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Interview

«Eine Bischöfin bin ich nicht»

Mit Rita Famos steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz (EKS). Im Interview erklärt sie, vor welchen
Herausforderungen die Kirchen heute stehen und warum sie manchmal mit Gott hadert.

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Peter Mosimann
25. Juni 2021
Rita Famos will eine selbstbewusste Kirche: «Wir müssen aufhören, der Zeit nachzutrauern, die es nicht mehr gibt.»

Rita Famos will eine selbstbewusste Kirche: «Wir müssen aufhören, der Zeit nachzutrauern, die es nicht mehr gibt.»

Frau Famos, Sie sind die erste Frau im Amt der EKS-Präsidentin. Was bedeutet Ihnen das?

Ich bin Erbin der langen Arbeit reformierter Frauen, die seit vielen Jahren für die Gleichstellung der Frau in der Kirche kämpfen. Jetzt war die Zeit reif für eine Frau in der obersten Leitung. Das zeigt: Wir sind eine Kirche, die gesellschaftliche Veränderungen aufnimmt und umsetzt. Auf nationaler Ebene sind wir die einzige von einer Frau geleitete Religionsgemeinschaft.

Erschwert das die Arbeit mit den anderen Religionsgemeinschaften?

Im Rat der Religionen ist es natürlich neu, wenn nun eine Frau die Herrenrunde aufmischt. Aber ich stelle fest, dass man auf mich hört, obschon – in den anderen Gemeinschaften sind schon Denkstrukturen vorhanden, die auf einem anderen Level sind.

Das klingt nach Kampf.

Ich empfinde es nicht als Kampf, sondern als Aufklärungs- und Vorbildfunktion, dass man Rollenbilder von Frauen anders verstehen kann. In der katholischen Kirche sehen das viele wie ich. Aber als national organisierte Kirche sind wir natürlich auch agiler als die katholische Kirche, die eine Weltkirche ist. In der Weltgemeinschaft der Reformierten gibt es auch Kirchen, die skeptisch gegenüber Frauen in Leitungsfunktionen sind, vor allem in Asien und Afrika.

Wie steht es bei den Reformierten allgemein um die Stellung der Frau?

Wir sind etwa gleich weit wie die Gesellschaft allgemein. In der Basis engagieren sich viele Frauen, im Pfarrberuf sind wir bald schon gleich viele wie die Männer. Nachholbedarf gibt es in der Kirchenleitung, das ist wie in der Politik. Aber auch da wurden jetzt in vielen Kantonalkirchen Frauen in die Leitung gewählt. Es tut sich also etwas. Mir ist es ein grosses Anliegen, dass unsere Pfarrschaft die Verschiedenheit der Mitglieder abbildet, dass Männer, Frauen, homo- und heterosexuelle Pfarrpersonen Schulter an Schulter arbeiten.

LGBT, die Lesbisch-Schwul-Bisexuell-Transgender-Bewegung ist also auch ein Thema?

Ja, klar. In Zürich läuft gerade ein Pilotprojekt mit einer Pfarrerin, die selber lesbisch ist und den Auftrag hat, in der LGBT-Gemeinschaft Arbeit zu leisten. Es gibt übrigens einen europäischen Regenbogenindex der Kirchen, und da liegen wir Schweizer Reformierten hinter einer sehr kleinen protestantischen Freikirche in Finnland und der lutherischen Kirche in Schweden auf Platz drei.

Ihr Vorgänger Gottfried Locher musste zurücktreten, weil ihm psychische und sexuelle Grenzverletzungen vorgeworfen wurden. Hatte das einen Einfluss darauf, dass nun eine Frau gewählt wurde?

Ich habe schon 2018 kandidiert und erklärt, dass die Zeit reif sei für einen Wechsel. Damals waren die Vorwürfe noch nicht öffentlich und man hat Gottfried Locher wiedergewählt. Schwierig zu sagen, wie die Ersatzwahl ohne diesen Skandal ausgegangen wäre. Vielleicht dachten viele, dass die Aufarbeitung dieser Krise, die die ganze Kirche erschütterte, in Frauenhand gehört. Die Leiterin der zuständigen Kommission ist auch eine Frau.

Die Aufarbeitung läuft noch immer?

Eine Meldestelle für Betroffene und eine Untersuchung durch ein Advokaturbüro wurden eingerichtet. Eine parlamentarische Kommission bereitet die Ergebnisse auf, die wir im September an einer Synodesitzung besprechen.

Sie haben Ihr Amt auch sonst in einer schwierigen Zeit übernommen. Die Kirchen verlieren Mitglieder.

