen und die Gunst meines Vaters gewinnen, genauso wie die Mädchen bei «SNTM», die darum buhlen, von der Jury gut bewertet zu werden. (Lacht.) Oft sind es auch die Kinder, die streiten, und dann mischen sich die Mütter ein. Wir waren 26 Kinder zu Hause. Das war ein Riesenstress für alle. Am meisten für meinen Vater. Die heutige Generation hat keinen Bock mehr auf so viel Stress und begnügt sich mit einer Frau. Oder heiratet gar nicht mehr. 

Ihr wichtigster Tipp für Models?

Erstens: Sie sollen sich darauf einstellen, dass es sich um einen knüppelharten Job handelt. Zweitens: Sie dürfen nie das Gefühl haben, dass sie ausgelernt haben. Jedes Shooting macht einen noch besser. Drittens: Man darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Das Shooting von gestern zählt nichts, wenn du am nächsten Tag schlecht performst. Viertens: Zuhören ist wichtig. Ich war ein Katastrophenkind, aber meiner Mutter hörte ich zu. So lernte ich viel, etwa kochen. Ich bin der einzige Mann in unserer grossen Familie, der kochen kann. 

Was meinen Sie mit Katastrophenkind?

Ich war laut, schrill, der Entertainer der Familie. Die Lebenssituation in einem Haus mit drei Frauen, die um den Mann kämpfen, machte mich unglücklich. Ich versuchte das zu überspielen, indem ich die anderen unterhielt und den Clown machte. Seitdem sage ich: Das Leben ist eine Show, immer und überall.

Sie haben Ihrer Familie lange nicht erzählt, dass Sie modeln. Warum nicht?

Ich konnte es ihnen nicht sagen. Mein Vater wollte, dass ich Arzt werde. Es war schon schlimm genug für ihn, als ich sagte, dass ich Informatik studieren wollte. Auch meine Mutter hatte eine andere Vision von meiner Zukunft. Zum Glück gab es damals noch nicht Instagram, sonst wäre es sofort aufgeflogen.  

Was hat Sie im Modelbusiness selber am meisten überrascht?

Ich hätte nie gedacht, dass man so gut behandelt wird. Sie behandeln dich wie einen König. Du bekommst super Klamotten, sie putzen deine Fingernägel, sie stylen deine Haare … (Streicht sich über den kahlen Kopf.) 

Sie wurden immer gut behandelt?

Meistens, aber nicht immer. Ich kann mich an einen rassistischen Vorfall erinnern, als sich der Fotograf auf Italienisch über meine Hautfarbe beschwerte: «Ich habe aber keinen Schwarzen gebucht!» Er ahnte nicht, dass ich Italienisch verstehe. Ich packte meine Sachen und ging. Im Modelbusiness gibt es gute und schlechte Menschen, Männer und Frauen. Ich habe immer versucht, mich auf das Schöne zu fokussieren. Sonst wäre ich Gefahr gelaufen, meine positive Ausstrahlung zu verlieren.

Sie hatten es also wegen ihrer Hautfarbe schwerer.

Zu Beginn war es hart. China ist ein wichtiger Markt, aber wie viele chinesische Models sehen Sie an einer Modeshow? Keines oder höchstens mal eines! Bei uns Schwarzen sind es mittlerweile vier oder fünf pro Show, was aber immer noch wenig ist. Bei mir war es so, dass ich nicht als der typische Schwarze durchgehe. In Italien hörte ich, wie sie sagten: «Der ist aber süss! Der sieht gar nicht wie ein richtiger Schwarzer aus.» Meine Nase ist schmaler, meine Lippen nicht so dick, mein Teint heller. 

Sie sprachen vor einem Jahr auf einer «Black Lives Matter»-Kundgebung. Besser ist es seitdem nicht geworden, wenn man zum Beispiel die Fussball-EM und die rassistischen Ausfälle der englischen Fans gegen die dunkelhäutigen Fehlschützen denkt.

Ja, wir sind keinen Schritt weiter. Ich will nicht Pessimist sein, aber ich glaube, dass sich das nicht so schnell ändern wird. Gleichzeitig finde ich, dass wir uns auf die schönen Dinge konzentrieren und nicht nur fordern sollten, was man alles nicht tun oder sagen darf. Man kann auch nicht immer demonstrieren. Vor einem Jahr passte es, aber irgendwann wird es auch zu viel. Lasst uns kreative Dinge anstellen, etwas Gemeinsames schaffen. 

Was machen Sie als Erstes, wenn Sie nach Ihrem Aufenthalt in Zürich nach Hause kommen?

Zum Kühlschrank gehen und alles rausholen, was ich für ein tolles senegalesisches Essen brauche: scharfe Gewürze, viel Gemüse, Fisch, Fleisch und Reis. Alles zusammen kochen, sich auf den Boden setzen und mit den Fingern essen. Dann fühle ich mich wie in Afrika.

Papis Loveday, wir danken Ihnen für das Gespräch.