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Interview

«Der Druck auf die Schulen ist gross»

Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin der Schweiz, spricht sich vehement gegen eine erneute Schulschliessung aus und erklärt, warum der Lehrerberuf karrieretechnisch noch immer in eine Sackgasse führt.

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KEYSTONE
04. Januar 2021
Dagmar Rösler: «Wir wollen, dass unser Nachwuchs eine möglichst gute Ausbildung schafft.»

Dagmar Rösler: «Wir wollen, dass unser Nachwuchs eine möglichst gute Ausbildung schafft.»

Dagmar Rösler, wie hat Corona die Schulen und Lehrer zusätzlich gefordert – oder gar überfordert?

Ich glaube, fast jede Berufssparte war zu Beginn der Pandemie extrem gefordert. Ich erinnere mich, dass man vor der ersten Welle lange über allfällige Massnahmen diskutierte und dann plötzlich alles sehr schnell ging. Am Freitagabend verkündete der Bundesrat nach seiner Sitzung den Lockdown, bereits am Montag darauf blieben die Schulen geschlossen. Da war wohl fast jeder kurzzeitig überfordert. Übers Wochenende mussten alle Kinder und Eltern über die Schulschliessung informiert werden, damit am Montag niemand vor verschlossenen Türen stand. Zusätzlich musste sichergestellt werden, dass alle Kinder ihr Schulmaterial erhielten. Und dann folgte die Phase mit dem Fern- unterricht. In den meisten Fällen hat dies gut geklappt.

Trotzdem sprechen Sie sich gegen ein erneutes Umstellen auf Fernunterricht aus.

Weil wir feststellten, dass zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Kinder während des Fernunterrichts zu wenig für die Schule arbeiteten. Es gab Schülerinnen und Schüler, die weniger als neun Stunden pro Woche für die Schule investierten.

Dagmar Rösler

Im Auftrag der Lehrer

1993 stieg Dagmar Rösler (49) als Primarlehrerin in den Lehrberuf ein. Seit August 2019 ist sie in der Geschäftsleitung des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Heute vertritt sie als Präsidentin des Lehrerverbands 50 000 Deutschschweizer Lehrerinnen und Lehrer. Die Solothurnerin ist verheiratet und Mutter zweier Teenager. Sie lebt mit ihrer Familie in Oberdorf bei Solothurn.

Wie konnten Sie dies eruieren?

Das zeigten Umfragen des Schulbarometers. Die Schere der sozialen Ungerechtigkeit ging während Corona also noch weiter auseinander. Kinder, die bei den Schulaufgaben durch die Eltern unterstützt wurden, kamen mit dem Schulstoff im Fernunterricht teilweise sogar besser vorwärts als in der Schule. Kinder ohne elterliche Unterstützung, ohne eigenes Zimmer oder ohne eigenen Computer hatten es hingegen deutlich schwerer. Deshalb ist eine erneute Schulschliessung «Ultima Ratio» und sollte vor allem bei den jüngeren Kindern, wenn möglich, verhindert werden.

Sind die Schulen heute besser darauf vorbereitet als im letzten Frühling?

Definitiv.

Hat Corona «geholfen», die Digitalisierung in den Klassenzimmern voranzutreiben?

Auf jeden Fall. An vielen Orten und vor allem bei den älteren Kindern hat man den Lernstoff digital vermittelt, Klassenkonferenzen online und Gespräche per Videokanal abgehalten. Viele Unterrichtsteams sind so noch stärker zusammengewachsen. Den meisten gelang diese Umstellung ohne grössere Probleme. Auch bei vielen Gemeinden hat ein Umdenken stattgefunden: Es ist sichtbar geworden, wie wichtig eine zeitgemässe Infrastruktur ist, und sie investieren nun in eine solche.

Früher stand der Lehrerberuf auf der Hitliste der beliebtesten Jobs sehr weit oben. Ist er immer noch ein Traumberuf?

Ja, er ist nach wie vor ein Traumberuf. Weil er Kreativität erlaubt und es in der Unterrichtsgestaltung weiterhin grosse Freiheiten gibt. Eine Untersuchung der Entwicklung von Berufswünschen hat gezeigt, dass bei den jungen Frauen mit 21 Jahren der Beruf der Primarlehrerin an erster Stelle steht, bei den 21-jährigen Männern ist der Primarlehrer immerhin an sechster Stelle. Das zeigt doch, dass der Lehrerberuf grundsätzlich noch immer ein begehrter Beruf zu sein scheint.