Ohne das schönreden zu wollen: Institutionenverdrossenheit ist ein Megatrend. Das merken auch Sportvereine und Parteien. Man will sich nicht mehr binden, sondern wählt, was man gerade braucht. Als Kirche haben wir eine Monopolstellung verloren. Man kann religiöse Bedürfnisse auch anders stillen. Darauf müssen wir reagieren.

Rita Famos: die erste Frau an der Spitze der Reformierten Kirche der Schweiz.

Wie wollen Sie das tun?

Es gibt landauf, landab viele Projekte – neben dem erwähnten LGBT-Projekt etwa das «Le lab» in Genf und das «Reflab» in Zürich, die sich über Podcasts an junge Menschen richten. Dann bieten wir unzählige Spezialgottesdienste, Meditationsgruppen und diakonische Projekte an. Unser Angebot ist sehr vielfältig geworden, aber der Inhalt bleiben das Evangelium und der Glaube an Jesus Christus. Mich ärgert es, wenn man von den leeren Kirchen spricht. Vor 80 Jahren gab es den Sonntagsgottesdienst und den Kirchenchor, Punkt. Heute gibt es viel mehr Wege, sich zu engagieren.

Sie sind die höchste Vertreterin der Reformierten in der Schweiz. Auf «Katholisch» wäre das ein Bischof bzw. eine Bischöfin.

Bei den Katholiken gibt es dieses Amt, in das ich gewählt wurde, gar nicht. Der Bischof leitet ein regionales Bistum, nicht die ganze Schweiz. So gesehen kann man es nicht vergleichen.

Aber Sie haben als EKS-Präsidentin Verwaltungsaufgaben und einen spirituellen Auftrag – wie ein Bischof.

Ein Bischof leitet ein Bistum und hat eine Kathedrale, in der er für Seelsorge zuständig ist, Firmungen vornimmt und Messen hält. Ich leite mit dem Rat und der Synode – so heisst das Kirchenparlament – die Reformierten der Schweiz und halte Gottesdienste auf Einladung in der ganzen Schweiz. Eine Bischöfin im katholischen Sinn bin ich nicht.

Eigentlich schade. Einen Bischof kennt man in der breiten Öffentlichkeit. Die EKS-Präsidentin nicht.

Das ist ein Nachteil, aber das wollen wir ändern: Ich soll vermehrt Repräsentationsaufgaben übernehmen und nicht für jede Stellungnahme zuerst die Beratung der Synode abwarten.

Soll sich die Kirche an politische Diskussionen beteiligen? Bei der Konzernverantwortungsinitiative kam das nicht überall gut an.

Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Der christliche Glaube ist nicht nur eine individuelle Spiritualität, er nimmt mit in die Verantwortung für die Gemeinschaft. Wir sollen unsere Position vertreten, aber auch wir haben nie die Sicherheit, dass unsere Lösungen richtig sind. So müssen wir sie einbringen.

Hat die Pandemie die Kirche geschwächt oder gestärkt?

Das wissen wir noch nicht. Einerseits hat man unsere Arbeit, die wir sonst eher im Stillen leisten, stark wahrgenommen. Andererseits waren wir eineinhalb Jahre mit unseren Gottesdienstfeiern eingeschränkt und wissen nicht, ob die Leute in die Kirchen zurückkommen. Ich bin aber optimistisch, dass wir in dieser Zeit viel gelernt haben, das wir für die Kirche nutzen können.

Hadern Sie manchmal mit Gott?

Durchaus. Wenn ich etwa in der Seelsorge an meine Grenzen stosse. Wenn man ein Kind beerdigen muss und nicht weiss, was uns das sagen will. Da kommt man auch als Pfarrerin ins Zweifeln und Hadern mit Gott. Ich frage mich auch immer wieder, ob wir mit der Kirche auf dem richtigen Weg sind.

Wie kommen Sie aus dem Hadern wieder heraus?

Es gibt nicht auf alles eine Antwort. Die Schlüsselfrage ist nicht, warum Gott so etwas zulässt. Entscheidend ist, dass Gott uns in einer solchen Situation nicht im Stich lässt. Es ist der Gott, der sich in Jesus ins Leiden hineingegeben hat. Dieses Leiden ist ein Teil des Lebens und des Glaubens.

Was wünschen Sie sich, wie die Kirche in sechs Jahren sein wird?

Die Kirche muss aus ihrer Depression herauskommen. Wir vergleichen uns immer mit einer Zeit, als wir eine Mehrheitskirche waren. Die Urkirche war eine kleine Gruppe von Menschen, die anfingen zu wirken. Auch die Reformatoren waren eine Minderheit. Das muss die Vision sein. Die reformierte Kirche hat viele Gründe, selbstbewusst aufzutreten.

Rita Famos, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.