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Interview

«Ein Konzert ist etwas Magisches»

Diese Woche feiert Mireille Mathieu ihren 75. Geburtstag. Im exklusiven Interview erzählt der «Spatz von Avignon» von der schweren Zeit ohne Live-Auftritte und von den Erinnerungen an Show-Grössen wie Dean Martin oder Julio Iglesias.

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Getty Images
19. Juli 2021
1,53 Meter klein, aber oho: Mireille Mathieu.

1,53 Meter klein, aber oho: Mireille Mathieu.

Mireille Mathieu, haben Sie Lust, mit einem Schweizer zu sprechen?

Aber klar doch. Ich habe schöne Erinnerungen an die Schweiz. Das Publikum war immer wunderbar.

Ich habe nur gefragt, weil die Schweiz an der Fussball-EM nicht so nett mit Frankreich war.

Ich habe Ihre Anspielung schon verstanden. (Lacht.) Aber so ist der Sport. Frankreich hat eine grosse Mannschaft, die Schweiz hat eine grosse Mannschaft. Am Ende muss ein Team gewinnen, und das war dieses Mal die Schweiz. Aber ja, ich habe gelitten, als ich das Spiel mit meiner Familie schaute.

Sie feiern am 22. Juli Ihren 75. Geburtstag. Was macht diese Zahl mit Ihnen?

Ich finde es eine schöne Zahl. Das ist der Gang des Lebens. Ich werde mit meiner Familie feiern, unter Einhaltung aller Vorschriften. Was bedeutet, dass wir nicht alle miteinander feiern können, dafür sind wir zu viele. Schon Weihnachten mussten wir uns einschränken. Sonst sind wir über 40 Personen, letztes Mal nur sechs oder sieben Personen.

Wie verbringen Sie Ihre Tage, wenn Sie nicht Fussball schauen?

Ich singe viel, vokalisiere, lerne neue Chansons, damit ich bereit bin, wenn es mit den Konzerten im Herbst wieder losgeht. Singen ist ein wichtiger Teil meines Lebens, seit ich die Chance erhielt, in der Sonntagsshow «Télé Dimanche» im Fernsehen aufzutreten. Das war eine Sendung mit viel Sport, aber auch einem Gesangswettbewerb, bei dem sich fünf Amateure duellierten. Das Publikum bestimmte, wer am folgenden Sonntag wieder auftreten durfte. Ich gewann. Auch Johnny Stark war dabei. Er wurde danach mein Manager. Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen.

Wie erlebten Sie die Zeit ohne Konzerte?

Es war sehr traurig, für alle Künstler. Als der Lockdown kam, sollte ich in Bratislava singen. Stattdessen gings direkt nach Frankreich zurück. Natürlich haben wir heute die Möglichkeit, die Menschen via Instagram und soziale Medien zu berühren. Und trotzdem ist es kein Vergleich mit einem Konzert, wo man direkt vor dem Publikum steht und sich mit ihm austauscht. Ein Konzert ist etwas Magisches.

Wie haben Sie die Pandemie erlebt?

Die Bilder in den Nachrichten machten Angst. Ich beschloss, die Zeit mit meinen Geschwistern hier in Avignon zu verbringen.

Erhalten Sie viel Fanpost?

Der Pöstler bringt immer noch Briefe aus aller Welt. Und das finde ich schön. Denn ein von Hand geschriebener Brief ist etwas sehr Persönliches. Aber auch auf Instagram oder Facebook erhalte ich Mitteilungen und Glückwünsche, die mich berühren.

«Die Liebe? Ah, Sie sind zu wenig diskret, Monsieur!»

 

Auf Ihrer Homepage steht «Mireille, ein Herz, das singt, ein Herz, das weint». Weinen Sie oft?

Ich habe Gefühle, also weine ich auch. Der Tod meiner Mutter stimmt mich immer noch sehr traurig.

Wie steht es mit der Liebe? Alle Ihre Lieder drehen sich um die Liebe!

Ah, Sie sind zu wenig diskret, Monsieur! Es ist wichtig, dass man liebt – und natürlich, dass man geliebt wird.

Wie viele Konzerte haben Sie in Ihrem Leben gegeben?

Oh, da erwischen Sie mich auf dem falschen Fuss. Es waren viele. In der Schweiz hatte ich meinen ersten Auftritt bereits im Dezember 1965, in Genf. Johnny Stark hatte viele Künstler unter sich, so auch Hugues Aufray, bei dem ich im Vorprogramm auftreten durfte.

Welches Konzert würden Sie gerne nochmals erleben?

Das ist schwierig. Der Auftritt bei «Télé Dimanche», von dem ich Ihnen erzählt habe, war schon unvergesslich. Ich kam als schüchternes Mädchen aus der Provence dorthin. Dass dann alles so gut herauskam, war für mich wie ein Märchen. Daran erinnere ich mich sehr gerne – wie an viele andere Konzerte.

In China waren Sie eine der ersten westlichen Sängerinnen, die auftreten durften.

Ein chinesischer Diplomat war in Paris gefragt worden, wenn er bewundere. Er nannte meinen Namen. Wenig später erhielt ich eine Einladung der chinesischen Regierung. Es wurde eine unvergessliche Reise. Ich lernte ein Lied auf Chinesisch: «Mo Li Hua», was übersetzt «Jasmin» bedeutet.

Sie haben Lieder in zwölf Sprachen interpretiert. War immer klar, was Sie gerade singen?

Aber selbstverständlich. Das ist wichtig, deshalb habe ich auch immer von morgens bis abends geübt, damit es sitzt. Ich sang stets ohne Teleprompter. Das Publikum hat sich überall riesig gefreut, wenn ich ein Lied in seiner Sprache gesungen habe.

Sie haben mit vielen grossen Künstlern zusammengearbeitet. Machen wir doch zum Abschluss ein bisschen Namedropping: Dean Martin.

Wie für alle grossen Künstler, die ich kennengelernt habe, gilt auch für ihn: Er war sehr bescheiden. Mit ihm habe ich auf einer Ranch in Kalifornien eine Weihnachtsshow gemacht, die aber morgens früh aufgenommen wurde, weil die Temperaturen am Nachmittag über 40 Grad stiegen. Er war ein grossartiger Entertainer.

Julio Iglesias.

Wunderbare Stimme. Ich habe ihn oft an Shows im Ausland angetroffen. Er war immer sehr nett.

Haben Sie sich auch in ihn verliebt? Sie wären keine Ausnahme.

Wir waren sehr vertraut im Umgang miteinander. Er sagte immer, dass ich wie eine Schwester für ihn sei.

Lady Gaga.

Sehr sympathisch. Ich traf sie in einer Fernsehshow. Nachher sagte sie, dass sie gerne ein Duett mit mir singen würde. «La vie en rose.» Das machte mich natürlich stolz. Mal sehen, ob es sich irgendwann realisieren lässt.

Mireille Mathieu, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Mireille Mathieu

Schlager-Legende

Mireille Mathieu (74) wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Avignon (F) auf, litt unter Legasthenie und arbeitete mit 14 in einer Papierfabrik. Umso mehr freute sie sich über ihren Erfolg: «So konnte ich meinen Eltern ein Haus kaufen.» Mireille Mathieu verkaufte über 190 Millionen Tonträger. An Konzertabenden erhielt sie bis zu 11 000 (!) Rosen.