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Interview

«Der füdliblutte Wahnsinn»

Das US Open, das am 30. August beginnt, ist der Schlusspunkt für das kongeniale Kommentatoren-Duo Heinz Günthardt und Stefan Bürer. Ein Gespräch über dunkle Momente, Tränen – und natürlich Roger Federer.

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ZVG
20. August 2021
Mit dem richtigen  Job zum richtigen  Zeitpunkt am  richtigen Ort:  Heinz Günthardt (62, l.) und Stefan Bürer (57).

Mit dem richtigen Job zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Heinz Günthardt (62, l.) und Stefan Bürer (57).

Stefan Bürer, werden Sie sich am US Open mit tränenerstickter Stimme vom Fernsehpublikum verabschieden?

Stefan Bürer: Das kann ich nicht ausschliessen. Beim Olympiafinal, als Belinda Bencic gewann, hat es mich schon mal durchgeschüttelt, als ich so ganz alleine im Keller von SRF kommentierte.

Heinz Günthardt, wie brutal werden Sie den Tennis-Zirkus vermissen?

Heinz Günthardt: Die Frage ist falsch, weil ich nun eher wieder mehr im Tennis-Zirkus unterwegs sein werde. Als Coach und auch als Teamchef der Schweizer Frauen. Die letzten zwei Jahre kommentierten wir ja nur noch aus dem Studio in Zürich. Wir waren gar nicht mehr vor Ort und damit auch nicht im Tennis-Zirkus dabei.

Wann hat es mit euch beiden angefangen?

Bürer: Das war 1995 im Davis-Cup gegen Holland. Mein Vorgänger Heinz Pütz war dort und kommentierte mit dir, Heinz. Nachdem sich Marc Rosset im ersten Satz verletzt hatte, hiess es, dass ich nun an der Reihe sei. Also sass ich plötzlich in der Reporterkabine, neben dem grossen Herr Günthardt, dem ich zuvor noch nie begegnet war. Dessen Karriere ich als Jugendlicher aber genau verfolgt habe, zum Beispiel, als er in Springfield in den USA als erster Schweizer ein ATP-Turnier gewann, und dann auch noch als Lucky Loser.

Günthardt: Ich kann mich nicht mehr an unser erstes Mal erinnern, was aber ein gutes Zeichen ist. Ein Desaster wäre mir sicher in Erinnerung geblieben. (Lacht.) Ich stieg zehn Jahre vorher als Kommentator für SRF ein, als ich mit Fernseh-Urgestein Gody Baumberger die Partien analysierte. Die meisten Kollegen waren sehr nett. Einer allerdings zeigte mir absichtlich nicht, dass ich in der Reporterkabine den roten Knopf drücken muss, um mich selber hören zu können. Deshalb, so das Feedback aus dem Studio, sei meine Stimme viel zu laut, manchmal auch wieder zu leise. Zwei Tage später kam Heinz Pütz angereist und fragte mich erstaunt, warum ich nicht auf diesen Knopf drücke.

Sie begannen 1985 bei SRF? Damals standen Sie ja noch selber auf dem Tennisplatz. Wie ging das denn?

Günthardt: Es war ein ziemliches Gehetze, weil ich auch noch für Eurosport kommentierte und moderierte. Ich rannte von der einen Reporterkabine zur anderen, zwischendurch gings raus ins Training. Erst recht stressig wurde es, als ich Steffi Graf coachte und natürlich auf sie Rücksicht nehmen musste. Zum Glück wollte sie meist früh trainieren, oft schon morgens um sieben. So brachte ich die verschiedenen Tätigkeiten unter einen Hut.

Euer Kerngeschäft während der vergangenen 20 Jahre waren aber die Spiele von Roger Federer. Könnt ihr auch von euch behaupten, dass ihr schon immer wusstet, wie gut er werden würde?

Günthardt: Das darf ich tatsächlich mit gutem Gewissen sagen. (Lacht.) 1998 gewann er in Wimbledon den Junioren- Titel. Wenig später diskutierten wir an einer Sitzung am Leutschenbach die Tennisberichterstattung im Schweizer Fernsehen. Da warf ich ein, dass wir gut daran täten, diesen jungen Mann enger zu begleiten. Korrigier mich, Stefan, wenn es nicht stimmt …

Bürer: … nein, es ist alles korrekt so.

Günthardt: Jedenfalls wurde mir gesagt: «Lieber Heinz, du hast doch deine Tennis-Brille auf!» Die Berichterstattung wurde nicht hochgefahren …

«Emotionen sind gut für eine lebendige Reportage.»