Mischen sich die Eltern mehr ein als früher?

Vielleicht ist es manchmal ein Einmischen, häufig ist es aber auch einfach ein Sich-um-den-Nachwuchs-Sorgen. Das hängt auch mit dem Wandel der Gesellschaft zusammen. Wir leben heute meist in Kleinfamilien und wollen, dass unser Nachwuchs eine möglichst gute Ausbildung schafft und dies in einer Welt, in der der Druck auch aus der Arbeitswelt stetig steigt. Diesen vielen ganz unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen hat die Schule ein Stück weit entgegenzukommen. Sie kann aber nicht einfach alle Wünsche erfüllen.

Sie haben im Jahr 1993 mit Unterrichten begonnen, wie viel hat der Lehrerberuf von heute noch mit jenem von damals zu tun?

Ich bin damals als Klassenlehrerin eingestiegen und übernahm eine gemischte Klasse aus Dritt- und Viert­klässlern. Ein Unterschied ist sicher, dass früher mehr Zeit vorhanden war, um spontane Waldnachmittage oder Ausflüge zu unternehmen. Heute ist es diesbezüglich um einiges komplizierter geworden. Der Stoffplan ist dichter, der finanzielle Spielraum kleiner und der administrative Aufwand grösser geworden.

Man hört die Lehrer tatsächlich oft klagen: Der administrative Aufwand an den Schulen nimmt Überhand.

Ich glaube, das hat mit der Implementierung der Schulleitungen zu tun. Früher gab es einen Schulvorsteher, der dem Lehrerteam angehörte. Heute ist ein Schulleiter der Vorgesetzte. Sie müssen gegenüber den Behörden belegen, dass der Laden läuft. Und das wiederum geht nur mit dem Vorlegen von Planungen, Konzepten, Auswertungen von Mitarbeitergesprächen und Zielverein- barungen.

Dagmar Rösler findet, dass sich die Eltern nicht wegen jeder Kleinigkeit einmischen sollten.

Ist diese Bürokratisierung des Lehrerjobs mit ein Grund für den akuten Lehrermangel?

Der Druck auf die Schulen ist teilweise sehr gross. Ich glaube, dass sich viele junge Menschen schon sehr genau überlegen, ob sie in den Lehrerberuf einsteigen wollen. Oft entscheidet man sich dann aber doch für etwas anderes. Abschreckend wirkt zum Beispiel auch, dass die Aufstiegschancen als Lehrerin oder Lehrer begrenzt bis gar nicht vorhanden sind. Karrieretechnisch führt der Lehrerberuf noch immer in eine Sackgasse.

Was kann man tun, um den Lehrerberuf wieder attraktiver zu machen?

Einige Kantone sind daran, die Löhne anzuheben. Im Vergleich zu anderen Berufsgattungen stagnieren diese nämlich schon seit Jahren. Oder man versucht, Wege zu finden, wie man sich innerhalb des Lehrerberufs weiterentwickeln kann. Weiter gibt es an den Pädagogischen Hochschulen einen Quereinsteiger-Studiengang für erfahrene Berufspersonen ab 30 Jahren. Dieser ermöglicht zum Beispiel einer Person mit Familie, die Ausbildung zum Lehrer oder zur Lehrerin berufsbegleitend zu machen. Auch hier sollte investiert werden, damit uns diese jungen Leute nicht gleich wieder abspringen.

Was macht in Ihren Augen eine gute Lehrperson aus?

Sie muss ein grosses Verständnis für die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen haben, ein feines Gespür für deren Denken und Empfinden und flexibel, humorvoll und verständnisvoll auf sie eingehen können. Gleichzeitig ist bekannt, dass Lehrpersonen die Achtung der Schülerinnen und Schüler erhalten, wenn sie darum bemüht sind, dass aufgestellte Regeln auch eingehalten werden.

Was passiert, wenn die Regeln nicht eingehalten werden?