Heinz Günthardt

Bürer: … und dies noch eine ganze Weile. 2002 beschlossen die Fernseh- verantwortlichen gar, dass es keinen Tennisexperten mehr braucht. Also verabschiedete ich dich während des Frauenturniers in Zürich vom Fernsehpublikum: «Heinz, ich danke dir, es war lässig, mit dir zusammenzuarbeiten!» Ein paar Wochen später sass Heinz plötzlich wieder in der Reporterkabine, als ob nichts gewesen wäre. Roger Federer hatte sich für das ATP-Finale in Schanghai qualifiziert. Also bot man dich wieder auf.

Günthardt: Als man auf meine Dienste verzichtete, hiess es: Im Tennis ist derzeit aus Schweizer Sicht einfach zu wenig los. Okay, Martina Hingis schwächelte, aber Federer war schon das ganze Jahr stark. Fürs Masters qualifiziert man sich ja nicht in einer Woche, sondern während der ganzen Saison. Um das nicht zu erkennen, musste man so richtig wegschauen.

Bürer: Tennis hatte im Fernsehen trotz der Erfolge von Martina Hingis noch nicht die Lobby von heute …

Günthardt: … und galt damals immer noch ein wenig als exotische Sportart, bei der man nicht richtig wusste, wie man mit ihr umgehen soll. Bis sich so etwas ändert und Millionen am Fernsehen zuschauen, die selber kein Tennis spielen, braucht es seine Zeit. Eine Besonderheit war übrigens, dass ich zu Beginn Schweizerdeutsch sprechen musste. Man müsse zwischen dem Journalisten und dem Experten unterscheiden können, hiess es.

Bürer: Das änderte sich dann, als man feststellte, dass Heinz Günthardt auch Hochdeutsch beherrscht. (Lacht.)

Sonstige Erinnerungen an die gemeinsame Zeit?

Bürer: Natürlich sind da die grossen Spiele von Roger Federer. Genauso genossen wir jedoch die Zeit, die uns neben den Spielen blieb. Ich glaube, das werde ich am meisten vermissen. Eine Zeitlang zeigten wir ja nur Federer, sodass wir viel freie Zeit hatten, um uns die Städte anzuschauen, in Museen zu gehen, zu joggen oder inlinezuskaten. Sogar Tennis spielten wir hin und wieder zusammen, auf Rasen in Wimbledon, wo mich Heinz am Seniorenturnier als Coach akkreditierte, sodass ich auf die Trainingsfelder durfte. Du warst sehr nett zu mir und spieltest die Bälle immer genau auf mich.

Günthardt: Auch an einen Spaziergang durch Schanghai kann ich mich noch gut erinnern …

Bürer: … du sprichst von eben jener Ausgabe im 2002, oder?

Günthardt: Genau. Wir hatten Federer in seinem Hotel interviewt und beschlossen danach, zu Fuss in unsere Bleibe zurückzukehren. Und so lernten wir das urtümliche, richtige Schanghai kennen: Da wohnten sechsköpfige Familien auf knappstem Raum, in den engen Strassen gabs fast kein Durchkommen, weil so viele Menschen unterwegs waren, zu Fuss und vor allem auf dem Velo. Dann noch der Duft von den Gassenküchen. Drei Jahre später, als wir zurückkehrten, war bereits alles anders: Kein Velo fuhr mehr an einem vorbei …

Bürer: … wo hätten sie das auch tun können? Da waren nur noch mehrspurige Autostrassen. Und anstelle der Wohnhäuser waren Wolkenkratzer hochgezogen worden. Das Tempo, wie sich diese Stadt veränderte, war unfassbar.

Günthardt: Das Essen in Schanghai war für den europäischen Durchschnitts-Restaurantgänger gelinde gesagt ungeniessbar. Aber wir entdeckten beim ersten Mal ein schönes Lokal, in das wir drei Jahre später zurückkehren wollten. Wir fanden es jedoch nicht mehr: Nicht nur das Restaurant war verschwunden, sondern das ganze Quartier war weg.

Bürer: In den einzelnen Städten trafen wir jedes Jahr auch Menschen, die uns ans Herz gewachsen waren. Wie zum Beispiel in Melbourne einen Freund, der uns zu Restaurants führte, die nur die Einheimischen kennen.

Man kann also feststellen, dass ihr euch auch ausserhalb des Tennisstadions weitergebildet habt. Wenn ihr aber trotzdem euer unvergesslichstes Spiel herauspicken müsst – für welches entscheidet ihr euch?