Heute gibt es bei Fehlverhalten Massnahmen, die innerhalb der Schule oder sogar der Gemeinde einheitlich sein müssen. Bewährte Möglichkeiten sind zum Beispiel die Karten- oder Ampel- systeme. Meiner Meinung nach darf bei allem aber die Menschlichkeit nicht verloren gehen. Damit meine ich, dass es eben auch entscheidend ist, wie man mit den Kindern spricht, dass man Verständnis hat, dass eben auch mal etwas vergessen werden kann, ohne dass die Lehrperson das Kind vor der ganzen Klasse tadelt.

Wie viel hat gutes Unterrichten mit Talent zu tun?

In dem Sinne, dass Unterrichten viel mit Einfühlungsvermögen und dem Aufbringen von Verständnis zu tun hat. Professionelles Handeln kann aber durchaus gelernt werden. Das Wichtigste ist aber, dass der Lehrer oder die Lehrerin Kinder und Jugendliche mag.

Wie gewährleisten Schulen dies?

Die Pädagogischen Hochschulen leisten gute Arbeit in der Ausbildung. Bevor ihre Absolventen als Lehrperson eine Klasse übernehmen dürfen, müssen sie zahlreiche Praktika durchlaufen. Lehrpersonen besuchen zahlreiche obligatorische und freiwillige Weiterbildungsangebote, in denen sie sich permanent à jour und auf dem Laufenden halten. Ausserdem finden regelmässige Schulbesuche durch die Schulleitung statt, die dann an den Mitarbeitergesprächen thematisiert und analysiert werden.

Wie sehen für Sie aus Lehrersicht die perfekten Schülereltern aus?

Eltern dürfen durchaus kritisch gegenüber dem sein, was sich in der Schule ihrer Kinder abspielt. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich wegen jeder Kleinigkeit einmischen sollen. Wenn es wirklich ein Problem gibt, sollten die Eltern zuerst das Gespräch mit der betreffenden Lehrperson suchen. Es ist auch für das eigene Kind sehr wichtig, dass man sich auf einer respektvollen Basis be- gegnet, Unklarheiten und Fragen offen klärt. Eltern und Lehrpersonen sollten zusammen einen Weg finden, wie sie das Kind gemeinsam optimal unterstützen können.

Sollen Eltern ihren Kindern bei den Aufgaben oder bei der Prüfungsvorbereitung helfen?

Das ist eine nicht immer ganz einfache Gratwanderung. Wir haben ja selber zwei Töchter. Mit ihnen haben wir uns auch hin und wieder an den Tisch gesetzt und Lernstoff wiederholt. Da gab es immer wieder mal lange Diskussionen.

Sie hätten es auch sein lassen können.

Auch die Eltern tragen eine Verantwortung – gemeinsam mit der Schule. Ich finde, dass sie ihrem Kind durchaus signalisieren dürfen: Hey, die Schule ist wichtig – wir erwarten von dir, dass du dich anstrengst. Gerade in der Pubertät wird aus dieser Gratwanderung rasch ein Höllenritt. Man darf von seinen Kindern zwar etwas verlangen, aber trotzdem nicht so viel Druck aufbauen, dass sie die Lust an der Schule und am Lernen verlieren oder daran zerbrechen.

Wir wagen die Behauptung, dass das Frühfranzösisch in der Schule gescheitert ist. Sie auch?

Wie viel Zeit haben Sie? (Lacht.) Das wäre eigentlich ein Thema für sich! Mit der neuen Sprachdidaktik …

… dem sogenannten Sprachbad …

… schürte man viel zu hohe Erwartungen. Die Idee, die dahinter steckt, ist eigentlich gut. Kinder lernen ja eine Sprache durch ständiges Hören und Nachsprechen. Daran wollte man anknüpfen und so die Freude an einer Fremdsprache fördern. Die Frage ist eher, ob dies erst ab der dritten Klasse und mit zwei bis drei Wochenstunden klappen kann. Ich denke aber schon, dass der Fremdsprachenunterricht heute kindgerechter aufgebaut ist als noch früher. Was wir aber trotz Frühfranzösisch nicht erwarten dürfen, ist, dass die Jugendlichen am Ende der Schulzeit fliessend Französisch sprechen.

Dagmar Rösler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.