Bürer: Für den Wimbledon-Final 2008 zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Allerdings mit anderem Ausgang: mit einem Sieg von Federer. Das Spiel dauerte über sechseinhalb Stunden …

Günthardt: … inklusive Regenpausen. Nadal führt 2:0 in den Sätzen und mit Mini-Break im Tiebreak. Dann kommt Federer zurück. Regenpause. Federer holt weiter auf. Regenpause. In dieser bin ich ins Studio aufs Dach hinauf­gerannt, wo Sturmböen alles durcheinanderbrachten – inklusive den Regenschirm des bedauernswerten ägyptischen Reporters. Der Schirm drehte sich auf die andere Seite, der Reporter aber machte im Regen tapfer weiter. Dieses Bild habe ich jetzt noch vor Augen. Unglaublich auch die hohe Qualität dieses Matches.

Bürer: Und das, obwohl es am Ende fast dunkel war. Das bekamen die Zuschauer zu Hause gar nicht richtig mit, weil die Kamera alles aufhellte. Bei uns in der Reporterkabine war es noch dunkler, weil diese sich unter dem Dach befand. Ich sah den Ball praktisch nicht mehr.

Habt ihr euch auch wie kleine ­Sieger gefühlt, wenn Federer triumphierte?

Günthardt: Während des Spiels spürte ich starke Emotionen, was gut ist für eine lebendige Reportage. Da steht ein Schweizer im wichtigsten Turnier einer Weltsportart, und wenn er sogar noch siegt, gewinnst du auch ein wenig mit. Das ist beim Publikum nicht anders, darum schauen so viele seine Matches.

Bürer: Wenn du ein nationales Sportmonument kommentierst, musst du nicht neutral sein, anders als bei einem Eishockeyspiel zwischen Davos und dem SC Bern. Bei Federer darfst du mitleiden und dich mitfreuen. Trotzdem hat es mich immer leicht befremdet, wenn mir die anderen nach einem Sieg von Federer gratulierten. Ich selber hatte ja nicht auf dem Platz gestanden. Deshalb lief ich nach einem seiner Triumphe auch nie wie ein stolzer Pfau herum.

«Im Final 2008 sah ich den Ball praktisch nicht mehr.»

Stefan Bürer

Günthardt: Was man aber sagen kann: Man hat sich nach einem Sieg besser gefühlt als nach einer Niederlage. Eine solche schlug manchmal nachher beim Essen spürbar auf die Stimmung.

Bürer: Stimmt. Nach dem Wimbledon-Final 2008 fühlte ich mich nicht so gut, ebenso nach dem Endspiel 2019, als Novak Djokovic zwei Matchbälle von Federer abwehrte. Das tat schon weh.

Nehmen wir an, Federers Knie wird wieder gut. Was traut ihr ihm zu?

Bürer: Was man so hört, klingt nicht so gut. Aber falls er sich tatsächlich wieder von seiner Knie-Op erholt, traue ich ihm eine weitere Saison zu. Warum nicht?

Günthardt: Solange er Spass hat, auf dem Tennisplatz zu stehen, macht er weiter. Die Frage ist, ob es für ihn ein Spass ist, allenfalls schon in der ersten Woche auszuscheiden. Seine Marge ist kleiner geworden. Wenn er jetzt gewinnen will, muss er sein bestes Tennis zeigen. Klar ist: Jedes Mal, wenn er ins Stadion hinausläuft, wird er bejubelt. Vielleicht ist das sein neuer Approach. Jimmy Connors spielte am Ende nicht mehr mit, um die Turniere zu gewinnen, sondern weil er noch einmal die Atmosphäre geniessen wollte. So wie am US Open, wo ich nie mehr eine bessere Stimmung erlebte als damals, als Connors nochmals das Stadion betrat.

Was war euer schwierigster Einsatz?

Bürer: Schwierig fand ich, wenn Roger Federer ausschied und wir umgehend in die Schweiz zurückbeordert wurden. Gerade in den ersten Jahren war bei SRF ja alles auf ihn ausgerichtet. Einmal verlor er am Australian Open im Halbfinal, an einem Donnerstag. «Sofort zurückkehren, Bürer!», hiess es aus dem Leutschenbach. Ich kam aber nicht von Melbourne weg, weil es keine anderen Flüge mehr gab als meinen gebuchten am Montag. So genoss ich den Final als Zuschauer. Das aber war die Ausnahme.

Bitte fasst eure Kommentatoren-Karriere zum Abschluss in einem Satz zusammen – so pointiert, wie man das von euch gewohnt ist.

Günthardt: Es war ein riesiges Glück und Privileg, dass wir den richtigen Job zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort hatten … ja, das klingt gut.

Bürer: Dann sage ich, dass es der füdli­blutte Wahnsinn war, was wir in den 26 Jahren zusammen in unserem Job erleben durften.

Heinz Günthardt und Stefan Bürer, wir danken Ihnen für das ­Gespräch.